Die Hotzen und ihr Bischof

Die längere Hitzeperiode des Sommers ist zu Ende. Ein erfrischendes Lüftchen lädt zu einer Pause ein. Auf den weichen Polstern meiner Liege werde ich aufmerksam und hellhörig für alles, was in mir und um mich herum geschieht: Bäume und Büsche stehen in sattem Grün, dazwischen leuchten rote und weiße Rosen. Kinder eilen nach Hause zum Mittagstisch. Ein muntere Gesellschaft, deren Unterhaltung ich mit Vergnügen folge. Eine helle Stimme macht auf eine Entdeckung aufmerksam: Eine tote Maus, eine tote Maus und noch lauter, als die anderen nicht hören wollen: eine tote Maus! Stille. Offensichtlich sind die Kinder gerade dabei, die Maus näher zu untersuchen. Eine aufregende Sache!

Für eine Weile überlasse ich mich den Kinderstimmen in wärmender Sonne. Wie an einer Perlenkette aufgereiht, tauchen Bilder und Erinnerungen auf, die mich in die eigene Kindheit zurückführen: Zum Greifen nahe steht der unter seinem tief gezogenen Dach Schutz bietende Bauernhof meiner Verwandten auf dem Hotzenwald vor mir. Leuchtende Blumen und üppiges Gemüse im Vorgarten kommen in den Blick. Ich vernehme, wie früher in der Sonntagsruhe, das beruhigende Gackern der Hühner, die den Hof zufrieden pickend umkreisen und ab und zu einen stolzen Hahnenschrei. Vor dem Haus steht wie eh und je der Brunnen, Tag und Nacht mit beruhigendem Plätschern verbindend.

Wir treten in das Berger-Haus, das nach langer Zeit in meiner Fantasie ein wenig verändert wirkt. Gerade dadurch bewahrt es seinen ihm eigenen Charakter, den ich als zwölfjähriger Knabe schon intuitiv erfasste, heute aber, in zeitlichem Abstand, viel intensiver wahrnehmen kann. Ein herber Duft aus Stallungen, Scheune und Wirtschaftsräumen erfüllt das Gehöft. Bis in die Kleidung dringt dieser „Hotzen-Weihrauch“ und kennzeichnet unverwechselbar die Herkunft der Bewohner.

Da ist sie wieder, die geräumige Bauernstube, hell, freundlich. Die Sonne scheint durch die gemütlichen Fenster mit den von der Bergermutter sorgsam gepflegten, rot leuchtenden Geranien. Im Herrgottswinkel steht der weiß gescheuerte Tisch mit einer Eckbank und kräftigen Bauernstühlen. Das Kreuz, hinter dem Tisch erhöht, mit stets frischen Blumen versehen, schmückt den Raum. Durch die nordöstlichen Fenster kann man den Turm und die Umrisse der kleinen Kapelle von Giersbach erkennen, deren Glocken zum Kirchgang laden und mit hellem Klang Mittag und Abend ankündigen. Übers Eck, der Küche zu gelegen, steht eine dreistufige aus dunkelgrünen Kacheln gebaute Kunst. Sie gibt in den langen, kalten Wintern, behagliche Wärme ab und lädt zu Gesprächen ein. Zwei mit Geschirr prall gefüllte Kommoden, auf denen Photos der Angehörigen sorgfältig aufgebaut sind, ergänzen die Einrichtung. In Türnähe hängt die alte Wanduhr. Täglich vom Berger-Vater mit scharrendem Geräusch bedächtig aufgezogen, füllt ihr beruhigendes Ticken bis zum nächsten Stundenschlag den Raum.

Wir befinden uns nun im kleinen Flur, in dem die pusierlichen Katzen nach einem lockenden „Zi-Zi-Pus-Pus“ von der Berger-Mutter gefüttert werden. Die lehmgestampfte Küche mit dem niederen holzbeheizten Herd, dem Backofen, der zugleich die Kunst erwärmt, einem Bord für das einfache Geschirr, dem gescheuerten Küchentisch mit Stühlen, zur Westseite mit einem Spülstein und dem „Seperator“, ausgestattet, ist das Reich der Hausfrau. Als Junge hatte ich eine Technik entwickelt, die es mir erlaubte, mich für die Arbeit am Seperator gleich selbst zu entlohnen: Ich beugte mich hinter den von Hand zu bedienenden Seperator und trank, direkt aus der Abflussleitung, den von der Magermilch geschiedenen Rahm in genüsslichen Zügen. In dieser Küche fiel mir das besondere Verhalten der Schweine auf: Ich kam zur Erkenntnis, dass Schweine, entgegen der allgemeinen Erwartung, offensichtlich recht kluge Tiere sein müssten. Beim Ausmisten ihres Stalles wurden sie gewöhnlich in die Küche getrieben. Sie wehrten sich aber vehement, wenn der Metzger zur Vorbereitung der Hauschlachtung in der Küche hantierte, als ob sie ihr bevorstehendes Ende ahnten.

Nun nähern wir uns den an die Küche angrenzenden Stallungen mitden endlos wiederkäuenden Kühen, Ochsen, Rindern, Kälbchen. Sie werden von der angrenzenden Scheune aus mit Futter versorgt und in der Stallung getränkt. Hier lernte ich die Tiere zu füttern, zu tränken, den Stall auszumisten, die Kühe zu melken und geschickt ihren dauer-wedelnden, oft feucht triefenden Schwänzen auszuweichen.

Mein besonderes Interesse galt dem südlich an die Stube und das Schlafzimmer der Berger-Eltern angrenzenden Werk-Raum. Hier ließ sich alles finden, was ein Jungen-Herz interessierte: Werkzeuge, Maschinenteile, ein Dengelstock, die Werkbank und unzählige Ersatzteile. Ein Bastelparadies! Von da aus gelangen wir mit wenigen Schritten in die geräumige Scheune mit den diversen Wagen, dem Zaunzeug, den Mähmaschinen, Heuwendern, dem Heuaufzug und Häcksler. Hier riecht es nach frisch geschnittenem Gras, Heu, und Kartoffeln. Zwei Erlebnisse blieben besonders haften:

Bei der Heuernte durfte ich einen Wagen laden. Das relativ langstielige Heu erlaubte es, den Wagen sehr breit zu auszuladen. Ich drückte nun die Gabel des Heuaufzuges beim Abladen kräftig in Längsrichtung des Wagens ein, in der Erwartung, eine besonders große Heumenge aufziehen zu können. Zu meinem großen Schrecken hob sich aber das Heu nicht, als ich den Aufzug bediente. Anstelle dessen knarrte es über mir im Gebälk verdächtig, und die Seilwinde zog das Deckengebälk in die Höhe. Was tun? Ich könnte versuchen das Heu wieder abzulassen. Und siehe da: Nicht das Heu sondern das Gebälk über mir, auf dem die Seilwinde befestigt war, senkte sich zu meiner Beruhigung wieder in die Ausgangslage.

Die zweite Geschichte handelt von einer zweirädrigen Mähmaschine, die wie ein Pflug geführt wird und vorn mit einem breiten Messerbalken versehen ist. Gelegentlich wurde sie, um Treibstoff zu sparen, mit größeren Rädern ausgestattet. Ich legte beherzt den Gang ein, ließ wie bei kleineren Rädern die Kupplung los, doch oh Schreck! Die Maschine schoss mit doppelter Geschwindigkeit aus der Scheune, zog den überraschten Steuermann hinter sich her und kam an einem hölzernen Telefonmasten, in den sich die Zinken des Messerbalgens tief einbohrten, endlich zum Stillstand.

Unter dem breit ausladenden Dach des Bauernhauses wird Holz für die kalte Jahreszeit gespeichert. Auch Kaninchen finden darunter in ihren Ställen Platz. Neben dem Haus befindet sich ein großer eingezäunter, von der Berger-Mutter gehegter, besonderer Gemüsegarten, eine „Bünte“, in dem auch Beerensträucher gezogen werden.

Wie in einem Film reihen sich in meiner Vorstellung die Bilder aus der Zeit meines zweijährigen Aufenthaltes auf dem Hotzenwald im Wechsel der Jahreszeiten aneinander. Nur die Sonn- und Feiertage unterbrechen diesen Rhythmus. Am Morgen geht es mit den Hühnern aus den Federn. Die Glocke der Kappelle erinnert an die Mittagszeit und lässt mit hellem Ton den Tag in die Nachtruhe ausklingen. Dann übernimmt der Brunnen vor dem Haus die Aufgabe, den Jungen von damals in den Schlaf und die Träume zu wiegen.

Wir befinden uns in den Kriegsjahren 1942-44: Ein Sohn der Bergerfamilie war schon im Felde geblieben. Die Bergermutter versorgte mit Hingabe die beiden anderen Söhne mit Feldpostbriefen und Päckchen. Mir blieb es vorbehalten, die des vorgeschriebenen Gewichtes wegen an einander gereihten 100 Gramm Päckchen zur Post nach Herrischried zu tragen. Die Bergermutter trauerte sehr, um ihren Ältesten, den Josef. Um den Verlauf des Kriegsgeschehens zu verfolgen, hörten wir oft verbotener Weise den Schweizer-Radiosender Beromünster. Der Bergervater schulterte jeden Tag seine Krücke oder den Besen, zog die Mütze auf, die ihn als Straßenwärter kenntlich machte, und zog stolz aus dem Haus, um seinen Dienst zu versehen.

Die meisten Männer sind mitten im zweiten Weltkrieg im Feld. Frauen, Mütter alte Männer und heranwachsende Jugendliche füllen die entstandenen Lücken und sorgen für das Nötigste. Auch mein Vater ist im Krieg. In der Stadt sind die Lebensmittel knapp, sodass ich nach dem Tod meiner Großmutter das Angebot, bei meinen Verwandten auf dem Hotzenwald für zwei Jahre auf dem Bauernhof zu wohnen, gerne annahm.Mit annähernd 12 Jahren fühlte ich mich damals sehr erwachsen. Es war zwar traurig, die Mutter und den jüngeren Bruder Hans in der Stadt zurückzulassen. Die Erwartungen und Spannung auf das, was es in der neuen Umgebung zu entdecken geben könnte, überwogen aber.

Von Rheinfelden nach Säckingen mit dem Zug war mir das Terrain, von gelegentlichen Kaffee-Besuchen mit der Mutter bekannt. Dort stieg ich dann mit kleinem Gepäck –meine Mutter hatte die nötigen Kleidungsstücke schon per Post zum Versand gebracht- in einen großen „gelben Postomnibus“. In immer neuen Kehren gewannen wir, den Eggberg hinauf rasch an Höhe, ließen die Rheinebene weit unter uns und näherten uns über Rickenbach der Endstation Hetzlemühle, kurz vor Herrischried.

Dort stieg ich mit meinem kleinen Rucksack aus, um zu Fuß der Landstraße entlang nach Giersbach zu wandern. Weit und breit war kein Mensch zu sehen. So konnte ich es mit nur wenig schlechtem Gewissen wagen, meine erste Zigarette zu rauchen. Aus unerfindlichen Gründen hatte ich zu Hause eine Packung „Eckstein“ ergattert und Streichhölzer eingesteckt. In Erwartung des bevorstehenden „Genusses“ entnahm ich der Packung eine Zigarette, klopfte sie an einem Ende glatt, wie ich es bei Männern gesehen hatte, und zündete sie mit nun dokumentierter Männlichkeit an. Gelegentlich stäubte ich die Asche bei leicht gestrecktem Arm seitlich ab und genoss diese Geste in vollen Zügen. Nach einer halbstündigen geruhsamen Wanderung, gab ein letztes kurzes Waldstück den Blick auf mein neues Domizil Giersbach mit der kleinen Kapelle am Ortseingang und dem kurzen Wegstück links der Straße, das zum Berger-Haus führte, frei.

Dort standen direkt neben dem kleinen Brunnen vor dem Haus meine Verwandten zum Empfang bereit: Die Bergermutter mit ihrem rotbackigem, freundlichen Gesicht, den weißen zu einem Zopf nach hinten gekämmten Haaren, der großen Schürze und ihren von der Arbeit etwas rauen Händen. Hinter ihr unter der Haustür, der untersetzte Bergervater, der etwas verlegen und nervös an seinem buschigen Schnurrbart zupfte. Daneben Alfons, der jüngste Sohn, der damals, bereits gemustert, sehnlichst auf seinen Stellungsbefehl wartete.

Mit aufmunternden Worten geleitete mich die Familie in die Stube, die nun für längere Zeit Ort gemeinsamer Mahlzeiten und wichtige Begegnungsstätte mit den Verwandten und deren Freunde werden sollte. Mir fielen die Photos des gefallenen Sohnes Josef und des mittleren Sohnes Fridolin in ihren schmucken Wehrmachtsuniformen auf. Ich bekam das Haus gezeigt, den Schlafraum der Berger-Eltern, neben der Stube, das Zimmer Fridolins neben dem Eingang und mein Schlafzimmer, das ich mit Alfons zusammen im Obergeschoß teilte.Alfons machte mich wohlwollend darauf aufmerksam, dass die dort neben den Speckseiten hängenden kleinen Rauchwürste, ganz hervorragend schmeckten. Nach den ersten viel versprechenden Eindrücken fiel ich am Abend unter dem monotonen Rauschen des Brunnens in einen erquickenden Schlaf.

Alfons wurde in allen Bereichen der Landwirtschaft mein bestaunenswerter Lehrmeister, ansonsten nahm mich die Bergermutter liebevoll unter ihre Fittiche, so dass kaum Langeweile aufkommen konnte. Ich lernte rasch den Umgang mit dem Vieh im Stall, das immer, auch an Wochenenden, versorgt sein wollte. Die Wetterlage im Jahreskreislauf wies uns die Aufgaben zu, die ausgeführt werden mussten. Im Frühjahr und Herbst wurden die Felder gedüngt: Stolz thronte ich auf dem Jauchefass und half den Mist auf den Feldern zu verteilen. Ich begleitete Alfons beim Pflügen, Eggen und Säen, lernte mit der Sense umzugehen, ging mit ihm zu den Waldarbeiten, half im Sommer und Herbst beim Mähen, bei der Heu- und Kartoffelernte, beim Einholen der Frucht. Im Winter wurden Reparaturen am Haus vorgenommen und Geräte instand gesetzt. Gelegentlich durfte ich den Bergervater begleiten, wenn Straßen in seinem Bereich ausgebessert und geteert wurden. In strengen Wintern mussten Räumkommandos bei Tag und Nacht einen kleinen Weg durch meterhohe Schneewechten frei schaufeln. Es blieb aber ausreichend Zeit, um sich in der Stube auf der Kunst zu wärmen, mit den Katzen zu spielen und den spannenden Geschichten der Bauern und Bäuerinnen zu lauschen, die oft zu Besuch kamen. Ohne es recht zu bemerken, wurde so aus einem Stadtkind ein rechter Bauernjunge. Ich ging einen langen Weg von Giersbach nach Kleinherrischwand zur Schule und war in einer gemischten Klasse mit Buben und Mädchen zusammen. Das Lernen viel nicht schwer, so dass ich mich gut zu behaupten verstand. Dies umso mehr, als wir als Lehrerin eine hübsche, freundliche Elsässerin hatten, in die ich mich jungenhaft verliebte.

Mit der fleißigen und frommen Bergermutter war ich täglich zusammen. Sie erinnerte mich an meine Großmutter, die ich nach deren Tod oft schmerzlich vermisste. Sie hielt mich an und ich ging gerne mit ihr zu den Gottesdiensten in die Kapelle in Giersbach und in die Pfarrkirche nach Herrischried. Gelegentlich gab es im Berger-Haus eine “Notschlachtung“. Der Pfarrer wurde dann reichlich bedacht. Ein Stück Butter, frisches Fleisch und Geräuchertes hatte ich im Pfarrhaus abzuliefern. Zu meiner größten Verwunderung besaß die Köchin auch mitten im Sommer noch Weihnachtsgebäck, um den Träger zu entlohnen. Ganz deutlich tritt nun die hagere, leicht nach vorn geneigte, große Gestalt, das von Falten zerfurchte Gesicht mit dem energischen Kinn, den lebhaften, gütigen Augen und dem leicht gewellten schlohweißen Haar des Herrischrieder-Pfarrers aus dem Strom der Erinnerung hervor. Die Bauern nannten ihn liebevoll „ihren Hotzenbischof“. Stolz trug er seinen Römerkragen, unentwegt bemüht, seine weit zerstreute Gemeinde bei Wind und Wetter zu betreuen.

Die Bergermutter führte das Familien-Privileg, die Geistlichen zu verköstigen, wenn sie wöchentlich in der Kapelle Gottesdienst hielten, gern und getreulich fort. Sie war dabei immer ein wenig aufgeregt, richtete die Stube fein her, deckte den Tisch mit dem schönsten Geschirr und bediente den hohen Herrn mit besonderer Sorgfalt. Der Bergervater zog sich indessen immer etwas verlegen zurück, um ein Zusammentreffen mit dem Pfarrer zu vermeiden. Mich wunderte es als Junge sehr, wie es kommen konnte, dass die Bergermutter mitten im Krieg in der Lage war, Bohnenkaffee anzubieten und weshalb es nötig sei, der guten Milch noch zusätzlich Sahne hinzu zu fügen. Jedes Jahr in der Fastenzeit war Patrozinium. An diesem Tag wurde eine Torte mit violettem Zuckerguss serviert. Pfarrer Rombach wusste sicher nichts davon, dass ich, während des Frühstücks der Herren, beim Melken im Stall fast verzweifelte bei der Vorstellung, dass der Pfarrer und ein zusätzlicher Vikar mir nichts mehr von der Torte übrig lassen könnten. Ich bekam aber zu meinem Trost noch ein großes Stück ab.

Es war eine kleine, fromme Gemeinde, die sich zu den wöchentlichen Gottesdiensten in der schlicht eingerichteten Kapelle einfand. Hier war ich, ganz dicht hinter dem Priester, dem heiligen Geschehen besonders nahe. Ich folgte den Gebeten und Handlungen mit großer Aufmerksamkeit und sehe den Pfarrer in seinem römischen Messgewand vor mir wie er, andächtig ergriffen, seinen Rücken beugt, die Einsetzungsworte spricht, die konsekrierte Hostie zur Anbetung hoch hält, die Kommunion austeilt und uns den Segen spendet. Alles geschieht in beeindruckender Würde und Feierlichkeit und die wenigen, kräftigen Stimmen, schenken Geborgenheit und füllen den Raum zum gemeinsamen Gotteslob.

Auf Pfarrer Rombach konnten wir uns verlassen. Er kam bei jeder Witterung zu Fuß. In einem besonders strengen Winter bei hohem Schnee und Nebel gab es einmal eine große Aufregung als er ausblieb. Einer rasch zusammen gestellten Rettungsmannschaft gelang es schließlich ihn zu unserer Freude wieder zu finden und gesund nach Giersbach zu bringen. Pfarrer Rombach genoss wegen seiner seelsorgerischen Pflichterfüllung und den Kontakten zu dem ihm Anvertrauten als fürsorglicher Vater und Freund hohes Ansehen. Er ließ es sich nicht nehmen, soweit es seine Kräfte erlaubten, mit anzufassen, um der Berger-Familie bei der Heuernte zu helfen. Man fand ihn dort bei den Frauen, denen er half, das Heu mit dem Rechen zu Maden zusammen zu ziehen.

In den Kriegsjahren war Pfarrer Rombach untersagt, in der Schule zu unterrichten. Wir trafen uns daher in einem der Schule nahe gelegenen Bauernhaus. Er stand mit lebhaften Gesten in der einfachen Stube. Wir Buben und Mädchen scharten uns dankbar und stolz auf Wandbänken und Stühlen um ihn. Anschaulich, bildhaft, lebendig und einprägsam erklärte er uns die Glaubensgeheimnisse und erschloss uns die Schrift. Er bewirkte durch seine Standhaftigkeit, dass auch wir ermuntert wurden, unseren katholischen Glauben zu lieben und in einer Zeit zu bekennen, in der die damaligen Machthaber dies nicht schätzten.

Gerade in den Kriegsjahren scharten sich nicht nur die Gläubigen um ihren „Hotzenbischof“. Mutig leistete er in der Kraft seines Auftrags und Glaubens den Nationalsozialisten entschiedenen Widerstand. In der Pfarrkirche donnerte er von der Kanzel: „Ich bin ein Soldat Gottes und ich weiche nicht von der wahren Lehre ! “. Die Gestapo saß im Kirchenschiff und stenographierte seine Predigt mit, wagte aber nicht ihn zu verhaften. Dies hätte einen Aufstand gegeben unter den Katholiken, denn Pfarrer Rombach hatte einen großen Rückhalt in der ganzen Bevölkerung.

Wie den Kindern, die zu Beginn dieser Geschichte sehr aufgeregt waren und dann verstummten, als sie mitten im Spiel eine tote Maus fanden, geht es auch mir, wenn ich mit dem Alter immer mehr mit überraschenden Todesfällen konfrontiert werde. Gelegentlich halte ich das Sterbebild des „Hotzenbischofs“ stumm in meinen Händen, der nach einem treuen und erfüllten priesterlichen Leben in einem violetten römischen Messgewand in seinem Sarg liegt. Er hat seinen Frieden beim Herrn wahrlich verdient. dem aufrechten und treuen Priester, Pfarrer Rombach, schulde ich schon länger eine Geschichte in der lebendig werden sollte, was mich mit Ihm, dem Hotzenwald und den Menschen dort verbindet. Dieses Versprechen mußte ich einlösen!

 

 

 

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