Ein Fragespiel

In dritten Band meiner „Geschichten und Gedanken“, stieß ich trotz aller vorgängigen Bemühungen auf einen Druckfehler: Die weitere Nachforschung ergab, dass auf einer Seite ein Satz mit einem Komma endete, sodass es den Lesern überlassen blieb, diesen unvollendeten Satz nach eigenem Gutdünken zu ergänzen. Genau dies bestätigte mir eine Leserin.

Als Autor schätzte ich es immer sehr, wenn ich oder meine Leser durch Texte zu eigenem Nachdenken angeregt wurden. Die Reaktion einer Leserin auf den Druckfehler in meinem Buch, veranlasste mich dazu, Ihnen, liebe Leser, einige Fragen vorzulegen, um es wie bei einer Art Druckfehler Ihrer Fantasie zu überlassen, die Leerstellen zu ergänzen. Beginnen wir nun das Fragespiel:

Zu seiner Zeit stellte der Vorsokratiker Parmenides, die bis zum heutigen Tag gültige Frage: „Warum gibt es etwas und nicht nichts?“ Könnte es sein, dass Sie sich, liebe Leser, auch schon gelegentlich fragten, woher komme ich, wohin führt mein Weg im Ganzen, und warum gibt es all das Große und das Kleine, das mir lieb und teuer ist, und nicht nichts? Wie könnte Ihre Antwort aussehen? Oder gehören Sie etwa auch zu denen, die diese Frage einfach als unnötig zur Seite schieben?

Anselm von Canterbury entwickelte im Mittelalter den philosophischen Gedanken, dass es etwas gebe, über das hinaus nichts Größeres gedacht werden könne, und dass dies nicht nur im Verstand sei, um dadurch auf unsere das Verstehen überfordernden existenziellen Bedingungen unseres Daseins zu verweisen. Anselm sah in der Philosophie eine Möglichkeit, uns über die Grenzen des Denkbaren hinaus, auf das bedeutungsvolle „Bedenken“ des „Undenkbare“ unserer Existenz aufmerksam zu machen. Bewegen wir uns doch bis heute stolz auf unsere Leistungen, so selbstsicher im Raum des kausal Begründbaren, als könnten wir auf diese Weise alles, was die Welt im Innersten zusammenhält verstehen und erklären.  Naturkatastrophen, Leid, Tod, Kriege und Zerstörung führen uns aber immer wieder die Grenzen unseres Denkens, Handelns und Machens vor Augen. Welche Konsequenzen könnten sich für Sie, liebe Leser, aus diesem Sachverhalt ergeben?

Der von mir  geschätzte, 1983 gestorbene Religionsphilosoph Bernhard Welte, eröffnete einst seine phänomenologischen Vorlesungen, mit der vieldeutigen Frage, „was ist das…..?“ Im Grunde genommen stieß er dabei immer wieder, wie in seinem Hauptwerk „Auf der Spur des Ewigen“ auf die Tatsache, dass sich alle Dinge dem Denken als widerständig erweisen, und nur in einer freigebenden Annäherung an ihre Eigenständigkeit und Bedeutung im Ganzen erfahrbar werden. Welchen Stellenwert hat für Sie, liebe Leser, unsere aufgeklärte Vernunft, im Hinblick auf die vielfältigen schöpferischen Prozesse der Lebenswirklichkeit im Ganzen?

Viel Freude beim Nachdenken über die in diesem Fragespiel  angestoßenen Themen.

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Franz Schwald

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