Frühling

Erstaunlich mild verlief in diesem Jahr der Winter. Dennoch bereitete sich die Natur in der dunklen Jahrszeit wie immer auf den Frühling vor. Unzählige Knospen an den Ästen unserer Bäume im Garten ließen erahnen, dass sie nach der ihnen auferlegten Ruhe des Winters, nur auf die wärmende Sonne warteten, um dann wieder ihre volle Blütenpracht zu entfalten. Viel früher, als im vergangenen Jahr, ereignete sich dieses Wunder. Erst schlüpften nur wenige Blüten unseres japanischen Kirschbaums aus ihren bergenden Hüllen, um sich dann wie über Nacht in ein rosa-weißes Blütenmeer zu verwandeln. Mit ihm wetteiferten andere Blumen und Pflanzen um die Gunst, bewundert zu werden: Zuerst waren die Winterlinge und Schneeglöckchen zu sehen; dann schlüpften die gelben Forsythien aus ihren Winterkleidern. Osterglocken und Tulpen blühten auf und der Rasen begann zu grünen. Ich hoffe diesem Zauber der Natur nichts von seiner Bedeutung zu nehmen, wenn ich die fürsorgliche Hand meiner Frau erwähne, die dazu beiträgt, dass sich Jahr für Jahr ausgewählte Blumen und Gewächse unseres Gartens dem Auge in ihrer eigenen Schönheit präsentieren können.

Es schien aber, als wäre nicht nur die Natur, sondern auch die Menschen aus ihrem Winterschlaf erwacht. Unsere Nachbarn zeigten sich bei guter Laune wieder im Freien. Das Lachen der Kinder beim Spiel, das muntere Vogelgezwitscher und die Geräusche der im Freien arbeitenden Bauern und Handwerker mischten sich zu einer heiteren Melodie des erwachenden Frühlings. Wie schön ist es, dass die uns umgebende Natur einem festen Plan folgend, nach jedem Winter wieder einen neuen Frühling schenkt. Aber nicht nur unsere Umwelt, sondern weniger augenfällig auch wir selbst verändern uns im Laufe der Zeit und machen neue Erfahrungen. Daher lohnt es sich, ab und zu inne zu halten, um den eigenen Standort inmitten aller Wandlung in den Blick zu bekommen. Sind wir doch lebenslang ähnlich wie die Natur
in ein Werden und Vergehen mit Höhen und Tiefen eingebunden, sodass es sich lohnen könnte uns zu fragen, wie wir in diesem Jahr überwinterten und nun diesen Frühling erleben

Nach einer ruhigen Nacht hat, mich der Frühling bei strahlendem Sonnenschein und Temperaturen, die den Winter schon vergessen lassen, angenehm überrascht. Mich beeindruckt wieder neu die Kraft und das Drängen der Natur, die aus der Winterruhe heraus in wenigen Tagen ein Blütenmeer von kurzer Dauer hervorzaubert. Allein der Gedanke, dass im Kreislauf der raschen Blüte, den Früchten im Herbst, und der Ruhe im Winter, gewiss wieder ein neuer Frühling folgen würde, tröstete mich. Es stellte sich mir aber auch die Frage, was sich in mir in diesem Winter angestaut hat und nun ins Licht der Frühjahrssonne drängt? Um mich zu besinnen, gönnte ich mir eine Pause, legte mich zu einem Sonnenbad auf meine Liege vor dem Arbeitszimmer und ließ mich von einem leichten Windhauch und den Einfällen liebkosen. In dieser nur von wenigen Geräuschen unterbrochenen Stille hatte ich eine Idee, was sich ins Wort drängen wollte. Es war wie eine Erlösung, wie das Aufbrechen einer Blüte:

Ich erinnerte mich an einen Winter, der dem äußeren Verlauf nach kein frostiger Geselle war und insofern erträglich verlief und, überrascht, denn es kamen Ereignisse hinzu, die ihm ein besonderes Gepräge verliehen. Ich wurde unerwartet aus meinem geregelten Alltag gerissen und musste für einige Zeit meine befriedigende literarische Tätigkeit einstellen. Akute Herzbeschwerden erforderten chirurgische Eingriffe und in der Folge eines Schlaganfalls, eine stationäre neurologische Behandlung mit anschließender Rehabilitation, die sich über Monate erstreckte. Aus einer befriedigenden Tätigkeit herausgerissen zu werden und sich mit den körperlichen Beschwerden und der veränderten Umgebung zurecht zu finden, wurde für mich zu einer großen Herausforderung und seelischen Belastung. Es gab aber immer wieder lichte Momente. Hilfreich war für mich meine berufliche Erfahrung, die mir half die Abläufe der Arbeit in Kliniken unter den gegebenen Rahmenbedingungen zu verstehen. Ich war neugierig zu erfahren, was in meinem Falle medizintechnisch möglich war und auch bereit, dem Klinikpersonal verständnisvoll zu begegnen. Dies schloss aber keineswegs aus, dass ich als Patient auch Sorgen und Ängste erlebte. Gelegentlich bemerkte ich bei mir auch einen gewissen Humor zum Beispiel bei der neurologischen Diagnostik, als ich bemerkte: “Das physiologische Herz überlasse ich gern ihrer Fachkompetenz; mein personales Herz bleibt ja unberührt, denn das kann ihr Gerät sicher nicht erfassen.” Manchmal überraschte mich die Bemerkung dass ich, beim Behandlungsteam als Bereicherung erlebt werde. Es war für mich aber insgesamt eine große Umstellung und neue Erfahrung, im stationären Alltag im erheblichen Umfang auf die Hilfe der Ärzte, Therapeuten, Pflegern, Schwestern und Mitpatienten angewiesen zu sein. Stellvertretend für alle, die mir beistanden möchte ich eine Franziskanerin, die als Krankenschwester in der Neurologie arbeitete, erwähnen. Als sie mich bei der Aufnahme sehr freundlich empfing, fiel ein erheblicher Teil meiner Unsicherheit und Sorge von mir ab. Hatte ich in der bisherigen Behandlung in meiner Angst und Sorge Trost im Rosenkranz meiner Großmutter gefunden, so trat mir nun eine Frau gegenüber, die sich dem Orden meines Namenspatrons angeschlossen hatte. Was konnte da im Grunde noch schief gehen? Erst als ich einige Zeit nach den Behandlungen wieder zu Hause war, und die Herzbeschwerden und Folgen des Schlaganfalls beherrschbar schienen, wurde mir bewusst, welche Sorge und Angst ich um mein Leben hatte. Ich geriet nachträglich in eine depressive Verstimmung, als ob meine Seele etwas nachzuholen hätte. Die noch anhaltende Gangstörung und die Behinderung der Feinmotorik beim Schreiben, lassen es noch nicht zu, die damit verbundenen Ereignisse im Alltag ganz auszublenden, sodass die Erholung langsamer voran schreitet, als mir lieb ist. Sie erinnern mich darüber hinaus daran, dass wir im Leben immer wieder mit Überraschungen rechnen müssen. Meine größte Sorge war aber bei all dem, dass sich kognitive Veränderungen einstellen könnten, die meine Kreativität beim Schreiben und dadurch meine Lebensqualität merklich einschränken würden. Der bisherige Verlauf lässt mich aber hoffen, dass ich weiter als Schriftsteller arbeiten kann.Ich habe ja in der winterlichen und krankheitsbedingten schöpferischen Pause viel Energie und neue Erfahrungen gespeichert, die nur darauf wartet, in der Frühjahrssonne geweckt zu werden, um sich wie die Blüten in der uns umgebenden Natur, auf vielfache Weise zeigen zu können. Ich betrachte es aber als ein gutes Omen, dass selbst während der Behandlung und in der winterlichen Zeit des Wartens das Drängen und die Lust zu schreiben nie ganz erlosch. Es sind mir viele kurze aber tief empfundene Texte geschenkt worden. Diese Aphorismen habe ich aber bislang noch nicht veröffentlicht. Meine Neigung zur Selbstkritik erlaubte mir das noch nicht, obwohl mich ein Freund dazu ermunterte. Heute aber, in der Frühjahrssonne auf meiner Liege überlegte ich mir allen Ernstes zu versuchen, geeignete aus s schwierigen Tagen zu veröffentlichen. Das Jahr ist noch lange und ich sehe zu meiner Freude heute die Möglichkeit kreativen Schaffens in den nächsten Monaten vor mir.

Franz Schwald
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