Erstkommunion

Der kleine Erich, ein aufgeweckter, kluger und sehr neugieriger Junge, empfand es immer mehr, dass ein bedeutendes Fest nahte: Der Stadtpfarrer seiner Heimatstadt hatte ihn, zusammen mit den Buben und Mädchen seiner Klasse während mehrerer Wochen auf die Erstkommunion vorbereitet. Mit allen Sinnen wach, war er gespannt, den Erzählungen des Priesters über den Tod und die Auferstehung des Herrn Jesus Christus gefolgt. Dass der gütige Gottessohn, der am Kreuz sein Leben hin gab, nicht im Tod geblieben, verwunderte den Jungen sehr, und dass der Menschenfreund und Wundertäter auf geheimnisvolle Weise weiter leben, und bei uns Menschen bleiben werde, löste in dem Buben, der den Berichten des geschätzten Priesters immer aufmerksam folgte, große Freude aus.

Fast körperlich hatte Erich bei den Erzählungen des Priesters, die Wucht der Geiselhiebe, die Verhöhnung, den Verrat des Petrus, den Kreuzweg, und das bittere Sterben des Herrn, der ihm zum Freund wurde, miterlebt. Dass dies geschehen musste, um die Sünden und Schuld der Menschen zu büßen, konnte sein kleines, fassungsloses Herz, kaum verstehen. Warum, so schrie es in seinem Inneren, muss dieser Schuldlose so grausam sterben? Es tröstete ihn kaum, dass der liebe Heiland, so erzählte es der Stadtpfarrer, vor seinem Tod beim Abendmahl seinen Jüngern versprach, Er werde nach seinem Tod in Gestalt von Brot und Wein weiter unter ihnen bleiben.

Nun verstand Erich aber ein wenig besser, dass die Kirche Seine Gegenwart in der Heiligen Messe so feierlich gestaltete. Er war schon so oft in der Kirche gewesen, und wäre auch gern mit den anderen Gläubigen zum Altar gegangen, um die Hostie, in der Gott wohnte, zu empfangen. Vom lieben Gott, der alles so gut gemacht, und uns Menschen Seine Schöpfung anvertraute, hatte er in den biblischen Geschichten schon oft gehört. Wie groß und lieb musste Gott sein, der uns Menschen, die Welt und die vielen Sterne am Himmel, Mond und Sonne, die Tiere, und all die Pflanzen erschaffen hat, und für alles sorgte. Wie konnte dieser so erhabene Gottessohn in den Gestalten von Brot und Wein wohnen? Es wurde Erich fast ein wenig schwindelig, als er über dieses große Geheimnis nachdachte. Die Freude aber, dass er bald zu denen gehören sollte, die auch zu Kommunionbank gehen durften, um den Heiland in Brots Gestalt zu empfangen, vertrieb alle kindlichen Fragen.

Es war ja auch zu Hause in der Familie zu spüren, was dieser Festtag für die Mutter und den Bruder bedeutete. Der Vater war damals im Krieg, wie die Väter der Klassenkameraden. Aber die geliebte Oma hatte auf ihre stille Weise den Festtag im Gebet vorbereitet. Sie, dessen war sich Erich sicher, hatte im Rosenkranz besonders liebevolle um Gottes Segen gebetet. Die Mutter sorgte dafür, dass Erich zu diesem Fest neu eingekleidet wurde. Er bekam einen dunkelblauen Kommunionanzug mit einem weißen Blütensträußchen am Revers. Dazu trug er ein weißes, offenes Schillerhemd, weiße Kniestrümpfe und schwarze Lackhalbschuhe. Er bekam auch eine schöne Kerze, ein neues Messbuch und einen Rosenkranz mit weißen Perlen. Die Anprobe klappte, und Erich fühlte sich beinahe wie im Himmel, so feierlich war ihm dabei zumute.

Der große Festtag nahte: Alle Kinder versammelten sich in dem der der Kirche nahe gelegenen Kindergarten. Die Ordensschwestern sorgten aufgeregt für die richtige Reihenfolge der Kinder bei der Prozession zur St. Josefs Kirche. An der Spitze der Prozession wurden das Kreuz und die Fahnen getragen. Danach folgte die Stadtmusik, die mit einem feierlichen Marsch die Kinder zur Kirche begleitete. Ihm folgten die Erstkommunikanten: Voraus gingen sehr gesittet die mit Kränzen geschmückten Mädchen, in ihren weißen Kleidern, die Kerze, den Rosenkranz und das Gebetbuch in Händen, in Zweierreihe dahinter die Buben. Erich als einer der Kleinen, durfte neben seinem Freund Julius stolz die Bubenschar anführen. Dahinter folgte der lange Zug der Ministranten, und zum Schluss, nach den Kindern, zwei große Ministranten mit dem Weihrauch, dem Stadtpfarrer im Rauchmantel, und seinem Vikar. Diese beiden hatten allen Kindern am Vortag auch das Bußsakrament zur Vorbereitung auf den Empfang der Heiligen Kommunion gespendet. Auf diese Weise innerlich gerüstet, schritt Erich froh und erwartungsvoll neben seinem Freund Julius zur Kirche.

Als die Kommunionkinder die voll besetzte Kirche betraten, erscholl die Orgel besonders feierlich, und die Gläubigen erhoben sich von ihren Plätzen. Ein kleines Gedränge musste sich aber erst auflösen, als die Kinder ihre Plätze in den mit Blumen bekränzten Bänken einnahmen. Erich schien es, als würde der Festgottesdienst sehr lange dauern, denn er konnte es kaum mehr erwarten, zum ersten Mal den lieben Heiland in der Hostie zu empfangen. Das Herz klopfte ihm bis zum Halse, als er endlich mit Julius zusammen nach vorne ging, um aus der Hand des Stadtpfarrers die heilige Kommunion zu empfangen. Was sich in diesem Augenblick im Herzen von Erich ereignete, bleibt ihm und allen Lesern ein Geheimnis. Einen so erhabenen Augenblick aber hatte Erich in seinem ganzen bisherigen Leben noch nicht erlebt. Er hatte große Mühe, seine Andacht bis zum Ende des Gottesdienstes mit dem Segen beizubehalten. Unter dem Gesang: “Großer Gott wir loben Dich”, bei dem der Organist alle Register zog, verließen die Kinder die Kirche. Bei strahlendem Sonnenschein empfingen sie ihre Eltern und Verwandten. Auch alle anwesenden Gläubigen zeigten ihre Freude durch Lachen und Reden und drängten sich, die Kinder zu sehen und zu beglückwünschen.

Nach all dem Beten und Feiern empfand Erich einen gesunden Appetit. Er erinnerte sich daran, dass ihn seine Mutter gefragt hatte, was er sich als Festtagsessen wünsche, und freute sich auf seine Spaghetti mit Tomatensoße und Koteletts. Was konnte es Feineres geben, um den hungrigen, frommen Magen, zu verwöhnen. Nach der feierlichen Dank Andacht am Nachmittag, und dem Fototermin, klang der erhebende Tag der ersten Heiligen Kommunion in den Abend hinein aus. Mit dem Segen der Großmutter zur Nacht schlummerte Erich selig ein, um davon zu träumen, dass ihn nun ein ganzes Leben lang der gütige liebe Heiland begleiten werde, und dass er nun wie die Erwachsenen, beim sonntäglichen Gottesdienst auch die Heilige Kommunion empfangen durfte.

Erstkommunion

Baukaufmann und Stadtrat

Mit der Währungsreform in den frühen fünfziger Jahren, erwachte die bis dahin darbende Wirtschaft zu neuem Leben. Industrie, Handel und Gewerbe profitierten von einem kräftigen, stetigen Aufschwung. Wie durch Zauberhand füllten sich über Nacht die Auslagen der Geschäfte mit einem reichhaltigen Warenangebot. Die Konsumfreude hielt sich aber zunächst noch in Grenzen, denn am Stichtag standen jeder Person nur zwanzig Deutsche Mark zur Verfügung. Wir gewöhnten uns mit der Zeit an die neue Währung und hofften, dass sie stabil bleiben würde. Zum Glück spielte ich damals als Schlagzeuger in einigen Bands. Dadurch besserte sich der Gehalt auf und ich konnte mir ab und zu persönliche Wünsche erfüllen.

Am Tag der Währungsreform, 1948, fand in Rheinfelden das erste Rundstreckenrennen nach dem Krieg statt. Als begeisterter Radsportler meldete ich mich hierzu. Das erforderliche Rennrad, das den Krieg in einem Keller bei Bekannten überlebte, lieh ich mir Wochen zuvor zum Training aus. Unsere Mutter stellte meinetwegen den Speiseplan um. Ich bekam ab und zu ein Ei oder ein größeres Stück Fleisch zusätzlich, um zu Kräften zu kommen. Wir sind am Start: Der Starter, steht mit seiner Flagge bereit. Seine Warnung, den »Fahrerpulk« in den Kurven aufzulösen, um andere Rennfahrer nicht zu gefährden, höre ich wie von weit. Er senkt die Fahne zusammen mit dem Startkommando und los geht die wilde Jagd. Wir kommen »im Pulk« nur mit Mühe um die erste steile Rechtskurve. An der Strecke verteilt, treiben uns die Freunde lautstark an. Ich kann mich mit aller Kraft im vorderen Drittel des Fahrerfeldes halten. Wir Jugendfahrer glänzen mit hervorragenden Rundenzeiten, in denen wir, die nach uns startenden, erfahrenen Amateure, deutlich hinter uns lassen. Die Zuschauer jubeln und klatschen begeistert.In der dritten Runde zog mich aber in einer Rechtskurve das Hinterrad des Fahrers vor mir, unerwartet wie ein Magnet an. Danach ging alles sehr schnell: Ich fuhr auf, flog in einem Salto aus dem Sattel und landete herb auf der Straße. Die Schürfwunden begannen erheblich zu schmerzen und das verbogene Rennrad schaute mich mitleidserregend an. Kleinlaut nahm ich es über die Schulter, ging Richtung Ziel, und meldete mich bei der Rennleitung ab. Ohne umfassende Reparatur, war dieses geschundene und verbogene Sportgerät jedoch nicht mehr zu gebrauchen. Zum Abschluss des ersten Kriteriums nach dem Krieg, fand die Siegerehrung im großen Saal des Oberrheinischen Hofes statt. Unsere Band wurde zur anschließenden Tanzveranstaltung engagiert. Auf die zu erwartende Gage von zwanzig Deutschen Mark, als Schlagzeuger unserer Band, hatte ich mich sehr gefreut. Daraus wurde nichts. Nun schmerzten die Schürfwunden umso mehr, denn ich wusste, dass ich mein erstes, nach der Währungsreform selbst verdientes Geld, zur Reparatur des geliehenen Rennrades ausgeben musste. Radrennfahrer wollte ich von da an nicht mehr werden. Ich blieb meinem weniger schmerzhaften Beruf als Baukaufmann treu, und rechnete fest mit steigenden Einnahmen durch die Nebenbeschäftigung als Musiker.

Bei der langjährigen, vielseitigen Tätigkeit als Baukaufmann, lernte ich nach und nach die straffe Organisation innerbetrieblicher Arbeitsabläufe und viele tüchtige Mitarbeiter kennen, die ein Unter nehmen benötigt, um erfolgreich zu sein. Zunächst arbeitete ich längere Zeit in der Lohnbuchhaltung. Der sympathische Kollege, ein korrekter Buchhalter und treu sorgender Familienvater, kam nach dem Krieg und der Gefangenschaft wieder zu uns. Er fuhr morgens sechzig Kilometer mit der Eisenbahn zur Arbeit und abends die gleiche Strecke nach Hause. Über die Fastnachtszeit kam er manchmal etwas blass zum Dienst, denn er nahm, »pflichtbewusst«, an allen Veranstaltungen eines der Tradition verpflichteten Fastnachtsvereins teil.

Wenn ich als junger Kaufmann freitags alle Baustellen besuchte, um die Lohntüten auszuhändigen, empfingen mich die Mitarbeiter vom Polier bis zum Hilfsarbeiter, mit freundlichen Gesichtern. Gleichzeitig war es dadurch möglich, immer wieder den überraschenden Fortschritt der Bauarbeiten zu beobachten, mich von der Leistungsbereitschaft unserer Mitarbeiter zu überzeugen und deren Eigenheiten kennen zu lernen. Ein tüchtiger Maurermeister und Polier, mit gewaltiger Leibesfülle, litt als Bayerunter anhaltendem Durst. Er benutzte anstelle eines Stuhles, in seiner Baubude, einen mit Brettern abgedeckten Bierkasten. Die Flaschen waren abends leer. In der Bahnhofwirtschaft stand außerdem ein Krug Bier für ihn bereit, den er vor Einfahrt des Zuges leerte, sich dann den Schaum von seinem kräftigen Schnurrbart strich, um sich bis zur Abfahrt des Zuges einen zweiten vollen Krug »hinter die Binde« zu gießen.

Unser Chef, ein hochgewachsener, promovierter Jurist, der in die Firma eingeheiratet hatte, ein ausgezeichneter Stilist, bat mich öfters zum Diktat, wenn es galt, bei wichtigen Schreiben auf Ausdruck und Form zu achten. Ich betrachtete diese Aufgabe, die Verschwiegenheit erforderte, als Auszeichnung, denn es war mir gestattet, auf seltene Fehler hinzuweisen, oder Vorschläge zur Verbesserung der Texte einzubringen. Unser Chef war in seinen Kreisen in der Stadt auch als Ratgeber gefragt, wenn bei irgendwelchen Anlässen die Etikette gewahrt werden musste. Ich teilte mit ihm die Liebe zur deutschen Sprache. Seine uns allen bekannten Schwächen, nahmen dem ehemaligen Offizier etwas von seiner Strenge; machten ihn um Nuancen menschlicher, sympathischer. Gelegentlich konnte ich nicht nachvollziehen, was ihn veranlasste, sich bei einigen Personen als abwesend erklären zu lassen. Er achtete sehr auf Sparsamkeit in kleinen Dingen, verwaltete persönlich Bleistifte und Farbstifte und legte großen Wert auf korrekten sprachlichen Ausdruck. Nicht ohne Hintergedanken bat ich ihn eines Tages, mir einen neuen Rotstift zu geben und sagte, indem ich ihm zwischen Daumen und Zeigefinger, ein kaum erkennbares Stückchen Rotstift zeigte: » Mit diesem Rest kann ich bald nicht mehr schreiben«. Worauf er mir antwortete: »Dann schreiben Sie damit, bis sie nicht mehr schreiben können«. In mir verdichtete sich im Laufe der Zeit der Eindruck, dass er mit der Aufgabe als Chef einer expandierenden Bauunternehmung nicht sehr glücklich war. Er konnte sich aber in technischen Angelegenheiten auf den Rat seines Neffen, eines erfahrenen Bauingenieurs verlassen.

In unserer Firma gab es eine ungeschriebene Hierarchie: Unsere Diplomingenieure ließen bei passender Gelegenheit immer wieder durchblicken, dass sie in ihrem Selbstverständnis durch ihre Ausbildung über den Bauingenieuren rangierten, denn schwierige technische Aufgaben oder komplexere statische Berechnungen mussten sie übernehmen. Obwohl ich ihr arrogantes Verhalten gelegentlich ablehnte, konnte ich erkennen, welche große Bedeutung einer akademischen Ausbildung im Beruf zukommt. Einer unserer besten Diplomingenieure, war öfters bei unserer Sekretärin und Telefonistin, einer hübschen Lehrerstochter, in deren Büro anzutreffen. Nachdem sie beide, für uns überraschend heirateten, war klar, dass der Anlass dieser Besuche nicht nur rein geschäftlicher Natur war. Mit den drei gleichaltrigen Technikern, die kleinere Baustellen betreuten, verstand ich mich auch in privaten Belangen sehr gut. Wir halfen uns gegenseitig, verständnisvoll, in schwierigen Situationen: Josef, ein vielseitig begabter, kluger und zuverlässiger Kollege, trieb ausgiebig Sport in allen Variationen. Er löste nicht nur schwierige bautechnische Probleme. Genau so geschickt zerlegte er Autos und Motorräder, spielte ausgezeichnet Orgel und Flöte und war auch an Philosophie sehr interessiert. Es fehlte ihm nur eine Frau. Mich wunderte seine Erfolglosigkeit in dieser Hinsicht nicht. Hatte ich doch gelegentlich erlebt, wie er sich in Gesprächen mit unserer Sekretärin amüsierte, wenn er philosophisch abgehoben, scherzte, sie ihn aber nicht verstand und wütend reagierte. Sein out-fit ließ zu wünschen übrig: Er trug die ausgedienten, aus der Mode gekommenen Kleider und Schuhe seines Onkels, eines Gymnasiallehrers. Es schmerzte mich immer, wenn er sich aus meiner Sicht »unter Wert verkaufte« oder wenn andere Personen seine Begabungen nicht zu würdigen verstanden. Eines Tages war sie aber da, die Dame, die zu ihm passte. Eine hübsche Apothekerin, die in der Nähe arbeitete, führte täglich ihren Dackel spazieren und das Wichtige: Sie war Vegetarierin, wie er, und ausreichend gut katholisch. Josef ließ diese Gelegenheit nicht aus. Wir sahen ihn schon einige Tage später, den Dackel führend, auf einem Spaziergang mit der Apothekerin. Nach vielen Ehejahren haben die beiden sechs Buben und Mädchen auf dem Weg zu deren akademischen Weihen begleitet.

Die Baubranche reagiert bekanntlich wie ein Seismograph auf Veränderungen der Marktsituation. So führte die anhaltend stabile Auftragslage auch in unserer Bauunternehmung, in der ich seit Jahren arbeitete, zur permanenten Einstellung von Fach- und Hilfsarbeitern. Löhne und Gehälter lagen aber noch in einem sehr niedrigen Bereich. Ich wurde als junger Baukaufmann für die Angestellten in den Gesamtbetriebsrat gewählt. Das uns eingeräumte Mitspracherecht und die Interessen der Firmenleitung handelten wir übereinstimmend so aus, dass Arbeitsplätze erhalten blieben und die Entwicklung des Unternehmens gewährleistet blieb. Es waren aber nach dem Krieg erhebliche Investitionen erforderlich, um unseren Maschinenpark zu modernisieren. Wir waren stolz auf jeden neuen Lastwagen, Bagger, Betonmischer oder Baukran, der alte Geräte ersetzen konnte und die Arbeitsbedingungen verbesserte. Nach Jahren wechselte ich von der Lohnbuchhaltung in den technischen Stab. In direkter Zusammenarbeit mit dem Leitungsteam unserer Firma, gewann ich hierdurch Einblick in die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die Leistungsfähigkeit unserer Firma, und den Leistungsstand, der mit uns konkurrierenden örtlichen
und überregionalen Bauunternehmungen. Mit der Leitung des Einkaufs oblag mir nicht nur die Aufgabe, mit unseren Lieferanten die jeweils günstigsten Preise auszuhandeln, sondern auch die punktgenaue Anlieferung der Baumaterialien oder Ersatzteile für unsere Maschinen sicher zu stellen. Von der Kalkulation, über die Durchführung der Baumassnahmen, die Nachkalkulation, bis zur Abrechnung und dem Abräumen der Baustellen, war ich in die betrieblichen Abläufe fest eingebunden. Es hat mich tief beeindruckt, mit welch hohem Einsatz alle Mitarbeiter in der Verwaltung, auf den Baustellen, im Kieswerk, der Schlosserei, Schreinerei und dem Bauhof, ihre Aufgaben erfüllten. Damals erwies es sich in unserer Stadt als besonders schwierig, die vielen, zugeteilten Flüchtlinge aufzunehmen. Sie benötigten vor allem Wohnungen. Um diese enorme Aufgabe bewältigen zu können, wurde eine städtische Wohnungsbaugesellschaft gegründet. Diese übernahm die Planung und technische Begleitung der erforderlichen Neubauten. Mit ihrer Unterstützung entstanden in relativ kurzer Zeit, viele Mehrfamilienhäuser mit Schule und Sportanlagen in neuen Baugebieten. Der zunehmende private Wohnungsbau und umfangreiche Bauaufträge der Industrie, trugen zum damaligen Wirtschaftswachstum erheblich bei. Ich begriff immer mehr, in welchem Ausmaß, die Stadt als Auftraggeber, und die politischen Gruppierungen im Stadtrat, an der Vergabe der Aufträge beteiligt waren. Mein Gesprächspartner, mit dem ich über aktuelle politische Fragen diskutierte, war unser leitender Bauingenieur und Architekt. Wir saßen uns bei der Arbeit gegenüber. Er war seit Jahren im Stadtrat und Bauausschuss tätig. Mir imponierte seine christliche Einstellung und aufrechte Haltung in schwierigen Lebenssituationen, besonders gegen Ende seiner beruflichen Tätigkeit. Als er einmal erkennen ließ, wie sehr er sich mehr Ausgeglichenheit und Altersweisheit wünschte, um ungerechten Angriffen ruhiger begegnen zu können, sagte ich ihm: » Wenn Sie nicht mehr energisch Ihre Meinung äußerten, um Aufgaben mit zu gestalten, und sich gegen Unrecht zur Wehr zu setzten, würden Eigenschaften fehlen, die ich an Ihnen besonders schätze«. Er schmunzelte, versuchte sich mit Daumen und Zeigefinger vergeblich ein Barthaar auszuzupfen und wandte sich bei ratternder Rechenmaschine, leicht nach vorn gebeugt, wieder dem Angebot zu, an dem er arbeitete. Gelegentlich schien es mir, als würde ihn die Arbeit erfreuen. Er summte dann leise vor sich hin, bis er den richtigen Ton fand, um aus tiefster Seele zu seufzen: »Ach Luise, kein Mädchen ist wie diese…« Ab und zu verstieg er sich in einen etwas skurrilen Humor, der ohne Kenntnisse der technischen Anspielungen, schwer verständlich war:

Unsere Senior-Chefin, die auch im hohen Alter noch täglich in der Hauptbuchhaltung arbeitete, war ihm zugetan und sprach ihn – eine Ausnahme – mit Vornamen an. Sie betrat eines Tages erwartungsfroh unser großes Büro und sagte, um sich die letzte Sicherheit zu holen: »Artur, Euer Büro mit den vielen großen Fenstern sieht so nüchtern aus. Ich habe entschieden, auf den äußeren Fensterbänken Blumenkästen mit roten Geranien aufzustellen«. Artur, ohne sich stören zu lassen, äußerte: » Die Blumenkästen kommen sicher wieder weg«! Mit allem hatte die Chefin gerechnet, aber nicht mit einem Widerspruch. Ihre Miene verdüsterte sich, als sie energisch entgegnete: »Die Blumenkästen werden aufgestellt«! Artur blickte kurz auf, als müsse er die aktuelle seelische Verfassung seiner verehrten Seniorchefin prüfen, und entgegnete trocken: » Die Blumenkästen kommen bestimmt wieder weg«! Das war entschieden zu viel für eine ältere Dame, die Widerspruch nicht schätzte. Sie drehte mit hochrotem Kopf ab, wandte sich zur Tür und brummte vor sich hin: »Die Kästen werden aufgestellt«! Und so geschah es. Was mochte Artur veranlasst haben, der von ihm sehr verehrten Seniorchefin zu widersprechen? Ich betrat anderntags in Erwartung der weiteren Entwicklung, neugierig unser Büro. Alle Fenster waren, wie angekündigt, mit Blumenkästen versehen, in denen zugegebenermaßen wunderschöne rote Geranien prangten. Herr Fleck betrat nach mir den Raum: Er zeigte sich nicht sonderlich überrascht und setzte sich ohne Kommentar an seinen Platz, um weiter am Angebot zu arbeiten. Da er es vorzog, sich nicht über unseren »Blumenschmuck« zu äußern, hielt ich es nicht für angebracht, ihn darauf anzusprechen. Alle Besucher, die anschließend unser Büro betraten, äußerten sich meist zustimmend zu unseren Geranien.

Es vergingen einige Tage in gewohnter Weise. Aber an einem schwülen Nachmittag zog ein schweres Gewitter auf. Blitze und kräftiger Donner leiteten das Naturschauspiel ein, dann öffnete der Himmel seine Schleusen – und wie! Der böige Wind peitschte Regenmassen gegen unsere Fensterscheiben. Es wollte kein Ende nehmen. Der schräg einfallende Regen klatschte hörbar auf unsere Blumenkästen. Die Geranien senkten ihre Köpfe; einige legten sich ganz flach. Im Ausfallwinkel spritzte gleichzeitig eine schmutzige Brühe gegen unsere Fensterscheiben. Ein Bild zum Weinen. Mir war nun klar, weshalb Herr Fleck ruhig feststellen konnte, dass die Blumenkästen wieder weggeräumt würden. Dies geschah still und heimlich. Wir unterdrückten unsere Schadenfreude und verloren kein Wort darüber. Die Seniorchefin tat mir leid, die uns so fest entschlossen, mit Blumen erfreuen wollte. Ob sie den skurrilen Humor von Artur verstand, oder sich in dieser Sache mit ihm aussprach, ist mir nicht bekannt. Sicher hat sie bemerkt, dass sie, zu Unrecht enttäuscht, annahm, ihre Wünsche würden absichtlich nicht beachtet.

Im Vorfeld der 1952 anstehenden Stadtratswahl, konnte es nicht aus bleiben, dass ich oft mit unserem leitenden Ingenieur, über dieses kommende Ereignis sprach. Ich gab zu bedenken, es könne auch im Interesse des Bürgermeisters liegen, den umfangreichen Wohnungsbau in unserer Stadt zu fördern, um bei einer Zunahme der Einwohnerzahl als Oberbürgermeister mit höheren Bezügen rechnen zu können. Unter dieser politischen Konstellation, hatte ich berechtigte Sorge, dass alteingesessene Rheinfelder, besonders meine gleichaltrigen Schulkameraden, die im heiratsfähigen Alter dringend Wohnungen benötigten, wie bisher warten müssten. Ich hatte zeitlich freie Valenzen und fasste den Entschluss, mich in unserer Stadt politisch zu betätigen: In der örtlichen Presse, die unsere Anliegen unterstützte, gab ich ein Inserat auf, in dem die Wohnung suchenden Rheinfelder Bürger zur Diskussion in ein Lokal eingeladen wurden. Mit einigen Klassenkameraden, die sich bei ihrer Wohnungssuche benachteiligt fühlten, hatte ich mich zuvor auf diese Vorgehensweise geeinigt. Zu unserer großen Überraschung, folgten sehr viele Interessenten unserer Einladung in den »Wasserturm«. Der Saal war bis auf den letzten Platz besetzt. Es herrschte eine erwartungsvolle Unruhe. Nach der Begrüßung hielt ich eine Ansprache und erläuterte die Lage: Vor der anstehenden Stadtratswahl gelte es, sich Gehör zu verschaffen. Die Zeit sei gekommen, auch an die ortsansässigen Rheinfelder zu denken, die im heiratsfähigen Alter, dringend Wohnungen brauchten. Ich schlug vor, dem Bürgermeister schriftlich unsere Wünsche vor zu tragen. Zu diesem Vorgehen gab es nach längerer Diskussion der Teilnehmer eine eindeutige Zustimmung. Um unserer Absicht Nachdruck zu verleihen, gründeten wir die Wählervereinigung »Gemeinschaft Rheinfelder Bürger«. Wir ließen eine Liste herumgehen, in die sich alle Interessenten eintragen konnten. Aus der Versammlung wurden einige Teilnehmer gewählt, die den engeren Vorstand bildeten. Wir erhielten von den Anwesenden den Auftrag, umgehend eine Petition an den Bürgermeister zu schreiben. Ich war überrascht, dass unser Vorhaben eine so breite Unterstützung fand.

Der Vorstand unserer Wählervereinigung fand sich wenige Tage danach zur ersten Sitzung in einem Cafe ein. Wir verteilten die Aufgaben: Es wurden außer mir als ersten Vorsitzenden, ein zweiter Vorsitzender als Stellvertreter, ein Schriftführer und ein Kassenwart gewählt. Unter meiner Regie verfassten wir die Petition an den Bürgermeister. Wir gingen davon aus, eine befriedigende Antwort erwarten zu können. Es dauerte aber sehr lange, bis wir die Stellungnahme der Verwaltung erhielten. Die Antwort erwies sich als so nichtssagend, dass wir den Eindruck gewannen, nicht Ernst genommen zu werden. In einer Versammlung informierten wir unsere Mitglieder. Nach eingehender Diskussion entschieden wir, um auf die Dringlichkeit des Wohnungsbedarfs hinzuweisen, uns an der bevorstehenden Stadtratswahl als Wählervereinigung »Gemeinschaft Rheinfelder Bürger« zu beteiligen und mich als Spitzenkandidat aufzustellen. Ich war sehr überrascht, welche Eigendynamik unser Vorhaben in der kurzen Zeit bis zu dieser Entscheidung entwickelte. Anstelle der Klagen über die Notlage, spiegelten die Gesichter der Anwesenden, und deren Diskussionsbeiträge, Hoffnung und Bereitschaft, sich am Wahlkampf nach Kräften zu beteiligen. Auf diese mutigen und entschlossenen Helfer, konnten wir uns verlassen. Es stiegen in mir zwar noch einige berechtigte Bedenken auf: Ein politisches Amt hatte ich zuvor noch nicht begleitet. Diese Überlegungen behielt ich aber für mich. Es blieb ja noch genügend Zeit, mich nach und nach auf diese neue Aufgabe einzustellen und mich mit den Freunden zu beraten.

Wir hatten bei unseren Beratungen einen großen Vorteil: Es war uns bekannt, dass der Bürgermeister über Mittelsmänner erfuhr, welche Stellungnahmen bei den Aussprachen der verschiedenen Parteien erfolgten, sodass er sich auf jede Sitzung gut vorbereiten konnte. Dies galt nicht für uns. Wir behandelten, alle unsere Beratungen als streng vertraulich, um uns ein Überraschungsmoment zu bewahren. Dies erwies sich auch bei der Planung und Organisation unseres Wahlkampfes als günstig. Niemand erfuhr von den von uns geplanten Aktionen. Einige Tage nach der konstituierenden Versammlung unserer Wählervereinigung, besuchte mich ein langjähriges Mitglied einer anderen Partei, um mir zu versichern, er sei von uns getäuscht worden. Er habe selbstverständlich nicht die Absicht, Mitglied unserer Gemeinschaft Rheinfelder Bürger zu werden. Die bei der Gründungsversammlung vorgelegte Beitrittserklärung zu unserer Wählervereinigung, habe er für eine Anwesenheitsliste gehalten und irrtümlich unterschrieben. Er verlange, seinen Namen wieder zu streichen. Ich versicherte, dass ich sein Anliegen verstehe, aber nicht damit rechnen konnte, dass er an unserer Versammlung teilnehmen würde. Es sei mir persönlich auch nicht als Mitglied einer anderen Partei bekannt gewesen. Er habe aber nun einmal unterschrieben, obwohl es mir schwer verständlich sei, warum er nicht vorher gelesen habe, was er unterschrieb. Ich wäre aber gehalten, diese Angelegenheit im Vorstand unserer Wählervereinigung zu besprechen und könne nicht eigenmächtig handeln. Wir ließen uns bei der nachfolgenden Diskussion im Vorstand, diesen Sachverhalt auf der Zunge zergehen, denn dass uns ein alt gedienter Parteiprofi auf den Leim gehen könnte, hatten wir politischen Neulinge nicht erwartet. Er meldete sich kein zweites Mal.

Nun nahmen die Ereignisse ihren Lauf: Wir trafen uns wöchentlich zu Vorstandssitzungen, in denen wir die Strategie zur Stadtratswahl beschlossen. Ich hatte persönlich sehr enge Kontakte zur örtlichen Presse und einer Druckerei. Der Inhaber eines Verlages und der lokalen Zeitung, erwies sich als interessiert, und war sofort bereit, uns tatkräftig bei der Kampagne zu unterstützen. Der Besitzer einer Druckerei, stand ebenfalls hinter unserem Vorhaben. Wir hatten dadurch alle Möglichkeiten, die Öffentlichkeit kostengünstig auf die politischen Ziele unserer Wählervereinigung hinzuweisen. Je näher der Termin zur Stadtratswahl heranrückte, umso intensiver nutzten wir das Forum der »örtlichen Presse« und die Möglichkeit, Flugblätter zu verteilen und Plakate zu kleben. Unsere Mitglieder beteiligten sich engagiert an dieser Kampagne. Es dürfte keinen Bürger gegeben haben, der unsere grünen Plakate und Flugblätter nicht kannte. Am Tag vor der Wahl verteilten wir zusätzlich grüne Luftballons mit unserem Aufdruck. Obwohl wir nicht gespart hatten, war unser Vorrat rasch verbraucht. Die Ballons wurden uns aus den Händen gerissen und von den Kindern werbewirksam durch die Straßen getragen. Wir waren sicher, die Rheinfelder Bevölkerung ausreichend über unsere politischen Ziele informiert zu haben. Der engagierte Wahlkampf machte uns allen Spaß und führte dazu, dass sich Vorstand und Mitglieder der Wählervereinigung besser kennen lernten und sich mit unseren Zielen identifizierten. Gelegentlich erreichten uns Hinweise, darauf zu achten, dass sich keine links gerichteten Personen in unsere Wählervereinigung einschlichen. Wir erklärten diesen Gesprächspartnern, es handle sich um eine Kommunalwahl mit klar lokalen Zielen und wir wären schon in der Lage, zu entscheiden, wem wir vertrauen könnten. Wir hätten übrigens eher Anlass, uns über den engagierten Einsatz aller unserer Mitglieder der Wählervereinigung in der zurück liegenden Zeit zu freuen.

Der Termin zur Stadtratswahl stand kurz bevor und damit nahte die Entscheidung darüber, ob wir die Wähler mit unseren Zielen, Argumenten und Kandidaten überzeugen konnten. Je näher dieser Tag kam, desto mehr nahm auch unsere Anspannung zu. Hatte sich doch im Laufe des Wahlkampfes unsere Motivation geändert: Anfänglich wollten wir mit einem hohen Stimmenanteil der Stadtverwaltung und dem Bürgermeister zeigen, wie viele Wähler mit der bisherigen Wohnungsvergabe unzufrieden waren. Als wir im Wahlkampf erhebliche Zustimmung beobachteten, rechneten wir uns aber eine realistische Chance aus, unsere Interessen durch ein Mandat im Stadtrat und den verschiedenen Ausschüssen wirkungsvollere vertreten zu können. Da ich als Spitzenkandidat für unsere Wählervereinigung nominiert war, begleiteten mich Hoffen und Bangen. Einige Schweizer-Stumpen habe ich am Wahltag geraucht, ohne dass die Spannung merklich nachließ. Die Wahl endete mit einer »kleinen Sensation«: Wir erreichten auf Anhieb die erforderlichen Stimmen und ich wurde in den Stadtrat gewählt. Das überraschende Wahlergebnisses war an diesem Tag bei vielen Bürgern unserer Stadt das »Hauptgesprächsthema«. Den hohen Stimmenanteil und meine Wahl hatten uns viele Bürger nicht zugetraut. Was mich aber in den nächsten Jahren in diesem Amt erwarten sollte, war zu dieser Zeit nicht einzuschätzen. Erst die vielen Glückwünsche aus unseren Reihen und weit darüber hinaus, ließen mich erahnen, welche Bedeutung diese Wahl in der Öffentlichkeit hatte.

Es dauerte nicht lange, bis mir die Tagesordnung zur ersten Stadtratssitzung nach der Wahl zugestellt wurde. Die Mitglieder des Vorstandes trafen sich zur Besprechung dieser Vorlage: Wir bestimmten, wer außer mir, einen Platz in den verschiedenen Ausschüssen bekommen sollte. Trotz vieler guter Ratschläge der Parteifreunde, wie ich mich in der ersten Sitzung des Stadtrates, nach der Wahl, verhalten sollte, begleitete mich eine deutlich spürbare Unruhe auf dem Weg zum Rathaus. Es war uns allen klar, dass mich dort keine Blumen erwarteten. Hatten wir doch im Wahlkampf unsere Zähne gezeigt und mit recht deutlichen Argumenten Kritik geübt und unsere Ziele vorgestellt. Ich rechnete mit einer herben Reaktion verschiedener Stadträte. Mir war bewusst, wie wenig Mittel mir zur Verfügung standen, um mich gegen solche Angriffe wirkungsvoll zu wehren. In dieser Lage griff ich zu einer List: Ich legte zwei Steno-blöcke und mehrere Bleistifte vor mir auf den Tisch, um den Anschein zu erwecken, als ob ich alles stenographisch festhalten wollte, was die einzelnen Redner gegen uns vorbrachten. Die Taktik wirkte: Während der mit harten Vorwürfen gegen unseren Wahlkampf gespickten Rede, musste sich der Vorsitzende einer anderen Fraktion krampfhaft an seinem Rednerpult festhalten, denn ich schaute ihn gelegentlich ruhig an und stenographierte, so schnell ich konnte. Seiner Stimme merkte man daher eine deutliche Erregung an. Ich hatte den Eindruck, dass er sich ohne Manuskript, in freier Rede, mit seiner scharfen Kritik sehr schwer getan hätte. Einige andere Stadträte hielten sich darauf hin mit ihren Äußerungen merklich zurück. Das war überstanden! Über die weiteren Punkte der Tagesordnung, wurde ohne Diskussion entschieden.

Die Wählervereinigung Rheinfelder Bürger war eine politische Größe geworden, deren Beiträge in den öffentlichen und nichtöffentlichen Sitzungen des Stadtrates und in den Ausschüssen Ernst genommen wurden. Gab es doch immer wieder Situationen, in denen unsere Stimme zu Entscheidungen gebraucht wurde. Da wir nach wie vor Wert darauf legten, dass unsere Überlegungen zu den Tagesordnungen vertraulich behandelt wurden, konnte man im Plenum nie wissen, wie wir uns verhalten würden.Ich lernte sehr rasch zu erkennen, welche taktischen Maßnahmen um Sachentscheidungen im Plenum durchzubringen. Es war für mich gelegentlich erschütternd, zu sehen, wie unterschiedlich sich die Stadträte in öffentlichen und nicht öffentlichen Sitzungen verhielten. Ihre Stellungnahmen zu verschiedenen Themen in der Öffentlichkeit und vor der Presse, wichen gelegentlich sehr von ihren Entscheidungen im Gremium ab. Manchmal schien es mir, als seien einige Räte bei komplexeren Vorlagen auch überfordert: Wenn es darum ging, den umfangreichen Haushaltsplan zu diskutieren und zu verabschieden, waren kaum fundierte Beiträge oder Kritik zu vernehmen. Ging es aber um die Anschaffung recht unbedeutender Geräte oder Maschinen, war mit einem erheblichen zeitlichen Aufwand zur Diskussion zu rechnen.

Um den Stadtrat mit den Problemen eines Krankenhausneubaus vertraut zu machen, besichtigten wir in Bayern verschiedene Einrichtungen. Der dortige Gemeinderat hielt es für angebracht, uns eine Übernachtung anzubieten und uns mit einem Trachtenabend zu erfreuen. Nachdem ich meine Unterkunft gefunden und mich etwas erfrischt hatte, kam ich mit einiger Verspätung wieder an den Ort zurück, an dem die Veranstaltung stattfand. Es machte keine allzu großen Schwierigkeiten, das Lokal zu finden. Blasmusik wies mir, je näher ich kam, desto sicherer den Weg. Als ich die äußere Türe öffnete, blieb mir die Luft weg und die Ohren dröhnten. Da kam mi mit verzweifelter Miene ein Kollege entgegen. Aus seinen Ohren hingen Reste von Serviettenpapier, die er sich hinein gestopft hatte. Sein Kommentar: »Sie haben uns ehrenhalber zwei Meter vor die Blasmusik gesetzt, ich halte es nicht mehr aus«! Das musste ich mir nicht antun.

Wir hatten den Segelfliegern eine großzügige Spende zu ihrem Fest zur Verfügung gestellt. Sie luden dankbar einen Stadtrat zu einem Rundflug über Rheinfelden ein. Es gab einer längeren Diskussion im Gremium, mit dem Ziel, den Segelfliegern keine Absage zu erteilen. Man konnte aber erkennen, dass es an Freiwilligen mangelte, die bereit waren, ein Segelflugzeug zu besteigen. Nach einiger Zeit kam es zum Beschluss, mir als dem Jüngsten, diesen Flug zu überlassen, um die Ehre des Stadtrates zu retten. Ich nahm das Angebot an, ohne weitere Einzelheiten über den geplanten Flug zu kennen. Spannend war es schon. Erst kurz vor dem Start, informierte man mich darüber, dass das Segelflugzeug durch einen Windenstart in die Höhe gezogen werde. Ich setzte mich, in der Hoffnung auf einen guten Ausgang des Unternehmens, in das Segelflugzeug. Die Kabine wurde geschlossen, die Winde zog an, die Maschine hob ab und wurde mit zunehmender Geschwindigkeit, in kürzester Zeit, steil nach oben katapultiert. Bei schönstem Sonnenschein flogen wir eine große Runde über die Stadt. Es war nichts zu hören als der Fahrtwind. Ab und zu bemerkte ich, wie Aufwinde die Maschine anhoben. Viel zu früh setzte der Pilot wieder zur Landung an. Wir erreichten genau den Ort, an dem wir vor einigen Minuten gestartet waren.

Wir Mitglieder der Wählervereinigung mussten im Laufe der Zeit erkennen, dass es im Stadtrat und den Ausschüssen nicht so leicht war, die Verwaltung dafür zu gewinnen, Rheinfelder Bürger, mehr als bisher, bei der Vergabe städtischer Wohnungen zu berücksichtigen. Unsere ständigen, kritischen Hinweise, führten aber dazu, dass gelegentlich auch jungen ortsansässigen Familien Wohnungen zugeteilt wurden. Es bestand aber öfters eine deutliche Diskrepanz, zwischen den Erwartungen unserer Wählervereinigung und den Vorstellungen anderer Parteien mit den entsprechenden Ergebnissen bei den Abstimmungen im Stadtrat. Als die Verpflichtungen aus diesem Amt zunahmen und die Möglichkeiten, auf Entscheidungen Einfluss zu nehmen, sich sehr in Grenzen hielten, stellte sich mir immer mehr die Frage, ob ich mit der Wahl zum Stadtrat auf dem richtigen Weg war. Es belastete mich gelegentlich sehr, von mir erkanntes Unrecht zwar aufdecken, aber nicht wirkungsvoll bekämpfen zu können. Meine Parteifreunde und ein mir gut bekannter Priester, ermutigten mich in diesen schwierigen Situationen.

Wie in einem Spiegel reflektiert die Arbeit im Stadtrat und in den Ausschüssen, das Zusammenspiel und die Gegensätze der Interessen politischer Gruppen, Vereine, Kirchen und der Wirtschaft in einem Gemeinwesen. Das notwendige Verständnis sozialer Zusammenhänge und das Wertebewusstsein, sah ich im Schwinden, egoistisches und rücksichtsloses Durchsetzen der jeweiligen Ziele im Wachsen. Ich
überlegte mir immer mehr, welche Grundeinstellungen, Normen, und Werte unverzichtbar sind, um ein geordnetes, sinnerfülltes Leben in Gemeinschaft mit anderen Personen zu gewährleisten. Ich besann mich zunehmend auf meine christlich- und humanistischen Wurzeln. Die Stadtratstätigkeit und mein Beruf ließen mir immer weniger Raum, persönlichen Interessen und Hobbys nachzugehen. Ich wurde ja nicht nur von meinen Parteifreunden angesprochen, sondern auch von anderen Bürgern, deren Interessen ich wahrnehmen sollte. Von den vielen Verpflichtungen im Beruf und Amt in Anspruch genommen, regte sich in mir immer mehr die Frage, ob ich mich zum Politiker eigne, der zwangsläufig, zum Ziel führende Strategien entwickeln muss, und Helfer benötigt, die zu ersetzen sind, wenn sich Konstellationen ändern, und der sich Mehrheiten beschaffen muss, um in den nächsten Wahlen zu bestehen. Es vergingen einige Jahre, bis ich erkannte, dass ich schon lange in eine andere Richtung strebte.

Ansicht von Rheinfelden(Schweiz)

Erinnerungen an eine bewegte Zeit

Wir befanden uns im vierten Jahr des auf allen Seiten unter großen Verlusten geführten zweiten Weltkrieges. Die deutschen Truppen zogen sich nach anfänglichen Erfolgen an allen Fronten zurück. Viele  Städte lagen zerbombt in Trümmern. Dennoch wurden über die Medien Durchhalteparolen verkündet. Es kursierten Nachrichten, die eine Wende zu unseren Gunsten durch geheime Waffen versprachen. Die Menschen waren des Krieges überdrüssig, viele Soldaten verletzt, gefallen, oder in Gefangenschaft geraten. Werber bemühten sich dennoch, Jugendlichen „ in letzter Stunde“ den Waffendienst zu empfehlen.

Seit zwei Jahren, bis ins Frühjahr 1944, wohnte ich mit Billigung meiner Mutter, in einem Bauernhaus bei Verwandten auf dem Hotzenwald.  Mutter- und Vater – Berger hatten mich wie einen Sohn aufgenommen. Ihre eigenen Söhne waren im Feld, der älteste Sohn bereits gefallen. In dieser Zeit litt ich keine Not. Ich arbeitete im Jahreskreislauf im Stall und auf den Feldern mit, wie die anderen Bauernbuben der Ortschaft. Die „Berger-Mutter“ mit ihren roten Wangen, den aufmerksamen blauen Augen und den nach hinten zu einer Rolle geflochtenen, grauen Haaren,  war tief religiös. Der stämmige, mittelgroße, „Berger-Vater“ war stolz auf seinen Nebenberuf als Straßenwärter. Nach den wöchentlichen Gottesdiensten in der kleinen Kapelle, kam unser Pfarrer, einer alten Tradition zufolge, ins Bergerhaus zum FrühstückEr scheute sich nicht, wenn Not an Mann war, bei der Heuernte mit an zu packen. In  meiner Erzählung „ Der Hotzenbischof“, habe ich mich  dankbar seiner erinnert. Als ihm die Nationalsozialisten den Zutritt zur Schule verwehrten, gab er uns Religionsunterricht in der Stube eines Bauernhauses. Das verband uns Buben und Mädchen noch mehr mit diesem Pfarrer, der in schweren Zeiten für uns ein Vorbild war. Ich folgte seinen überzeugenden Worten, mit denen er über unseren katholischen Glauben sprach, mit großer Aufmerksamkeit, und stellte viele Fragen. In seinem Abschlusszeugnis zeichnete er mich als seinen besten Schüler aus.

In der 7. und 8. Klasse besuchte ich die Schule in Kleinherrischwand. Einige der Buben und Mädchen lernte ich in diesen zwei Jahrenäher kennen. Den Jungen war ich zwar körperlich unterlegen, sie respektierten mich aber der schulischen Leistungen wegen. Unsere Lehrerin, eine hübsche Elsässerin, die sich oft in verführerischer Pose mit ihrem kurzen Rock auf die ersten Bänke setzte, habe ich nicht nur wegen ihres lebendigen Unterrichts angehimmelt. Zu Ostern 1944 war die Schulzeit zu Ende. Mein Vater hatte mir in einem seiner Briefe Ende August 1943 mitgeteilt, dass er als Gebirgsjäger bereits seit 4 Jahren an verschiedenen Fronten im Einsatz sei. Er ließ mich wissen, dass er mich in jeder Hinsicht bei meiner Berufswahl unterstütze. Ich könnte bei ihm in Karlsruhe wohnen, falls ich den Besuch einer Hochschule anstrebte. Nach einem Gespräch mit meiner Mutter entschied ich mich aber für meine Heimatstadt Rheinfelden. Ich beabsichtigte, eine kaufmännische Lehre zu beginnen, da mir dies aus damaliger Sicht wünschenswerter erschien.

Nach dem Schulabschluss verabschiedete ich mich dankbar von den liebenswerten „Berger-Eltern“ mit dem Versprechen, dass ich sie nicht vergessen und wieder besuchen werde. Unverzüglich stellte ich mich bei der Firma Metzger, einer größeren Bauunternehmung in Rheinfelden vor, wurde akzeptiert, begann die Lehre im April 1944, besuchte in dieser Zeit die Handelsschule und beendete beides erfolgreich mit der Gehilfenprüfung zum Baukaufmann im April 1947. Da nach dem Krieg wenig Aussicht bestand, als Baukaufmann irgendwo unter zu kommen, blieb ich der günstigeren Bedingungen  wegen, in dieser Firma bis zum Jahre 1962. Zunächst wurde ich  in der Lohnbuchhaltung eingesetzt und bediente zusätzlich die Besucher mit ihren Anliegen am Schalter. Manchmal kam in mir Ärger auf, wenn ich die Abwesenheit unseres Chefs mitzuteilen hatte, obwohl er oben in seinem Büro saß. Angenehmer war es, wenn sich der Lohnbuchhalter, der Wert auf gutes Essen legte, sein Vesper holen ließ, und mir einen nahrhaften Trägerlohn zuteilte. Ich hatte auch die angenehme Aufgabe, wöchentlich die Lohntüten zu den Baustellen zu bringen. Dort war ich in dieser Funktion bei den Polieren, Maurern und Hilfsarbeitern gern gesehen, konnte mich auf den Baustellen umsehen, und den Fortschritt der Arbeiten beobachten. Noch heute erfasst mich ein Kribbeln, wenn im Frühjahr die Baumaschinen wieder brummen. An die regelmäßige Arbeitszeit, auch an Samstagen von 8-12, und an den anderen Tagen auch mittags von 13-17 Uhr, musste ich mich aber erst gewöhnen. Schon wenige Minuten nach Feierabend klopfte ich an die Türen meiner Freunde Rolf und Berthold. Wenn wir abends nicht zu dritt auf Tour waren, wurden wir gefragt, ob einer von uns krank sei? Berthold verdiente damals als Uhrmacherlehrling am meisten, und hielt uns oft über Wasser, wenn wir schwach bei Kasse waren.

Ich wohnte wieder zu Hause und bekam ein eigenes Zimmer, das ich in späteren Jahren mit einfachen Möbeln und einem Radio nach eigenen Vorstellungen einrichtete. Unsere Mutter hatte es mit mir, einem 14-jährigen, eigenwilligen Knaben, und meinem ebenso lebendigen, vier Jahre jüngeren Bruder nicht leicht. Sie achtete streng auf die Einhaltung der Essenszeiten und die häusliche Ordnung, als wir jünger waren, gelegentlich unter Zuhilfenahme ihres Teppichklopfers. Mein Bruder war mir, wahrscheinlich zu recht vor, ich sei oft schneller gewesen, wäre durchgehuscht und er hätte an meiner Stelle die Prügel bezogen. Die Mutter ließ uns ansonsten große Freiheit, und sagte nur, wenn ich spät nach Hause kam: „ich solle ihr keine Schande machen“  was immer das bedeutete. Oft gab es, wie mir schien wegen ihres Starrsinns, vermutlich ein Erbe ihres autoritären Vaters, lebhaft geführte Auseinandersetzungen. Ein Grund mehr, Abstand zu halten, und Verständnis bei meinen Freunden zu suchen.

Der Krieg war gelegentlich auch in Rheinfelden zu spüren. Wir saßen oft nach dem Sirenengeheul nachts ängstlich im Luftschutzkeller, hörten die Geräusche der Flugzeuge und einmal den Einschlag von Bomben im Industriegebiet. Tiefflieger griffen damals auch Fahrzeuge auf Zufahrtsstraßen an. Im Herbst 1944 wurden wir zum Schanzen nach Efringen-Kirchen abgestellt. Wir mussten Panzergräben herstellen. Gleichzeitig waren wir Weinbauern zugeteilt, um bei der Lese mit zu helfen. Ich habe nie vergessen, wie der altersschwache Bauer, dem wir zugeteilt waren, volltrunken, ohne Schaden zu nehmen, eine steile Treppe des Hauses herunter kugelte, wieder aufstand, und auf unsicheren Beinen davon wankte.

Einige Monat später, ich war damals gerade 15 Jahre alt, wurde ich für drei Wochen in ein „Wehrertüchtigungslager“ zur vormilitärischen Ausbildung einberufen. Dann kam es zu einer entscheidenden, uns sehr überraschenden Situation: Wir wurden in einen Saal geführt, in dem Werber an den Wänden Photographien der verschiedenen Waffengattungen aufgehängt hatten. Mich überzeugte der glänzende Vortrag über die Vorteile eines Achtrad-Panzer-Spähwagens, der vorn und hinten steuerbar war, und dessen Reifen sich bei einem Durchschuss wieder selbständig abdichteten. In meinen Augen eine Lebensversicherung, und so meldete ich mich mit andern Kameraden aus derselben Klasse freiwillig zur Waffen-SS. Als ich dies abends stolz Bertholds Vater erzählte, hätte er mich  am liebsten verprügelt. Er erklärte mir in scharfem Ton: „Der Krieg sei doch verloren!“ Ich habe ihm diese Gardinenpredigt nicht übel genommen, und ihn auch nicht verraten. Er wäre ja sonst wegen Zersetzung der Wehrkraft verhaftet worden. Die Ereignisse nahmen nun ihren eigenen Lauf. Unsere Mutter war in großer Sorge.

Wir wurden Wochen zur Ausbildung einberufen. Auf unserer Fahrt erlebten wir in Immendingen den ersten Tieffliegerangriff und suchten, wo immer möglich, Deckung. Nach diesem Angriff war die Begeisterung bei vielen Schulkameraden dahin. Sie flohen, und kamen wieder zurück nach Rheinfelden. Mit zwei weiteren Kameraden, die nicht desertieren wollten, gelangte ich nach einer Übernachtung im zerstörten München, nach Mittenwald. Dort bekam ich zum Glück eine schwere Angina und lag deshalb einige Zeit auf der interne Krankenstation. Dadurch entkam ich der militärischen Ausbildung, wurde nicht eingekleidet, und bekam auch keine Blutgruppe tätowiert. In dieser Krankenstation lagen nur altgediente Soldaten, die versuchten, das Kriegsende abzuwarten, Sie gaben mir Nachhilfe zur Beurteilung der wirklichen Lage. Als am 20. April 1945, an Führers Geburtstag, keine Geheimwaffen zum Einsatz kamen, überzeugten mich die Argumente der Landser. Ich entschloss mich danach, trotz der damit verbundenen Gefahren, zu entkommen.

In meiner Hitlerjugend-Winteruniform, mit Brot und Wurst in einem Einkaufsnetz, und einem Regenschirm, stieg ich nachts über die Kasernenmauer. Mein Ziel war, Richtung Bodensee zur Tante nach Singen zu gelangen. Zu Fuß, gelegentlich auf einem Traktor, gelangte ich nach Radolfzell. Dort wurde ich mit anderen Jugendlichen von einer Streife gestellt, eingekleidet und zur Verteidigung von Radolfzell eingesetzt. Wir bauten uns zur Übernachtung Schützenlöcher. Ich wurde als Zugmelder und Verbindungsmann eingeteilt. Diese Aufgabe führte ich einmal durch, um zu berichten, dass französische Panzer auf der Straße vorrückten. Wir befanden uns auf einem kleinen Hügel. Einige Stunden später kämmten gepanzerte Fahrzeuge auch unser Gelände durch. Wir versuchten uns vor dem Maschinengewehr-Feuer zu schützen und robbten in einer Ackerfurche in den toten Winkel. Ich war nicht einmal in dieser Technik erfahren, und ich blieb, obwohl ich bat, auf mich zu warten, zurück. Das war mein Glück, denn ich konnte nun beobachten, wie meine Kameraden, die bergauf über freies Feld zu einem Waldstück zu gelangen suchten, nacheinander wie die Hasen abgeschossen wurden.

Ich handelte intuitiv: Bei der Einkleidung in Radolfzell hatte ich keine Unterwäsche gefasst, sondern meine Winteruniform anbehalten. Ich vergrub meinen Wehrpass, ließ den Waffenrock und die Waffen in der Ackerfurche zurück, war nun als Hitlerjunge erkenntlich, schwenkte eine weiße Binde, als Zeichen mich zu ergeben, und ging den Franzosen entgegen. Mehrmals wurde ich energisch befragt, ob ich zur Waffen-SS gehörte. Ich gab mich als Hitlerjunge aus, der ich ohne Ausbildung und je einen Schuss abgegeben zu haben ja auch war. Dennoch war es eine schwierige Situation, denn die Pistolen saßen damals sehr locker. Ich weiß auch nicht wie man mich behandelt hätte, wenn ich die Blutgruppe gehabt hätte, denn alle Angehörigen der Waffen-SS wurden aussortiert. Wir wurden mit erhobenen Händen gesammelt, durften sie erst nach einiger Zeit auf den Kopf legen, uns dann später setzen, und wurden nach  Radolfzell transportiert. Dort brachte man uns in das Stadtgefängnis. Ich war noch nie an einem solchen Ort, bekam schreckliche Angst, und weinte. Ein französischer Offizier, führte mich mit gezogener Pistole aus dem Gefängnis und übergab mich in einer requirierten Wohnung, mit der Anordnung mir zu essen zu geben und weiter zu helfen, einer deutschen Familie. Als ich anderntags erwachte, war die Wohnung leer. Ich bedankte mich freundlich auf einem Zettel bei meinen Gastgebern, klaute ein Fahrrad, und fuhr nach Singen zu meiner Tante. Diese schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als ich etwas zerzaust dort ankam.

Um von Singen weiter zu kommen, brauchte man einen Passierschein, der schwer zu erlangen war, weil viele Menschen sich in der großen Stadt sammelten, die ebenfalls weiter wollten. Nach einigen Tagen gelang es mir, meine Tante davon zu überzeugen, dass ich unbedingt nach Hause wollte. Ausgestattet mit einem Einkaufsnetz, Verpflegung, und einem Regenschirm, gelangte ich an die Stadtgrenze, die mit einer bewachten Schranke versehen war. Hier hatte ich wieder Glück: Eine junge, hübsche Frau, zog einen Leiterwagen. Ich gesellte mich zu ihr mit der Bitte, mich nicht zu verraten und zog deren Leiterwagen durch die Schranke, während die französischen Soldaten sich interessiert mit ihr unterhielten. Auf einer kleinen Kommandantur außerhalb Singens, gelang es mir dann einen Passierschein bis Waldshut zu bekommen. Nun stiefelte ich über den Randen, von Schranke zu Schranke, Richtung Heimat. Gelegentlich forderten mich die Wachen auf, ihr Geschirr zu spülen. Ich entschloss mich in Dogern, einem kleinen Ort bei Waldshut, eine Verlängerung meines Passierscheins zu bekommen, und kam dann zu Fuß nach diesen Erlebnissen wieder in Rheinfelden an. Meine Mutter war mehr als überrascht, als ich gesund und wohlbehalten wieder zu Hause war.

Nach Kriegsende hatte die Bauunternehmung Metzger wieder mühsam den Betrieb eröffnet. Dort stellte ich mich vor, um meine Lehre fortzusetzen. Als ich mich am Schalter meldete, und das vertraute Gesicht des Lohnbuchhalters sah, erschrak ich sehr. Er war so abgemagert, dass ihm der Kragen seines Hemdes mehrere Zentimeter vom Hals abstand. Nur ganz langsam begriff ich, was ein verlorener Krieg und die französische Besatzung bedeuteten. Der Zusammenbruch des Ideals von Führer Volk und Vaterland, war fast noch schwerer zu ertragen, als der andauernde Hunger und der Kampf ums Überleben. Nun wurde uns mit schonungsloser Deutlichkeit vor Augen geführt, was in den KZ-Lagern geschah. Davon hatte auch ich keine Ahnung. Umso mehr erschütterten uns die grauenvollen Bilder und die Berichte über die Gräueltaten. Meine Reaktion: Nie wieder Krieg, und der Entschluss, dem Frieden ohne Waffen in der Hand zu dienen. Ich wurde später als einer der so genannten „weißen Jahrgänge“ auch nicht mehr zur Bundeswehr eingezogen. Gott sei Dank, musste ich bis zum heutigen Tag niemals auf Menschen schießen. Es gab aber auch andere Erfahrungen: Nach dem Krieg wollte niemand mehr Nationalsozialist gewesen sein. In der Handelsschule grüßten die Lehrer uns nun mit Grüß Gott. Alles, was mit Stolz auf das deutsche Vaterland zu tun hatte -das war ja nicht nur das Dritte Reich- erschien bedeutungslos. Ich begann mich mit der französischen Nation und den Vorstellungen von einem  geeinten Europa anzufreunden.

Erst viel später, nach einer längern Reise mit meinem Pfarrer durch ganz Frankreich, die mit einem gesalzenen Strafmandat wegen Überschreitung der Geschwindigkeit endete, kam es zu einer ersten Ernüchterung mit den Fragen, ob wirklich nur wir Deutsche an diesem Elend schuldig waren? Ich begann, ohne darüber zu reden, auch mich zu fragen, was andere Nationen getan hatten. Die Atombomben auf Japan, der grausame Luftkrieg gegen die wehrlose Zivilbevölkerung in deutschen Städten, die Vertreibung Deutschstämmiger ausdem Osten und vieles andere erschien mir ebenso kritikwürdig. Es war aber mehr als erstaunlich, dass alle Älteren, die ebenfalls geschockt waren, große Nachteile befürchteten, wenn sie von ihren Erfahrungen im Dritten Reich erzählt hätten. Ich habe selbst erst viele Jahre nach Kriegsende, außerhalb der Familie, zum ersten Mal mit gleichaltrigen Freunden über diese bittere Zeit gesprochen. Ein befreundeter Schweizer, dem es gestattet war, während des Krieges die Schule in Rheinfelden-Schweiz zu besuchen, erklärte in der Runde, dass er in der Schweiz “Sauschwabe“ in Deutschland „Schweizerlöli“ genannt wurde. In Wirklichkeit hätte er auch ganz gern die Hitlerjugend-Uniform wie wir getragen.

Während bei uns in den Hungerjahren nach dem Krieg geklaut wurde, was nicht niet- und nagelfest war, musste ich mit der Erfahrung zu Recht kommen, dass, nach der Grenzöffnung zur Schweiz, dort die Einkaufsnetze mit den Lebensmitteln, unbeschadet an den Fahrrädern hängen bleiben konnten. Wir hatten doch auch unsere Ehre, und sehr darunter gelitten, dass der unselige Krieg mit dazu beitrug unsere Wertvorstellungen in Deutschland zu destruieren. Wir litten in Rheinfelden sehr unter der französischen Besatzung. Die Maschinen und technischen Anlagen, die noch zu gebrauchen waren, wurden als Beute abtransportiert. Viele Menschen kamen wegen ihrer Nähe zu den Nationalsozialisten in Lager zur Entnazifizierung. Auch der Vater eines Freundes, der während des Krieges unabkömmlich gestellt wurde, ohne die Partei-Ideologie zu vertreten, wurde längere Zeit in ein Lager gesteckt. Es fehlte an allen Ecken und Enden am Nötigsten. Vor allem in den Jahren 1945 und 1946 mangelte es an Nahrungsmitteln. Wir litten schrecklichen Hunger:

Unsere Mutter teilte uns das Brot zu, und ich nahm mir etwas von dem, was meinem Bruder gehörte. Er erregte sich so, dass er keine Luft mehr bekam. In größter Panik spritzte ich ihn mit kaltem Wasser ab, um ihn vor dem Ersticken zu retten. Eines Tages aber sagte unsere Mutter, sie habe nichts mehr zu essen. Wir Buben gingen dann gemeinsam nachts auf die umliegenden Felder und brachten Lauch nach Hause. Selbst Kartoffeln gehörten zu den Kostbarkeiten. Eine reichliche Kirschenernte nutzten wir Buben aus, um unseren Hunger auf den Bäumen zu stillen. Wir gingen alle hamstern. Mein Bruder war ein liebenswerter, hartnäckiger Bettler. Wenn er vorn zur Türe hinaus komplimentiert wurde, erreichte er es, bei einem erneuten Versuch oft über den Hintereingang, Beute zu machen. Ich war eher in der Lage zu verhandeln, wenn brauchbare Gegenstände aus unseren Besitz gegen Lebensmittel einzutauschen waren. Eines Tages wanderten wir über Säckingen hinauf nach Giersbach zu unseren Verwandten, bekamen Speck und Butter zugesteckt, und einen Sack mit Kartoffeln. Auf dem Rückweg machte unsere Mutter schlapp, und wir zogen sie zusammen mit den Kartoffeln auf dem Leiterwagen nach Hause.

Sie hatte in der Hungerzeit zu Weihnachten Plätzchen gebacken, um uns eine Freude zu machen. Ich entdeckte die Dose in ihrem Schrank im Schlafzimmer versteckt, und versorgte mich mit einer Handvoll dieser Süßigkeiten. Nach einigen Tagen startete ich einen erneuten Versuch und staunte sehr, denn ich hatte den Eindruck, dass ich nicht so viele Plätzchen entwendet hatte. Trotzdem bediente ich mich weiter. Dann kam der Weihnachtsabend.  Unsere Mutter wollte uns mit dem Gebäck überraschen, und kehrte blass, tief gekränkt, enttäuscht und wütend, mit der Frage zurück, wer die Plätzchen gegessen habe? Ich gestand betreten meine Schuld mit der Bemerkung, dass ich zwar davon genommen, aber nicht alle gegessen hätte. Mein Bruder schloss sich mit seinem Bekenntnis an, und bemerkte, nun sei ihm endlich klar, wer auch noch genascht habe. Die Weihnachtsstimmung war unter diesen Umständen erheblich beeinträchtigt.

Wir drei waren damals sehr auf einander angewiesen, vor allem nach der Scheidung unserer Mutter. Mein Stiefvater wurde als Kommunist lange in einem Konzentrationslager interniert und kam erst nach dem Krieg wieder frei. Er heiratete erneut, erkrankte, und hinterließ nach seinem Tod in den Jahren nach dem Krieg Frau und Kinder. Erst in diesen Tagen begriff ich nach einem Gespräch mit meinem Bruder, dass er im Unterschied zu mir, seinen Vater gar nicht erlebte. Ich bin leider nach der Kinderzeit, meinem Stiefvater nie mehr begegnet, um ihm danken zu können. In der Rolle des Ältesten war ich immer gefordert, einzuschreiten, wenn es galt, die Regeln und Ansichten unserer Mutter zu verteidigen. Ich nahm sie in Schutz, wenn sie sich aus irgendwelchen Gründen mitden Mietern angelegt hatte, obwohl ich manchmal unsicher war, ob sie im Recht war. Nachdem mein Bruder ebenfalls Arbeit in der Firma Metzger fand, wanderte auch der größere Teil seines Verdienstes, wie bei mir, in die Familienkasse. Einen bescheidenen Anteil unserer Entlohnung, gab uns die Mutter zur eigenen Verwendung. Sie selbst arbeitete, nachdem die Grenze wieder geöffnet war, in der Schweiz, um Geld zu verdienen. Damals gab es bei uns weder Radio noch Fernsehen. Wir sangen daher viel zusammen. Alle Volkslieder und Schlager, die unsere Mutter einst mit uns sang, gehören heute noch zu meinem Repertoire. Mir fällt im Moment das schöne Lied in Schweizer Mundart ein:  „Lueget vo Berge und Tal, flieht scho de Sunneschtrahl…“, das wir abends sangen. Wenn wir den Ton nicht genau trafen, war das für Mutters Ohren unerträglich. Entsprechend deutlich fiel dann Ihre Kritik aus. Ich wunderte mich auch oft, wer ihr die Regel beigebracht hatte, nach einem guten Essen sofort unser Geschirr von Hand zu spülen. Es gab damals bei uns weder Spül- noch Waschmaschine.

Unsere Mutter produzierte manche komisch Szene: Sie beschloss einmal, uns Buben einzusetzen, um die Wohnung gemeinsam zu streichen. Weder mein Bruder noch ich hatten die geringste Ahnung wie das geht. Jeder meinte aber zu wissen, was zu geschehen habe. Die Mutter behielt sich vor, dafür zu sorgen, dass bei diesem Geschäft alles sauber blieb. Es ist nicht zu beschreiben, wie wir uns gegenseitig in die Haare gerieten, und wie die Wohnung nach unserer Arbeit aussah. Bei anderer Gelegenheit saß unser Untermieter mit uns zusammen in der Küche. Unserer Mutter entwich vernehmbar ein „ Windchen“. Sie behielt die Fassung und setzte die unschuldigste Miene der Welt auf. Wir drei Herren bemerkten die Peinlichkeit sofort, und konnten nur mühsam unser Lachen unterdrücken. Es war wie eine Erlösung, als mein Bruder zu kichern begann. Wir amüsierten uns alle köstlich, während die Mutter noch einen letzten Versuch wagte, die reine Unschuld zu spielen. Ich war glücklich, als mein Freund Harald bei uns ein Zimmer bekam. Seine Leidenschaft galt der Photografie. Unsere Mutter konnte es nicht fassen, als sie bei einem nächtlichen Kontrollgang feststellte, dass Harald die Küche in eine Dunkelkammer verwandelt hatte. Das Mietverhältnis wurde mit sofortiger Wirkung gelöst. Ich konnte aber leider meinen Freund nicht retten. Wir verblieben dennoch bis zum heutigen Tag in einem beidseits sehr erfreulichen Kontakt.

Mit der hochdeutschen Sprache stand unsere Mutter zeitlebens auf Kriegsfuß. Einmal erklärte sie uns entrüstet, nachdem sie von einem Kuraufenthalt zurückkam, wie wenig man sie dort verstanden habe. Sie habe sich doch so bemüht hochdeutsch zu reden und eine Mitbewohnerin gebeten: „Bringen sie mir bitte meine Schlappen!“ und als diese nicht reagierte, sich verbessert: „Ich mein die Finken da!“ Sie sei sehr enttäuscht gewesen, als ihre Mitbewohnerin nicht begriff, dass sie ihr die Hausschuhe bringen sollte. Die Mutter fuhr bei anderer Gelegenheit per Bahn über das nahe gelegene Basel hinaus nach Weil. Dort musste sie die Strecke von Basel nach Weil am Bahnschalter nachlösen. Sie stellte kühl und gelassen fest, als ihr der Betrag zu hoch erschien:  „ Sie sind ja verrugt!“ der Beamte schrie erregt: „Beamtenbeleidigung!“ unsere Mutter entgegnete unbeeindruckt und gelassen: „jetzt spinnt er au no!“ Einige Jahre später: Mein Bruder war längst ein erfahrener Handels-vertreter und erfolgreicher Verkäufer. Er begleitet unsere Mutter, die ein Sofa zum angebotenen Sonderpreis erwerben wollte. Sie erkundigte sich, ob der günstige Preis gehalten würde? Der Verkäufer bejahte. Dann betrachtet sie das Objekt genauer, entdeckt einen kleinen Fehler, und handelt einen Sondernachlass aus. Es gelang ihr auch, erfolgreich auf den drei Prozent Skonto bei Barzahlung zu bestehen. Als sie aber noch ungeniert auf der Forderung beharrte, ihr stünden laut Angebot  bei der Höhe des Preises einige Handtücher gratis zu, machte sich mein Bruder aus dem Staub. Unsere älteste Tochter, eine gebürtige Münsteranerin, war mit uns zu Besuch bei der Rheinfelder-Oma. Auf der Heimreise erklärt sie uns, die Oma sei ja sehr lieb zu ihr gewesen, habe ihr Schokolade geschenkt, und viel mit ihr geredet, und dann – unter einem Seufzer – : „wenn sie nur deutsch reden könnte!“

Die Mutter hatte aber auch andere Seiten: Ich wurde zunehmend älter, eigenwilliger, kritischer und erprobte mein Überlegenheit. Sie verstand es jedoch ausgezeichnet, mich bei den nun häufigeren Konflikten „auf die Palme zu bringen“. Einmal reizte sie mich durch ihre Argumentation und gewöhnliche Sprache bis zur „Weißglut“. Ich hielt ein kleines Küchenmesser in der Hand und warf es in meiner Wut wie ein Indianer, so dass es in der Küchentüre stecken blieb, mit der Bemerkung: „Jetzt ist es genug!“ Wenn sie sich dann in ihr Zimmer zurück zog oder auf einem Stuhl schaukelte und Lieder summte, wusste ich, weiter zu reden macht keinen Sinn. Die einzige Möglichkeit bestand dann darin, Abstand zu halten, mich aus dem Staube zu machen. Erst mit den Jahren begriff ich, dass ein  gelegentlicher Rückzug und ein Ausgleich von Distanz und Nähe im gegenseitigen Interesse lagen. Wenn sich der Pulverdampf verzogen hatte, schenkte ich ihr, wie zuvor, nach dem sonntäglichen Gottesdienst Blumen, oder brachte Kuchen mit. Gelegentlich fuhren wir auch einträchtig nach Basel, um uns die Stadt und die Geschäfte anzusehen. Auf einer Photographie aus jener Zeit, reichte ich meiner Mutter den Arm. Sie ging, schick gekleidet, an meiner Seite. Wir schauten beide auf diesem Bild sehr zufrieden aus.

Wenn wir uns bei einem Wortgefecht nicht einigen konnten, und Abstand nötig war, besuchte ich enttäuscht und geknickt, meinen Freund Ernst. Er hatte Verständnis für meinen Kummer und war in der Lage, mich meistens mit tröstenden Worten  wieder zu ermutigen. Ihn kannte ich schon vor Ende des Krieges. Er dressierte Schäferhunde. In der damaligen Zeit gründeten wir den Wassersportverein Möwe mit den hohen Idealen: „Nicht zu rauchen, keinen Alkohol zu trinken, Abstand von Frauen zu halten und viel Sport zu treiben. Ernst besaß auch eine große Sammlung an Gewehren und Pistolen, die wir in seinem eigenen Schießstand zu Übungen benutzten.  Einmal spornte er mich zu sportlichen Übungen an. Ich folgte ehrgeizig und verbissen seinen Anordnungen. Danach lag ich bei ihm mit Fieber im Bett. Ernst besaß aber auch einen schönen Flügel auf dem ich improvisieren durfte. Er übte als Musikstudent oft an der Orgel, während ich den Blasebalg zu treten hatte. An einem trüben Tag,  saßen wir unter dem tief gezogenen Dach des alten Hauses. Um uns herrschte eine gemütliche Unordnung. Wir hörten den Regentropfen zu, die auf das Dach prasselten. Unsere einzige Aufgabe bestand darin, harte Erbsen aus trockenen Schoten zu pulen. Ich habe den Klang der Erbsen noch im Ohr, die in unsere Blechschüsseln fielen, und spüre erneut das Vergnügen, in die Schüssel zu greifen, und die Erbsen durch die Finger gleiten zu lassen. Ernst macht seinem Namen alle Ehre. Manchmal erschien er mir bei seinen musikalischen Vorlieben fast zu ernst. Er spielte mit Hingabe Kompositionen von Bach. Da ich mich aufgeschlossen erwies, führte er mich beharrlich in die klassische Musik ein. Ich besitze heute noch Schallplatten und CDs in meiner Sammlung, die er mir schenkte. Leider konnte er wegen einer Verletzung nicht mehr selbst musizieren und starb vor wenigen Jahren. Ich hatte aber zusammen mit meiner Frau das Vergnügen, seinen Sohn Rainer, der es wie so oft im Leben weiter brachte, als sein Vater, anlässlich eines Konzertes an der Orgel zu hören. Er spielte Werke von Buxtehude. Für mich wirkten seine Darbietungen über die Perfektion hinaus, wie musikalische Gebete.

Am 5. März 1946 erhielt ich einen Brief von meinem Vater, dass er seit 6 Wochen wegen einer schweren Krankheit stationär behandelt werde. Damals waren die Besatzungszonen abgegrenzt. Nach früheren Erfahrungen zog ich es vor, die Reise nach Karlsruhe ohne Passierschein anzutreten. Ich wollte meinen kranken Vater aber unter allen Umständen besuchen. Es gelang mir, unauffällig und ohne Kontrolle die Schranke zu passieren und die Gaststätte Baden, die meine Stiefmutter bewirtschaftete, zu finden. Sie ging sofort mit mir zum Krankenhaus. Wir standen in der offenen Tür zum Bettensaal. In den etwa 30 Betten lagen Patienten in gleichen weißen Bettbezügen. Meine Stiefmutter sagte zu mir: „ Franzel, such Deinen Vater!“ Ich war ihm seit meiner frühen Kindheit nicht mehr begegnet und besaß nur Photos von ihm. Wie an einer Schnur gezogen, ging ich auf sein Krankenbett zu. Ich erinnere mich aber nicht mehr daran, was wir uns zu sagen hatten. Es war das letzte Mal dass ich meinen geliebten Vater lebend sehen konnte. Am 26.8.1946 starb er. Ich fuhr wieder nach Karlsruhe zur Beerdigung. Damals lagen in einer Wiege Zwillinge, meine Schwester Doris und mein Bruder Peter, die unseren Vater nie kennen lernten. Obwohl auch ich ihn wenig erleben konnte, manchmal sehr vermisste, und nur seine Briefe und zwei Ölgemälde von eigener Hand zur Erinnerung in Ehren halte, blieb ich ihm über seinen Tod hinaus in Gedanken immer nahe.Nachdem ich in die „Jahre“ kam, begann ich mich immer mehr für unsere Verwandtschaft zu interessieren. Verwandte mütterlicherseits aus dem Hotzenwald, von Todtmoos, Engelschwand und Giersbach besuchten uns gelegentlich. Eine Schwester meines Vaters, Tante Gretel und ihr Mann, ein Zollbeamter, kamen öfters zu Besuch. Tante Gretel hielt die väterliche Familie zusammen. Zu den Verwandten in Amberg in der Oberpfalz, dem Geburtsort meines Vaters, und seinen in Bayern verstreuten Geschwistern, gab es in der Kriegs- und Nachkriegszeit leider keine Kontakte. In späteren Jahren lernte ich sieaber alle kennen und schätzen.

Harald, unser ehemaliger Untermieter, war in der bewegten Zeit bis zu meinem einundzwanzigsten Lebensjahr und darüber hinaus, mein geschätzter Gesprächspartner. Er frug mich damals öfter, warum ich nicht studiere. Ich gab ihm zur Antwort, dass es mir gut gehe, und ich kein Ziel erkennen würde, für das es sich lohne, ein Studium zu wagen. Das sollte sich später ändern. Ich erinnere mich aber gern an die regelmäßigen Besuche im Basler – Kunstmuseum und an die ausgezeichneten Vorträge über die „ Alten Meister „ während eines Winterhalbjahres.  Nun steuert meine Erzählung auf das bedeutungsvolle, Datum der Volljährigkeit zu. Meinen einundzwanzigsten Geburtstag habe ich sicherlich ausgiebig gefeiert. Ich kann mich aber beim besten Willen nicht mehr erinnern wo oder mit wem ich diesen Geburtstag verbrachte. In einer nächsten Erzählung, werde ich über Erfahrungen als Baukaufmann reden und darstellen, wie ich zur Würde eines Stadtrats von Rheinfelden aufstieg.

 

 

Der Birnbaum

Kein Laut ist zu vernehmen an diesem Morgen. Mensch und Natur gönnen sich eine Auszeit. Nichts stört das Schweigen. Die Stille erfasst auch mich. Durch die kahlen Bäume sind deutlich die verschlafenen Nachbarhäuser zu sehen. Es fehlt jede Spur eines Windhauches Tief am Horizont, hinter Wolkenbänken versteckt, lässt die neblig leuchtende Sonne, die Konturen entlaubter Bäume kräftig hervortreten. Ihr schräges Licht fällt in unser Wohnzimmer, zaubert edlen Glanz auf die silberne Teekanne und belebt ab und zu im Spiel mit dem Schatten unsere Wohnung.

Wie im Rahmen eines Bildes, richtet sich vor mir, beim Blick durch das Fenster, majestätisch der hohe, ausladende Birnbaum auf. Er steht an der Grenze unseres Grundstückes zur Klinge hin, die uns immer frische Luft zufächert. Nur die Birke mit ihrem weiß-grauen, schartigen Stamm, ist annähernd gleich hoch. Die schlanken Fichten zu ihrer Seite lassen lediglich an den überreifen krummen Zapfen die Jahreszeit erkennen. Sie legen keinen großen Wert auf Veränderung und halten jahrein, jahraus, an ihren dunkel- und hellgrünen stacheligen Zweigen fest. Zu Füßen des Birnbaums reihen sich, der Grenze entlang, wie Kinder im Reigen unsere Büsche.

Im Gegenlicht tritt die Schönheit unseres Birnbaums besonders deutlich hervor. Fest verwurzelt, Wind und Wetter trotzend, teilt sich der kräftige Stamm im formenreichen, bizarren Spiel, bis ins zarte äußerste Geäst. Wie eine Skulptur in ihrer nackten Schönheit, steht er entblättert vor meinen Augen. Staunend frage ich mich, welcher Künstler dieses vielgestaltige Astwerk auch nur annähernd darstellen könnte. Nun ist mehr als deutlich zu erkennen, dass er schon lange, wer weiß wie lange, seinen Platz behauptet, denn eine grüngraue Moosschicht bedeckt an der Wetterseite den kräftigen Stamm und die stabilen Äste bis hinauf in den Wipfel. Erhaben, stolz, steht er in seiner stillen Würde auf dem ihm eigenen Boden. Nur ab und zu bekommt der Birnbaum Besuch von einer Elster und einem Sperling. Dann zittern  Zweige aufgeregt bei der Landung und winken den Freunden beim Abflug leise nach. Wenn ich unseren Nachbarn in einer gedachten Linie umgrenze, ist unschwer zu erkennen, dass er ein wahrer Birn- und kein Apfelbaum ist. Wer wollte ihm diesen Anspruch streitig machen?

Er war vor uns da. Seit einiger Zeit dürfen wir uns an seinem übers Jahr wechselnden Liebreiz erfreuen: Im Frühling hüllt er sich in ein weißes Blütenmeer, im Sommer spendet er Schatten, im Herbst einen unerschöpflichen Reichtum an Früchten. Danach zeigt er uns seine markante Statur.

Er wird den Herbstwinden trotzen, diesen Winter überstehen und uns in unterschiedlicher Gestalt auch im nächsten Jahr an die Beständigkeit in aller Veränderung erinnern. Vielleicht freut sich unser stummer Freund ein wenig darüber, wenn wir ihn nicht übersehen und davon erzählen, wie reich er uns beschenkt. Wir dürfen mit seiner Verschwiegenheit rechnen. Er wird alle Worte in seinem „Herzen“ bewahren und hoffentlich auch die Menschen erfreuen, die nach uns kommen.

 

 

 

 

 

Das verlorene Gesicht

Alles war in tiefes Dunkel gehüllt an diesem frühen Morgen. Das Dorf zog sich die Decke noch einmal kräftig über die Ohren und erwachte nur zögerlich. Er saß in seinem erleuchteten Arbeitszimmer. Der Kampf zwischen Dunkelheit und anbrechendem Tag weckte zusehends sein Interesse. Vor seinen Augen vollzog sich ein staunenswerter, fließender Übergang: Vor dunklem Hintergrund hoben sich die ersten schattigen Umrisse der Tannen des Vorgartens ab. Die Konturen der umgebenden Häuser wagten sich nur zögernd aus dem Dunkel. Ein erleuchtetes Fenster da und dort, und hin und wieder Auto- und Zuggeräusche gaben zu erkennen, dass auch andere Menschen wach und unterwegs waren. Einige Straßenlaternen des nahe gelegenen Altersheims ließen es sich nicht nehmen, weiter ihren Schein zu verbreiten. Unverdrossen brannten sie Löcher in die nach Wochen der Trockenheit diesige Luft. Wie getränkte Schwämme kündigten tief hängende Wolken Regen an. Die im vollen Maien-Grün erwachten Bäume und Büsche rieben sich schlaftrunken die Augen. Ein Windhauch bewegte Zweige und Blätter. Gen Osten hatte sich aber „die Alte“, wie seine Großmutter die Sonne nannte, bereits ein Fenster in die Wolkenbänke gebrannt. In zart rosa orangenem Ornat kündigte sie an, dass der Machtwechsel hinter den Wolken bereits vollzogen war. Die Laternen durften wieder ausruhen; künstliches Licht war nicht mehr nötig.

Gebannt verfolgte ein Mann das immer mehr um sich greifende,
Licht der aufgehenden Sonne. Für einen Moment stellte er sich vor, der verstorbene Papst Johannes-Paul II würde mit seinem Gefolge an dieses Wolkenfenster heran treten, um den Tag und die Bewohner des Erdkreises „urbi et orbi“ zu segnen. Mit einem fröhlichen „Gelobt sei Jesus Christus“ grüßte der Mann den Papst im Himmel, wie auch auf Erden die Priester und freute sich an dem Gedanken, dass er ihm
mit einem ebenso freundlichen „in Ewigkeit Amen“ antworten würde. In diesem Augenblick erinnerte sich der Mann an seine verstorbene Großmutter, der er schon lange einen Platz unter den Selige zudachte. Aber er vermochte auch an diesem Tag, obwohl er sich anstrengte, ihr vertrautes Gesicht nicht unter dem Gefolge des Papstes zu erkennen. Der Mann hatte selbst um Jahre das Alter überschritten, das seine Großmutter erreichte, als er sie nach ihrem Tode so schmerzlich vermisste. Heute erinnerte er sich jedoch zwischen Schlafen und Erwachen, wider an sie und beschloss, endlich einmal zu erzählen, was er mit ihr zusammen erlebte:

Als Enkel teilte er das Schlafzimmer mit seiner Großmutter. Sein Bett befand sich neben dem Eingang in einer Ecke des Raumes. Die Großmutter schlief nicht weit von ihm entfernt an der Wand beim Fenster, das zur Straße führte. Das gemeinsame Zimmer war schlicht eingerichtet. Die Tage, aber auch Dunkelheit und Nächte standen unter Gottes Schutz. Dies deutete die Großmutter immer vor dem Einschlafen an, wenn sie ihren Enkel mit Weihwasser segnete.

Ihren abgebeteten Rosenkranz, der schon einige Perlen verloren hatte, hielt er allezeit hoch in Ehren. Er begleitete ihn bei allen Unternehmungen. Wie oft mochte die Großmutter, eine fromme Hotzenwälderin, diesen Rosenkranz für ihn gebetet haben. Zum Ende des Tages, betete er sich später selbst, an Stelle des Abendsegens der Großmutter, mit dem Rosenkranz in den Schlaf. Gelegentlich erinnerte sich der Mann wie heute an die Kindheit und an seine Großmutter:

Sie war eine stattliche Frau und trug Hausschuhe, die mit Klammern geschlossen werden konnten. Mit einen dunklen, langen Halb-Rock, blau getönter halber Schürze, und einem, den Hals umschließenden dunklen Mieder bekleidet, glich sie Ammen, wie sie van Gogh malte. Ihre sorgsam nach hinten gekämmten Haare waren zu einem Zopf geflochten, den sie jeden Tag säuberlich zu einer Schnecke zusammensteckte. Sie verkörperte für ihren Enkel Liebe und Geborgenheit. Gütig, friedfertig und zufrieden, sorgte sie für die Familie. In den Mußestunden griffen ihre von der Arbeit schrundigen Hände zum Rosenkranz oder zur Heiligen Schrift. Ihr Enkel konnte sich jedoch nie erklären, welche Bedeutung ein mysteriöses Büchlein für sie hatte, das sie unter ihrem Mieder in einer Tuchtasche bei sich trug. Streng katholische Theologen würden sicher einige Zweifel an den Glaubensgrundlagen dieser Schrift angemeldet, und dagegen Einspruch erhoben haben. War sie doch, wenn auch nicht im streng katholischen Sinne, zu frommem Gebrauch bestimmt.

Der Großvater, ein stolzer Schwarzwälder, der als Stipendiat die großherzogliche Schnitzler Schule in Furtwangen absolvierte, verkaufte die aus Holz gefertigten Kunstwerke im süddeutschen Raum und in der Schweiz. Er war politisch interessiert und nahm am öffentlichen Leben regen Anteil. In der wirtschaftlichen Flaute nach dem ersten Weltkrieg, fanden sich aber kaum Abnehmer für seine Kunst. Er war daher gezwungen, Gebrauchsgegenstände herzustellen und sprach dem Alkohol mehr zu, als der Familie bekömmlich war. Sein Enkel bedauerte dies. Er hielt aber das Lebenswerk seines Großvaters in Ehren. Dessen Kunstwerke waren in der Wohnung nicht zu übersehen. Tische, Stühle, Kommoden, Schränke und Bilder, hatte er kunstvoll von eigener Hand gefertigt. Nach seinem frühen Tod tauschte aber die Mutter des Enkels in den Hungerjahren nach dem zweiten Weltkrieg, schweren Herzens den Nachlass des Großvaters und dessen Werkzeug, gegen Butter, Kartoffeln, Mehl und andere Lebensmittel ein.

In manchen schweren Stunden seines Lebens, versuchte der Enkel sich an das Gesicht der „Großmame“, so nannte er sie im badischen Dialekt, zu erinnern. Sie war ihm aus dem Blick geraten, denn andere Geschäfte nahmen ihn in Anspruch. Erst in späteren Lebensjahren, gab seine Seele nach und nach preis, was ihr wichtig war, jedoch zur Seite geschoben wurde. Heute aber, in der Frühe des Tages, beim Erwachen aus dem Schlaf, drängten sich die Erinnerungen an sie ins Wort, was einst in dem oft schweigenden Miteinander zwischen ihm und ihr geschah:

Die beständige zugewandte Präsenz der Großmutter bewirkte, dass er sich von ihr wortlos wohlwollend geliebt und akzeptiert fühlte. Unter diesem Schutzmantel war es ihm möglich, ohne Angst, das bunte Leben um sich zu entdecken und zu erkunden. Es ging ja nach jedem Tag wieder zurück in den schützenden Hafen. Der Segen und das Weihwasser bewahrten den Enkel eben nicht nur im Dunkel der Nacht, sondern geleiteten ihn auch durch seine kindlichen Abenteuer und Spiele. Dazwischen ertönte, sein drängender Ruf: „Grossmame, Gutzischnitte!“ aus dem Hinterhof, wenn er hungrig war. Dann öffnete sich oben ein „Fenster“ und sie war da. Ihre kräftige Hand schnitt vom runden Bauernbrot ein ordentliches Stück ab, belegte es mit Butter und Marmelade und gab es dem Knaben. So gestärkt ging es wieder hinaus ins „freundliche Leben“. Es fielen ihm mit der Zeit auch andere Erlebnisse mit der Großmutter ein, die nicht mehr in der Wortlosigkeit versinken sollten:

Sie erlebten gemeinsam eine Kriegsweihnacht. Vorräte waren kaum vorhanden. Die Lebensmittel reichten nur für das Nötigste. Die Mutter und der jüngere Bruder waren zu Besuch bei Verwandten. Der Enkel und seine Großmutter befanden sich am Heiligen Abend in der Küche. Er war schon in dem Alter, um zu wissen, dass an diesem Tag Geschenke ausgeteilt würden. Sie aber besaßen nichts, rein gar nichts, nicht einmal einen Weihnachtsbaum. Dennoch gab es für den Enkel keinen Anlass zu übermäßiger Trauer. Seine Großmutter war ja da. Sie saß auf einem Stuhl und las, wie so oft, in der Heiligen Schrift. Er spielte zu ihren Füßen, die sie auf einem Hocker gelagert hatte.

Plötzlich ging die Türe auf: Ein älteres „Fräulein“ trat ein. Mit einem lieben Gruß vom Pfarrer und dessen Segenswünschen zum Fest händigt sie der Großmutter eine schön verpackte Flasche Wein, dem Enkel eine Spielmaus zum Aufziehen, und eine Tafel Schokolade aus. Diese Überraschung war wirklich gelungen. Nun gehörten auch sie zu den Beschenkten. Die Weihnachtsengel trugen sicher ihren Dank vor Gottes Thron. Vielleicht freute sich sogar das „arme Kind in der Krippe“ ein wenig mit. Dem sorgsamen Josef und der Gottesmutter mit dem liebenden Herz entging die Freude der Beschenkten sicher nicht. Gehörten sie doch zu einer St Josefs-Pfarrei, und insofern mit zur Heiligen Familie. Viele Jahre hielt der Mann beharrlich an der Vorstellung fest, dies sei sein schönstes Weihnachtsfest gewesen. Und es war nicht zu leugnen, dass auch auf andere reich bestücktere Feste mit den Kindern seiner Familie, immer ein wenig Glanz aus alten Zeiten fiel.

Eines Tages strapazierte der Enkel aber den guten Willen seiner Großmutter erheblich. Ältere Spielkameraden beeinflussten ihn und seinen jüngeren Bruder, bei der Großmutter Fürbitte einzulegen. Sie hatten geplant, auf der kleinen Wiese im Hausgarten einen Bunker zu bauen. Zu diesem Zweck hoben die Jungen, mit Genehmigung der Großmutter, aber entgegen deren Erwartungen, auf der kleinen Wiese im Hausgarten ein quadratisches, etwa ein Meter tiefes Erdloch aus. Die Jungen stellten einen Holz-Stempel in die Mitte, deckten alles mit Brettern ab, schütteten Erdreich darüber, deckten den Bunker mit dem Rasen wieder zu, und ließen nur einen mit einer Holztüre versehenen Eingang frei. Vor Blicken geschützt, versammelten sich die Buben auf kleinen Bänken, und ließen die ersten Zigaretten kreisen

Die Großmutter, war einmal sehr krank. Der Enkel erkannte dies nur an den Vorbereitungen: Auf einem kleinen Tisch im gemeinsamen Schlafzimmer wurde ein Kreuz gestellt. Links und rechts davon brannten zwei Kerzen, die besondere Feierlichkeit ausstrahlten. Eine kleine weiße Decke wurde ausgelegt. Der Enkel war aufgeregt, denn der Pfarrer wurde zur Krankenkommunion erwartet. Es wollte nicht in den kleinen Kopf hinein, dass nicht nur der verehrte Pfarrer, sondern der liebe Gott selbst zu Besuch käme. Dem Enkel war schon damals klar, dass ihre Familie nicht zu den Reichen und Begüterten der Stadt gehörten. Umso ergreifender war es für ihn, sich vorzustellen, dass Gott selbst sich auch bei Armen wohl fühlen könnte. Damals fehlten ihm die Worte, um auszudrücken, was dieser Krankenbesuch des Pfarrers für ihn bedeutete. Aber schweigend erlebte er diese Feier, ein Fest der Liebe, wie ein Stück Himmel auf Erden mit.

Als Knabe suchte der Enkel immer wieder Gelegenheiten, um seine Großmutter zu unterstützen. Er übernahm Einkäufe, zog den kleinen Leiterwagen mit Kohlen und Briketts nach Hause, begleitete sie zu den Ämtern, und füllte stolz die Formulare aus. Er wurde immer sehr zornig, wenn Menschen sich „Alten“ gegenüber nicht ehrerbietig verhielten. Denn die Erwartung blieb in ihm immer lebendig, dass alle Menschen einmal gebrechlich, alt und hilfsbedürftig würden. Im Alter von zwölf Jahren zerriss aber der Schnitter Tod grausam diesen bis dahin ungetrübten Kinderhimmel:

Es geschah an einem warmen Sommertag. Die Großmutter kam hinunter in den Hof, um beim Holz-Sägen behilflich zu sein. Plötzlich griff sie sich wortlos an die Brust. Es war ihr offensichtlich nicht wohl. Den Enkel ergriff sofort größte Unruhe und Sorge. Es durfte ihr ja nichts geschehen, denn sie war unendlich wichtig für ihn. Unter ihrem Schutz war er ein gern gesehener Gast bei allen Händlern und Handwerkern, ein wissensdurstiger, lebendiger Junge und Anführer seiner Freunde, denn er fühlte sich geliebt. Was konnte er jetzt noch für sie tun?

Er reichte seiner Großmutter den Arm, um sie einige Stufen hinauf bis zum ersten Treppenabsatz zu stützen. Ohne ein Wort zu reden brach sie plötzlich in die Knie. Der Enkel fing sie in seinen Armen auf, ohne zu wissen, dass sie im Sterben lag. Lediglich der entsetzliche Aufschrei seiner Mutter, die herbeigeeilt, angesichts der Toten wie Espenlaub vor ihr zitterte, ließ ihn erahnen, dass etwas Schreckliches geschehen war. Wie von Furien gepeitscht rannte er im Auftrag der Mutter durch die Stadt, damit der Hausarzt das Unheil wende. Als er mit dem Arzt zurückkam, lag sie still auf ihrem Bett.

Der Enkel war von unsagbaren Ahnungen gepeinigt, als ob ihn nun niemand mehr liebend durchs Leben begleitete. Er konnte von da an keine Kränze oder Friedhofs-Bepflanzungen mehr riechen. Die Beerdigung lief wie im Nebel an ihm vorüber. Er mied den Friedhof und das Totenhaus, in dem Großmutter gelegen hatte, fürchtete und hasste von Tag an den Tod, der so lebenswichtige Bindungen gewaltsam zerstören konnte. Mit zwölf Jahren fühlte er sich von der sorglosen Kindheit getrennt, entsetzlich erwachsen und allein gelassen. Wie sollte das Leben für ihn weiter gehen?

Großmutters Tod war damals einfach zu viel für den Knaben. Und was hätte sie ihm noch sagen können? Vielleicht, dass es für sie auch sehr bitter war, ihn unversorgt zurück zu lassen? Oder die Hoffnung auszudrücken, dass auch für ihren Enkel einmal die Zeit kommen würde, um sich ins Unabwendbare zu ergeben, Abschied zu nehmen, und mit lieben Worten das Schweigen beenden zu können? Vielleicht hätte sie ihrem Enkel noch gern dafür gedankt, dass er sie nicht nur sterbend in die Arme nahm, sondern auch im liebenden Gedenken aufgefangen habe. Es lebte sich auch im Himmel leichter mit einem guten Freund auf Erden. Sie stelle sich für ihren Enkel gern an ein Himmelsfenster, damit er ihr Gesicht ab und zu sehen könne. Nie würde er ohne Weihwasser und ihren Segen sein. Er solle wie sie den Rosenkranz beten und sich von der Heiligen Schrift und guten Menschen trösten lassen. Der Schnitter Tod habe sie zwar getrennt. Er habe aber keine Macht, all das was sie miteinander erleiden und erleben durften, zu zerstören.

Damals traf den Enkel der Tod seiner Großmutter völlig unvorbereitet und so überwältigend, dass er nur die Augen verschließen und verstummen konnte. Jahrelang war es ihm unmöglich, sich an das Gesicht seiner Großmutter zu erinnern. Dieser Verlust hatte ihn lange Zeit unfähig gemacht, sich an die glücklichen Tage seiner Kindheit und an die schönen Erlebnisse vor deren Tod zu erinnern. Zu Zeiten war es ihm auch schwer gefallen zu glauben, dass die Liebe den Tod, wie die Sonne die Nacht besiegen könnte. Es war nicht leicht für ihn, sich auf das eigene Altern und die zunehmenden Begegnungen mit dem Sensenmann einzulassen. Der erwachsene Mann verstand es aber mit den Jahren besser als der einstige Enkel, dass Abschied, Trennung und Tod unabwendbar zum Leben gehören.

Nun war endlich ins Wort gefasst, in die Wahrheit gestellt, und für alle Freunde festgehalten, was im Grunde unzerstörbar ist. Jetzt konnte der Mann bei genauem Hinsehen, die Großmutter neben dem Papst am „Himmelsfenster“ ab und zu wieder erkennen und allen, die es wissen wollten erzählen, welche schöne Kindheit er unter deren Obhut erleben durfte. Sie hatte nun wieder ein Gesicht. Ein wenig österlicher Friede überkam ihn auch bei dem Gedanken, dass er seiner Mutter Osterlieder sang, als sie die Krankenkommunion vor ihrem Tod empfing. So mag für uns alle gelten: Jesus Christus hat den Tod besiegt, ER das EWIGE WORT lebt, denn der Herr ist wahrhaft auferstanden. Er hat auch uns vom Tod befreit und zu neuem Leben auferweckt

Erfüllte Gegenwart

Hier folgt der Beitrag “Erfüllte Gegenwart”

Liebe Literaturfreunde,

ich habe in den letzten Tagen wieder einmal über das Phänomen der Zeit nachgedacht, sah aber davon ab, meine Gedanken hierzu in einem Essay zu bearbeiten. Eine aktuelle Erfahrung regte mich aber an, mit Ihnen über einige erfüllte Augenblicke im Zeiterleben zu reden:

Unsere älteste Tochter befand sich zu unserer Freude wieder einmal für einige Tage mit ihren Hunden bei uns zu Besuch. In meinem geliebten Sessel sitzend, genoss ich die angenehmen Erinnerungen an ihre Zeit im Elternhaus. Die leichte Trauer, die sich bei dem Gedanken an ihren bevorstehenden Abschied einstellte, ließ aber wieder nach, als ich mir vorstellte, wie wir uns bei der Trennung innig umarmten, und ich ihr für das künftige Leben bis in den Himmel hinein alles Gute wünschte.

Das wollte ich ihr unbedingt nahe bringen und ging sofort zu ihr in unser Wohnzimmer. Claudia spielte am Flügel. Ich unterbrach sie etwas aufgeregt und sagte: „Mir ist nach einem Tanz mit Dir zumute, obwohl ich nicht mehr so gut zu Fuß bin wie früher.“ Sie willigte erfreut ein, und wir tanzten einige Schritte zu meinem Gesang, „ich tanze mit Dir in den Himmel hinein, in den siebenten Himmel der Liebe,“ um dann hinzu zu fügen, „das meine ich wirklich so“. Dann sagte ich zu ihr: „Claudia ich weiß, dass wir immer gern mit einander getanzt haben. Und wer könnte uns daran hindern, solange es geht, das Tanzbein zu schwingen und uns zu wünschen, mit einander bis in den Himmel hinein zu tanzen?“

Warum erzähle ich Ihnen, liebe Literaturfreunde, diese Begebenheit? Einfach deshalb, weil mir das Wohlergehen unserer Töchter und aller Menschen, mit denen ich eine Lebensstrecke wandere durfte, in Zeit und Ewigkeit wichtig ist. Derartige geheimnisvolle Ereignisse erfüllter Gegenwart, sind für mich Zeichen einer tiefen menschlichen Sehnsucht nach ewiger Freude in Gottes gegenwärtiger Liebe.

Auch Ihnen, liebe Literaturfreunde, wünsche ich allezeit freundliche Begleiter beim Tanz durch ihr Leben. In der frohen Hoffnung auf eine erfüllte ewige Liebe in der Gegenwart Gottes, reiche ich auch Ihnen meine Hand, und wir tanzen dann zusammen bis in den ersehnten Himmel der Liebe hinein.

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