St. Pirmin – Erinnerung

Das Spätberufenen-Seminar St. Pirmin in Sasbach, hatte im April 2009 zum 50-jährigen Bestehen eingeladen. Aus diesem Anlass feierten wir ehemaligen Abiturienten, Lehrer und die heutigen Schüler, mit dem Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, einen Dank-Gottesdienst. In erfreulich großer Zahl kamen die Geladenen. Die festlich geschmückte Kirche reichte nicht aus, um »Pirminern und Lehrern« Platz zu bieten. Eine Bild- und Tonübertragung ermöglichte es aber, allen Gästen an der Eucharistiefeier teilzunehmen. Der christlich-humanistische Geist, der Schüler und Lehrer bis zum heutigen Tag verbindet, lässt hoffen, dass St. Pirmin auch in Zukunft eine prägende, katholische Bildungseinrichtung bleibt. Wir ehemaligen Schüler begrüßten daher die feste Zusage des Erzbischofs, und Vorsitzenden der Deutschen-Bischofskonferenz, das Seminar auch in Zukunft zu erhalten und zu fördern. Kräftiger Beifall drückte Dank, Verbundenheit mit unserer Schule, und die Hoffnung, auf deren weiteres segensreiches Wirken unter dem Schutz St. Pirmins aus. Prof. Dr. Münk, ein Klassenkamerad, übernahm es, in seinem Festvortrag aufzuzeigen, wie dringlich wissenschaftliche Beiträge zur aktuellen Werte- und Ethikdiskussion in unserer Gesellschaft aus christlicher Sicht sind. Auch seine Laufbahn als Hochschullehrer, nahm einmal, wie bei uns allen, ihren Anfang mit dem Abitur in Sasbach.

Vor Jahren verabschiedete sich unser Kurs mit dem Reifezeugnis in Händen, von St. Pirmin. Unvergesslich blieb aber die Zeit, die wir in tragender Gemeinschaft auf dem Weg zum Abitur in Sasbach erlebten. Es sind Freundschaften entstanden, die sich auch in den Jahren danach bewährten, und uns mit einander und allen, die uns halfen, dieses Ziel zu erreichen, verbinden. Eine Inschrift über der Heimschule Lender, die jeder Pirminer kennt, bringt das Wesentliche auf den Punkt. Sie lautet in goldenen Lettern: »INITIUM SAPIENTIAE TIMOR DOMINI«. Lange bevor das Spätberufenen-Seminar gebaut wurde und auch noch heute, grüßt dieser prägnante Text den Betrachter. Er begegnete mir zum ersten Mal, als ich 1962 mit zweiunddreißig Jahren, in die Untertertia von St. Pirmin eintrat. Diese Inschrift, die wir mit zunehmenden Kenntnissen in Latein verstehen lernten, hat nichts von ihrer Kraft und Bedeutung verloren. Bei jedem Aus- und Eingang, so wie jetzt, anlässlich des 50. Jubiläums, geht der Blick nach oben zu den Worten, die wie ein Wegweiser, der Heimschule Lender und St. Pirmin die Richtung vorgeben. Man möge es mir nachsehen, wenn ich bei dem großen zeitlichen Abstand mit einem freundlichen Blick auf unser ehemaliges »zu Hause« schaue, und wenig Anlass zur Kritik empfinde. In unseren Gesprächen mit einander und den Begegnungen bei den Jahrestreffen der Pirminer, wurde immer wieder deutlich, wie viel wir ehemaligen Seminaristen Sasbach verdanken. Mit dem Satz: »Sasbach, ein kleiner Ort in der Rheinebene«, lernten wir im Deutsch-Unterricht die Bedeutung einer Apposition kennen, mit deren Hilfe näher bestimmt wird, wo Sasbach liegt; eben nicht auf der Höhe wie „Sasbachwalden“, sondern zu Füßen der Berge in der Nähe von Achern in Mittelbaden. Der Ort mit katholischer Kirche ist landwirtschaftlich geprägt und kann mit einigen Gasthäusern aufwarten, deren reichliches Angebot an Speisen und Weinen Pirminer und Besucher zu schätzen wissen. In der Ortsmitte, etwas abseits der belebten Straße, unweit des Friedhofes, lag der langgestreckte, rechteckige Bau des Seminars. Über eine einladend breite Treppe gelangte man durch die meist offene Pforte zu den vielen, zweckmäßig eingerichteten Zimmern der Seminaristen. Zu unserer Zeit befand sich im Eingangsbereich ein Mosaik, das den Patron des Hauses, »St. Pirmin«, darstellte, der zu seiner Zeit segensreich im Süden Deutschlands wirkte, und einige Klöster gründete. Im Untergeschoß lud eine kleine Kapelle mit Tabernakel, zu Gebet und Meditation ein. In Silber getrieben, zeigte dort Johannes der Täufer mit ausgestrecktem Arm, auf den, der nach ihm kommt. In einigem Abstand davon, befand sich unser oft gut frequentierter Gemeinschaftsraum, in dem wir auch mit Seminaristen aus anderen Kursen ins Gespräch kamen. Fuhr man mit dem Auto in einer kleinen Schleife vor das Seminar, dann stand man direkt vor dem Wohnhaus des Rektors und dessen Diensträumen.

Die lange Zeit der Vorbereitung auf den Eintritt in das Seminar, verbunden mit der bangen Frage, ob ich die Aufnahmeprüfung bestand und die Zustimmung des Erzbischöflichen-Ordinariats in Freiburg erhielt, war zu Ende. Es fiel mir ein Stein vom Herzen, als ich die Postkarte mit dem Bild des Gebäudes und der Nachricht von Rektor Oberle in Händen hielt, mich am 2. Mai 1962 in Sasbach einzufinden. Am gleichen Tag wurde ich in Abwesenheit, nach über fünfjähriger Tätigkeit als Stadtrat in Rheinfelden (Baden), aus dem dortigen Gremium verabschiedet. Es schien mir im Hinblick auf meinen Berufswunsch durchaus nützlich, über kommunalpolitische Erfahrungen zu verfügen. Wir »Neuen« begannen unseren gemeinsamen Weg, wie später nach jeder Rückkehr aus den Ferien, mit einer Statio zusammen mit Rektor Oberle vor dem Pirmin-Mosaik im Eingangsbereich des Seminars, und begrüßten dann einander. Die zunächst überraschende Tatsache, dass ich bedeutend älter war, als die anderen Seminaristen, spielte im Alltag bei ähnlichen Aufgaben und Problemen, bald keine Rolle mehr. Ich richtete mich in dem mir zugewiesenen Zimmer ein, und fand einen gut einsehbaren Platz für das Geschenk meiner ehemaligen Kollegen einer Bauunternehmung: Eine als Kreuzigungsgruppe gestaltete Wandtafel aus Bronze. Anderntags nahmen wir zum ersten Mal am Unterricht teil. Alles war bestens vorbereitet. Dies galt übrigens für die ganze Schulzeit. Zum Stil der Schule, gehörte eine präzise Planung, die es ermöglichte, nach längeren Unterbrechungen, wieder punktgenau und ohne Störungen, mit dem Unterricht zu beginnen. Ob unsere Lehrer, nach längerem Urlaub, tatsächlich so ausgeruht und frisch waren, wie sie uns erschienen, bleibt deren Geheimnis. Bei uns Spätberufenen war der erste Schultag von gemischten Gefühlen und der Frage begleitet, was auf uns zukomme? Wir konnten uns die Lehrer ja nicht aussuchen. Würden sie sich auf uns und wir so auf sie einstellen können, dass mit günstigen Bedingungen zum Lernen zu rechnen wäre? Aus unterschiedlichen beruflichen Aufgabenbereichen, schlüpften wir Spätberufenen ja fast übergangslos wieder in die Rolle von Schülern, die sich auf die ersten Klassenarbeiten vorbereiteten und gespannt waren, ob das Leistungsvermögen ausreichte, um dem Unterricht folgen zu können. Ich beruhigte mich aber wieder, als ich mit einem ersten, ordentlichen Zeugnis, in die anstehenden Sommer-Ferien entlassen wurde.

Mit Rektor Oberle hatte ich während der Jahre in St. Pirmin oft Gespräche zu führen. Meine damalige Aufgabe als Klassen- und Haussprecher gab dazu Anlass. Unsere persönliche Beziehung war von Respekt und Wohlwollen getragen, das auch seine Schwester einschloss, die ihm den Haushalt führte. Rektor Oberle war für uns in seiner unaufdringlichen Präsenz, ein priesterliches Vorbild, der unser Wohl und Wehe beständig im Auge behielt. Wir schulden ihm alle Dank dafür, dass er, wie ein guter Kamerad, auf Schritt und Tritt an unserer Seite ging. Im anregenden, lebendigen Religionsunterricht, lernten wir ihn näher kennen. Er hatte für unsere Probleme und schulischen Sorgen stets ein offenes Ohr, und ließ selbst dann, wenn ihm Grenzen gesetzt waren, Verständnis und Anteilnahme für uns spüren. Rektor Oberle bestätigte im Schulalltag, dass man mit ihm für den Dienst in St. Pirmin eine gute Wahl getroffen hatte: Als Erster spazierte er morgens um unser Haus. Wir konnten sicher sein, dass er unsere Anliegen in sein Breviergebet einschloss. Wenn ich spät abends, müde und ausgelaugt, in der Hauskapelle vor dem Allerheiligsten kniete, um dem Herrn Freude und Not anzuvertrauen, kam er still und leise, wie es seine Art war, und kniete sich als Letzter hinter mich. In diesen stillen Stunden habe ich unseren Rektor lieben und schätzen gelernt, und mich später oft an unser gemeinsames Beten erinnert. Nie ergab sich die Notwendigkeit oder Gelegenheit, ihm zu sagen, wie viel er mir als Freund und Priester bedeutete. Konnte ich doch, ohne seine reale Präsenz, so wie jetzt, oft ein tröstendes Wohlwollen spüren, als bete er einfach, wie früher, still und leise hinter mir. Ich schaue aus dem Fenster und sehe ihn kommen: Mit raschen, zügigen Schritten, strebt ein schlanker, sportlich wirkender Mann, in aufrechtem Gang der Wohnung von Rektor Oberle zu. Dieser erwartet ihn mit einem einladenden Lächeln. Eine Position, die zu unserem Rektor passte; bei offener Türe auf der Schwelle zu stehen, und dem Gast einen Schritt entgegen zu kommen. Der Besucher, mit auffallend kurzem Haarschnitt und akkurat gezogenem Scheitel, trägt eine Aktentasche bei sich. Man hätte ihn für einen Offizier in ziviler Kleidung halten können, der zum Rapport strebt. Die Begrüßung der Beiden war kurz und herzlich. Ihre Gesten vermittelten den Eindruck, als ob sie sich gut kannten und in ihren Angelegenheiten an einem Strang zogen. Die nachfolgenden Begegnungen und Erfahrungen mit Dr. Guldenfels, unserem schulischen Leiter, bestätigten diesen ersten Eindruck: Es sprach sich unter allen Seminaristen herum, dass er fähig und bereit war, uns schulisch so zu fördern und zu fordern, dass wir Lust bekamen, mit einander um die Plätze zu rangeln, unser Leistungsvermögen zu erproben und einzusetzen. Er blieb sich und seinem hohen Anspruch, uns Spätberufene mit dem bestmöglichen Rüstzeug zu einem erfolgreichen Studium auszustatten, treu. Am guten Ruf des Seminars und an den ausgezeichneten Ergebnissen der Abiturienten St. Pirmins, hat unser schulischer Leiter, sein kompetentes Lehrerkollegium und Rektor Oberle, erheblichen Anteil. Dr. Guldenfels übernahm zu all seinen vielfältigen Aufgaben als Schulleiter, während vieler Jahre die Redaktion des »Sasbacher«. In unserer Schulzeit und in den Jahren danach, half uns dieses jährlich erscheinende Buch, das Geschehen in der Heimschule Lender und in St. Pirmin zu verfolgen. Die vielen, von ihm selbst geschriebenen Artikel, gaben Einblick, wie sehr er seine Kollegen schätzte, die konzeptionelle Entwicklung der Schule förderte, seine vielfältigen Interessen einbrachte, und auf eine repräsentative Darstellung gesellschaftlicher Ereignisse im Schuljahr Wert legte. In allen, »meist kurzen Gesprächen«, die wir mit einander führten, erwies sich Dr. Guldenfels als engagierter, wertebewusster, katholischer Christ, der seinen Aufgaben verpflichtet, wenig Neigung verspürte, von sich selbst zu sprechen. Umso mehr verstand er es, in seinen Beiträgen und Nachrufen, die Fähigkeiten und Verdienste der Menschen zu würdigen, die sich im Geiste des Gründers der Heimschule, »Xaver Lender´s«, in der Förderung der Schüler ausgezeichnet hatten. In der Festschrift: »25 Jahre Seminar St. Pirmin (1959-1984)« empfahl er den Seminaristen, alle körperlichen und seelischen Kräfte zu wecken, und sich mutig den Aufgaben des Tages zu stellen. Die Worte des heiligen Thomas von Aquin in der Sequenz des Fronleichnamsfestes: »Quantum potes, tantum aude!« sollten Devise für sie sein. Eine Geisteshaltung, die nicht nur Spätberufene beflügeln könnte. Eine Begegnung mit Dr. Guldenfels, sprengte den üblichen Rahmen: Es war unter uns Seminaristen bekannt, dass er großen Wert darauflegte, alle zum Abitur gemeldeten Schüler, mit möglichst optimalen Ergebnissen zu diesem Ziel zu führen. Wir besprachen uns daher im Kurs und waren unsicher, ob einer unserer Freunde dazu zählen würde. Auf unsere dringende Bitte hin, war der Schulleiter zu einem Gespräch mit uns bereit. Wir verwiesen in einem »herben Dialog unter Männern« nachdrücklich auf die Stärken unseres Freundes, und den unverzichtbaren Wunsch des Kurses, unseren Klassenkameraden zum Abitur zuzulassen. Er wurde zugelassen und schaffte die Reifeprüfung, wie wir es erwartet hatten.

Mit der Entscheidung, das Abitur nachzuholen, hatte sich unser Leben nicht total verändert. Es dauerte jedoch eine Weile, bis uns die Aufgaben eines Seminaristen in Schule und Alltag vertraut waren. Durch Gespräche in den Ferien konnten wir erfahren, dass auch die Menschen im heimatlichen Umfeld an unserem Vorhaben regen Anteil nahmen und -wie wir- Zeit brauchten, unsere Absicht, Priester zu werden, zu verstehen. Es war ermutigend, zu erleben, dass fromme Christen hinter uns standen, die mit und für uns beteten und Hoffnungen auf uns setzten: Manchmal kam die eine oder andere Frau etwas verlegen auf mich zu und übergab mir einen Umschlag mit Geld. Andere Personen äußerten Respekt vor unserer Entscheidung und interessierten sich für die Schule, und das vor uns liegende Studium. Ich war als ehemaliger Stadtrat ja gewöhnt, mit vielen Menschen im Gespräch zu sein, sodass ich es verstehen konnte, öfters angesprochen und zu meinem Vorhaben befragt zu werden. Ich sitze nach den Ferien wieder im Zug Richtung Achern, mit einem großen Koffer, den meine Mutter, wie immer, fürsorglich mit Wäsche und Kleidung für die nächsten Wochen füllte. Die Gedanken fliegen erwartungsvoll voraus: Ob ich die Vokabeln genug wiederholt hatte? Dies würde sich ja in den nächsten Latein-Stunden herausstellen. Wie es meinen Klassenkameraden in den Ferien ergangen ist, werde ich sicher bald erfahren. Was wird im Unterricht auf uns zukommen? Ein mulmiges Gefühl legte sich bei den letzten Überlegungen kurzfristig wie ein Schatten auf die Magengegend. Dann aber obsiegte die Vorfreude, alle Freunde wieder zu sehen und näher kennen zu lernen. Ich leistete mir den Luxus, mit dem schweren Koffer in einem Taxi vom Bahnhof Achern nach Sasbach zum Seminar zu fahren. Unser Rektor stand unter der Türe seiner Dienstwohnung. Ein Lächeln auf seinem Gesicht ließ erahnen, dass wir erwartet werden. Der Hirte konnte sich entspannen, denn alle seine Schafe kamen wohl behalten zurück. Es herrschte wieder ein reges Treiben im Seminar. Wir räumten unsere Koffer aus, richteten uns in der vertrauten Umgebung wieder ein, und begrüßten uns gegenseitig. Es gab viel zu erzählen. Wir wunderten uns nur das erste Mal, dass am Tag nach den Ferien, der volle Unterricht wieder störungsfrei, und ohne Unterbrechung begann. Von der arbeitsintensiven Planung und Vorbereitung, die wir der Schulleitung zugutehalten müssen, bekamen wir nichts mit. Unsere Lehrer wirkten jedenfalls erstaunlich frisch. So war es möglich, unseren in den Ferien weniger angestrengt arbeitenden Gehirnen nach zu helfen und uns in kürzester Zeit wieder an konzentriertes Denken und Arbeiten zu gewöhnen.

Unser Lehrerkollegium bestand, ohne Ausnahme, aus sehr fähigen Pädagogen, die es gut verstanden, mit älteren Schülern zu arbeiten und uns zu fördern. Galt es doch, der Kurzschuljahre wegen, uns in nur fünfeinhalb Jahren auf die Reifeprüfung vorzubereiten. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit, möchte ich mit einigen markanten Szenen, einen Einblick in unseren Schulalltag und das Leben in St. Pirmin gewähren. Es sollte aber vorab darauf hingewiesen werden, dass an unserer Schule vor allem auf die geisteswissenschaftlichen Fächer wie Latein, Griechisch, Deutsch, Geschichte und Religion, Wert gelegt wurde. Dies bedeutete aber keineswegs, dass naturwissenschaftlicher Unterricht wie Mathematik, Physik, Chemie und Biologie, zu kurz gekommen wären. Selbst das Fach Bildende Kunst war mit Toni März, einem regionalen Künstler, hervorragend besetzt: Unser temperamentvoller Kunstlehrer war mittelgroß. Eine Baskenmütze, sein Erkennungszeichen, die er beständig über seinem schlohweißen Haar trug, unterschied ihn auch äußerlich von seinen Kollegen. Toni März wirkte mit seinen lebendigen Augen, dem ausdrucksstarken, von einem weißen Bart umrahmten Gesicht, den lebhaften Bewegungen seiner Arme, filigranen Hände und Finger, mit denen er seine Worte unterstrich, selbst wie ein ansprechendes Kunstwerk. Wenn er ihn interessierende Fragen beantwortete, lebte er förmlich auf, war mit Leib und Seele bei der Sache und ließ sein umfangreiches Wissen über gesellschaftliche, politische, religiöse und künstlerische Zusammenhänge aufblitzen. Er war in seinen verbalen Erklärungen genau so kreativ und anregend, wie in seinen Bildern. Manchmal ergaben sich im Kunstunterricht so anregende Gespräche, dass wir, um nichts zu versäumen, freiwillig auf die uns zustehende Pause verzichteten. Toni März verstand es auf vielfältige Weise, unsere eigenen Interessen an Kunst zu wecken und zu fördern. Dr. Zimmermann, einen pensionierten Lehrer der Heimschule Lender, lernte ich erst in Sasbach näher kennen. Einer seiner Neffen, der mir aus der Zeit in Rheinfelden bekannt war, machte mich auf ihn aufmerksam, sodass ich ihn in seiner Wohnung gelegentlich besuchte. Er war damals hoch betagt, von eher gebrechlicher Gestalt, und trug einen etwas schütteren, weißen Vollbart, der mich an einen greisen Chinesen erinnerte. Trotz diverser körperlicher Beschwerden, war ihm eine bemerkenswerte, geistige Frische zu eigen. Wenn ich ihn besuchte, lag er meistens auf seinem Sofa, umgeben von Büchern seiner reichhaltigen Bibliothek und war damit beschäftigt, als Lektor der Schule, Texte zu bearbeiten. Im anregenden Gespräch mit mir, war er oft so engagiert, dass ich den Eindruck gewann, sein ganzer Körper vibriere mit und verstärke Worte und Sätze. Er entließ mich nie, ohne mich reichlich mit Nüssen zu versorgen, die er als »Gehirnnahrung« empfahl. Über seinen Neffen hatte ich erfahren, dass er im ersten Weltkrieg als Meldegänger eingesetzt war und sich zeitlebens gern bewegte. Wenn er in der Nähe der Schule auf seiner »Rennstrecke« Richtung Turenne – Denkmal in kleinsten Schritten unterwegs war, seine Taschenuhr in Händen, um die Zeit zu nehmen, war er nicht ansprechbar. Wer es dennoch versuchte, bekam zu hören: » Keine Zeit, ich bin beim Sport! « Dieser geistig rege und interessierte alte Mann, hat mich sehr beeindruckt. Kein Wunder, dass sein Neffe, ein Vegetarier, in der Spitzengruppe der über 80-Jährigen heute noch erfolgreich an Marathonläufen teilnimmt. Ein bedeutender Förderer der Heimschule und des Seminars war unser Mathematik-Lehrer Otto Zug: Ein eher kleiner, beleibter, geistig vitaler Schwabe, der als Junggeselle alle seine Fähigkeiten und Beziehungen in den Dienst der Schule stellte. Er besaß unter anderem reichhaltige, kunstvolle Sammlungen verschiedener Tischdekorationen, die er bei gesellschaftlichen Anlässen der Schule und des Seminars gerne zur Verfügung stellte. Er konnte knitz lächeln, wenn man ihn belobigend auf die teueren, kunstvollen Gegenstände ansprach. Otto Zug kannte sich in der Gemeinde Sasbach, sowie in den im Rat vorherrschenden politischen Tendenzen gut aus, und nutzte seine ökonomischen Kenntnisse, bei Verhandlungen mit der Gemeinde, im Interesse der Schule mit schwäbischem Geschick, und allseits bekannter Beharrlichkeit. Als erfahrener Mathematik-Lehrer verfügte er über besondere pädagogische Fähigkeiten, abstrakte Zusammenhänge so bildhaft und aktivierend zu behandeln, dass seine Schüler solche Szenen ein Leben lang nicht mehr vergessen konnten: Er kam eines Tages in den Unterricht und rief Jochen zu unserer Überraschung nach vorne. Jochen war gewiss kein reines Lämmchen. Wir fanden aber trotz unseres angestrengten Bemühens mit Signalen und Blickkontakten, nicht heraus, was er verbrochen haben könnte. Unser Lehrer schien die Erregung im Klassenzimmer zu bemerken, und mit einem zufriedenen Lächeln zu genießen. Dann rief er Josef nach vorne und stellte beide neben einander. Ohne Zweifel, Jochen war ein ganzes Stück kleiner als Josef. Darauf verwiesen auch die Gesten von Herrn Zug. Pause, was nun? Und dann eine fragende Handbewegung unseres Lehrers mit seinem berühmten »T´ja?« Worauf wollte er hinaus? Herr Zug holte hinter seinem Pult einen roten Zylinder hervor, setzt ihn Jochen auf den Kopf und erklärte uns, als stünden wir vor einer großen Entdeckung: »Jochen, plus Zylinder, ist jetzt gleich groß, wie Josef, ohne Zylinder.« Auch bei mathematisch weniger begabten Schülern, machte es fast hörbar »klick«, denn unser Lehrer hatte uns für alle Zeiten klar gemacht, was eine Gleichung sei. Wir waren uns sicher, dass unser realitätsbezogener, praktisch aus gerichteter Mathematik-Lehrer ein frommer Mann sei. Es gelang ihm, uns immer wieder davon zu überzeugen. Wo möglich, versuchte er Brücken zwischen mathematischen und religiösen Fragen zu bauen: Wir waren beim Thema »Parallelen«. Er verwies auf eine Zeichnung, die Parallelen an der Tafel darstellte. Dann drehte er sich um, ließ eine Pause entstehen und wirkte, wie jemand, der dabei ist, eine Entdeckung zu machen: »Das, erklärte er, und verwies auf die Zeichnung an der Tafel, sind Parallelen«. Er drehte sich langsam zu uns um und deutete mit Handbewegungen und seinem bekannten »T´ja« an, dass da noch etwas war. Nach einer Pause folgte dann die Frage: »Und wo schneiden sich die Parallelen?«, um dann verschmitzt hinzu zu fügen: »Etwa beim lieben Gott?« Wir versuchten zu verstehen: Einen mathematischen Gottesbeweis hatte unser Lehrer nicht erbracht und wollte das auch nicht. Ihm ging es um mehr. Er bezeugte uns mit dieser Geste, seinen Glauben an die Existenz Gottes. Wir wurden nachdenklich, denn wir waren ja unterwegs, um einmal selbst als glaubwürdige Zeugen, Menschen zu Gott zu führen. Bis dahin war aber noch ein weiter Weg und es bedurfte tatkräftiger Hilfe guter Menschen und deren Glaubenszeugnis, um uns auf unserem Wege beizustehen.

Wir Seminaristen lernten uns gegenseitig in Schule und Alltag näher kennen. Jeder von uns im Kurs, hatte besondere Stärken und Schwächen. Da wir mehrere Jahre zusammenwohnten, lebten und lernten, wuchsen wir, wie selbstverständlich, zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammen. Dies wurde auch bemerkt. Manche sprachen von einem »Wunderkurs?« Als Ältester entwickelte ich freundschaftlich-fürsorgliche Gefühle zu meinen Klassenkameraden. Manche nannten mich gelegentlich Papa. Ich musste diese „liebevolle Anrede“ nicht zurückweisen. Saßen wir doch alle, ohne Ausnahme, im gleichen Boot, von ähnlichen Sorgen und Fragen umgetrieben. Jeder durfte und konnte seine speziellen Talente einbringen. Wir brauchten diese guten Gaben Gottes in allen Formen: Oft hat uns Gerhard sonntags mit Musik geweckt, in seine Verehrung Mozarts einbezogen, und uns auf den anschließenden Gottesdienst in der Heimkirche eingestimmt. Er verfügte auch über ein unerschöpfliches Repertoire an Witzen. Witze zu jeder Gelegenheit – und er konnte sie perfekt erzählen. Wenn ihm ein geneigtes Publikum zuhörte, lief er zur Hochform auf. Wer diese Fähigkeit Gerhards schätzte, konnte erkennen, dass er seine Witze liebte, die Pointen geschickt ansteuerte, den Beifall genoss, dabei ein Pokergesicht aufsetzte, und mit einem verschmitzten Lächeln die Zuhörer anregte, noch einige Witze hören zu wollen. Wo und wie einige Freunde von uns an Wochenenden die freie Zeit zur Erkundung der Umgebung nutzten, wann und wie sie zu später Stunde wieder unauffällig ins Seminar zurückkehrten, blieb mir größtenteils verborgen. Ich hatte aber auch Lust, meine freie Zeit nicht im Hause abzusitzen: In einer Zeitungsanzeige machte der Besitzer eines nahegelegenen Gestüts darauf aufmerksam, dass es zu günstigen Konditionen möglich wäre, bei ihm zu reiten. Jochen erklärte sich bereit, mit mir das Angebot zu prüfen. Wir rechneten fest damit, einen größeren Teil unseres Kurses für diese Idee gewinnen zu können, falls wir einen passablen Preis für das Reit-Vergnügen aushandeln könnten. Wir waren guter Dinge und marschierten los. Nach einiger Zeit fanden wir die Ortschaft – nicht sehr groß – nur das Gestüt konnten wir nicht entdecken. Schon wollten wir enttäuscht umkehren, da bemerkten wir ein Bauernhaus, an das sich ein merkwürdiger Zaun aus Schilfrohr anschloss. Hinter dem Zaun befand sich eine freie Fläche auf der tatsächlich ein Pferd und ein Maulesel standen. Es kam ein Mann auf uns zu, der sich als Besitzer des »in der Tat sehr kleinen Gestütes« vorstellte. Blitzschnell erfassten wir die Lage: Dieses Angebot war nicht geeignet, um unserem Kurs Reiterfreuden zu ermöglichen. Wir disponierten um und erklärten, dass wir reiten wollten. Damit hatte der Besitzer offensichtlich gerechnet. Er war sehr bemüht, unsere Fragen zu beantworten, als befürchte er, die »seltenen Interessenten« könnten sich unzufrieden wieder abwenden. Wir hatten aber keine Lust, nach dem längeren Fußmarsch, einfach aufzugeben. Eher lockte uns die Chance, unter den gegebenen Umständen einen günstigen Preis für die Reitstunde aushandeln zu können. Wir einigten uns, wie erwartet. Dann musterte der »Reitlehrer? « uns und erklärte: » Sie, er deutete auf mich, reiten auf dem Pferd, und Sie, damit meinte er Jochen, als „Leichtgewicht“ auf dem Maulesel! « Irgendwie kamen wir in die Sättel und wurden einige Runden an der Longe im Kreis geführt. Der Besitzer beobachtete uns und stellte fest, dass ich reiten könne. Ich war überrascht, denn ich hatte nicht die geringste Ahnung, wie ich ein Pferd „lenken“ sollte. Ich entgegnete: »Reiten könne ich nicht, ich hätte aber schon einige „Western-Filme“ gesehen und sei als Schlagzeuger mit einem sicheren „Rhythmusgefühl“ ausgestattet. Das war es dann schon. Bald darauf ritten wir aus und es fühlte sich gut an, hoch zu Pferden zu sitzen. Vor mir ritt oder trippelte Jochen mit dem Maulesel. Es war ein Bild für die Götter. In meiner Fantasie gab ich Jochen eine Lanze und ein Schild und fertig war »Don Quijote«. Diese Vorstellung drängte sich spontan so sehr auf, dass ich das Lachen nicht mehr unterdrücken konnte. Die Schadenfreude dauerte allerdings nicht lange: Mein Pferd setzte aus mir unbekannten Gründen zum Galopp an, und blieb plötzlich, indem es die Vorderbeine schräg anstemmte, aus vollem Lauf, wie angewurzelt stehen. Ich hatte keine Schwierigkeiten aus dem Sattel zu kommen, denn mit einem Salto über den Kopf des Pferdes landete ich in einer lehmigen Wasserpfütze. Ich drehte mich verblüfft um und hatte den sicheren Eindruck, als ob das Pferd mich an- oder gar auslachte. Größeren Schaden hatte ich nicht genommen, doch allen Anlass, mich mit dem beschmutzten und feuchten Hinterteil nach Hause zu begeben. Zeit, mich umzuziehen, hatte ich nicht. So zog ich, feucht und verdreckt, wie ich war, mit Jochen zusammen in den Speisesaal ein. Wie ein Lauffeuer ging die Nachricht von meiner missglückten Reitstunde von Tisch zu Tisch und sorgte für entsprechenden Spott und Gelächter. Jochen war auch ein begabter Situationskomiker. Er brauchte dazu nur einige Gläser Bier, ein interessiertes Publikum, das ihn anfeuerte, und einen ebenso fantasiebegabten Mitspieler. Wenn er hierzu mit Günter eine spontane Nummer zum Besten gab, konnte man sich nicht mehr halten. Jochen verstand es, mit seinem ansteckenden Humor, uns oft die Alltagssorgen von der Stirn zu wischen, wie eine Mutter ihrem Kind die Schmerzen, mit dem »Heile-Segen«. Unser Rektor hätte es sicher damals genau so gern gewusst, wie ich heute, wer von uns dabei war. Ich habe aber nur noch vage Erinnerungen, dass nach einer ausgiebigen und reichlich feuchten Sitzung im »Rebstock«, die Gemüter der Beteiligten so erhitzt waren, dass zur mitternächtlichen Stunde ein Bad im Dorfbrunnen, das einzige praktikable Mittel schien, um uns Abkühlung zu bieten. Tatsache: Der Dorfbrunnen übte eine magische Anziehungskraft auf uns aus. Wir kamen auf dem Weg nach Hause einfach nicht an diesem, aus vollen Rohren Wasser speienden Brunnen vorbei. Irgendeiner von uns prüfte die Wassertemperatur, und schwupp, war er drin. Dieses Ereignis löste in uns ein unerklärliches Verlangen aus, ihm nacheinander wie die Lemminge zu folgen. Die »Badeanstalt« war groß genug, um uns allen Platz zu bieten; lediglich die Schwimmversuche scheiterten kläglich an den Wasserrohren. Nach dem Motto, »einmal über und dann wieder unter Wasser, wie ein Seehund«, überwanden wir die Barrieren. Nach der Abkühlung wurde uns klarer, was sich da eben abgespielt haben musste. Nass, fröstelnd, und mit grün eingefärbten Kleidern, standen wir da, wie begossene Pudel. Kein Zweifel, wer so aussah, musste dabei gewesen sein. Irgendwann stellten wir fest, dass es in unserem Kurs musikalische Begabungen gab. Manfred spielte Akkordeon, Jürgen Trompete, Jochen Gittare, Bernhard Piano, und ich ergatterte mir ein Schlagzeug. Wir probten mit Begeisterung. Ein Glück, dass ich früher in mehreren Bands gespielt hatte und wusste, wie sich Musik anhören sollte. Ein hoher Maßstab an mich und die Musiker. Es war bald klar, dass der Anspruch gesenkt werden musste. Schließlich drängte es uns, aufzutreten, denn wir hatten ein ausreichendes Repertoire erarbeitet. Wir hatten zwar keinen Gesangssolisten, dafür aber Jürgen. Wenn er sein »Il selentio« mit der Trompete schmetterte, konnten wir des Beifalls gewiss sein. An Ave-Maria im mehrstimmigen Chor hatten wir lange gearbeitet, bis dieser Titel uns gefiel. Mit dem Schlager „Die besseren älteren Herrn, gehen mal gern auf ne Angeltour“, mit arrangiertem Chorgesang, fanden wir immer Zugang zum Publikum. Höhepunkt war ein Auftritt in Achern, bei einer Tanzveranstaltung, zu der wir geladen waren. Unser Rektor gab der Bitte nach und wurde nicht enttäuscht. Die »Kapelle Schwung« der Spätberufenen erlebte mit ihrem begeisternden Auftritt einen vollen Erfolg.

Mit Beginn der Obertertia nahmen die schulischen Anforderungen zu. Oft ging es für uns Spätberufene an die Belastungsgrenzen. Nur wenige Klassenkameraden mussten aber die Schule verlassen. Ich hatte zeitweise große Mühe mit »Griechisch«, der zweiten Fremdsprache, und nahm, etwas beschämt, das Angebot zur Nachhilfe an, um über diese Hürde zu kommen. In dieser Zeit stand ich, ohne mein Wissen, unter strenger Beobachtung unseres Kurses. Erst viel später erzählten mir meine »Freunde«, dass ich zur Nachhilfe immer auffallend ordentlich gekleidet aus dem Hause ging. Sie vermuteten, dies könne damit zusammenhängen, dass eine Griechisch-Lehrerin, die wir alle sehr schätzten, diese Aufgabe übernahm. Bei dieser Gelegenheit gestanden sie mir auch, dass sie sich untereinander verständigt hätten, mich zu loben, wenn ich Ihnen gelegentlich stolz meine neuesten Bilder zur künstlerischen Begutachtung zeigte. Dr. Effinger verstand es, in personifizierter Gelassenheit, uns in Deutsch und Geschichte effizient auf das Abitur vorzubereiten, für den Reichtum der Literatur zu begeistern und uns kritisch in geschichtliche Zusammenhänge einzuführen. In der Art, wie er Themenschwerpunkte auswählte, und im Dialog mit uns hierzu Position bezog, war zu erkennen, wie sehr ihm daran gelegen war, uns das christlich-humanistische Bildungsideal zu vermitteln. Obwohl er viele Jahre mit der Oberstufe arbeitete, blieb sein Unterricht erstaunlich lebendig. Man merkte ihm an, dass er von Dingen sprach, die ihm selbst viel bedeuteten. Wenn er, mit dem Oberkörper entspannt zurückgelehnt, hinter seinem Pult, seine langen Beine nach vorne schob, und den Oberlippenbart gelegentlich kraulte, hatte man das Bild eines Menschen vor Augen, der auch in schwierigen Situationen in der Lage schien, Ruhe zu bewahren. Sein schlankes, von Falten gegerbtes Gesicht, der stets wache Blick, die naturgewellten, noch dunklen Haare, passten zu dem großen, schlanken, nicht unbedingt sportlich, eher schlaksig wirkenden Mann. Sein Rat wurde auch im Kollegenkreis sehr geschätzt.

Als Klassen- und Haussprecher war ich oft gefordert, bei unterschiedlichsten Anlässen einige Sätze zu sagen. Gelegentlich belustigten sich meine Freunde auch, wenn sie mich mit vereinten Kräften lauthals aufforderten: »Franz, sag was! « Ich habe diesen leichten Spott, ohne Schaden zu nehmen, überstanden. Ein Ereignis blieb mir aber besonders in Erinnerung: Der hochwürdige Herr Erzbischof von Freiburg mit seinem Gefolge, war zu einer Besichtigung des Schulneubaues angesagt. Ein besonderer Festtag für die Heimschule und unser Seminar. Die Erwartung des hohen Gastes und die Vorbereitungen für seinen Empfang erregten bereits Tage zuvor die Gemüter der Schulleitung, des Lehrerkollegiums, und leicht abgeschwächt, auch der Schüler. Man spürte Anspannung in allen Bereichen der Schule, galt es doch den Festtag so zu gestalten, dass unsere Gäste mit einem guten Eindruck und der Gewissheit nach Hause fahren konnten, Investitionen in Sasbach lohnten sich. Mir oblag es, der hohen Geistlichkeit als Schülervertreter für die wohlwollende Unterstützung in jeder Form zu danken. Ich musste davon ausgehen, dass zum offiziellen Empfang außer den Gästen aus Freiburg, alles was Rang und Namen hatte in der Heimschule, St. Pirmin, der Öffentlichkeit, Politik und Presse etc., einen exzellenten Rahmen bilden würden, vor dem ich zum ersten Mal zu sprechen hatte. Bei diesen Überlegungen war mir nicht ganz wohl zumute. Es half aber nichts; ich musste mir einige Sätze einfallen lassen und hoffte sehr, dieser Aufgabe gewachsen zu sein. Einigermaßen vorbereitet, saß ich als Redner in der ersten Reihe der Aula, und bekam in meiner Aufregung nicht mehr mit, was sich an Prominenz in den vielen Reihen hinter mir eingefunden hatte. Die Spannung steigerte sich, denn die Besichtung des Neubaues nahm mehr Zeit in Anspruch, als vorgesehen war. Das Herz schlug mir bis zum Halse. Dennoch versuchte ich, gelassen zu wirken und harrte der Dinge, die auf mich zukommen würden. Nach beunruhigend langem Warten, betrat der Erzbischof mit seiner Begleitung den Raum. Es dauerte zum Glück nicht mehr lange, bis zu meinem Auftritt: Als ich schließlich dem Erzbischof gegenüberstand, schien er mir klein und schmächtig, gar nicht groß und erhaben. Seine Hände, in denen er ein Programm hielt, zitterten mächtig. In diesem Augenblick überfiel mich ein großes Mitleid mit dem Hirten der Diözese. Sein Zittern berührte mich. Ich hatte so etwas nicht erwartet. Die Spannung wich wie ein Wunder momentan von mir. Meine Worte kamen bei dem Erzbischof an. Er bedankte sich. Eine Last fiel von meinen Schultern, als Beifall einsetzte, der mir zeigte, dass ich im Sinne der Anwesenden gesprochen hatte.

Das Ziel unseres Aufenthaltes in Sasbach, die Reifeprüfung, rückte immer näher. Wir waren in der Oberprima in allen Fächern angestrengt dabei, uns auf das Examen vorzubereiten. Gleichzeitig wussten wir, dass es galt, in absehbarer Zeit Abschied von unserem zu Hause in St. Pirmin, und der uns lieb gewordenen Region um Sasbach zu nehmen. In Gruppen wanderten wir in der karg bemessenen Freizeit nach Sasbach-Ried und hinauf auf die Höhe nach Sasbachwalden, um dort bei einem Imbiss und dem vorzüglichen Wein, Abstand von den Prüfungsvorbereitungen zu gewinnen und mit frohen Liedern nach Hause zu wandern. Mehr, als je zuvor, bestürmten wir unsere treuen Schutzengel, den Herrn und die Gottesmutter in unseren Gebeten, Gottesdiensten und Wahlfahrten, uns auf unserem Weg zur Seite zu stehen. Wir wussten, unser guter Wille und die Vorbereitungen können nur zum Ziel führen, wenn Gottes Segen uns hält und trägt. Es lagen aber noch anstrengende Monate vor uns. Jeder kannte seine Schwächen, an denen er noch zu arbeiten hatte. So weit es an uns lag, halfen wir uns auch gegenseitig. Ich hatte den Eindruck, als ob mich Herr Serrer, unser Chemielehrer, der nicht viel älter war als ich, im Unterschied zu meinen anderen Kameraden, seltener abhörte. Er musste mich aber benoten und ich rechnete fest damit, dass er mich nicht verschonen würde und mein Wissen in Chemie prüfen werde. Die kritische Selbsteinschätzung erlaubte mir, keine großen Hoffnungen auf Erfolg in diesem Fach. In meiner Not, bat ich meinen Freund Manfred, der in Chemie sehr erfahren war, mir Nachhilfe zu geben. Die Zeit drängte, denn andern tags rechnete ich mit der mündlichen Prüfung. Manfred sagte zu und wir trafen uns zu diesem Vorhaben für einige Stunden in Gottes freier Natur, am Vortag der erwarteten Prüfung. Wir beide kannten uns gut, sodass ich es ohne Scheu wagen konnte, meinem Freund reinen Wein einzuschenken. Ich hatte tatsächlich Chemie stiefmütterlich behandelt, um Zeit für die Kernfächer zu gewinnen. Manfred begann mich schonend abzufragen, bemerkte aber bald, dass meine Kenntnisse äußerst dürftig waren. Er kommentierte: Mit Schwächen habe er gerechnet, aber keineswegs mit einem derartigen Minimum an Fachwissen. Dennoch ging Manfred mutig daran, mich in Chemie zu präparieren. Dies gelang ihm auf erstaunlich gute Weise. Ich entwickelte nach dieser Prozedur die etwas überhebliche Vorstellung, in diesen wenigen Stunden wirklich etwas von Chemie verstanden zu haben. Darüber wunderten wir uns beide sehr. An meinen Fähigkeiten zu lernen, konnte es folglich nicht gelegen haben, sondern eher an der geringen Beschäftigung mit dem Thema. Wie befürchtet und erwartet, rief mich Herr Serrer am nächsten Tag in Chemie auf. Es tröstete mich zu sehen, dass es ihm sichtlich schwerfiel, mich zu examinieren. Die Prüfungsvorbereitung durch meinen Freund zeigte aber erstaunliche Wirkung. Weniger hilfreich schienen mir die Signale meiner Klassenkameraden, die ich nicht zu deuten vermochte. Mir erscheint es auch heute noch wie ein kleines Wunder, auf welch mysteriöse Weise ich zu einem guten Examen in Chemie gekommen bin. Herr Blechinger, ein großgewachsener, sportlich wirkender Lehrer, hatte die Aufgabe übernommen, uns in Mathematik auf das Abitur vorzubereiten. Im Hinblick auf die Kurzschuljahre gab es eine Sonderregelung. Wir hatten mit seiner Hilfe fünfundzwanzig mathematische Beweise zu erarbeiten, aus denen wir Abiturienten einige Aufgaben gestellt bekamen. Es war eine Menge zu tun, aber immerhin konnte man sich auf eine begrenzte Fragestellung vorbereiten. Auch weniger befähigte Mathematiker durften daher hoffen, an dieser Hürde nicht zu scheitern. Die letzte Phase der Vorbereitung auf die Reifeprüfung war nicht nur von einer zunehmenden Anspannung, sondern auch von der Erfahrung wohlwollender Begleitung geprägt. Die verschworene Gemeinschaft bewährte sich nicht nur in unserem Kurs. Die jüngeren Seminaristen, unser Schulleiter, der Rektor, die Lehrer, der Präfekt, Spiritual und die Schwestern waren im Geiste St. Pirmins am Gelingen unseres Vorhabens interessiert und trugen ihren je spezifischen Teil dazu bei, uns in den schwierigen letzten Wochen vor dem Abitur und während der Prüfungen zu unterstützen. Es lässt sich kaum beschreiben, welche Gefühle uns bewegten, 1967, nach fünfeinhalb Jahren, in einem feierlichen Festakt die Reifeprüfungszeugnisse in Händen zu halten. Noch einmal tauchte das Wort vom »Wunderkurs« auf, als die vielen Preise aufgerufen wurden, die wir gesammelt hatten. Mein Beitrag hierzu war der »Scheffel-Preis« des Volksbundes für Dichtung. Als Freund der deutschen Sprache und Liebhaber der Literatur, berührte es mich besonders, gerade diesen Preis zu erhalten.

Wir hatten alle mit vielen Fragen unseren Weg 1962 in Sasbach begonnen und nun, 1967, das Abitur, die Voraussetzung zum Studium, bestanden. Wieder ergaben sich andere Fragen und Hoffnungen: Wird es gelingen, auch das Studium der Philosophie und Theologie erfolgreich zu beenden, um unserem Ziel, Priester zu werden, ein weiteres Stück näher zu kommen? Den Text von Friedrich Schiller auf einer schön gestalteten Karte: »Wisset, ein erhabener Sinn, legt das Große in das Leben und er sucht es nicht darin«, haben sechzehn glückliche Abiturenten mit ihrem Namen unterschrieben, um die »frohe Botschaft« vom bestandenen Abitur weiter zu tragen. In Sasbach wurde aber auch Freundschaften geschlossen, Werte vermittelt und unser Glaube gefestigt. Ich bin sicher, dass uns für alles tiefe Dankbarkeit erfüllt, gegenüber den Menschen, die an diesem Erfolg beteiligt sind. Und es scheint mir, als ob meine Freunde ihrem alten Klassensprecher, wie früher, zurufen würdet: »Franz, sag was!« Ihr sollt das »Wichtigste« von mir hören. Ich sage es Euch, aber ich brauche Euch alle dazu: Jesus Christus, der Herr, hat jeden von uns einmal angesprochen, und uns in Sasbach zusammengeführt. Er war und bleibt der unbestrittene Mittelpunkt unserer und jeder christlichen Gemeinschaft. Wisst Ihr noch, wie wir gelegentlich vor dem ausgesetzten »Allerheiligsten« in der Heimkirche beteten? Könnt Ihr Euch vorstellen, dass wir auch heute, zusammen mit unserem Rektor, und allen Menschen, die uns lieb und teuer sind, in einer Kirche, die für die ganze Welt Platz hat, dem Herrn danken, Ihn loben und um Schutz und Beistand bitten? Hört Ihr mich jetzt singen? Ich stimme das „Tantum ergo…“ an. Und da geschieht ein Wunder: Unser Rektor Oberle zeigt uns die »Monstranz mit dem Herrn in Brotsgestalt« und erteilt uns den Segen.

Leider hat sich die Hoffnung, das Spätberufenenseminar ST. Pirmin in Sasbach zu erhalten, nicht erfüllt. Umso wichtiger wurde es für mich, noch einmal an unseren „Wunderkurs“ und die Arbeit all derer zu erinnern, die uns Seminaristen zum Abitur führten. Ich wollte auch Ihnen, liebe Leser, einen Eindruck vermitteln, was wir vermissen und uns damit trösten, dass Jungen und Mädchen heute noch in der Heimschule Lender in Sasbach, unter guten Bedingungen das Abitur erwerben können. Alle, die in ST. Pirmin zum Abitur geführt wurden, danken der Erzdiözese Freiburg, dass wir als Spätberufene noch studieren konnten, um als Priester oder in anderen Berufen segensreich zu wirken.

Geborgen in der Kirche
Geborgen im Glauben Hoffen und Lieben.

Suchen und Finden

Vor einiger Zeit musste ich im Krankenhaus den Ehering vor einer Operation abgeben. Seit unserer Trauung vor Jahren, legte ich diesen Ring nie ab. Er war mir zu einem wichtigen Symbol unserer Ehe geworden. Diesen Ehering vermisste ich sehr. In meiner Not rief ich den Heiligen Antonius zur Hilfe. Er hat mich noch nie im Stich gelassen. Was habe ich nicht alles unter seinem Beistand in unserem Ehealltag wieder gefunden. Da ging die Türe zu meinem Zimmer plötzlich auf. Eine Schwester trat ein und zeigte mir an einem Plastikband einen Ring mit der Frage, ob ich ihn vermisse. Es war mein Ehering. Manchmal gelang es mir auch im Alltag, einen Gegenstand, Haus- oder Autoschlüssel, ohne einen himmlischen Beistand durch gezielte Überlegungen wieder zu finden. Manchmal erlebe ich beim Schreiben einen seltsamen hemmenden Zustand, der mich wie vor dem Beginn einer Geschichte veranlasst, erneut über das nächste Ziel oder Thema nachzudenken. Im Moment achte ich zum Beispiel nur darauf, was mir zum Thema „Suchen und Finden“ noch einfällt: Dem Sprichwort „wer sucht, der findet“ gemäß, ist der suchende Geist bekannter Weise ja immer in Bewegung auf ein zu findendes, lohnendes Ziel. Die Auswahl der Ziele scheint jedoch nach den individuell wechselnden Bedürfnissen der Suchenden, und der subjektiven Bewertung und Bedeutung dieser Ziele zu erfolgen. Aus Erfahrung kann ich hoffen, dass auch mir durch die Untersuchung der Frage, was das Suchen und Finden für mich bedeute, eine neue Idee oder ein nächstes Thema einfallen könnte. Es scheint allerdings so, als ob die jeweils angestrebten Ziele, nur zum Teil die erwartete Befriedigung verschafften. Und dennoch treibt uns eine innere Unruhe, ständig weiter an, Ziele zu verfolgen. Könnte es daher sein, dass die jeweils nicht voll befriedigenden Teilziele, die Spannung erklären, die sich nach der Verwirklichung eines solchen Zieles wieder einstellt? Immer dann, wenn wir jedoch ein Ziel verfolgen, das mit unseren inneren Erwartungen, übereinstimmt, ist dieser Vorgang von der beruhigenden Erfahrung begleitet, trotz möglichen Unbehagens auf dem rechten Wege zu sein. So ging es mir auch seit dem Augenblick als ich mich daran machte, mit Ihnen über die Hemmung beim Schreiben und über Teilziele zu reden, von denen wir sicher wissen, dass sie uns nie voll zu befriedigen vermögen.

Das Nachdenken über meine Blockade setzte zwar den Prozess des Suchens und Findens wieder in Gang. Er führte aber auch zu einem anderen Hinblick des Erkennens: Unseren jeweiligen Teilzielen scheint demnach ein unerklärlicher Bedeutungsüberschuss eigen zu sein, der zur Frage führt, was letztlich unsere Suchbewegung über alle einzelnen Ziele hinaus verursachen könnte? Mir fällt da der Satz von Augustinus ein “Unruhig ist mein Herz, bis es Ruhe findet in Gott“. Könnte es sein, dass dieser Satz genau unserer Suchbewegung entspricht? Bei unserem Suchen begegnen wir ja stets den Dingen und unseren Werken als Geschaffenen wie Teilziele, die nicht voll befriedigen, sondern über sich hinaus auf mehr, letztlich auf Gott unseren Schöpfer verweisen. Sie ermahnen uns daher als Teilziele, alles Geschaffene nicht mit dem Schöpfer zu verwechseln. Wenn aber schon die eigenen Kreationen und die Vielfalt der Dinge dieser Welt uns beeindrucken und erfreuen, wie groß muss dann unsere Freude sein, den Schöpfer zu erkennen, der allen unseren Zielen hier auf Erden und dereinst in Ewigkeit, Dauer und Bestand verleiht?

Die Auferstehung der ewigen Liebe.

Tagesgebet

O Gott der alles schuf und
lenkt DU hast uns diesen
Tag geschenkt. Wir loben
danken preisen Dich für
DEINE Gaben gnädiglich

DU bist’s der alles was
es gibt von Ewigkeit
unendlich liebt. Der im
Wunder SEINER Kraft
uns erhält und Leben
schaft

Hilf DEINE Liebe DEIN
Erbarmen zu teilen mit
Reichen und mit Armen
lass uns folgen DEINEN
Lehren und DIR mit allem
angehören

Vergib uns Sünde Hass
und Schuld durch DEIN
Verschonen DEINE Huld
und lass uns DEIN Erbarmen
Trost und Segen weitergeben.

Lass uns mit Danken und
Lobsingen DIR freudig
unsere Gaben bringen
o Sonne der Gerechtigkeit
führ uns in Zeit zur Ewigkeit.

Erde singe dass es klinge
laut und stark DEIN Jubellied
Himmel alle singt zum Schalle
dieses Liedes jauchzend mit

Singt ein Loblied Eurem Meister
preist IHN laut ihr Himmelsgeister
Was ER schuf was ER gebaut
preis IHN laut

Heilig heilig heili heilig ist der Herr

Heimetschproch

O wie d´Wörter
im miem Läbe
voll Sang und
Klang sich
z´semme wäbe

Zum Teppich nur
dem Herz bekannt
un wär i au im
fernschte Land

Du Muetersproch
bisch schtets in mir
i sag dir tausend
Dank defür

I mag Dich eifach
Schproch am Rhi
will ab und zue
au bi Dir si

Wenn i nur dieni
Tön vernimm bin
i deheim mit
Herz und Sinn

Wär will mir´s
wehre un bin i alt
dass i mi Schproch
in Ehre halt.

Au wenn i färn
rächt wit vo Dir
hör i Di no ganz
lies in mir

Du holsch mi
in Gedanke z´ruck
zu Land und Lütt
un minere Bruck

Doch in de Nöchi
voller Luscht
hüpft´s Herz in
minre Bruscht

Dann mues i
eifach badisch
schwatze so
wie mir de
Schnabel gwachse

Hoffnung Begegnung Vertrauen

Vor Jahren entschloss sich im fernen Osten eine junge Frau, nach reiflichen Überlegungen, in ein Kloster einzutreten. In ihrer Familie hatte sie Geborgenheit, Liebe und christlichen Glauben erfahren, und war daher auf ein Leben in einer religiösen Kommunität gut vorbereitet. Dennoch fiel ihr der Abschied von den Eltern, Geschwistern und ihrer Heimat schwer. Zur vereinbarten Zeit klopfte sie mit ihrer geringen Habe an die Pforte eines Klosters. Man erwartete sie bereits, und eine freundliche Schwester wies ihr ein sparsam möbliertes Zimmer zu. Von da an nahm sie, der Regel gemäß, als Novizin auch am Stundengebet und der täglichen Heiligen Messe teil. Die Gemeinschaft mit den Schwestern erleichterten es ihr, sich an ihre Aufgaben im Klosteralltag zu gewöhnen, und ihrer Berufung treu zu bleiben. Die Zukunft lag nun gestaltungsfähig, wie eine unbeschriebene Seite ihres Lebensbuches, vor ihr. Oft hielt sie den Rosenkranz ihrer Mutter in Händen, und brachte alles, was sie erhoffte und befürchtete, im täglichen Gebet vor Gott. Zu dieser Zeit konnte sie noch nicht erkennen, welche Aufgaben sie einmal als Ordensschwester übernehmen sollte. Im Grunde ihres Herzens war sie aber ein fröhlicher Mensch, und vertraute darauf, dass Gott, der Herr, alles schon zum Besten lenken werde. In ihrer Jugend wurde die Novizin jedoch nicht auf Rosen gebettet, und hatte in ihrer großen Familie gelernt, Freude, Not und Entbehrungen mit anderen zu teilen. Klein von Gestalt, ließ ihr aufrechter Gang Energie und Zielstrebigkeit erkennen. Neugier und waches Interesse an allem, zeichneten die junge Frau aus. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit, reagierte sie gern mit einem befreienden Lachen. Durch ihr offenes und unaufdringliches Wesen, erleichterte sie es anderen Menschen, ihr vertrauensvoll zu begegnen. Man konnte ihre Lebensfreude und Zuversicht bemerken, wenn sie bei den täglichen Aufgaben ein Lied summte, oder ein Lächeln über ihr hübsches Gesicht huschte. Im Alltag gewannen Personen im Kontakt mit ihr leicht den Eindruck, dass die Novizin aber auch zupacken konnte, wenn es die Umständeforderten. Sie erfuhr immer wieder Trost, wenn sie auf dem langen, manchmal beschwerlichen Weg durchs Noviziat, bis zur Einkleidung als Ordensschwester, den Rosenkranz ihrer Mutter im Gebet durch ihre Finger gleiten ließ.

Eines Tages rief sie die Oberin zu sich und richtete an die junge Schwester die Frage, ob sie sich vorstellen könne, in Zukunft als Krankenschwester in Deutschland zu arbeiten? Sie atmete erleichtert auf, als sie vernahm, dass sie ausersehen war diesen Dienst zu übernehmen, und entschied nach kurzem Bedenken, die Aufgabe anzunehmen. In der nun folgenden Ausbildung zur Krankenschwester stellte sie wieder ihre Zielstrebigkeit und Ausdauer unter Beweis. Manche Stunde verweilte die Schwester zur Vorbereitung auf ihren Dienst in Deutschland im stillen Gebet. Ermutigend war für sie die Gewissheit, fern der Heimat bereits erwartet, und in eine Gemeinschaft mit anderen Schwestern, aufgenommen zu werden. Zuvor galt es aber noch, die schwierige deutsche Sprache zu erlernen, um sich mit den Patienten ausreichend verständigen zu können. Als die Schwester dann eines Tages im Flugzeug saß, über all das, was man von ihr erwartete nachdachte, und die geliebte Heimat ihren Blicken entschwand, vermochte sie die Tränen nicht mehr zu unterdrücken. Sie konnte in diesem Augenblick jedoch nicht sicher erkennen, ob die Tränen Ausdruck des Abschieds oder der Freude über ihre neue Aufgabe waren. Sie schämte sich aber dieser Gefühle nicht, umklammerte den Rosenkranz, und trocknete ihr Gesicht ab. Als sie sich danach im Flugzeug umsah, bemerkte sie eine tröstliche innere Nähe zu den Menschen, die auch zu ihren Zielen unterwegs waren. Nach einem ruhigen Flug kam die Franziskanerin wohlbehalten in Deutschland an, lebte sich bei ihren Mitschwestern ein, und trat froh und zuversichtlich ihren Dienst an:

Ein kleines, munteres Mädchen, saß mit ihrer Mutter auf einer Bank im Wartezimmer des Krankenhauses. Die Franziskanerin kam mit den Besuchern ins Gespräch und erzählte auf deren Nachfrage, dass sie aus Indien komme. Die Schwester freute sich darüber, dass es ihr schon möglich war, der Unterhaltung von Mutter und Tochter zu folgen und ihre Kenntnisse der deutschen Sprache hierzu ausreichten. Schutz uchend, eng an ihre Mutter gedrängt, stellte das Mädchen neugierig und aufgeregt die Frage, warum diese Frau neben ihnen, einen so komischen Hut auf dem Kopf habe? Die Mutter versuchte dem Kind mühsam zu erklären, dass dies kein gewöhnlicher Hut, sondern ein Teil ihrer Ordenskleidung sei. Mit großen Augen staunte das Mädchen, die Schwester an. Die Franziskanerin erkannte nun die Chance, dem Mädchen die Frage in deutscher Sprache zu beantworten. Es war in dieser Situation ja nicht erforderlich, komplizierte Zusammenhänge zu erläutern. Sie unterbrach aber für einen Augenblick ihr Gespräch mit dem Mädchen und sagte, sie habe soeben einen zur Aufnahme angemeldeten Patienten gesehen, den sie begrüßen und zu seinem Zimmer begleiten müsse. Unsicher um sich blickend, betrat dieser Patient am Arm seiner Frau den Speisesaal der Klinik. Nach einem chirurgischen Eingriff, war es bei ihm erforderlich, die Folgen dieser Operation diagnostisch zu klären. Der Patient beruhigte sich wieder, als die Franziskanerin ihn lächelnd begrüßte, und sich erbot, ihn zu seinem Zimmer zu begleiten. Zurecht führte diese Schwester den Namen „Joyce“, denn sie war unaufdringlich und freundlich um das Wohl der kranken Menschen bemüht. Erst, als sich der Patient wieder zu Hause in seiner gewohnten Umgebung befand, konnte er sich eingestehen, dass ihn die Untersuchungen trotz der guten Pflege in der Klinik belastet hatten. Noch mehr berührte ihn aber der Verlust seines eigenen, mit vielen Erinnerungen verbundenen Rosenkranzes. War er ihm doch im Laufe der Jahre zu einem wertvollen Begleiter geworden. Ein Gesätz dieses Rosenkrankes zur Nacht gebetet, genügte ihm, um in allen Lebenslagen, in die Ruhe und Geborgenheit eines erholsamen Schlafes zu finden. Umgehend setzte sich der Patient mit der Schwester „Joyce“ in Verbindung mit der Bitte, sie möge nachforschen, ob sein Rosenkranz in der Station gefunden wurde. Er fand sich nicht. An Stelle dessen erhielt er nach einigen Tagen einen Brief von der Schwester. Er enthielt zu seiner Freude einen neuen Rosenkranz, den sie ihm wohl in Vertretung des „Heiligen Antonius“ schenkte, der von frommen Menschen angerufen wurde, wenn sie einen Verlust zu beklagen hatten.

Einige Wochen später, betrat die Frau dieses Patienten lachend das Wohnzimmer, öffnete die rechte Hand, und versicherte, dass sie soeben den Lieblingsrosenkranz ihres Mannes wieder in der Waschmaschine gefunden habe. Mit Olivenöl eingerieben, nahm er auch seine ursprüngliche Farbe wieder an, die durch Waschvorgänge gelitten hatte. Seit dieser Zeit besaß der Mann nun zwei Rosenkränze, die ihn als Geschenke an seine Mutter, und die liebenswerte Schwester „Joyce“ erinnerten.

Maria mit dem Kinde lieb uns allen Deinen Segen gib.

Vaterunser

Gloria Patri et Filio et Spiritui Sancto sicut erat in principio et nunc et semper et in saecula saeculorum. Die Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war am Anfang so auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit.

O Gott unser Abba, lieber Vater, mit DEINEM Sohn Jesus Christus, unserem Herrn und dem Heiligen Geist, Du hast uns aus dem Schlaf erweckt, den Gabentisch so reich gedeckt. Wir danken loben preisen DICH für alles Gute gnädiglich.

DU ewig gegenwärtige Quelle unendlicher, alles erhaltender Liebe und Schöpfer allen Lebens, hast alles durch DEIN Wort ins Dasein gerufen, mit Namen benannt und nach DEINEM Willen geordnet. Alles, was wir sind und haben, was es auf Erden, im Himmel, und im Weltall in DEINER ewigen heiligen Liebe gibt, verdanken wir DIR.

DU hast mit Abraham und seinen Nachkommen einen ewigen Bund geschlossen, Moses DEINEN Willen, das Gesetz, und den Propheten die Hoffnung auf den Erlöser geoffenbart. DU hast Maria auserwählt Jesus Christus, den Gottes- und Menschensohn, im Heiligen Geist zu empfangen, um IHM in der Geburt als SEINE und unsere Mutter, die Menschennatur zu schenken.

ER, das Wort, durch den der Vater am Anfang im Heiligen Geist, alles was geschehen soll bewirkt, ER, Gott von Gott, wird einer wie Du und ich im Willen des Vaters unser Menschensohn. Er bringt Kunde vom Vater und ist für alle Geschöpfe der Weg die Wahrheit und das Leben hin zum Vater.

O Herr Jesus hilf uns zu verstehen, was DEIN Weg auf Erden, DEIN Leiden, Kreuzweg, Tod, Auferstehung und Himmelfahrt für uns Menschen und alle Geschöpfe bedeutet. Entzünde immer wieder neu die Liebe und Dankbarkeit zu DIR, dass DU uns von aller Schuld und Sünde, gegenüber Gott und den Mitmenschen erlöst, und uns an DEINEM Tisch zur Gemeinschaft der Liebe im Glauben und Hoffnung einlädst.
DIR Herr Vertrauen wir alle unsere Sorgen und Nöte als unsere Opfergaben an, dass DU sie mit allem was wir sind und haben, dem Vater in DEINEM Opfer darbringst und an alle hungrigen Jünger als Speise zum ewigen Leben austeilst. Nimm nach dem Male auch den Kelch all unserer Leiden in der Nachfolge Jesu in DEINE heiligen und ehrwürdigen Hände, danke dem Vater, segne und biete sie IHM als DEIN Blut des neuen Bundes DEINEN durstigen Jüngern zum Trank an.

Heiliger Geist, des Vaters und des Sohnes Band der Einheit entzünde in uns die heilige Liebe zu Gott, unserem allmächtigen Vater, zur Jungfrau und Mutter Maria, zu allen Heiligen und Seligen im Himmel, und allen Menschen und Geschöpfen auf Erden. Lass uns allen Menschen und Geschöpfen verkünden, dass Gottes Reich nahe ist und gehe mit uns Hand in Hand auf Jesu Weg der Wahrheit, in SEINEM Frieden, ins gelobte Land, dem Vater entgegen.

Heilig heilig heili heilig ist der Herr

Eine Reise ins Unbekannte

Die zunächst vage Idee, über eine Reise ins „Unbekannte“ zu schreiben, entstand nach der Lektüre von Stefan Zweigs Biographie über „Honoré de Balzac“. Die Lebensgeschichte dieses französischen Dichters, dem es nach einer sehr belastenden Kindheit und Jugend, um Ruhm und Ehre bemüht, nicht gelang, im bürgerlichen Leben eine gesicherte Existenz aufzubauen, beeindruckte Johannes sehr. Wie es Balzac möglich war, trotz fehlgeschlagener Unternehmungen und erdrückender Schulden, in der „Comedy–Human“, den Höhepunkt seines dichterischen Werkbewusstseins zu entwickeln, wurde oft gewürdigt. Auch Stefan Zweig reihte sich mit seinem literarischen Werk und Leben in die große Zahl der Dichter, Denker und Forscher, Musiker und Künstler ein, die zeitlebens dem „Unbekannten“ auf der Spur blieben. Als Johannes darüber nachdachte, was diese Autoren und auch ihn zum kreativen Schreiben bewegte, träumte er in der Nacht von einem Kloster: In andächtiger Stille erfüllte ihn überraschend ein fragloses Glücksgefühl, das sich in den Blicken und Gesten der Mönche spiegelte, und immer mehr vertiefte. Wie von einer Last befreit, folgte er nun dem Gedanken, seine Leser zu einer Reise ins „Unbekannte“ am schöpferischen Prozess des Entdeckens, Denkens und Fabulierens teilnehmen zu lassen.

Johannes schätzte die Erkenntnisse der Naturwissenschaften sehr, die sich nach ihrem Selbstverständnis mit zählbaren, messbaren Tatsachen befassen. Er hätte daher von seiner Dankbarkeit gegenüber diesen Menschen und deren Leistungen zur Verbesserung unserer Lebensbedingungen reden können. Da er sich aber als ein seiner körperlichen, geistigen und seelischen Verfassung bewusster Mensch verstand, stießen nach seiner Ansicht Naturwissenschaften an ihre Grenzen. Er wusste, dass es immer Menschen gab, die Fragen nach dem Sinn des Lebens im Ganzen nicht auswichen. Er hielt insofern die in den Geisteswissenschaften übliche Sprache für geeigneter, um Leben in all seinen Formen als ein Geschenk zu verstehen. Die Poeten, Musiker, Künstler Philosophen und Theologen gingen zwar in ihren Werken auch von bekannten Vorstellungen aus, überformten sie aber im schöpferischen Prozess in Bildern, Skulpturen, Bauwerken, Tönen und Worten, mit einem nicht minder erfahrbaren neuen, geistigen Gehalt. Johannes wollte daher die schöpferische Fantasie auf den Wegen ins „Unbekannte“ begleiten. Er stellte sich und seine Leser damit bewusst vor die Aufgabe, so etwas wie ein Gedicht, oder einen Liebesbrief, mit eigenen Worten und Gedanken, auf ein leeres Blatt Papier zu schreiben. Wer wollte jedoch behaupten, dass derartige Texte oder Liebesbriefe, deren Inhalte erst beim Schreiben entstehen, unsinnig wären. Und Johannes versichert, dass er im Augenblick noch keine klare Vorstellung davon hat, wohin ihn die Finger auf den Tasten seines Rechners führen wollen. Er wusste lediglich, dass er keine Mathematikaufgabe vor sich hatte, und hoffte, dass ihm in den Stunden des Schreibens die Worte und Sätze einfallen würden, um zu erfahren, wohin die Reise gehen sollte. Erst am Ende des neuen Textes, ließe sich redlicher Weise feststellen, ob für ihn und seine Leser eine sinnvolle Nachricht entstanden sei. Natürlich war das ein Wagnis, und Johannes spürte die Anspannung körperlich, zugleich aber auch eine heimliche Vorfreude, unter der Hand eine Botschaft auf ihm bisher unbekannte Weise, entstehen zu sehen. Johannes hatte jedoch bereits erfahren, dass er auch im Alltag nie vor Überraschungen sicher war, und er beim kreativen, geistigen Schaffen, gelegentlich unerwartet Hilfe erfuhr. Der erste Gedanke, über den schöpferischen Prozess beim Schreiben nachzudenken, kam ihm ja nach der Lektüre von Stefan Zweigs Biographie über Honoré de Balzac. Wie oft mag dieser Autor vor einem leeren Blatt gesessen haben, um dann, Wort für Wort seine Einfälle festzuhalten, unsicher, ob man seine Gedanken positiv aufnehmen würde; um dann, in mühsamer Arbeit und unter vielen Korrekturen, seinen Ideen die sprachliche Form zu geben, die vor der eigenen Kritik und in den Augen der Leser, bestehen konnten. Auch Johannes benötigte viele Anregungen anderer Autoren, um zu lernen, wie sie ihre Beiträge in die geeignete Form und Sprache kleideten. Manchmal schien es, als liefe ihm die Zeit davon, um sich mit dem literarischen Erbe auch nur annähernd zu befassen. Hierbei sah er sich durch die fortwährende Begegnung mit bisher Unbekanntem, zu einer kritischen Auslese genötigt. Es brauchte eine geraume Zeit, bis er es, einer Anregung folgend, wagte, erste eigene Texte zu veröffentlichen. Die einzelnen Beiträge fügten sich in Form und Inhalt aber immer mehr zu einer Einheit, die für ihn romanhafte Züge annahmen, in denen er sich als Autor erkannte. Die erste Fassung seiner Idee, „eine Reise ins Unbekannte“ zu schreiben, hielt seiner Kritik nicht stand. Johannes hoffte aber, dass ihn die Lust an diesem Text weiter zu schreiben nicht ganz verließe, und war gespannt, was ihm hierzu noch einfallen würde. Nach einer längeren Schaffenspause, führte ihn die Neugier und Lust, am Text weiter zu arbeiten, wieder an den Schreibtisch zurück. Johannes hatte ja inzwischen durch Versuche, neue literarische Wege zu erkunden, erfahren, dass sich andere Menschen dafür interessierten. Von da an erlebte er sich als Brückenbauer, der bereit war, mit seinen Lesern in einen offenen Dialog über seine Ideen und Gedanken zu treten. Sein stets waches Interesse, galt den vielen neuen Einsichten, die ihm zufielen. Er betrachtete nun die Dinge, Ereignisse und Menschen nicht nur als Tatsachen, um sich darüber im Geben und Nehmen mit anderen Personen auszutauschen. Sie gewannen für ihn zunehmend Bedeutung als Geschenke, mit ihrer eigenen Schönheit, über die es sich zu reden lohnte. Wer wollte zum Beispiel darauf verzichten, über das stets wiederkehrende Ereignis von Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter zu staunen? Wer wünschte sich nicht tragfähige Beziehungen zu Menschen in gegenseitiger Treue? Johannes sah immer mehr hinter den Werken der Künstler, Musiker, Poeten, Wissenschaftler und Techniker, die schöpferischen Menschen, die auf den Spuren des Unbekannten waren. Auch das Dasein der Menschen im historischen Gefüge und im Geflecht sozialer Beziehungen, eingebettet in einen mikro- und makrokosmisch geeigneten Lebensraum, war nun Gegenstand seines Nachdenkens. Überall begegnete Johannes nun das „Unbekannte“ in Form von Ereignissen, die Menschen in ihren Wirkungen erlebten, aber nur begrenzt zu beeinflussen vermochten. Wer wollte beispielsweise ausschließen, selbst einmal zu erkranken, und dann auf Hilfe angewiesen zu sein? Johannes entwickelte ein neues Verständnis des menschlichen Lebens von Geburt bis zum Tod, eingebettet in einen fortwährenden Prozess des Gebens und Nehmens. Er fand, dass Erzählungen hierzu geeigneter waren, Sinn und Bedeutung der Ereignisse für Menschen zu beschreiben, als nüchterne Berichte über die gegebenen Fakten. Johannes folgte weiter dieser Spur: Er ließ es zu, dass seine über die Tasten gleitenden Finger, wie von selbst den andrängenden Gedanken und Gefühlen in Worten und Sätzen ihre Form gaben. Nie wäre dieser Text so entstanden, wenn er sich nur an einen festen Plan gehalten hätte. Er war nun sicher, dass auch ein für die Leser sinnvoller Text entstehen konnte, wenn er weiter zu Papier brachte, was ihn bewegte. Das Schreiben ermutigte Johannes immer mehr, von den Wundern und Geheimnissen des Lebens zu erzählen, und die Frage zuzulassen: „Warum es dies alles und nicht nichts gab?“ Es stellte sich der Frage nach dem Sinn, und Ziel, der Ursache, Einheit und Vielfalt aller Lebensprozesse. Drängende Fragen, die ihm die Naturwissenschaften nicht ausreichend beantworten konnten. Er fühlte sich geführt, auf der Spur des „Unbekannten“ zu bleiben, obwohl er noch nicht wusste, wohin ihn diese Reise führen könnte. Die Frage nach dem „Unbekannten“ schloss ja alles ein, was es gab, und sollte nicht durch den Blick allein auf das „Machbare“ verstellt werden. Zu diesem Ganzen gehörten für Johannes auch die Erfahrung von Grenzen, Ende, Tod und nach dem Sinn des Lebens über den Tod hinaus? ln der Literatur, Theologie Philosophie, den Künsten, und im christlichen Glauben, fand er die notwendige Ergänzung zum Weltbild der Naturwissenschaften.

Es fiel ihm auf diese Weise immer leichter, zu verstehen, dass er auf seiner Reise ins „Unbekannte“, ein Bewunderer Gottes geworden war, dessen Kunstfertigkeit er auch in der Erschaffung seines Leibes, Geistes und der Seele zu einem seiner Geschichte bewussten „homo sapiens“ entdeckte. Erst Im Glauben an Gott, den ewigen Vater, der allen Geschöpfen, SEINEN Sohn als Retter, Wahrheit und Weg zum ewigen Leben schenkt, findet die Hoffnung des Johannes ihr ersehntes Ziel. Es ist der ewig liebende Vater, der mit SEINEM Sohn und dem Heiligen Geist allen Geschöpfen Erbarmen und Vergebung in SEINEM Reich der Gerechtigkeit ewigen Frieden schenkt, der alles im Dasein erhält, und am Ende der Zeiten, in einer neuen Schöpfung zu ihrem Ziel führt, Ein liebender Gott, der sich in Seinem Sohn als Weg, Wahrheit und Leben zu erkennen gibt. Johannes erzählte von da an in seinen Geschichten von diesem Gott, dem er alles Schöne in seinem Leben, und alle Schönheit in der Natur, Kultur und Wissenschaft der Menschen verdankt. Hoffnung, Glaube und Liebe wurden so zu Triebfedern seines Lebens. Er trat damit in das große Warten aller Kreaturen, auf das ewige Leben in den Wohnungen bei Gott dem Vater, Sohn und Heiligen Geist ein. In einem nachösterlichen Text des Evangeliums, äußerte Thoms, Zweifel an der Auferstehung des Herrn von den Toten. Er durfte seine Finger in die Wunden des Auferstandenen legen, und die Worte hören: „Sei nicht ungläubig sondern gläubig!“ Diese Schriftstelle, legte ein Priester so aus, das es Sinn mache, und zum Heil notwendig sei, an Jesus Christus den der Tod nicht festhalten konnte, und unsere Auferstehung durch IHN zu glauben. Johannes hatte dieses Schlusswort seines Beitrages über eine Reise ins Unbekannte, das ihn in die Nähe des Auferstandenen führte, weder geplant noch erahnt, als er sich an den Rechner setzte, um diesen Beitrag zu schreiben. Wer wollte daher ausschließen, dass sein literarischer Versuch, seine Leser ermutigen könnte, auf diesem Weg zu bleiben. Johannes freute sich, dass er dem Impuls folgte, an der Hand Stefan Zweigs die Betrachtung über eine Reise ins „Unbekannt“ zu schreiben, als ein Warten in der seligen Hoffnung, auf das noch ausstehende, aber vom Herrn verbürgte, endgültige, letzte Ziel der Schöpfung.

Anmerkung:

Wer sich näher über den Stand naturwissenschaftlicher und geisteswissenschaftlicher Forschung aus christlicher Sicht informieren möchte, dem sei das im Springer Verlag 2016 erschienene Buch von Martin Rhonheimer: Homo sapiens: Die Krone der Schöpfung, Herausforderungen der Evolutionstheorie und die Antwort der Philosophie empfohlen.

Der Poet

Hommage an Goethe

Seit langer Zeit vertiefe ich mich wiederholt in die Lektüre des literarischen Erbes des wohl bedeutendsten deutschen Dichters. Es könnte vermessen klingen, kommt aber der Wahrheit sehr nahe, dass ich mich, von seiner Sprache beeindruckt, gelegentlich wie Hand in Hand mit ihm, durch seine Werke führen lasse, in denen er intuitiv und im stetem Blick auf das jeweils Ganze, die Zeichen seiner Zeit poetisch deutet: Dass zum Beispiel die historische Betrachtung Goethes über die Folgen der französischen Revolution, Implikationen enthalten, die über diese Zeit hinaus, von bleibender Bedeutung sind, und somit auch zur Beurteilung heutiger gesellschaftlicher Veränderungen anregen können, belegt eine Goethe-Biographie, die im Carl Hanser Verlag im Jahr 2013 erschienen ist. Sie war mir begleitend zum Studium der Originaltexte, eine willkommene Hilfe, um Goethes Werke im Zusammenhang mit seinem Leben und seiner Zeit besser zu verstehen. Ich beziehe mich aber nur auf eine Textstelle, die mich infolge des möglichen Bezugs zu den auch heute nur schwer zu erkennenden Folgen technischer, gesellschaftlicher und pölitischer Veränderungen und Entwicklungen sehr berührte.

Der Autor RÜDIGER SAFRANSKI beschreibt in seiner Biographie (S.418) ausführlich die durch Überlegungen zu den möglichen Folgen der französischen Revolution bei Goethe ausgelösten seelischen Erschütterungen. Es scheint dem Dichter in diesem historischen Zusammenhang so, als könnten die revolutionären Auswirkungen, wie eine personifizierte menschlich-übermenschliche Naturkraft, so auf die Gesellschaft einwirken, dass kein Stein auf dem anderen bliebe, und alles bisher Vertraute getrennt und wieder neu zusammen gefügt würde: „Alles bewegt sich /Jetzt auf Erden einmal, es scheint sich alles zu trennen. / Grundgesetze lösen sich auf der festesten Staaten, / Und es löst der Besitz sich los vom alten Besitzer; / Freund sich los vom Freund; so löst sich Liebe von Liebe. <....>Nur ein Fremdling, sagt man mit Recht, ist der Mensch hier auf Erden. /Mehr ein Fremdling als jemals, ist nun ein jeder geworden. / Uns gehört der Boden nicht mehr; es wandern die Schätze; / Gold und Silber schmilzt aus den alten heiligen Formen; /Alles regt sich, als wollte die Welt, die gestaltete, rückwärts / Lösen in Chaos und Nacht sich auf, und neu sich gestalten.“,

Wie aktuell können uns diese Sätze erscheinen, wenn wir die bei Goethe seiner Zeit befürchteten und erfühlten, in der Folge der Revolution und der zu erwartenden Umbrüche, mit den heute noch viel globaleren technischen, politischen, und gesellschaftlichen Prozessen vergleichen. Gibt es aber in unseren Tagen noch wache Beobachter des Zeitgeschehens, die im Innersten prophetisch berührt, ihre Sorge um das Gemeinwohl zur Sprache bringen? Finden sich auch noch heute Gefährten, die wie Goethe seinerzeit, den Bedrohungen trotzen und in innerer Selbstgewissheit auch in der Auflösung bisheriger Wertesysteme eine Wandlung zum Guten erahnen, die durch „Chaos und Nacht“ hindurch zu einer möglichen neuen Gestalt führen kann? Goethe lässt durch seine Einheit von Werk und Leben erkennen, wie sehr ihm am Respekt vor dem realen Gegenüber und der Bindung aller Phänomene in das je Ganze gelegen ist. Die intuitive Sicht auf die Ereignisse, hat diesen Poeten ermächtigt, den erlebten Bedrohungen nicht zu erliegen, und auch in der dunklen Unsicherheit die Chance einer möglichen Wandlung zum Besseren zu erkennen. Diese Sicht befähigte ihn offensichtlich auch der Gefahr ins Auge zu blicken, und keinen Zweifel daran aufkommen, zu lassen, was geschehen könnte, wenn durch die „menschlich-übermenschliche Naturkraft einer Revolution“ wie bei einem Erdbeben, kein Stein auf dem anderen bliebe, als ob alles auf Erden sich trennte, neu zusammen fügte, und bislang geltende Grundgesetze gefestigter Staaten sich lösten. Der Poet fühlte damals mehr als zuvor, stellvertretend für alle Gefährten die Fremde, die den homo sapiens, bedroht, wenn sich „der Besitz vom alten Besitzer“, „der Freund vom Freund“ und „die Liebe von der Liebe“ lösen. Der bislang sichere Boden trüge dann nicht mehr. Alles, was bisher wert und teuer war, würde wie Gold und Silber aus „alten und heiligen Formen“ geschmolzen, und unsere vertraute Welt verlöre wie in einer rückwärts gewandten Bewegung ihre bisherige Gestalt. Ist diese Sorge, die Goethe im Blick auf die möglichen Folgen der französischen Revolution erlebte und in poetischen Worten kraftvoll ausdrückte, nicht in gewisser Weise vergleichbar mit den von vielen Menschen unserer Tage gefühlten, sprachlich nicht zu artikulierenden Befindlichkeiten? Welcher Zeitgenosse vermöchte es, wie Goethe damals, die in den letzten Dezennien bis heute erfolgten technischen und gesellschaftlichen Veränderungen in ihrer Bedeutung für die Menschen ins Wort zu fassen? Und erscheint es uns in wachen, auf die Zeichen der Zeit achtenden Stunden, nicht manchmal so, als ob wir durch den Verlust bisher vertrauter Wert- und Lebensbezüge in ein bedrohliches Dunkel abstürzen könnten? Wer wagt es, wie Goethe zu seiner Zeit auch heute aus intuitiver Selbstsicherheit, trotz der bedrohlich erlebten Veränderungen, Chancen des Wandels zu einer neuen Gestalt von Wertbezügen zu erkennen, in denen die unverzichtbaren Bedürfnisse der Menschen nach Sicherheit, Freundschaft, Vertrauen und tragfähiger Liebe wieder erfahrbar sind? Was würde Goethe oder wir in seinem Sinne intuitiv im Blick auf das Ganze unserer bedrohend erscheinenden Veränderungen und der Chancen zur Entwicklung sagen?

Ist es bei dem fraglichen Vergleich von Prozessen in der Folge der französischen Revolution mit den heutzutage offenkundigen weltweit wirkenden technischen, politischen, gesellschaftlichen und religiösen Umwälzungen nicht sehr vermessen, allein auf die Kraft der intuitiven Hoffnung auf eine Wandlung durch Dunkelheit zu einer neuen Gestalt zu vertrauen? Stößt die Poesie Goethes so gesehen nicht an ihre Grenzen? Ähnlich bleibt jedoch die von Goethe als Folge der Revolution erlebte Betroffenheit der einzelnen Menschen. Daher auch die Aufgabe bei gravierenden Veränderungen zu jeder Zeit der Bedrohung zu trotzen, und die Chance, eine neue Weise des Zusammenlebens mit zu gestalten, nicht zu verpassen. Es stellt sich daher auch angesichts unserer heutigen Bedrohungen die Frage, welche Leitlinien und Werte gesichert werden müssen, um den zu einem menschlichen Überleben notwendige Raum zu Vertrauen, Freundschaft und Liebe in jeder neuen Gestalt unbedingt zu erhalten. Das seinerzeit von Goethes poetischer Kraft getragene, intuitiv-ganzheitliche Erfassen historischer Zusammenhänge, könnte auch in unsere Zeit ein Medium sein, um die Betroffenheit, Ängste und Hoffnungen der einzelnen Menschen besser zu verstehen. Denn Goethes prophetische Poesie in schwieriger Zeit ermuntert auch uns, in Krisenzeiten nicht zu verzweifeln, sondern mutig und kraftvoll mit zu wirken, um Wandlungsprozesse zu unterstützen, die dazu führen können, dass -wie zu allen Zeiten- Menschen immer wieder neue Formen finden, um miteinander in Respekt, Freundschaft, und Liebe, die vorhandenen Ressourcen zu teilen. Es gehört aber wahrlich ein menschlich-übermenschliches Vertrauen dazu, um auch in den heutigen und künftigen Bedrohungen und Schreckenszenarien der Welt, immer wieder die Chance auf einen gottgewollten Wandel zum Guten zu erkennen.

Der Poet

Herre Christ

DU Spiegel der
Dreifaltigkeit
zum Trost
der ganzen
Christenheit

Das All erglänzt
in DEINEM Licht
auch wenn das
arme Herze bricht

Du Herr der
Herz und Sinn
erhellt der
alles eint in
dieser Welt

Du hast´s
vollbracht und
neues Leben
uns gebracht

Ich atme DEINE
Liebe ein mit
jedem Atemzug
in teurem Blut

Und ewiger Liturgie
strömt mein und des
Herren Atem aus

Als frohe Botschaft
in die Welt von Gott
dem Herrn der sie
erhält

Herr Jesus Christus Weg Wahrheit und Leben
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