Radio Horeb – Impuls vom 30.03.2011

Radio Horeb Logo
Die Katholische Kirche: 3.Sendung
Ein Sendungsmitschnitt von mir in der Serie “Impuls” im Radio Horeb.
Weitergabe des Glaubens – Kirche und Glauben – Strukturen und Lehramt – Priestermangel und Mission –

30.03.2011 – Laufzeit: 00:14:57 – Dateigröße: 6.85MB

Die Urheberrechte für diesen Mitschnitt liegen ausschließlich bei Radio Horeb.
Wir möchten darauf hinweisen, dass die herunter geladenen Sendungsmitschnitte ausschließlich für den privaten Gebrauch gedacht sind und nicht eigenmächtig auf andere Websites und Internet-Portale gestellt werden dürfen.

Radio Horeb – Impuls vom 29.03.2011

Radio Horeb Logo
Die Katholische Kirche: 2.Sendung
Ein Sendungsmitschnitt von mir in der Serie “Impuls” im Radio Horeb.
Kirche und Glaubenszeugen – Naturwissenschaft und Sinnfrage – Schöpfung und Verantwortung – Christen, Papst und Kirche – Kirche und Sakramente

29.03.2011 – Laufzeit: 00:17:58 – Dateigröße: 8.23MB

Die Urheberrechte für diesen Mitschnitt liegen ausschließlich bei Radio Horeb.
Wir möchten darauf hinweisen, dass die herunter geladenen Sendungsmitschnitte ausschließlich für den privaten Gebrauch gedacht sind und nicht eigenmächtig auf andere Websites und Internet-Portale gestellt werden dürfen.

Radio Horeb – Impuls vom 28.03.2011

Radio Horeb Logo
Die Katholische Kirche im Wandel: 1. Sendung
Ein Sendungsmitschnitt von mir in der Serie “Impuls” im Radio Horeb.
Gotteswort im Hören und Sprechen – Zeichen der Zeit und Situation der Kirche – Aufklärung und Kirche –

28.03.2011 – Laufzeit: 00:15:43 – Dateigröße: 7.20MB

Die Urheberrechte für diesen Mitschnitt liegen ausschließlich bei Radio Horeb.
Wir möchten darauf hinweisen, dass die herunter geladenen Sendungsmitschnitte ausschließlich für den privaten Gebrauch gedacht sind und nicht eigenmächtig auf andere Websites und Internet-Portale gestellt werden dürfen.

Im Advent

Oppenweiler wirkt noch sehr verschlafen. Nur von weit und gedämpft, ist ein vorbeifahrender Zug zu hören. Die Dunkelheit gibt das ruhige Licht einiger Straßenlaternen frei. Der Blick gleitet hinüber zum Pflegeheim Steigacker. Dort und in wenigen anderen Häusern der näheren Umgebung, leuchten Fenster. Es scheint, als ob andere Menschen schon wach sind. Die Lichter erzählen uns aber nicht, was im Altenheim und in den Häusern wirklich geschieht. Wir können nur vermuten, dass dort Menschen einander begegnen. In der äußeren Dunkelheit sind sie nicht zu sehen. Sie bleiben für uns anonym. Ist das alles? Wie nahe liegt da die Reaktion, uns auch in eine innere Dunkelheit zurück zu ziehen? In dieser inneren Anonymität blieben uns und anderen Menschen Beziehungswünsche verborgen. Wir könnten uns dann beruhigen mit Vorstellungen wie: »Was ich nicht weiß, das macht mich nicht heiß! «, oder: »Was kümmern uns die anderen? Wir können ja eh nichts ändern! «.

In dieser Situation wäre es aber auch möglich, Pascal folgend, zu sagen: »Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt! « und uns über die bestehenden und selbst Verstand, Schranke, gefertigten Schranken hinweg setzen, mit den unsichtbaren Menschen in der Fantasie in Beziehung zu treten und uns fragen, wie es den Alten, die sich nicht mehr selbst versorgen können, in dieser Nacht ergangen ist? Ob sie friedlich schlafen konnten oder von Angst und Schmerzen gepeinigt wurden? Wir könnten auch fragen, wie die Schwestern und Pfleger die Nacht verbrachten; ob ihr Dienst anstrengend war, der Arzt zu einem Notfall gerufen werden musste, oder ob sie sich gerade jetzt noch um pflegebedürftige Menschen kümmern, und was die Alten und ihre Helfer vom neuen Tag erwarten? Die Fähigkeit, mit den Augen des Herzens zu sehen, würde uns, wie mit einem Nachtsichtgerät, erlauben, auch in der Dunkelheit zu sehen. Die Vorstellung, dass dort im Altenheim, Tag und Nacht Menschen für einander da sind, einander begegnen, auch wenn wir sie nicht sehen, scheint gar nicht so realitätsfern zu sein. Sie könnte uns aber helfen, die innere und äußere Anonymität aufzubrechen, und mit anderen Menschen in Beziehung zu bleiben, auch wenn wir sie nicht sehen.

Wie von Zauberhand angeknipst, leuchten in der näheren Umgebung immer mehr Fenster. In Oppenweiler scheint sich Leben zu regen: Berufstätige bereiten sich auf die Fahrt zu ihren Arbeitsplätzen in der Region vor. Sie reihen sich in die endlose Schlange der Autos ein, die sich mitten durch unseren Ort quält. Andere Menschen eilen, in sich gekehrt, zu den Haltestellen von Bus und Bahn. Mütter versorgen ihre Kinder, um sie danach in den Kindergarten zu bringen. Schüler eilen auf die letzte Minute zum Zug.
Alle Menschen, Groß und Klein, nicht nur im Altenheim, sind eingebunden in ihren Pflichtenkreis. Sie profitieren, wie selbstverständlich von anderen Personen, manche in der Vorstellung, als gebe es einen Rechtsanspruch auf eine reibungslos funktionierende Vollversorgung, durch Menschen, die anonym, im Hintergrund, Tag und Nacht ihr Überleben sichern. Meistens bemerken sie erst dann, ihre Abhängigkeit, wenn eines oder mehrere Glieder der Versorgungskette reißt und ausfällt:

Wird die Mutter krank, der Vater arbeitslos, dann trifft das unmittelbar die ganze Familie. Fallen Züge aus, sind Kindergärten geschlossen, streikt die Müllabfuhr, fällt der Strom aus, dann ist es oft sehr schwierig, geeignete Ersatzlösungen zu finden. Streiken Arbeiter, Ärzte, Pfleger oder Schwestern, verunsichern Entscheidungen der Banker und Politiker die Bürger, dann können Auswirkungen davon, viele Menschen treffen. Bedrohen destruktive Kräfte die öffentliche Sicherheit, gefährden wirtschaftliche Veränderungen die Arbeitsplätze oder erschüttern Katastrophen unser Sicherheitsbedürfnis, dann erst begreifen wir, wie sehr wir auf einander angewiesen sind. Könnte es sein, dass wir uns in unserer Gesellschaft so sehr an die Vorstellung gewöhnt haben, dass andere Menschen für unsere persönliche Sicherheit und unser Wohlergehen verantwortlich sind, sodass Eigeninitiative sich erübrigte und wir uns durch Flucht in die Anonymität davor schützen könnten, unsere stillen Helfer wahrzunehmen und ihnen danken zu müssen.

Gibt es andererseits im vor uns liegende Advent, einer Zeit der Umkehr, in der Barrieren abgebaut und krumme Wege gerade gerichtet werden sollten, nicht genügend Anlass, ab und zu an jene Menschen zu denken, die ohne dass wir sie sehen, beständig um unser Wohl und Wehe besorgt sind? Vielleicht kostete es keinen unüberwindlichen Aufwand, die oft beklagte Anonymität unter uns aufzusprengen, um mit einander ins »Gespräch« zu kommen. Wünschen wir uns darum gegenseitig jeden Tag ein wenig Ruhe, um uns im geheimnisträchtigen Advent, über die Geschenke so vieler unbekannter Menschen und das Kind zu freuen, das bei uns ankommen will. Der kleine Adventskranz auf meiner Fensterbank, der gestern billig zu kaufen war, drängt unversehens in´s Blickfeld: Er ist schlicht gestaltet. Nur zwei festlich glänzende kleine Äpfel, eine etwas gewöhnliche, rote Schleife, und eine Kerze, schmücken die zum Kranz gebundenen Tannenzweige. Wir nehmen uns Zeit, für unsere Verhältnis zu einander, sehr viel Zeit, um den kleinen Adventskranz auf uns wirken zu lassen. Plötzlich geschieht ein kleines Wunder:

Die aufkeimende Freundschaft mit dem kleinen Adventskranz zaubert ein Leuchten auf unser Gesicht und die Augen beginnen zu strahlen. Die Vorfreude auf den kommenden Advent, zieht uns so sehr in ihren Bann, dass wir uns nicht mehr zurück halten können, und die Kerze heute schon anzünden, obwohl wir eigentlich noch Tage zu warten hätten. Ist es eine Täuschung oder ein weiteres Wunder? Wir sehen den Adventskranz auf einmal doppelt, denn vor dem Hintergrund des nur sehr zögernd anbrechenden Tages, hat die Kerze sich in der Fensterscheibe ein Abbild geschaffen, als wollte sie sagen: Ich will die Anonymität durchbrechen, mich im Fenster spiegeln, und allen, die mich sehen wollen, doppelt Licht und Segen spenden. Ob aber wir
Menschen in der vorweihnachtlichen Zeit in der Lage sind, uns auf ruhige Adventstage und die Ankunft des Kindes zu freuen und die Botschaft hören, dass auch ihr »anonymer Dienst« gesehen, bemerkt und anerkannt wird, ist die Frage, die sich jetzt stellt.

Wenn uns in den Tagen vor dem Fest, hektischer Geschäftigkeit erfasst und sich Männer, Frauen und Kinder, in endlosen Schlangen durch die Einkaufszonen der Städte drängen, sich in überfüllten Kaufhäusern an einander vorbei bewegen, eingelullt von »Stille Nacht…, und O du Fröhliche…«, auf der Jagd nach all dem Nötigen und Unnötigen, kann da Ruhe, Besinnlichkeit, Begegnung und Erwartung auf die Ankunft des Herrn geschehen? Schaut uns aus diesem »Spiegel« nicht der reine Konsument, ein Zerrbild unserer selbst an? Und wir könnten weiter fragen, ob diese schreckliche Anonymität auch andere Lebensbereiche beherrscht und wie wir dennoch mit anderen Menschen in Beziehung bleiben können?

Die Verkäuferin, Mutter schulpflichtiger Kinder, hält uns entgegen: Ich bange um meinen Arbeitsplatz und stelle mich schweren Herzens dem zunehmenden Leistungsdruck. Advent, was ist das schon für mich? Die Hektik nimmt zu, je näher das Fest kommt. Auch an Wochenenden müssen die Verkaufszahlen stimmen. Das Verkommen der Weihnachtslieder zu einer Beschallung, die Kauflaune wecken soll, geht mir längst auf die Nerven. In den wenigen freien Stunden versuche ich auch Erwartungen der Familie zu erfüllen. Ich backe unermüdlich Plätzchen, die in Nachtschichten entstehen, aber auf geheimnisvolle Weise, längst vor dem Fest wieder verschwinden. Plätzchen schmecken bekanntlich vor dem Fest am besten. Ein Kreislauf, der die Erwartung, allen eine gute Mutter sein zu können, jedes Jahr aufs Neue enttäuscht. Natürlich weiß ich um den Segen der Ruhe und kenne die Weihnachtsbotschaft vom Kind in der Krippe. Ich erlebe aber all die gut gemeinten Einladungen und Angebote, mich einzustimmen, und einzubringen, wie eine kaum mehr zumutbare Belastung. Wenn ich dann erschöpft in der Kirchenbank ausruhe, während einer längeren Predigt den Kopf senke, einnicke, und dann, zur Aufmunterung einen Rippenstoß meines Gatten bekomme, kann ich diese Berührung keineswegs als Ausdruck wohlwollenden Verstehens begreifen.

Ein erfahrener Mann in leitender Stellung, sagt uns: Die Geschichte mit Advent und Weihnachten kenne ich sehr gut. Ich kann aber das Gedudel der Weihnachtslieder in den Städten und Kaufhäusern nicht mehr aushalten und höre gar nicht mehr hin. Ich meide diesen Umtrieb und spreche, in der Erwartung, es interessiere andere Menschen nicht, auch nicht gern über meine vielen Aufgaben gegen Ende des Jahres, von zunehmender Konkurrenz im Management und der schmerzlichen Rivalität unter Kollegen. Pflichtbewusst absolviere ich die verschiedenen Weihnachtsfeiern im Betrieb, in Vereinen, der Politik und sozialen Einrichtungen. Die Nerven sind zum Platzen gespannt und manchmal entlädt sich der angestaute Ärger, im einzigen angstfreien Raum, der Familie, zur Unzeit, an Kleinigkeiten. Ruhe, Besinnung auf das Fest, Erwartung des Kindes in der Krippe, ja, er kenne das irgendwie von Kindheit an, aber in seiner Realität,
die ihn tagtäglich umgebe, könne er sich keine Sentimentalitäten leisten. Ja, wenn er krank wäre, Zeit hätte, wie ein Rentner, oder gar Pfarrer wäre, der nichts anderes zu tun habe, dann könnte er sich Besinnung erlauben.

Ein achtjähriger Knabe freut sich auf den Advent und das kommende Weihnachtsfest. Er berichtet: Die Mutter hat -wie üblich- einen Adventskalender in der Küche aufgehängt. Wie in den vergangenen Jahren, darf er jeden Tag ein Fenster öffnen und das Stück Schokolade dahinter essen. Wenn man ihn dabei hantieren sieht, wird nicht so ganz klar, ob das Öffnen des Türchens oder der Genuss der Schokolade den größeren Reiz auf ihn ausübt. Er scheint bei Einkäufen in der Stadt auch nicht überfordert und ist unentwegt dabei, seiner Mutter Hinweise zu geben, was er sich zu Weihnachten wünscht. Die Tage und Nächte im Advent wollen aber nicht vorbei gehen, als ob sie besonders lange dauerten. Wenn es endlich so weit ist und an Heilig-Abend die ganze Familie Geschichte das Krippenspiel in der Kirche, und die Geschichte von Maria und Josef, dem Jesuskind, den Engeln, Hirten, Ochs und Esel hinter sich gebracht hat, ist zu Hause nur noch das vom Vater verlesene Weihnachtsevangelium und einmal das Lied »stille Nacht, heilige Nacht« zu überstehen, dann erreicht das Fest den ersehnten »Höhepunkt«: Nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern und Verwandten geben ihre vornehme Zurückhaltung auf und packen erwartungsfroh ihre Geschenke aus, nicht wenige, wie die Kinder. In dieser Fülle fällt es nicht immer leicht, daran zu denken, wie wenig ein Kind in der Krippe braucht, um sich uns zu schenken. Es könnte ja sein, dass wir, wenn wir auf manches Entbehrliche verzichteten, uns weniger vor der Armut des göttlichen Kindes schämen müssten.

Ein Pfarrer, so sagt man, hat während der Adventszeit und über die Weihnachtsfesttage viel zu tun. Wir sind gespannt auf seinen Bericht: Er kann sich kaum der vielen Angebote erwehren, an vorweihnachtlichen Feiern bei Jungen, Alten und Kranken teilzunehmen. Nach den Festtagen ist er wieder weniger gefragt. Bei den Gottesdiensten im Jahreskreis ist die Kirche oft fast leer. Er fragt sich besorgt, wie das kommt? Eine schmerzliche Angelegenheit für ihn und die wenigen treuen Christen, auf die er sich verlassen kann. Umso größer ist seine Freude, wenn sich über Weihnachten viele Christen um den Altar versammeln und das Gotteshaus bis auf den letzten Platz füllen.

Wir kehren zurück zu unserem Adventskranz auf der Fensterbank und der Kerze, die unverdrossen Licht spendet, obwohl die Dunkelheit zu schwinden beginnt, und ein neuer Tag erwacht. Es gibt keinen Grund für Christen, die Augen vor dem Tag und der Realität zu schließen und sich in eine innere Anonymität zurückzuziehen. Der Herr, der Weg, Wahrheit und Leben ist, ist auch das Licht, das alle Dunkelheit erhellt. ER ist der Fels, das Fundament, IHM können wir »blind« vertrauen. In Freude und Not zünden wir daher als Brüder und Schwestern unsere Kerzen an und dürfen sicher sein, dass »ER, das göttliche Kind«, unsere Armut nicht scheut und in uns Wohnung nimmt.

Die kleine Orchidee

 

 In aller Ruhe genieße ich das Frühstück und räkle mich behaglich in der momentanen Stille. Absichtslos wandert der Blick über die kahlen Bäume vor dem Fenster, an deren Äste Regentropfen im Licht glitzern, und zurück zu den Bildern und Möbeln unseres gemütlichen Esszimmers. Einige Herzschläge lang schließe und öffne ich die Augen, bin einfach nur da. Wie durch ein Wunder bekommt alles um mich Leben und Farbe. Bis in die Fingerspitzen pulsiert diese Erfahrung. Kann ich den Sinnen trauen, in Worte fassen, was sich mir zuträgt?

Ich sitze am ausladenden, ovalen Tisch im lichten Esszimmer; allein, aber keineswegs einsam. Oft saßen wir hier vergnügt bei Mahlzeiten und Gesprächen mit unseren Kindern, Verwandten, Freunden und Gästen. In der anhaltenden Stille drängt es mich, Gedanken undWünsche fliegen zu lassen. Ich stelle mir vor, der Tisch würde größer und größer und alle Menschen, die uns lieb und teuer sind, fänden hier Platz, obwohl in Wirklichkeit nur wenige Stühle frei sind. Wohin würde mich die heitere Stimmung führen, wenn ich verzichtete, der Fantasie Fesseln anzulegen?

Einer hübschen Orchidee, die uns Freunde zu Weihnachten schenkten, gelingt es unvermutet, mein Interesse zu wecken. In deutlichem Kontrast zu der mit spärlichen Schneeresten behafteten, frostigen Umgebung, dem grau in grau, Wolken verhangenen Himmel, und den regungslos schweigenden Bäumen, zeigt sie am Ende des Tisches ihre ganze Pracht: Ein kräftiger, nur wenige Hände hoher Stil, verleiht ihr Halt. Formenreich dehnen sich die Triebe nach allen Seiten aus und präsentieren in einladendem Gelb, das in Goldtöne hinein spielt, schmucke, sternförmige Blütenstände. Der glänzende, grüne Übertopf, in dem sich schattenhaft die Umrisse des Esszimmers spiegeln, hebt kontrastreich, die Farben der Orchidee hervor. Einige dunkelgrüne, fettglänzende Blätter, die das schwache Licht der trüben Sonne reflektieren, verteilen sich seitwärts. Staunend begegnen wir einander für eine Weile, als könnten wir uns, wie zeitlos Liebende, in die Seele schauen.

Mein Vater kommt in den Blick: Ein Gemälde von seiner Hand, zwei Jahre nach meiner Geburt, im Stile Feiningers gestaltet, in hell- grauen, blau- und rosefarbenen Tönen, mit einem strahlenden Lichteinfall vom rechten oberen Bildrand, zeigt eine nordafrikanische alte Stadt, die sich um ein turmartiges, hohes Gebäude schart und dem abstrakten Gebilde einen festen Mittelpunkt verleiht. Schön, dass mir mein Vater im Bild gegenüber Gesellschaft leistet. Nachdenklich überlasse ich mich einem plötzlichen Einfall:

Vorgestern waren es sechsunddreißig Jahre, seitdem wir uns in der kleinen Apostelkirche am Friesenring in Münster das Eheversprechen gaben. Von da an begannen wir, begeistert, Biedermeier-Möbel zu sammeln. Jedes neue Stück musste zu unserer Einrichtung passen und bezeugt eine je eigene Erwerbsgeschichte. Die Möbel selbst verraten diese Geheimnisse nicht. Sie erfreuen aber jedes Auge mit ihren hell-braunen, leuchtenden Farben und der natürlichen Maserung ihrer Oberfläche.

Ich sitze auf einem, der uns geschenkten Stühle, die mit schwarzem Rosshaarbezug und kunstvollen, schwarz-gold-messing- dekorierten Rückenlehnen versehen sind. Mehrere, der zusätzlich im Raum verteilten Stühle dieser Art, warten geduldig auf Gäste. Zu Rechten, an der Wand, behauptet sich unsere Kommode. Auf ihr sind seit Weihnachten zwei Laternen zu sehen, die uns als Geschenke der Töchter, ins neue Jahr leuchten sollen. Daneben und auf dem Fensterbrett zur Linken, stehen weitere Orchideen in voller Blüte, Geschenke eines Freundes aus der Schweiz Über der Kommode hängt ein von meinen Schwiegereltern sehr geschätztes Ölbild, das sie lange Zeit begleitete und uns anvertrauten.

Es stellt in grün-grau-bräunlichen Farbtönen, eine sich weit in den Horizont erstreckende, niederländische Landschaft dar. Der erdige  Geruch des endenden Winters und die Kraft des Vorfrühlings sind  zu spüren: Im Vordergrund wartet ein eiserner Pflug darauf,  die Erde umbrechen zu dürfen. Einige wenige Schneeflecken, wetteifern in Weiß mit den ansonsten eher dunklen Tönen des Bildes. Links im Hintergrund versteckt sich ein Dorf. Der Kirchturm lässt dessen geistlichen Mittelpunkt erahnen. Das Bild erinnert mich an beglückende Stunden mit »Vati und Mutti«.

Hinter mir steht die vertraute Vitrine, deren Scheiben den Blick auf das kostbare, weiß lasierte Service für die Festtage frei geben. Ich kann, ohne mich umblicken zu müssen, den neben der Türe zur Küche stehenden Biedermeier-Eckschrank und das ihn ergänzende, edlekleinere Schränkchen darüber, voll gefüllt mit Tellern und Tassen, erkennen

In Abwesenheit meiner Frau, stört es keineswegs, dass unser Frühstückstisch noch nicht aufgeräumt ist. Das momentane Durcheinander harmoniert nämlich sehr gut mit der, eine natürliche Ordnung ausstrahlenden, kleinen Orchidee. Alle Möbel im Esszimmer gewinnen zunehmend ein Eigenleben, werden zu Symbolen, die über sich hinaus weisen: Obwohl der Orient-Teppich zu meinen Füßen, der Tisch und Stühle trägt, nicht nach Osten ausgerichtet ist, lädt er zur Besinnung ein. Einige Atemzüge lang, spüre ich den beruhigenden Rhythmus des Lebens, der, wie die am Ufer des Meeres versandenden Wellen, ewigen Gesetzen folgt. Die Hände falten sich unwillkürlich. Ich erahne den Segen des Augenblicks. Das Stundenbuch neben mir auf dem Tisch, das eben noch als Gebetshilfe diente, benötige ich nicht mehr. Es betet in mir. Tief bewegend, bahnt sich die Freude ihren Weg.

Ohne zu zögern, folge ich einer Eingebung und biete Gott-Vater, Sohn und dem heiligem Geist spontan die drei freien Stühle an. Gleichzeitig wundere ich mich über diese kühne Fantasie. Und gedrängt, von einer mich momentan leitenden Großzügigkeit, bitte ich auch die Gottesmutter, Petrus und Paulus, stellvertretend für alle, die mir im Glauben nahe sind, sich in unserem Frühstücks-Paradies zu mir an den Tisch zu setzen. Sie finden alle ihren Platz ihren . Engel jubeln bei diesem stillen Geschehen indes nicht laut, wie an Weihnachten, sondern wedeln nur leise und sacht mit ihren Flügeln. Einige Tränen besiegeln die Wahrheit dieser lichtvollen Erfahrung. Eine mir sehr vertraute Szene der Heiligen Schrift, gewinnt in dieser Situation tiefere Bedeutung: Als nicht die Jünger von Emmaus, sondern der Herr selbst, ihnen die Schrift erschloss, entbrannte deren Herz. Welch ein Trost!

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Handtasche

 

Nach längerem Abwägen, fällt die Entscheidung: Sie wünscht sich zum Geburtstag eine neue Handtasche. Das war geschafft! Ich erkläre mich unvorsichtigerweise bereit, sie zum Einkauf in die Stadt zu begleiten. Erwartungsvoll sitzen wir in der Regionalbahn. Wie üblich, sind wir an diesem Tag nicht die einzigen Kauflustigen, bahnen uns den Weg durch die Menge und steuern das Ziel, ein großes Kaufhaus an.

Ich kenne das Kaufhaus von verschiedenen Besuchen. Meine Frau und die Töchter, fühlen sich im Unterschied zu mir in solcher Umgebung pudelwohl. Es scheint sie keineswegs zu ermüden, beutegierig durch alle Abteilungen der verschiedenen Etagen zu streifen, um die angebotenen Waren nach Mode, Qualität und Preis zu prüfen. Stets auf dem Sprung zum nächsten Artikel oder einem »Schnäppchen«, steht ihnen das Jagdfieber ins Gesicht geschrieben. Gewöhnlich suche ich mir bei derlei Unternehmungen einen Stuhl, um abzuwarten, bis mir ein »Fundstück« zur Beurteilung vorgelegt wird.

In derlei Situationen empfiehlt es sich, nicht zu bezweifeln, dass die Damen selbst am Besten in der Lage sind, Nutzen und Kosten ihrer Auswahl einzuschätzen. Und sollte sich in mir manchmal die Idee entwickeln, als Mann auch erkennen zu können, was einer Frau gut zu Gesicht steht, unterdrücke ich umgehend derlei wenig hilfreiche Gedankenspiele.  Erfahrungsgemäß führt das ja nur dazu, dass meine Damen im besten Falle einen von mir vorgeschlagen Gegenstand mit deutlich geringschätzigen Blicken in die Hand nehmen, um ihn nach kurzer Prüfung wieder ins Regal zurück zu legen.

Die gutgemeinte Absicht, meine Frau zu begleiten, um sie durch mein Interesse am Einkauf zu erfreuen, war an diesem Tag so dominant, dass ich mich nicht mehr an frühere, enttäuschende Erlebnisse zu erinnern vermochte, die zu einer längeren Einkaufsabstinenz meinerseits führten. Zudem war ich mir einigermaßen sicher, in der Obhut meiner Frau bei Laune zu bleiben und in dem riesigen Kaufhaus nicht verloren zu gehen. Als geheime Notfallplanung beabsichtigte ich, mich gegebenenfalls in das Restaurant zurück zu ziehen, um dort abzuwarten, bis die unbändige Kauflust meiner Frau abgeklungen ist. So gewappnet, schaue ich dem weiteren Verlauf des Einkaufs relativ gelassen entgegen.

Wir beginnen das Unternehmen „Handtaschenkauf“, strategisch nachvollziehbar, im obersten Stockwerk: An den unmöglichsten Plätzen und Verstecken, gibt es in dieser Abteilung eine reichliche Auswahl verschiedener Handtaschen, in allen nur erdenklichen Farben und Größen. Ich folge meiner Frau in sicherem Abstand, um nicht aufdringlich zu erscheinen und sie nicht aus den Augen zu verlieren. Sie geht mit frischem Elan zielstrebig auf die ersten Taschen zu, wiegt sie in der Hand, prüft das Leder und die Einteilung, hängt sie sich probeweise links, dann rechts über die Schulter, tritt prüfend vor den nächsten Spiegel, um sie der Reihe nach dann wieder in die Regale zurück zu stellen. Nach einiger Zeit haben wir auf diese Weise das oberste Geschoß ineffektiv durchforstet.

Mit ungebrochenem Jagdfieber begeben wir uns auf Beutesuche im dritten Obergeschoss: Das Angebot ist verblüffend vielfältig. Taschen über Taschen stehen in größeren und kleineren Regalen. Ich habe noch nie in meinem Leben so viele Taschen gesehen. Es entwickelt sich in mir die abstruse Vorstellung, dass es nicht genügend Frauen geben könnte, um sie alle zu kaufen. Möglicherweise kann dies aber nur einem Mann einfallen. Meine Frau hingegen schreitet wieder kurz entschlossen auf die Taschen zu: große und kleine, rote und braune, schwarze und weiße, Einkaufstaschen und auserlesene Objekte für die »Dame von Welt«. Es mögen an die hundert Taschen gewesen sein, die sie prüfte, um sie dann wieder an ihren Platz zu stellen.

Meine Enttäuschung hält sich immer noch in Grenzen. Ich betrachte es aber als meine fürsorgliche Aufgabe, warnend darauf hinzuweisen, dass es kaum ein anderes Geschäft in dieser Stadt gebe, das ein ähnlich umfangreiches Taschen-Sortiment anböte. Sie möge daher die Hoffnung nicht aufgeben, fündig zu werden. Dieses Hinweises hätte es nicht bedurft, denn wir befinden uns mittlerweile im zweiten Obergeschoß. Und wie es das Schicksal will: Es gibt Taschen in allen Variationen. Mir sind ähnliche Objekte in dieser Reichhaltigkeit früher gar nie aufgefallen. Wo hatte ich bloß meine Augen? Wir nehmen wieder mit Regalen Kontakt auf, längere, kürzere, hohe und niedrige, alle prall gefüllt mit Taschen. Mich überkommt ein erstes Schwächegefühl und ich setze mich auf einen der Stühle in der Nähe meiner Frau. Wenn ich gelegentlich bemerke, dass sie eine Tasche besonders ausgiebig betrachtet, erhebe ich mich, um sie mit einem vorsichtigen Rat beim Kauf zu unterstützen. In der Regel bedarf es einer solchen Schützenhilfe nicht, denn wenn ich es wage, eine Tasche chic zu finden, kann ich nahezu sicher sein, dass sie unweigerlich ins Regal zurück wandert.

Es überrascht mich nicht mehr sonderlich, auch im ersten Obergeschoss reichlich Taschen zu sehen. Innerlich seufze ich bereits: » Nichts als Taschen, wo soll das noch enden? « Zusehends nähere ich mich der Belastungsgrenze. Manchmal kommt es mir vor, als wäre ich dabei, die Taschen schon doppelt zu sehen. Die Taktik meiner Frau bei der Wahl eines Objekts, scheint mir inzwischen ausreichend klar: Tasche anschauen, Einteilung und Leder prüfen, Farbe auf sich wirken lassen, gelegentlich Tasche links, dann rechts umhängen, vor den Spiegel treten, die Tasche wieder in´s Regal zurück stellen.

Langsam dämmert es mir, sie könne möglicherweise gar nicht so recht wissen, was sie kaufen will. Ich habe aber nicht den Eindruck, dass sie diese Tatsache irgendwie störe. Eher beginne ich mich selber ein wenig verlassen zu fühlen. Sie scheint nur noch Augen für Taschen zu haben. Stellen Sie sich einmal vor, zu welchen ehelichen Belastungen es führte, wenn ich über diesen Zustand klagte. Ein guter Engel und langjährige Erfahrungen mit Frau und Töchtern, bewahrt mich vor solchem Missgeschick. Ich trabe daher, etwas verdrossen, stumm wie ein Fisch, hinter meiner Frau her.

Es geht noch ein Stockwerk tiefer. Ich glaube, mich trifft der Schlag! Da ist sie, »die Spezialabteilung für Damentaschen«. Ich nehme alle Kräfte zusammen, um mit meiner Frau -wie zu erwarten, ineffektiv- noch einige Regale nach der Methode: Anschauen und Zurückstellen, nach einer geeigneten Tasche durch zu stöbern. Dann gebe ich mich geschlagen und sage: » Ich kann nicht mehr; ich brauche frische Luft! « Ein etwas überrascht, enttäuscht-kritischer Augenaufschlag meiner Frau ist die Antwort. Dann großzügig, als litten Männer chronisch beim Einkauf unter Konditionsschwierigkeiten, die Absolution mit der Frage: » wo treffen wir uns? « Ich kenne nur das Cafe in der Nähe des Schlossplatzes. Wir vereinbaren, uns dort zu treffen.

Mit raschen Schritten verlasse ich das Kaufhaus und erhole mich auf der belebten Königsstraße bei einem Akkordeonisten, der seinem Umhängeschild nach, in Russland schon verschieden Preise gewann. Er spielt hervorragend Stücke von Bach und Händel. Ich komme etwas zur Ruhe. Beim Gang zum Treffpunkt bin ich bereits so auf Taschen fixiert, dass ich es auch ohne Frau nicht lassen kann, ein kleines Fachgeschäft zu betreten, um dessen Angebot zu prüfen. Mein Blick fällt auf ein interessantes „ weißes Stück“. Ich wage es, nach den aktuellen Erlebnissen beim Einkauf zu vermuten, dass diese Tasche meiner Frau gefallen könnte.

Ich sitze im Cafe: Es herrscht Hochbetrieb. Die Bedienungen kommen kaum nach. Einige Tische sind unappetitlich mit leerem Geschirr voll gestellt. Mit Mühe halte ich einen Platz für meine Frau frei. Endlich!  Sie kommt mit kleinem Gepäck – ohne Handtasche. Die Enttäuschung ist ihr ins Gesicht geschrieben. Die leeren Teller und Tassen auf den Tischen im überfüllten Cafe sind auch nicht geeignet, sie aufzuheitern. Wir nehmen einen Drink. Ich setze zu einem letzten Versuch an, die Stimmung zu retten und erweise mich als ein interessierter Taschenjäger. Ohne Überheblichkeit, wie nebenbei, gebe ich zu verstehen, dass ich in Ihrer Abwesenheit dem kleinen Fachgeschäft neben an einen Besuch abstattete, mit dem Verweis, wir sollten diese Option nicht auslassen. Ein müdes Lächeln zunächst, dann aber wieder dieser »Taschensuch-Blick« in den Augen meiner Frau. Ich habe ins Schwarze getroffen.

Wir bezahlen, verlassen den ungastlichen Raum und steuern gemeinsam das Fachgeschäft an. Eine überaus freundliche Verkäuferin nimmt uns in Obhut. Meine Frau sucht die Regale ab und zieht auf Anhieb, ich traue meinen Augen nicht, sie zieht »meine weiße Tasche« aus dem Regal, prüft das Leder, die Form, die Einteilung, hängt sie links und rechts um, fragt mich schließlich, ob sie mir gefalle? Ich halte mich aber mit aller nur erdenklichen Anstrengung zurück, mich zu äußern, in der Hoffnung, jetzt hat sie es. Bei der nachfolgenden Szene hätte ich in den Boden versinken können, hatte ich doch alles vermeintlich richtig eingefädelt. Meine Frau aber gibt der Verkäuferin eindeutig zu verstehen, die »weiße Tasche«  habe zwar einen gewissen Charme. Sie habe sich aber eine braune Tasche gewünscht. Das war es dann.

Meine Frau lehnt sich bei der Rückreise sichtlich erschöpft in den gepolsterten Sitz zurück. Ich bin nicht so sehr müde, eher verärgert; sind es doch nur noch Stunden bis zu ihrem Geburtstag. Wo bekomme ich denn nun eine Tasche her? Finstere Gedanken verfolgen mich. Was hat uns diese Reise in die Stadt gebracht? Es geht mir immer wieder durch den Kopf, braun muss sie sein, – und sie wird auch eine braune Tasche bekommen, aber nach meiner Einkaufsmethode! Anderntags befinde ich mich in unserem Schuhgeschäft in Backnang und sehe zu meiner großen Überraschung in der Auslage die »braune Handtasche« wie für meine Frau gemacht, und dazu noch recht preiswert. Hinein! Ich lasse mir die Tasche zeigen, prüfe das Leder, die Einteilung, hänge sie probeweise rechts, dann links über die Schulter, trete vor den Spiegel und kaufe sie. Der Verkäuferin gebe ich diskret aber bestimmt Einblick in meine Seelenlage und sage: »Wenn meiner Frau diese Tasche nicht gefällt, dann gibt es Schuhe! « Ich behalte mir das Umtauschrecht vor.

Sie werden es nicht fassen, mir ging es genau so. Ich präsentiere am Geburtstag stolz mein Geschenk und meine Frau äußert begeistert: » Genau so habe ich mir die Tasche vorgestellt «. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Können Sie mir erklären, wie es dazu kommt, dass ich die Absichten meiner Frau errate?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abschied

Grausam hast Du, Bruder Tod,
mir mein Lieb genommen,
drob bin ich in herbe Not
und bitt´ren Schmerz gekommen.

Kummer quält nicht mehr so sehr,
Du Lieb lebst ja im Frieden,
Du bist mir nah, Dein Grab ist leer,
Dank und Erinnerung geblieben.

Du Bruder Tod, in Ehren,
wer kann wenden
alles Enden?
Liebe kannst Du nicht zerstören!

Osterglocken leg ich nieder
jetzt an Deinem Grab,
dankerfüllte Lieder,
sing ich jeden Tag.

Heimat

Die Menschen, Felder und Wälder um Oppenweiler herum, geben ihre Geheimnisse und ihren Segen nicht so leicht preis. Wer aber bereit ist, diese Region wie eine schöne Braut zu umwerben, dem wird sie mit der Zeit zur bergenden Heimat. Davon soll nun die Rede sein:

Einige von Ihnen werden den Weg von Oppenweiler das Tal hin, durch den Wald hinauf zum Eschelhof, und über Zell zurück kennen. Oft bin ich diesen reizvollen Wanderweg gegangen. Manchmal nahmen mich Wald und Flur liebevoll bei der Hand und zerstreuten zeitweiligen Griesgram. In früheren Jahren benutzte ich den Weg oft etwas despektierlicher als Rennstrecke, und stoppte die Zeit, in der ich eine Runde schaffte. Auch heute begegne ich bei den Wanderungen Menschen, die diesen Weg als Trainingsstrecke nutzen. Es könnte zwar sein, dass sie während des forcierten Laufes ab und zu einige Worte wechseln. Ich frage mich aber, was sie bei dem forschen Tempo in der Natur noch sehen und erleben können?

Manchmal begegne ich einer etwas erschöpften, aber offensichtlich glücklichen Mutter, die nicht nur ihr Kind spazieren fährt, sondern zugleich ihren neugierigen, wuseligen Hund Gassi führt. Es ist dann für mich als Wanderer eine feine Abwechslung, für einen Augenblick anzuhalten, um in die weltoffenen Kinderaugen zu blicken; sich ein vorsichtiges Lächeln zu gestatten und zu hoffen, dass auch das Kind ein wenig lächelt. Wenn das gelingt, freuen wir uns beide.

Ich bin froh, dass der befestigte Teil der Strecke, in einen den Füßen angenehmeren Waldweg übergeht. Die leichte Anhöhe zu gehen,macht mir, da der Rücken nicht mehr plagt, keine Schwierigkeiten. Ich nutze eine mir vertraute Gehhilfe: Meine betagten Wanderstöcke, die ich früher zu Wanderungen in den Bergen benutzte, erinnern mich daran, ruhig zu gehen und die Natur zu beobachten. Von fern höre ich die Geräusche einer Motorsäge. Als ich näher komme, erkenne ich ein älteres Ehepaar, das sich mit Hilfe eines jungen, kräftigen Mannes abmüht, ihr Waldstück zu pflegen und eine über den Weg gefällte Tanne zu zerlegen. Ich mache Halt. Diese hier ansässigen Bauern sind mir sehr sympathisch. Ich schätze ihre Treue zur Scholle, ihre Mühen und den Fleiß, die Felder und den Wald zu hegen und zu pflegen, obwohl es ihrem »Ende« zugeht. Wir begrüßen uns freundlich und plaudern ein wenig. Auch die geschäftigen Alten machen eine Pause und nehmen sich Zeit zu einem Gespräch. Ich erzähle ihnen von unseren Verwandten, die es ähnlich gemacht haben, und bin mir nicht mehr ganz sicher, wem mein Herz mehr gewogen ist, diesem Ehepaar, das ich seit Jahren kenne, oder meinen Verwandten, die ich in Ehren halte. Doch da unterlief mir möglicherweise ein Fehler: Ich fragte, warum sie sich in ihrem hohen Alter, diese Last schwerer körperlicher Arbeit zumuten würden. Sie hätten es doch verdient, es bei ihrer angeschlagenen Gesundheit, ruhiger angehen zu lassen. Da schaute mich die Bäuerin, die auch ihren kranken Mann zu pflegen hatte, wie verständnislos an. Es könnte sein, dass sie Tränen in den Augen hatte, als sie antwortete: » Das machen wir einfach so! « Ich hatte nicht bedacht, wie sehr dieser Frau die Pflege ihres Mannes und Waldes an´s Herz gewachsen war. Respektvoll und etwas verlegen, löste ich mich daher aus dem Gespräch. Vielleicht haben diese fleißigen Bauern mehr vom wirklichen Leben verstanden, als so manche »großartigen Leute«. Ich bin aber glücklich, mit ihnen befreundet zu sein, und freue mich darauf, wenn uns die Bäuerin wieder einmal ein großes, selbst gebackenes Brot schenkt.

Ältere Frauen und Männer gehen nicht nur langsamer, sie bleiben ab und zu auch aus den verschiedensten Gründen einmal stehen. So ging es auch mir. Ich halte an und stehe unversehens vor einem Baum, einer stämmigen, hoch gewachsenen Buche. Offensichtlich hat sie schon lange schweigend an diesem Platz unter vielen anderen Bäumen gestanden und darauf gewartet, gesehen und bemerkt zu werden. Sie hatte mit den Jahren bis weit ins Geäst hinauf an der Wetterseite Moos angesetzt. Nun richtete sie sich in ihrer vollen Würde vor mir auf. Als ich staunend an ihr empor blickte, erschien sie mir mit ihrem Blattwerk wie ein prächtiger, gotischer Dom, dessen Vielfalt nicht zu fassen ist. Nun neigte sich mir die Buche im Wind freundlich zu. Sie schien, wie ich, mit sich zufrieden. Wir waren ja gerade dabei, in stiller, schweigender Betrachtung, mit einander Freundschaft zu schließen. Ob sie verstehen kann, dass wir uns schweigend so nahe gekommen sind, dass ich sie nie mehr vergessen werde? Sie gehört von nun an mit zu all den vielen, wertvollen Geschenken meines Lebens. Ganz sicher erkenne ich sie bei meinen nächsten Wanderungen um Oppenweiler herum wieder. Dann wird Halt gemacht. Ich bin neugierig, was sie mir dann erzählt. Wenn Ihr sie sehen wollt, es gibt sie wirklich, ich zeig sie Euch gern. Vielleicht würde sie sich auch über eine Begegnung mit Euch freuen.

Eine Wegstrecke weiter blicke ich mich überrascht um. Ein Wunder? Ist es doch einem Strauch gelungen, meine ganze Aufmerksamkeit zu fesseln. Das muss ich Euch erzählen: Es war ein Strauch in bunten Herbstfarben mit reichlich Blättern. Fragt mich aber bitte nicht, zu welcher Sorte Sträucher er zählt. Diese Frage könnte ich Euch nicht beantworten, denn sie erscheint mir im Moment gar nicht so wichtig. Die Blätter dieses Strauches aber waren mit unzähligen Tautropfen geschmückt, die wie Perlen im Sonnenlicht glänzten. Offensichtlich kein gewöhnlicher, sondern ein kostbarer Strauch. Nun bin ich auf weitere Überraschungen eingestellt:

Ich wandere ein Stück weiter des Weges, gerate ins Staunen und bleibe unwillkürlich stehen. Stellt Euch die untergehende, goldene Herbstsonne vor, mit ihrem milden, weichen, und doch kräftigen Licht. Ihr ging ich entgegen. Meine Großmutter nannte die Sonne ehrfürchtig »die Alte«. Hat sie doch wahrlich viele Jahre auf dem Buckel, geht morgens auf, zieht ihre Bahn, bringt uns den neuen Tag, wärmt, lockt Leben heraus, um sich abends schlafen zu legen. Nun just, in diesem Augenblick, schenkt sie mir etwas ganz Besonderes: Sie blinzelt mir verstohlen durch die Blätter einer Buche zu. Das verwirrt meine Sinne, denn ich kann nicht mehr genau unterscheiden, ob die Sonne, schwabbert oder ob die Blätter der Buche, die sich leicht im Winde drehen, diesen Eindruck hervorrufen. Würdet Ihr mir zutrauen, ein so kostbares Erlebnis zu vergessen? Selbst wenn ich wollte, es ginge nicht. Erfahrungen dieser Art, lassen sich nicht einfach wegwischen. Aber warum sollte ich auch einen glücklichen Augenblick vorzeitig zu Grabe tragen?

Es gab auf meiner Wanderung noch weitere schöne Geschenke: Wie ein Lausbub, genoss ich es, mit einem frohen Lied auf den Lippen durch das Herbstlaub zu kicken und mich bei jedem Schritt am Rascheln der trockenen Blätter zu erfreuen. Mit offenen Augen und wachen Sinnen blieb ich weiter im Austausch mit der mich umgebenden Natur.

Wie so oft betrachtete ich den Reichenberg mit unserer Hausburg, die mir auf meinem Wanderungen immer wieder vor Augen kommt. Auf wunderliche Weise schien mir die Burg aber heute plötzlich wie verwandelt. Sie stand im diesigen Licht der Abendsonne in ihrer vollen Würde vor mir, und hatte sich in ein feierliches moosgrün-goldenes Gewand gehüllt. Diese Erscheinung, faszinierte mich so, dass mir der Gedanke völlig fern lag zu klären, welches Naturgesetz diesen Zauber hervorgerufen haben könnte. Einige Schritte weiter hatte die Burg ihr Gewand wieder gewechselt, und schien nun wie in einen kostbaren goldroten Mantel gekleidet. Nie zuvor hatte ich unsere Burg in einem solchen Licht gesehen. Es scheint, als ob sie sich wie ein Chamäleon verwandeln könne.

Als ich dann in die Ebene hinab stieg und der Reichenberg wieder meine Aufmerksamkeit beanspruchte, war ich ein wenig enttäuscht. Die Burg hatte all ihre Farbenpracht abgelegt und steht wie seit alten Zeiten Oppenweiler in ihrem bräunlichen Gewand als Wächter und den Wanderern als Begleiter zu Diensten. Aber weiß ganz genau, wie schön sie bei anderem Licht besehen, wirklich sein kann. Auch nicht schlecht, dachte ich.

WP to LinkedIn Auto Publish Powered By : XYZScripts.com
Social media & sharing icons powered by UltimatelySocial