Über Wünsche

Der kleine Hans stellt sich vor seinen Vater, stemmt die Hände in die Hosentaschen und erklärt mit blitzenden Augen: „ich will Zugführer werden.“ Gestern wünschte er noch begeistert, einmal zur Feuerwehr zu gehen, und das Auto mit dem „ta tü, ta ta“, das ihm so sehr gefiel, zu steuern. Sein Vater gab ihm zu verstehen, dass sich seine Wünsche im Laufe der Jahre noch ändern könnten. Die zwei Jahre jüngere Alice meldete sich auch zu Wort, und ließ ihren verblüfften Vater mit dem Wunsch, „ein Supermodell“ werden zu wollen, erahnen, dass künftig noch ganz andere Überraschungen folgen könnten. Diese stellten sich danach auch in bunter Folge ein. Die Eltern beruhigten sich und ihre Kinder im sicheren Wissen, dass nicht alle Wünsche in Erfüllung gehen werden.

An die Kindheit schließt sich die Schule, Ausbildung, das Studium  und die Berufswahl an. Die Einbettung in die gesellschaftlichen Lebensverhältnisse mit ihren Anforderungen und Grenzen, sowie der Berufsalltag, führen in unerbittlicher Folge dazu, dass sich das Blickfeld der Menschen wieder verengt. Die Wünsche bekommen dann spezifischeren Zuschnitt, und richten sich auf die berufliche Karriere, Partnerwahl, Lebensgestaltung. die Sorge um die eigene Familie und Kinder. In dieser Zeit kommen manche Wünsche, die unser Leben bereichern könnten, zu kurz und müssen als vorerst  unerfüllbar, für einige Zeit aus dem Bewusstsein verdrängt werden. Es kann auch zuweilen geschehen, dass unvorhergesehene Ereignisse wie Krankheit, das Zerbrechen einer Beziehung, oder Todesfälle uns nötigen, uns neu zu orientieren. In Situationen, in denen die vertrauten Erfahrungen und Wege nicht mehr tragen, können bisher verdrängte Wünsche und Vorstellungen wieder auftauchen. Hier zeigt sich dann, ob sich zuvor verdrängte Wünsche zur Realisierung eignen, um unser seelisches Gleichgewicht wieder in neuer Weise zu stabilisieren. Das tägliche Leben oder unsere Träume  geben uns entsprechende Hinweise: Wünschen wir einander Glück und Segen -ich füge manchmal hinzu, bis in den Himmel hinein-, oder frägt uns eine Verkäuferin, ob wir noch einen Wunsch hätten –und ich antworte „noch viele“ folgt meistens ein verständnisvolles Lächeln. Sind wir doch in diesem Augenblick in Kontakt mit bislang unerfüllten Wünschen. Aber nicht nur die Kinder, sondern auch die Erwachsenen müssen lernen, mit erfüllbaren und unerfüllten Wünschen zu leben. Es bedarf daher großer Aufmerksamkeit, Geduld und gelegentlich einer schöpferischer Pause, um eigene Wünsche zu erkennen, und in die Tat umzusetzen, oder mit unerfüllbaren Wünschen in geeigneter Form freundlich umzugehen.

Auf diesen Umstand bin ich bei meiner Pensionierung gestoßen. Wie ein Kind stand ich zunächst, befreit vom beruflichen Alltag, einem Universum von Möglichkeiten gegenüber. Ich hatte nun die Qual der Wahl. Nach welchem Maßstab sollte ich mich richten? Ich musste auf meine innere Stimme hören und sehr darauf achten, für den nächsten Lebensabschnitt, den angemessenen eigenen Weg zu finden. Es war nicht einfach, selbst zu prüfen, zu wählen und zu entscheiden und dabei die Lebenserwartung und die im zunehmenden Alter möglichen physischen und psychischen Einschränkungen zu berücksichtigen. Es fiel mir sehr schwer, meine Sporträder stehen zu lassen, den geliebten Tennisschläger in die Ecke zu stellen, anstrengenden Sport  zu lassen, und Freude beim erholsamen Spaziergang in der Natur zu erleben. Geduld ist nicht meine stärkste Seite, aber ich bin glücklich, dass ich warten lernte, bis sich in mir der als ein Drängen erlebte, Wunsch zu schreiben, nach und nach immer deutlicher zeigte. Ihn galt es zu hüten, und nach Mitteln und Wegen zu suchen, um ihn so zu realisieren, dass ich diesem Anspruch in einer mir möglichen Weise folgen konnte. Die Vorstellung, nach einem erfüllten Berufsleben, als spät berufener Pensionär noch einmal eine lebenswichtige Aufgabe anzugehen, gewann zögerlich Gestalt. Ich musste erhebliche innere und äußere Bedenken und Widerstände, die sich mir in den Weg stellten, überwinden, um meine Texte der Öffentlichkeit vorzulegen. Dies gelang nicht auf Anhieb, sondern wie so manches in meinem Leben durch Denkanstöße von außen. In diesem Falle waren es unsere Töchter und ein Freund, die mich davon überzeugten, dass all das, was ich bislang geschrieben hatte und aktuell schrieb, mir nicht allein gehöre. Nicht nur die eigene Familie, sondern auch andere Menschen hätten ein Recht darauf, meine Gedichte, Geschichten und Gedanken zu lesen. Nachdem ich mich entschloss, die Finanzierung selbst zu übernehmen, und einen professionell arbeitenden christlichen Verlag gefunden hatte, war eine wünschenswerte Begleitung meiner Arbeit als Autor gesichert. Galt es doch, in meinem selbst gewählten neuen Beruf, nur das in Worte zu fassen, was mich wirklich bewegte. In acht Jahren sind so drei Bücher entstanden, die all das zur Sprache bringen, was mir aus meinem früheren und aktuellen Leben bedeutungsvoll erschien und am besten zu meinem akademischen und beruflichen Profil passte. Ich bin selbst erstaunt, wohin mich der Wunsch zu schreiben bislang führte. Gott sei Dank reicht meine Gesundheit noch dazu aus, dieser Neigung weiter zu folgen.

Als Autor profitierte ich  in besonderer Weise von  meinen reichen Lebenserfahrungen, Beobachtungen, Stimmungen, Fantasien und der Liebe zur Literatur. Aus der jeweiligen körperlich – seelischen Verfassung ergeben sich dann, unter den gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen, die je aktuellen thematischen Schwerpunkte, denen ich mich zuwende. Dem eigenen Anspruch, authentisch zu bleiben, und nur das zu schreiben, wonach es mich drängt, konnte ich bislang ausreichend folgen. So bin ich für alle Lebensgebiete offen und passe meinen Stil dem jeweiligen Text an. Es scheint sich zu bestätigen, dass mir im Dialekt oder in der Hochsprache ausreichend sprachliche Mittel zur Verfügung stehen, um meine Gedanken in Lyrik und Kurzgeschichten den Lesern zur Lektüre anzubieten. In meiner Arbeit berücksichtige ich auch die Tatsache, dass ältere Menschen, zu denen ich zähle, daran erinnert werden, dass wir in begrenzter Zeit leben. Umso wichtiger ist es, jeden Tag auf ein Gleichgewicht zwischen Muse und Arbeit zu achten.  Bis zur Stunde ist mir dies einigermaßen gelungen. Ich sammle zwar fast alle meine Ideen, führe aber nur das literarisch aus, was mir aus der Fülle der Optionen wichtig und realisierbar erscheint. Immer notwendiger wird es aber dann, einen Weg zu finden, auch mit unerfüllbaren Wünschen freundlich umzugehen. Nach einer längeren Zusammenarbeit mit Radio Horeb, begann ich mit der Veröffentlichung meiner Texte im Internet, als einer meinen  Interessen dienlichen, in den verschiedenen Kanälen differenzierten, weltweiten Plattform.

Kommen wir nun  wieder zurück zu meinen Erfahrungen mit Wünschen, die ich mit Ihnen, liebe Leser, nachfolgend näher betrachten möchte: Ich stand in meiner Jugend und danach, oft staunend unter dem Sternenhimmel, erlebte erschrocken manches Gewitter, beobachtete freudig erregt die Sonnenaufgänge, Abendstimmungen und, sprachlos glücklich, das Werden und Vergehen in der Natur. Mit immer größerer Dringlichkeit stellte sich mir dadurch angeregt, immer wieder die Frage: »Warum gibt es das alles und nicht nichts«, die lange vor unserer Zeit, bereits den Vorsokratiker Parmenides sehr beschäftigte.

Ich habe den Philosophen, Theologen, Naturwissenschaftlern, Poeten und Künstlern aller Art, die auf ihre Weise über das Leben nachdachten, und sich mit den Lebensbedingungen und Bedürfnissen aller Kreaturen im Makro- und Mikrokosmos beschäftigen, viel zu verdanken. Das Anliegen, auch heute Brücken zu einander zu bauen, und das Gespräch über unser Dasein auf Erden in einem nicht überschaubaren Weltall mit den Mitmenschen zu führen, wurde unüberhörbar. Es geht mir dabei darum, mit anderen Gefährten all das Schöne dankbar zu erleben, zu erhalten und so zu verwalten, dass die nächsten Generationen durch uns keinen Schaden erleiden. Bei meinem Nachdenken über unseren Standort im dynamischen Prozess des Geschehens im Ganzen, erweiterte sich stets  mein Blickfeld. Das Werden und Vergehen in der Natur, das ich mit allen Sinnen so weit als möglich zu erfassen suchte, eben die Tatsache, dass etwas da ist, und sich uns zeigt, ist mir von Kindheit an vertraut, als der Daseinsraum, in dem wir alle leben. Wahrscheinlich teile ich mit vielen andern Menschen auch die Schwierigkeit, uns gedanklich der alten Frage zu nähern, wie diese Lebensvielfalt entstanden sein könnte, und was alles am Leben erhält. Diese von vielen Menschen gemiedene Frage, trieb mich später wieder um -ich wich ihr nicht aus- und überlegte mir, in welcher Weise ich mich ausdrücken müsste, um die Ehrfurcht zu zeigen, die mich befällt, wenn ich mich dem „Unerklärlichen“ nähere. Dies umso mehr, als sich eine Vorstellung immer drängender entwickelte, dass der Schöpfer des Universums zwar empirisch nicht zu fassen, und dadurch undenkbar erscheint, nicht notwendig ein völlig leeres Nichts sein muss. Die aufkeimende Hoffnung, dass diese unser aller Leben ermöglichende und erhaltene Kraft, wenigstens symbolisch angedeutet werden könnte, faszinierte mich. Gleichzeitig verlor das zuvor so bedrohliche Nichts ein wenig von seinem fatalistischen Schrecken, verdanken wir ihm doch unser Dasein. Dadurch näherte ich mich wieder neu all dem an, was mich zeitlebens im Glauben faszinierte: Dass, wie in der Genesis beschrieben, jegliches Leben auf unserem Globus und im Weltall von Gottes Gnaden erschaffen, und durch die Zeiten am Leben erhalten wird. Nur eine vom Glauben erhellte Vernunft und ein vor der Vernunft bestehender Glaube, die sich nicht ausschließen müssen, können, wie  Papst Benedikt XVI immer wieder anmahnte, uns helfen, das große Geheimnis der Liebe zu aller Segen mit Gottes Hilfe zu bewahren. Die Versöhnung von Glaube und Vernunft und der Blick hin zu einem Leben in einem dynamischen Ganzen, war aber ein lebenslanger Prozess. Allein der von Gott geschenkte religiöse und kirchliche Glaube, und die davon geprägte Kunst, Musik und Poesie, schienen mir in der Lage, die Distanz und Nähe zum Unerklärlichen so zu gestalten, dass eine lebendige, von Liebe, Glauben und Vernunft getragene Gottesbeziehung möglich ist. Nun war der Weg frei, diese Erfahrung andeutungsweise in einem selbst gemalten Bild zu symbolisieren.

Lange hatte ich nicht mehr gemalt, aber nun musste dies geschehen: Da mir diese Idee zwar hilfreich, meine praktischen Fertigkeiten im Malen aber schlicht erschienen, war ich mit dem dürftigen Ergebnis nicht zufrieden. Denn es gelang mir nur sehr unvollständig, die Erhabenheit dessen zu symbolisieren, nach dem meine schöpferische Sehnsucht Ausschau hielt. Daher mache ich ungerührt davon, einen anderen Versuch, um uns mit Worten dem HEILIGEN zu nähern. Auch wenn ich ein  guter Maler wäre, vermöchte  das schönste Bild nicht, die in einer lebendigen Gottesbeziehung waltende Ehrfurcht darzustellen. Ich versuche daher mit zitterndem Herzen, Ihnen liebe Leser zu erzählen, was ich mir wünschte, malen zu können, wenn meine Fähigkeiten dies erlaubten.

Mein „Wort- Bild“  hat einen sehr differenzierten Hintergrund in Blautönen, die das „Nichts“ nicht als Schrecken, sondern als die Quelle unsäglicher Liebe darstellen sollten, die jegliche Vernunft übersteigt. Eine Liebe, die unfassbar erhaben und zugleich unendlich nahe uns anspricht, und zur Antwort befähigt. Wenn wir uns in Gnaden vor dem HEILIGEN, Vater Sohn und Heiligen Geist verneigten, würde Gott sich erbarmend, all unsere Angst, Sorgen, Not, Schrecken und den Tod in österliche Freude verwandeln. Der dreifaltige Gott würde uns SEINE Liebe schenken, damit die Herrschaft des Allmächtigen sichtbar würde. Wie schön müsste das für die  hungrige und durstige Seele sein, endlich Zuhause zu sein. Können sie sich, liebe Leser, ein solches Himmelsblau als Hintergrund meines Bildes vorstellen, das wahrlich kein Künstler schön genug malen könnte? Und dieses Blau umrahmte einen frei schwebenden, wunderschönen, mit Rubinen, Smaragden und einem schwarzen Onyx besetzten Kelch. Dieser Kelch, hat keinen festen Grund. Er ist einfach in seiner gottgegebenen Schönheit nur da und in Beziehung zu Gott und der ganzen Schöpfung. Dieser Kelch sollte die  offenen Hände betender Menschen symbolisieren, die alles, was sie sind haben und erleiden, vor Gott tragen, mit und für andere Menschen, die ohne es zu wissen, der Liebe Gottes entbehren. Vom Kelch und der Hostie gehen lichtvolle Strahlen aus, die alles Dunkel  österlich durchdringen, sodass Himmel und Erde wie in einer großen Symphonie vereint sind. Wenn ich mir schon, wie ein Kind, jede Grenze überschreitend, Wünsche auszusprechen erlaube, dann müsste, was auch der begnadetste Maler nicht malen könnte, die Musik aller Zeiten, Kunst und jegliche Wissenschaft, ja selbst der Chor der  Heiligen und Engel aufgeboten werden, um mein „Wort-Bild“ auch nur in Nuancen komplettieren zu können. Das würde offen gestanden jede Leinwand sprengen. Und dies alles würde nie genug sein, dem Dreifaltigen auch nur annähernd für seine Gaben zu huldigen. Wie tröstlich ist es für Mich, um mein Gott unzureichendes „Wort-Bild“ wissend, dass unser Vater im Himmel auf den guten Willen und nicht nur auf unsere Werke schaut, und es SEINEM Sohn überlassen hat, für uns und an unserer Stelle, bei Gott Abbitte zu leisten, und uns im Heiligen Geist beisteht, damit uns zu seiner Ehren immer wieder ein guter Satz oder Text gelingt.

Deo gratias

Geborgen in der Kirche

 

 

 

 

Franz Schwald
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