Einheit und Vielfalt

 

Vor zwei Jahren habe ich mich nach einem erfüllten Berufsleben in den Ruhestand begeben. In der Ruhe und Stille meiner darauf folgenden Tagesabläufe  stellten sich mir vor allem zwei wesentliche Aufgaben. Zum einen in der Begegnung mit einem Universum innerer Erfahrungen und Möglichkeiten, die mir jeweils  wichtigen Interessen und Bedürfnisse auszuwählen. Gleichzeitig im  Blick auf reale Grenzen von Zeit und Gesundheit, aus der Vielfalt äußerer Optionen die wünschenswerten Beziehungen zu Menschen, Natur, Politik, Wissenschaft und Religion neu zu defnieren.

Die Vielfalt und Komplexität des frei gewordenen  Handlungsspielraums faszinierten und weckten zugleich Ängste. In diesem Essay versuche ich, die Tendenz, in der Vielfalt innerer und äußerer Phänomene eine  Einheit zu wahren, als einen unbedingten inneren Anspruch auszuweisen. Der Vernunft den ihr traditionell gebührenden weiten Erkenntnisraum zu sichern, um in  einen offenen Dialog mit allen Bedingungen des Daseins treten zu können.

Den Blick auf die Lebensabläufe nicht nur rein naturwissenschaftlich zu verengen. Sich mit anderen Menschen über die komplexen existenziellen Bedingungen einer humanen Lebenspraxis zu verständigen. Seit ich selbständig zu denken vermag,  bewegt mich die Frage nach den Voraussetzungen und Zielen menschlicher Einheit und Vielfalt, des Handelns, und den Kräften, die unser bisheriges, gegenwär tiges und künftiges Leben bewegen. Unablässig frage ich mich nach meinem Standort und den Aufgaben der nächsten Jahre in diesem Prozess innerer und äußerer Veränderungen.

Wer bin ich eigentlich, welche Erfahrungen und Reaktionen bestimmen mein heutiges Verhalten und welche Handlungsweisen erweisen sich als sinnvoll, um an der Aufrechterhaltung eines menschenwürdigen Daseins mit zu arbeiten. Immer drängender stellt sich zum Beispiel die Frage, was der eigentliche  Grund sein könnte, dass ich mit zurückliegenden und  aktuellen Lebensereignissen in literarischer Form mt anderen Menschen in Kontakt trete. Ein inneres  Bedürfnis, dass in dieser Form im berufichen Alltag nicht befriedigt werden konnte.

Was veranlasst mich, das Schweigen zu brechen, bislang Unausgesprochenes  sprachlich festzulegen, um mich mit anderen Menschen über Sachverhalte auszutauschen, so wie ich es eben jetzt in der Form eines Essays versuche?  Obwohl ich davon ausgehe, dass andere Menschen, ob sie darüber reden oder nicht, ähnliche Erfahrungen machen, trete ich mit einer gewissen Befangenheit mit meinen  Erkenntnissen ins Licht der Wahrheit und in die öffentliche Diskussion.

Gleichzeitig frage ich mich, was Menschen in Wissenschaft, Forschung und Politik im Grunde antreibt, ständig neue und bessere Konzepte und Instrumente zur Daseinsbewältigung zu konstruieren und gesellschaftliche, kulturelle und  historische  Zusammenhänge besser zu verstehen?  Was drängt uns, nicht nur individuelle, sondern uns alle betreffende Zusammenhänge zu  betrachten und in einem wissenhaftlichen Diskurs offen zu legen?  Was hält den Prozess, die äußeren Daseinsbedingungen besser zu verstehen und Mittel zur Daseinbewältigung zu  erfnden in der  Grundlagenforschung Wirtschaft, Politik, in allen Bereichen der Natur- und Geisteswissenschaften in Kunst und Religion in Gang?

Welche  Bedeutung hat dies alles für unser Leben und die damit verbundenen Aufgaben? Was treibt mich und uns an, dieses komplexe Geschehen im Mikro- und  Makrokosmosbereich, das wir Menschen mit allen Lebewesen teilen, wenigstens partiell zu verstehen? Ich möchte nicht dem Trend erliegen, der weitgehend die  »exakten Wissenschaften« bestimmt und die Frage nach Ursache und Ziel dieses Prozesses im Ganzen als überfüssig ausblenden. Die Vernunft vermag in der Sicherheit einer langen Traditionskette von der Antike über das Mittelalter bis in unsere Zeit angesichts der Frage, warum gibt es dies und nicht nichts, nicht zu schweigen. Sie muss, ohne Letztbegründung nach Spuren im Dasein fahnden, die eine sinngebende, letztlich alles gewährende, tragende und erhaltende Kraft erhellen können, um die humanen Bedingungen menschlicher Existenz zu sichern. Solche Spuren  möchte ich in diesem Essay verfolgen.

Kehren wir an dieser Stelle zur Grundfrage zurück: Es scheint, wenn ich das richtig sehe, eine Kraft in uns selbst zu geben, die uns drängt, uns mit dem Geschick aller Menschen und den Ereignis von Einheit und Vielfalt unbedingt zu verbünden. Sie scheint alle Bereiche des individuellen und gesellschaftlichen Lebens in der gesamten historischen Dimension, selbst die unserem Bewusstsein partiell verschlossenen Lebenserfahrungen zu umfassen. Daseinsbedingungen, in denen wir uns  vorfnden, die wir mit anderen Menschen und Lebewesen teilen, die sich in einem steten Wandel befnden. Wir alle stehen auf den Schultern unserer Vorfahren und proftieren vom Wissen und den Erfahrungen von Menschen im Kontext der ganzen Geschichte. Selbst wenn wir die menschliche Geschichte der Komplexität wegen oder um Abhängigkeiten zu leugnen, aus unserem Bewusstsein verdrängten, blieben wir von den Wirkungen dieses Prozesses nicht verschont.

Lassen sich Spuren in unserer Erfahrung sichern, mit Hilfe derer der oben  beschriebene Prozess präziser bestimmt werden kann? Besteht eine Möglichkeit, näher zu bedenken, was mein und anderer Menschen Denken, Fühlen und Handeln antreibt, die inneren und äußeren Lebensräume und das Dasein im  Ganzen zu  sichten? Welche Methoden und Ausdrucksmittel sind geeignet, um als Menschen in dieser komplexen sich stets verändernden inneren und äußeren Welt unser  Dasein verantwortlich zu gestalten?

Im Hinblick auf die Mannigfaltigkeit der Phänomene erfahren wir immer wieder schmerzlich unsere Grenzen beim Versuch, unser Dasein in den fortwährenden Veränderungen zu begreifen. Woher kommt der fast übermenschliche Mut, der uns in Solidarität mit anderen Menschen verpfichtet, den Herausforderungen der Wrklichkeit auch angesichts von Leid und Katastrophen zu begegnen. Was drängt Literaten und Künstler dazu, dem Lebenskontext auf der Spur zu bleiben, um die Phänomene in angemessener Form ins Wort zu fassen. Was lässt uns immer wieder unsere Angst und Mutlosigkeit überwinden, um dieser überfordernden Vielgestaltigkeit der Lebenskontexte »auf menschenwürdige Weise«zu  begegnen?

Versuchen wir, uns in einer nächsten Überlegung dieser Antriebskraft, so weit es in den begrenzten Möglich keiten der Vernunft und Sprache möglich ist, ein wenig zu nähern: Da sich dies als ein schwieriges Unternehmen darstellt, zumal ich nicht einfach übernehmen will, was andere dachten und sagten, halte ich  Ausschau nach Weggefährten, die mich bei diesem Vorhaben ermutigen. Ich suche nicht nur den historischen Nachlass, in den Werken der Forschung, Literatur,  Kunst etc. sondern trete mit den  Menschen neben mir oder vor  mir in einen lebendigen Austausch, die sich ähnlich angetrieben wie wir heute, im geschichtlichen Prozess in den Dienst der guten Sache stellten.

Was von mir bedacht und ins Wort gebracht wird, sollte in einem offenen Dialog eben in der Form  dieses Essays vorgestellt und damit kritisch gesichtet und überprüft werden können. Es verbietet sich daher,  nur mir selbst einen Spiegel vorzuhalten, um  Erkenntnisse über Einheit und  Vielfalt,  mein eigenes Denken, Fühlen und Handeln zu gewinnen. Die eigenen Erfahrungen sollten vielmehr im Austausch  mit  anderen Menschen dazu dienen, Spuren zu sichern, um die Frage nach der Antriebskraft unseres Verstehens- und Erkenntnisprozesses wach zu halten. Wichtig  erscheint mir zu zeigen, auf welch vielfältige Weise ich mich mit anderen Menschen und Lebewesen in den sich wandelnden Daseinsbedingungen verbunden fühle. In einem nächsten Schritt gilt es nun, die Richtung der Antriebskräfte näher zu bestimmen:

Nach einer ersten phänomenologischen Analyse erweist sich das  Drängen, Lebenskontexte zu verstehen als eine Wirkmächtigkeit, die sich aus den Tiefen existenzieller Betroffenheit erhebt und sich in uns selbst bemerkbar  macht. In diesem ersten, ursprünglichen Sinne, ist sie einfach nicht weg zu denken. Sie wirkt offensichtlich in und durch uns, ob wir schlafen oder wachen. Gleichzeitig erscheint sie unserem inneren Blick wie aus unfassbaren Quellen ,gespeist. Das heißt, wir sind durch sie  angetrieben, ihrer selbst aber nicht mächtig.

Dieser Antrieb erscheint als eine unser Denken Fühlen und Handeln im Ganzen bestimmende Größe. Er begründet einen ständigen existenziellen Prozess des Dialoges mit den Mitmenschen und Daseinsbedingungen, der alles, was es gibt, vorantreibt. Er drängt uns unablässig, die ganze  Mannigfaltigkeit des Lebens so miteinander zu verbinden, dass nichts endgültig verloren gehen soll. Diese Kraft fordert nachdrücklich, dass wir uns nicht  nur mit einigen Details, sondern mit dem ganzen menschlichen und persönlichen Erleben befassen, die gesamte Erfahrung unserer selbst in einer liebenden Zuwendung gelten lassen. Ihr eignet insofern ein Drängen nach Wahrhaftigkeit. Wir sind es selbst. Alles was wir von uns und unserer Lebensgeschichte  überblicken, auch das was sich unserem Bewusstsein verschließt, gehört unbedingt zu uns.

Dieser Antrieb führt in einer ebenso beständigen Außenwendung dazu, uns denkend, handelnd, fühlend und  entscheidend, aktiv in die realen Lebens- und Erlebenskontexte einzubringen. Auch hier zeigt sich wieder das Bemühen,  die Vielgestaltigkeit gesellschaftlicher, wissenschaftlicher und politischer Phänomene im historischen Zusammenhang zu erfassen. Und auch hier stellt sich wider die Frage, was dieses Drängen, die Kontexte zu verstehen in Gang hält und was die Richtung dieses ganzen Prozesses bestimmt? Nicht zuletzt entsteht die  Frage, was uns Menschen zum verantwortungsvollen Engagement in diesem Gewirke veranlasst? Was ist aber diese bestimmende Größe, die danach drängt, das gesamte äußere Daseinsgeschehen in einer Einheit zusammen zu halten. Verdanken wir doch dieser Antriebskraft schließlich die Gewissheit, dass wir selbst es sind, die von ihr angestoßen, als Zentrum unseres eigenen Lebens und Wirkens einen Beitrag in diesem Spiel zu leisten.

Insofern bleiben wir in allen Abhängigkeiten die verantwortliche Mitte für unser Tun und  Streben. Niemand kann uns die Verantwortung abnehmen und unseren Platz einnehmen. Es scheint insofern geboten, eine von uns nicht geschaffene Kraft, die darauf drängt, alles, was es gibt, die Innen- und Außenerfahrungen bewegt, unbedingt zu respektieren. Selbst wenn wir versuchten, schmerzliche Erfahrungen der äußeren  Lebensbedingungen aus unserem Bewusstsein auszuschließen, sind wir dennoch  von allen Entwicklungen betroffen. Dies gilt im gesamten Dasein für alle biologischen, physiologischen und psychischen Bedingungen  unserer Existenz. Die Antriebskraft drängt uns auch mit den gesamten entwicklungs- und altersbedingten Veränderungen im menschlichen Leben in Kontakt zu treten, auch  den  Tod zu bejahen und uns mit der Frage des Sinnes menschlicher Existenz über den Tod hinaus zu befassen

Ich habe oben die Frage nach den Methoden und der angemessen Ausdrucksweise der angesprochenen Erlebnisbereiche gestellt. So sehr meine Vernunft die  Auseinandersetzung mit den naturwissenschaftlichen Befunden in ihrer Eigenständigkeit einfordert und unbedingt bejaht, so sehr wehrt sich dieselbe Vernunft  gegen ein Monopol der Naturwissenschaft zu Lasten anderer zur Begründung einer humanen Lebensführung angebotenen geisteswissenschaftlichen,  philosophischen  und theologischen Erklärungsmodelle. Alles, was ich bislang zu sagen versuchte, ist im  exakt messbaren Raum des Weltverständnisses entbehrlich. Darüber  denken viele Menschen nicht mehr nach. Was ginge uns aber verloren, wenn wir in den Familien, im Staat und in den internationalen Verflechtungen, die  Postulate verantwortlicher Humanität zerstörten? Ist die in vielfältiger Form oben besprochene Tendenz zur Einheit in der  Vielfalt, das aus unfassbaren  Quellen gespeiste Nachdenken nichts mehr wert? Verdrängen wir dadurch nicht eine wesentliche menschliche Fähigkeit, an der Frage nach dem Sinn und Ziel des menschlichen Daseins im Ganzen von Geburt bis zum Tod und darüber hinaus zu reifen?

Begründet die Frage nach den Ursachen und dem Ziel der  ganzen  Daseinsbewegung, die aus unfassbaren Quellen strömt, nicht endlich wahre Humanität, die jeglichem Hochmut eine  Grenze setzt und zulässt, dass wir nicht Herren des Daseins, sondern Diener der Liebe sind?. Iceh schließe meine Überlegungen mit einer theologischen Reflexion: In der auf das Ganze geöffneten katholischen Tradition, findet sich im Glauben an den dreifaltigen Gott ein Modell wahrer Einheit in der Vielfalt. Wir sprechen von der Verschiedenheit der Personen in der Einheit eines Wesens. Es gibt den Vater nicht ohne Sohn, den wir Herrn nennen, und den Vater und Sohn, nicht ohne den  Heiligen. Könnte das in diesem Essay beschriebene, aus unfassbaren Quellen gespeiste Drängen nach Einheit der Vielfalt unseres Daseins, uns an die Grenzen der Machbarkeit und an die Dankesschuld gegenüber dem ganzen Leben erinnern?

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Franz Schwald

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