Eine bewegte Zeit

Wir befinden uns im fünften Jahr des auf allen Seiten unter großen Verlusten geführten zweiten Weltkrieges. Die deutschen Truppen ziehen sich nach anfänglichen Erfolgen an allen Fronten zurück. Viele Städte liegen zerbombt in Trümmern. Dennoch werden über die Medien Durchhalteparolen verkündet. Es kursieren Nachrichten, die eine Wende zu unseren Gunsten durch geheime Waffen versprechen. Die Menschen sind des Krieges überdrüssig, viele Soldaten verletzt, gefallen oder in Gefangenschaft geraten. Werber bemühen sich dennoch, Jugendlichen „ in letzter Stunde“ den Waffendienst zu empfehlen.
Seit zwei Jahren, bis ins Frühjahr 1944, wohne ich mit Billigung meiner Mutter, in einem Bauernhaus bei Verwandten auf dem Hotzenwald. Mutter- und Vater – Berger hatten mich wie einen Sohn aufgenommen. Ihre eigenen Söhne waren im Feld, der älteste Sohn bereits gefallen. In dieser Zeit litt ich keine Not. Ich arbeitete im Jahreskreislauf im Stall und auf den Feldern mit, wie die anderen Bauernbuben und hatte gut und genug zu essen.Die Berger-Mutter mit ihren roten Wangen, den aufmerksamen blauen Augen und den nach hinten zu einer Rolle geflochtenen, grauen Haaren, war tief religiös. Der stämmige, mittelgroße, Berger-Vater war stolz auf seinen Nebenberuf als Straßenwärter. Nach den wöchentlichen Gottesdiensten in der kleinen Kapelle, kam unser Pfarrer, einer alten Tradition zufolge, ins Bergerhaus zum Frühstück. Er scheute sich nicht, wenn Not an Mann war, bei der Heuernte mit an zu packen. In meiner Erzählung „ Der Hotzenbischof“ habe ich mich dankbar seiner erinnert. Als ihm die Nationalsozialisten den Zutritt zur Schule verwehrten, gab er uns Religionsunterricht in der Stube eines Bauernhauses. Dies verband uns Buben und Mädchen noch mehr mit unserem Pfarrer, der uns in schweren Zeiten ein Vorbild war. Ich folgte seinen überzeugenden Worten, mit denen er über unseren katholischen Glauben sprach, mit großer Aufmerksamkeit und stellte viele Fragen. In seinem Abschlusszeugnis zeichnete er mich als seinen besten Schüler aus. In der 7. und 8. Klasse besuchte ich die Schule in Kleinherrischwand. Einige der Buben und Mädchen lernte ich in diesen zwei Jahren näher kennen. Den Jungen war ich zwar körperlich unterlegen, sie respektierten mich aber der schulischen Leistungen wegen. Unsere Lehrerin, eine hübsche Elsässerin, die sich oft in verführerischer Pose mit ihrem kurzen Rock auf die ersten Bänke setzte, habe ich nicht nur wegen ihres lebendigen Unterrichts angehimmelt. Zu Ostern 1944 war die Schulzeit zu Ende. Mein Vater hatte mir in einem seiner Briefe Ende August 1943 mitgeteilt, dass er als Gebirgsjäger bereits seit 4 Jahren an verschiedenen Fronten im Einsatz sei. Er ließ mich wissen, dass er mich in jeder Hinsicht bei meiner Berufswahl unterstütze. Ich könnte bei ihm in Karlsruhe wohnen, falls ich den Besuch einer Hochschule anstrebte. Nach einem Gespräch mit meiner Mutter entschied ich mich, wieder nach Rheinfelden zurück zu kehren. Ich beabsichtigte, eine kaufmännische Lehre zu beginnen, da mir dies aus damaliger Sicht wünschenswerter erschien.

Nach meinem Schulabschluss verabschiedete ich mich dankbar von den liebenswerten „Berger-Eltern“ mit dem Versprechen, dass ich sie nicht vergessen und wieder besuchen werde. Unverzüglich stellte ich mich bei der Firma Metzger, einer größeren Bauunternehmung in Rheinfelden vor, wurde akzeptiert, begann die Lehre im April 1944, besuchte in dieser Zeit die Handelsschule und beendete beides erfolgreich mit der Gehilfenprüfung zum Baukaufmann im April 1947. Da nach dem Krieg wenig Aussicht bestand, als Baukaufmann irgendwo unter zu kommen, blieb ich der günstigeren Bedingungen wegen, in dieser Firma bis zum Jahre 1962. Ich wurde zunächst in der Lohnbuchhaltung eingesetzt und bediente zusätzlich die Besucher mit
ihren Anliegen am Schalter. Manchmal ärgerte es mich sehr, wenn ich die Abwesenheit unseres Chefs mitzuteilen hatte, obwohl er oben in seinem Büro saß. Angenehmer war es, wenn sich der Lohnbuchhalter, der Wert auf gutes Essen legte, von mir ein Vesper holen ließ und mir einen nahrhaften Trägerlohn zuteilte. Ich hatte auch die angenehme Aufgabe, wöchentlich die Lohntüten zu den Baustellen zu bringen. Dort war ich in dieser Funktion bei den Polieren, Maurern und Hilfsarbeitern gern gesehen, konnte mich auf den Baustellen umsehen und den Fortschritt der Arbeiten beobachten. Noch heute erfasst mich ein Kribbeln, wenn im Frühjahr die Baumaschinen wieder brummen. Die regelmäßige Arbeit auch an Samstagen von 8-12 Uhr, an den übrigen Tagen mittags von 13-17 Uhr war gewöhnungsbedürftig.

Einige Minuten nach Feierabend klopfte ich in meiner Freizeit an die Türen meiner Freunde Rolf und Berthold. Wenn wir abends nicht zu dritt auf Tour waren, wurden wir gefragt, ob einer von uns krank sei. Berthold verdiente damals als Uhrmacherlehrling am meisten und hielt uns oft über Wasser, wenn wir schwach bei Kasse waren. Ich wohnte wieder zu Hause und bekam ein eigenes Zimmer, das ich in späteren Jahren mit einfachen Möbeln und einem Radio nach eigenen Vorstellungen einrichtete. Unsere Mutter hatte es mit mir, einem 14-jährigen, eigenwilligen Knaben und meinem ebenso lebendigen, vier Jahre jüngeren Bruder nicht leicht. Sie achtete streng auf die Einhaltung der Essenszeiten und die häusliche Ordnung, in jüngeren Jahren gelegentlich unter Zuhilfenahme ihres Teppich-klopfers. Mein Bruder wirft mir, wahrscheinlich zurecht vor, ich sei oft der schnellere gewesen, wäre durchgehuscht und er hätte die Prügel bezogen. Die Mutter ließ mir ansonsten große Freiheit, sagte nur, wenn ich spät nach Hause kam: „ich solle ihr keine Schande machen“ was immer das bedeutete. Es gab oft wie mir schien wegen ihres Starrsinns, vermutlich ein Erbe ihres autoritären Vaters, lebhaft geführte Auseinandersetzungen. Ein Grund mehr, öfters Abstand zu halten, und Verständnis bei meinen Freunden zu suchen.

Der Krieg war gelegentlich auch in Rheinfelden zu spüren. Wir saßen oft nach dem Sirenengeheul nachts ängstlich im Luftschutzkeller, hörten die Geräusche der Flugzeuge und einmal den Einschlag von Bomben im Industriegebiet. Tiefflieger griffen damals auch Fahrzeuge auf Zufahrtsstraßen an. Im Herbst 1944 wurden wir zum Schanzen nach Efringen-Kirchen abgestellt. Wir mussten Panzergräben herstellen. Gleichzeitig waren wir Weinbauern zugeteilt, um bei der Lese mit zu helfen. Ich habe nie vergessen, wie der altersschwache Bauer, dem wir zugeteilt waren, volltrunken, eine steile Treppe des Hauses herunter kugelte, ohne Schaden zu nehmen, wieder aufstand und auf unsicheren Beinen davon wankt. Einige Wochen später, ich war damals gerade 15 Jahre alt, wurde ich drei Wochen zu einer vormilitärischen Ausbildung der Wehrertüchtigung, einberufen. Dann kam es zu einer entscheidenden, uns sehr überraschenden Situation: Wir wurden in einen Saal geführt, in dem Werber an den Wänden Photographien der verschiedensten Möglichkeiten des Waffendienstes aufgehängt hatten. Mich überzeugte der glänzende Vortrag über die Vorteile eines Achtrad – Panzerspähwagens, der vorn und hinten steuerbar war und dessen Reifen sich bei einem Durchschuss wieder selbständig abdichteten. In meinen Augen eine Lebensversicherung und so meldete ich mich mit andern Schulkameraden zur Waffen-SS. Als ich dies abends stolz Bertholds Vater erzählte, hätte er mich offensichtlich am liebsten verprügelt. Er erklärte mir in scharfem Ton: „Der Krieg sei doch verloren!“ Ich habe ihm diese Gardinenpredigt nicht übel genommen und ihn auch nicht verraten. Er wäre ja sonst wegen Wehrkraftzersetzung verhaftet worden. Die Ereignisse nahmen nun ihren eigenen Lauf. Unsere Mutter war in großer Sorge.

Wir wurden Wochen später zur Ausbildung einberufen. Auf unserer Fahrt erlebten wir in Immendingen den ersten Tieffliegerangriff und suchten, wo immer möglich, Deckung. Nach diesem Angriff war die Begeisterung bei vielen Schulkameraden dahin. Sie büchsten aus und gelangten wieder nach Rheinfelden. Mit zwei weiteren Kameraden, die nicht desertieren wollten, gelangten wir nach einer Übernachtung im zerstörten München nach Mittenwald. Dort hatte ich großes Glück: Ich bekam eine schwere Angina und lag lange Zeit auf der dortigen Krankenstation. Dadurch entkam ich der militärischen Ausbildung,wurde nicht eingekleidet und bekam auch keine Blutgruppe tätowiert. In der Krankenstation gaben mir alte Landser, die versuchten das Kriegsende abzuwarten, Nachhilfe über die wirkliche Lage. Als am 20. April 1944, an Führers Geburtstag, keine Geheimwaffen zum Einsatz kamen, überzeugten mich die Argumente der Landser. Ich entschloss mich, trotz der damit verbundenen Gefahren, zu desertieren. In meiner Hitlerjugend-Winteruniform, mit Brot und Wurst in einem Einkaufsnetz und einem Regenschirm stieg ich über die Kasernenmauer. Mein Ziel war, Richtung Bodensee zu meiner Tante nach Singen zu gelangen. Zu Fuß, gelegentlich auf einem Traktor, gelangte ich nach Radolfzell. Dort wurde ich mit anderen Jugendlichen und Alten gestellt, eingekleidet und zur Verteidigung von Radolfzell eingesetzt. Wir bauten uns zur Übernachtung Schützenlöcher. Ich war als Zugmelder Verbindungsmann. Diese Aufgabe führte ich einmal durch, um zu berichten, dass französische Panzer auf der Straße vorrücken. Wir befanden uns auf einem kleinen Hügel. Einige Stunden später kämmten gepanzerte Fahrzeuge auch unser Gelände durch. Wir versuchten uns vor dem Maschinengewehr-Feuer zu schützen und robbten in einer Ackerfurche in den toten Winkel. Ich war nicht einmal in dieser Technik erfahren und kam, obwohl ich bat auf mich zu warten, nicht mehr mit. Das war mein großes Glück. Ich konnte nämlich beobachten, wie meine Kameraden, die bergauf über freies Feld zu einem Waldstück zu gelangen versuchten, nacheinander wie die Hasen abgeschossen wurden. ich handelte: Bei der Einkleidung in Radolfzell hatte ich keine Unterwäsche gefasst, sondern meine Hitlerjugenduniform behalten. Ich vergrub meinen Wehrpass, ließ den Waffenrock und meine Waffen in der Ackerfurche zurück, war nun als Hitlerjunge erkenntlich und ging den Franzosen entgegen, indem ich eine weiße Binde, die ich seit meinem Aufenthalt in der Krankenstation bei mir trug, zum Zeichen, dass ich mich ergebe, schwenkte. Ich wurde mehrmals darauf angesprochen, ob ich zur Waffen-SS gehöre, was ichverneinte. Ich weiß nicht wie man mich behandelt hätte, wenn ich die Blutgruppe gehabt hätte. Alle SS-Angehörigen wurden aussortiert. Ich gab mich als Hitlerjunge aus, der ich im Grunde ohne Ausbildung und je einen Schuss abgegeben zu haben ja auch war. Dennoch war es
eine schwierige Situation. Die Pistolen saßen damals sehr locker. Wir wurden mit erhobenen Händen gesammelt, durften erst nach einiger Zeit die Hände auf den Kopf legen, uns dann später setzen und wurden nach Radolfzell transportiert. Dort brachten sie uns Gefangene in das Ortsgefängnis. Ich war noch nie in einem Gefängnis, bekam schreckliche Angst und weinte. Ein französischer Offizier, brachte mich mit gezogener Pistole in eine requirierte Wohnung zu einer deutschen Familie mit der Bitte, dass sie mir zu essen geben und weiter helfen sollten. Als ich anderntags erwachte, war die Wohnung leer. Ich bedankte mich freundlich auf einem Zettel bei meinen Gastgebern, klaute ein Fahrrad und fuhr nach Singen zu meiner Tante. Diese schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als ich etwas zerzaust dort ankam.

Um weiter zu kommen, brauchte ich einen Passierschein, der schwer zu erlangen war, weil viele Menschen sich in der großen Stadt sammelten, die ebenfalls weiter wollten. Nach einigen Tagen gelang es mir, meine Tante zu überzeugen, dass ich versuchen wollte, aus der Stadt heraus zu kommen. Ich kam mit meinem Netz mit Verpflegung und dem Regenschirm an die Stadtgrenze, die mit einer bewachten Schranke versehen war. Hier hatte ich wieder Glück: Eine junge, hübsche Frau zog einen Leiterwagen. Ich gesellte mich zu ihr mit der Bitte, mich nicht zu verraten und zog deren Leiterwagen durch die Schranke, während die Franzosen sich offensichtlich gern mit ihr unterhielten. Ich bekam auf einer kleinen Kommandantur außerhalb Singens einen Passierschein bis Waldshut und stiefelte nun über den Randen von Schranke zu Schranke Richtung Waldshut.
Gelegentlich forderten mich die Soldaten auf, ihr Geschirr zu spülen. Ich entschloss mich, an einem kleineren Ort in Dogern bei Waldshut meinen Passierschein verlängern zu lassen und kam dann zu Fuß nach diesen Erlebnissen wieder in Rheinfelden an. Meine Mutter war mehr als überrascht, als ich gesund und wohlbehalten wieder zu Hause war. Nach Kriegsende hatte die Bauunternehmung Metzger wieder mühsam den Betrieb eröffnet. Dort stellte ich mich vor, um meine Lehre fortzusetzen. Als ich mich am Schalter meldete und das vertraute Gesicht des Lohnbuchhalters sah, erschrak ich sehr. Er war so abgemagert, dass ihm der Kragen seines Hemdes mehrere Zentimeter vom Hals abstand. Nur ganz langsam begriff ich, was ein verlorener Krieg und die französische Besatzung bedeuteten. Der Zusammenbruch des Ideals von Führer Volk und Vaterland, war fast noch schwerer zu ertragen, als der andauernde Hunger und der Kampf ums Überleben. Nun wurde mir mit aller Deutlichkeit klar, was in den KZ-Lagern geschehen war. Davon wussten wir nichts. Umso mehr erschütterten uns die grauenvollen Bilder und die Berichte über die Gräueltaten. Meine Reaktion: Nie wieder Krieg und der Entschluss, dem Frieden ohne Waffen in der Hand zu dienen. Ich wurde später als einer der so genannten “weißen Jahrgänge“ auch nicht mehr zur Bundeswehr eingezogen. Gott danke ich dafür, dass ich bis zum heutigen Tag niemals auf Menschen schießen musste. Es gab aber auch andere Erfahrungen: Nach dem Krieg wollte niemand mehr Nationalsozialist gewesen sein. In der Handelschule grüßten die Lehrer nun mit Grüß Gott. Alles, was mit Stolz auf das deutsche Vaterland zu tun hatte –das war ja nicht nur das Dritte Reich- erschien bedeutungslos. Ich begann mich mit der französischen Nation und den nachfolgenden Vorstellungen von einem geeinten Europa zu identifizieren.,Erst viel später, nach einer längern Reise mit meinem Pfarrer durch ganz Frankreich, die mit einem gesalzenen Strafmandat wegen Geschwindigkeitsüberschreitung endete, kam es zu einer ersten Ernüchterung mit Fragen, ob wirklich nur wir Deutschen an allem Elend Schuld wären. Ich begann, ohne darüber zu reden, auch zu fragen, was andere Nationen getan haben. Die Atombomben auf Japan, der grausame Luftkrieg gegen die wehrlose Zivilbevölkerung in deutschen Städten, die Vertreibung Deutschstämmiger aus dem Osten und vieles andere erschien mir ebenso kritikwürdig. Es war mehr als erstaunlich, dass alle Älteren ebenfalls geschockt waren und Nachteile befürchteten, wenn sie über ihre Erfahrungen im Dritten Reich erzählt hätten. Ich habe selbst außerhalb der Familie vor einigen Jahren zum ersten Mal unter gleichaltrigen Freunden Erfahrungen ausgetauscht. Ein befreundeter Schweizer, dem es gestattet war, während des Krieges die Schule in Rheinfelden-Schweiz zu besuchen, erklärte in der Runde, dass er in der Schweiz “Sauschwabe“ in Deutschland „Schweizerlöli“ genannt wurde. In Wirklichkeit hätte er auch ganz gern die Hitlerjugend-Uniform wie wir getragen. Während bei uns in den Hungerjahren geklaut wurde, was nicht niet- und nagelfest war, musste ich mit der Erfahrung zu recht kommen, dass, nachdem die Grenze geöffnet
wurde, an den Fahrrädern in der Schweiz die Einkaufsnetze mit Lebensmitteln hängen bleiben konnten. Ich hatte doch auch meine Ehre, und sehr darunter gelitten, auf welch vielfältige Weise der unselige Krieg unsere Wertvorstellungen in Deutschland destruierte.Wir litten in Rheinfelden sehr unter der Besatzung. Die Maschinen
und technischen Anlagen, die zu gebrauchen waren, wurden als Beute abtransportiert. Es kam zu einer Entnazifizierungswelle. Auch der Vater meines Freundes Berthold, der um unabkömmlich gestellt zu werden, in die Partei eingetreten war, ohne deren Ideologie zu vertreten, wurde längere Zeit in ein Lager gesteckt, wie viel andere auch. Es fehlte an allen Ecken und Kanten am Nötigsten. Vor allem in den Jahren 1945 und 1946 mangelte es an Nahrungsmitteln. Wir litten schrecklichen Hunger. Unsere Mutter teilte ein Brot und ich nahm mir etwas von dem, was meinem Bruder gehörte. Er erregte sich so, dass er keine Luft mehr bekam. In größter Panik spritzte ich ihn mit kaltem Wasser ab, um ihn vor dem Ersticken zu retten. Eines Tages sagte unsere Mutter, sie habe nichts mehr zu essen. Wir Buben gingen dann gemeinsam nachts auf die umliegenden Felder und brachten Lauch nach Hause. Selbst Kartoffeln gehörten zu den Kostbarkeiten. Eine gute Kirschenernte nutzten wir Buben aus, um unseren Hunger auf den Bäumen zu stillen. Wir gingen alle hamstern. Mein Bruder war ein liebenswerter, hartnäckiger Bettler. Wenn er vorn zur Türe hinaus komplimentiert wurde, erreichte er es bei einem erneuten Versucb oft über den Hintereingang, Beute zu machen. Ich war eher in der Lage zu verhandeln, wenn uns unsere Mutter etwas aus den Beständen mitgab, um es bei den Bauern gegen Lebensmittel einzutauschen. Eines Tages wanderten wir über Säckingen hinauf nach Giersbach zu unseren Verwandten, bekamen Speck und Butter zugesteckt und einen Sack mit Kartoffeln. Auf dem Rückweg machte Mutter schlapp und wir zogen sie zusammen mit den Kartoffeln auf dem Leiterwagen nach Hause. Sie hatte in der Hungerzeit zu Weihnachten Plätzchen gebacken, um uns eine Freude zu machen. Ich entdeckte die Maggidose in ihrem Schrank im Schlafzimmer versteckt und versorgte mich mit einer Handvoll dieser Süßigkeiten. Nach einigen Tagen startete ich einen erneuten Versuch und staunte sehr, denn ich hatte den Eindruck, dass ich nicht so viele Plätzchen entwendet hatte. Trotzdem bediente ich mich weiter. Dann kam der Weihnachtsabend. Die Mutter wollte uns mit dem Gebäck überraschen und kehrte blass, tief gekränkt, enttäuscht und wütend mit der Frage zurück, wer die Plätzchen gegessen habe? Ich gestand betreten meine Schuld mit de Bemerkung, dass ich es war, aber nicht alle gegessen habe. Mein Bruder schloss sich mit dem Bekenntnis an, nun sei ihm endlich klar, wer auch noch genascht habe. Die Weihnachtsstimmung war unter diesen Umständen erheblich beeinträchtigt.

Wir drei waren damals sehr auf einander angewiesen, vor allem nach der Scheidung unserer Mutter. Mein Stiefvater wurde als Kommunist lange in einem Konzentrationslager interniert und kam erst nach dem Krieg wieder frei. Er heiratete erneut, erkrankte und hinterließ nach seinem Tod in den Nachkriegsjahren Frau und Kinder. Erst in diesen Tagen begriff ich nach einem Gespräch mit meinem Bruder, dass er im Unterschied zu mir, seinen Vater gar nicht erlebte. Ich bin leider nach der Kinderzeit meinem Stiefvater nie mehr begegnet, um ihm danken zu können. In einem nächsten Beitrag werde ich berichten wie ich zur
Würde eines Stadtrates von Rheinfelden aufstieg.

 

Morgengebet

Im Namen des
Vaters des Sohnes
und des Heiligen
Geistes
O Gott alles was
was wir sind und
haben sind DEINE
Gaben
In allem was Himmel
und Erde gibt bist DU
es der uns ewig liebt
DICH durch den alles
begonnen haben wir
herzlich lieb gewonnen
Bewahre und vollende
in Frieden und Segen
zum Dank unser Leben

Gebet

 

Das Herz der Welt

Einem geistlichen “Lesebuch“ gibt Urs von Balthasar den Titel „Das Herz der Welt“ und es hält, was es verspricht. Ich habe während einer stationären Behandlung dieses Werk zum wiederholten Male gelesen. Für den Dienst der Ärzte und des Pflegepersonals im Krankenhaus danke ich diesen, für die spirituellen Anregungen in seinem Buch, Urs von Balthasar. Hier folgen nun einige Gedanken als Impuls zum Thema Herz-Liebe-Gott: Wenn ein kleines Kind die zärtliche Berührung seiner Mutter spürt, öffnet es die Hand, und greift, als ob es darauf gewartet hätte, nach deren Fingern. Wir Erwachsenen bedürfen auch lebenslang liebender Zuwendung und wissen genau, was geschehen kann, wenn sie ausbleibt: In der Folge leidvoller Erfahrungen sehen wir in der Realität und in den Medien Proteste, erhobene Fäuste, Hass und Gewalt bis auf den heutigen Tag. Was aber ist der sichere Weg, damit Fäuste sich lösen, Menschen einander die Hände reichen, und „Schwerter sich in Pflugscharen verwandeln können?“
Unser himmlischer Vater, der dreifaltige Gott, der Himmel und Erde erschaffen hat, der wie Papst Franziskus unermüdlich betont, die Liebe ist, hat uns Menschen nach SEINEM Bild und Gleichnis die Liebe ins „Herz“ gebrannt, auf die unsere Brüder und Schwestern, die Welt und Schöpfung sehnsüchtig warten. Wir sollen einander als Zeugen Gottes diese Liebe reichlich schenken.

Ehre der Dreifaltigkeit

Berufung

Dreifaltiger Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist, alles hast Du ins Dasein gerufen, von Ewigkeit in Dein Herz geschrieben, und uns als „Getaufte“ in Deine Kirche berufen. Du hältst Deine Schöpfung sicher über den Abgründen, vergibst den Völkern ihre Schuld, segnest Dein Werk, und holst uns heim in Deinen großen Frieden. Geheiligt werde Dein Name! In der weltweit geöffneten Katholischen Kirche erfahren wir immer wieder Hilfe und Zuspruch, und der Glaube sagt uns, dass die Pforten der Hölle sie nicht überwinden. Ein aus Lindenholz geschnitztes Kreuz, war zwischen einem Bild Mariens mit dem Jesus-Kind, und einer Ikone als Ausdruck dieses Glaubens, in Erics Wohnzimmer nicht zu übersehen. Es begleitete auch seinen Lebensweg. Er betrachtete es als eine Gnade, aufrechten Priestern und frommen Gläubigen zu begegnen, die ihm halfen, Gott in allen Dingen, der Heiligen Schrift, Liturgie, den Sakramenten, der Natur, Kunst, Musik und Literatur zu erkennen.

Im Kindesalter ließ er sich in den Gottesdiensten, tief beeindruckt von den Gesängen und Gebeten der Gemeinde mittragen, in der stürmischen Adoleszenz und danach, trösten und aufrichten. In späteren Jahren erlebte er die Nähe Gottes dankbar, wenn ihn Fragen und Sorgen bedrängten, das Leid der Menschen berührte, oder, wenn er deren Freude, Hoffnung und Glaubenstreue erleben durfte. Gütige Engel schützten und bewahrten ihn in vielen Gefahren während des Krieges und den Hungerjahren danach

Als Vorsitzender einer Wählervereinigung und Stadtrat, erlebte Eric jedoch in der politischen Diskussion nach dem zweiten Weltkrieg schmerzlich den Verlust an ethischen Normen und Werten, und an philosophischen und religiösen Sinnfragen. Bei der Suche nach geeigneten Lösungen, setzt er sich immer mehr mit den ihn prägenden, christlichen Vorstellungen auseinander. Zeitweise studierte er fast ausschließlich die Heilige Schrift. Die anstehenden Fragen ließen sich aber nicht mehr abweisen:
In der Ruhe eines Klosters hoffte Eric zu erkennen, welche Aufgaben ihm im Hinblick auf sein bisheriges und künftiges Leben wichtig wären, und welche Ziele er erreichen wollte. Es war ihm auch ein Anliegen, den eigenen Standort im Leben, als katholischer Christ im Lichte seines Glaubens zu überprüfen. Der im Kloster vorgesehene Wechsel zwischen anregenden Vorträgen, Schweigen, Mahlzeiten, Erholungsphasen und Gottesdiensten, kam seinen Interessen sehr entgegen. Auch die Gottesdienste mit den Mönchen und Brüdern in den einladenden Räumen des Klosters, trugen zur Besinnung in den Exerzitien bei, Er gewann auch die Überzeugung, von den Benediktiner in dieser Woche im Gebet begleitet zu werden. Zu Erics Gruppe gehörte ein blinder Teilnehmer. Wenn dieser bei den Gottesdiensten zu einer kleinen Hausorgel geführt wurde, dort Platz nahm, und die Gesänge begleitete, öffneten sich die Sinne und Herzen der Teilnehmer; waren doch alle mit ihren persönlichen Anliegen, wie Blinde gekommen, die den künftigen Weg suchten. Das kindliche Vertrauen in Gottes Vorsehung und die Bereitschaft auf die Anregungen des Heiligen Geist zu lauschen, erwachte wieder neu.

Am Ende dieser erlebnisreichen Woche, war Eric kein anderer Mensch; er hatte auch nicht zu allen Fragen Lösungen gefunden. Er erlebte aber intensiv den Trost und die Anregungen durch Christen, die sich in Gottes Namen versammelten, sangen und beteten. Diese Bereitschaft, im Gebet, der Schriftlesung und Liturgie, die Nähe zu Gott zu suchen, begleiteten Eric auch in den Alltag. Die aufrüttelnde Erfahrung der Nähe zu Priestern bei der Feier der Eucharistie, und die Frage, ob und wie er darauf reagieren könnte, ließen ihn von da an nicht mehr los: Zu Hause, wieder eingebunden in die beruflichen, sozialen und politischen Aufgaben, suchte Eric immer wieder die Stille und die Gelegenheit, um sich mit den priesterlichen Aufgaben in der Kirche vertraut zu machen. Nun interessierte es ihn aber auch sehr, was Menschen veranlasste, sich von der Kirche in Dienst nehmen zu lassen. Er las daher Geschichten über das Leben und Wirken von Heiligen und Missionaren. Eric erinnerte sich auch an die Erzählung seiner Mutter, dass ein ehemaliger Pfarrer ihn als Jungen zur Priesterausbildung vorgesehen hatte. Dieser Plan scheiterte aber am Widerstand der Mutter. Nun gewann jedoch die Kirche, als weltweite Gemeinschaft der Gläubigen mit Priestern, Bischöfen, Kardinälen und dem Papst für Eric erneut an Bedeutung. In politischer Arbeit geschult, begann er daher für alle Menschen, die der Kirche dienten, zu beten. Auch die geschichtliche Dimension der Kirche, auf ihrem Weg durch die Zeit, und ihre aktuelle Gestalt, beschäftigten ihn sehr. Eric erkannte die Aufgabe der Kirche und deren Sendung zum Heil der Menschen. Alles, was ihm von Kindheit an lieb und teuer war, schien daher ohne die Stimme der Kirche in Gefahr. Noch mehr:

Eric sah viele Menschen bedroht, der Gottlosigkeit zu verfallen. In seiner Not und aufbrechenden Sorge, griff er nun öfters zur Heiligen Schrift, und fühlte sich durch Gottes Wort sehr angesprochen. Da redete -Einer-, der die Menschen kannte, der Herr, wahrhaft, vertrauenswürdig, und mit Macht. Eric gewann die Überzeugung, nichts Besseres als diese Botschaft finden zu können und vernahm deutlicher die Stimme des Herrn, der Arbeiter in seinem Weinberg brauchte. Szenen in der Heiligen Schrift über Berufungen und Begegnungen des Herrn mit Menschen seiner Zeit, beeindruckten Eric sehr, wie: Zachäus, der klein von Gestalt, auf einen Baum stieg, um den Herrn zu sehen, Jesu Gespräch mit der Sünderin, die Rückkehr des verlorenen Sohnes, der Schächer am Kreuz, die Verleugnung des Petrus, der ungläubige Thomas, und die Begegnung des Auferstandenen mit den Emmaus Jüngern. Er betrachtete auch tief bewegt den Leidensweg und Tod des Herrn, und seine Auferstehung. Die Person und das Leben und Wirken Jesu beeindruckten Eric immer mehr. Er fühlte sich davon sehr angesprochen und gleichzeitig unwürdig, Ihm als Priester folgen zu können. Immer mehr bedrängte Eric die Frage, ob er sich beim Gedanken dem Herrn zu folgen, getäuscht haben könnte, befand er sich doch schon im fortgeschrittenen Alter. Er war auch unsicher, ob er bei seiner Vorbildung die Fähigkeiten hätte, das Abitur nachzuholen, um an einer Universität zu studieren, und ob er die Mittel aufbringen könnte,
sein Studium zu finanzieren. Wer würde zudem seine Mutter versorgen, wenn er außer Haus wäre? Eric stand daher vor vielen ungelösten Problemen. Aber immer dann, wenn er an den Herrn dachte, fühlte er sich auf dem rechten Weg. Über Monate hinweg überlegte er all dies, und hatte nicht den Mut, mit anderen Menschen über das zu sprechen, was ihn zutiefst bewegte.

Schließlich wagte er es doch, mit einem Vikar und mit dem Heimat Pfarrer über seine Gedanken und Pläne zu reden. Im Unterschied zum Vikar, reagierte aber der lebenserfahrene Pfarrer sehr ruhig und besonnen. Mit Rücksicht auf den bisherigen Lebensweg Erics, lag ihm sehr daran, Eric vor unüberlegten Schritten zu warnen. Gegenüber seinem vertrauten Pfarrer war es ihm aber möglich, über alles offen zu sprechen und auch mitzuteilen, dass ihn selbst die eigene religiöse Entwicklung überraschte und er sich daher eine zweijährige Frist gesetzt habe, um die sich anbahnende Entscheidung so weit als möglich zu überprüfen. Ab diesem Zeitpunkt, besuchte Eric täglich vor Dienstantritt in seinem Beruf die Frühmesse. Es waren jedoch meistens nur wenige Frauen anwesend, deren Frömmigkeit ihn aber sehr beeindruckte. Wenn Eric aber frühmorgens den zehn minütigen Fußweg durch die noch ruhige Stadt zur St. Josefs Kirche ging, erschien ihm dies schweigende Gehen oft wie erfüllt von Gottes Gegenwart, und er freute sich über seine Absicht, Priester werden zu wollen.Vor dem Ende seiner selbst gewählten zweijährigen Probezeit, hatte sich der Wunsch, Priester zu werden, gefestigt. Eric war sich aber darüber klar, dass es mit Sicherheit kein leichter Weg werde. Er dachte auch oft darüber nach, welche Zeit ihm nach einem Studium bliebe, um als Priester wirken zu können. Immer wieder setzte sich bei ihm der Gedanke durch, dass er von Gott alles empfangen, und der Herr auch sein Leben für uns Menschen hin gegeben habe. Manchmal überfiel ihn auch der Gedanke, dass sich jeglicher Einsatz lohnte, selbst, wenn er nur einmal als Priester ein Messopfer feiern könnte. Während der gesamten Zeit seiner Vorbereitung, befand Eric sich in regelmäßigem Austausch mit seinem Pfarrer und dem damaligen Vikar. Ihre Begleitung und das Gebet der frommen Frauen in den täglichen Gottesdiensten, erlebte er in der Stille, als eine zweijährige Zeit, in der mit Gottes Hilfe viel geschehen war:

Trotz erheblicher Belastungen im Beruf, im sozialen und politischen Umfeld, und beim Musizieren, war es ihm möglich gewesen, täglich die Frühmesse zu besuchen. Mit den zusätzlichen Einnahmen als Schlagzeuger in einer Band, sah er sich auch in der Lage, das Studium weitgehend aus Eigenmitteln zu finanzieren. Eric betrachtete ebenso die Tatsache, dass er keine feste Beziehung zu einer Frau hatte, als einen kleinen Hinweis, den Zölibat einhalten zu können. Er wusste zwar nicht, ob er das Abitur schaffen würde, und in der Lage wäre, unter anderem noch Latein und Griechisch zu lernen. Es war ihm aber bewusst, viel arbeiten zu können, um diese Hürde zu nehmen. Im Blick auf die bisher im Beruf, der Politik und im sozialen Bereich gelösten Aufgaben, durfte er damit rechnen, dass sich diese Fähigkeiten auch in der Schule und danach bewähren würden. Dies galt auch für seine Fähigkeit, die eigenen Kräfte nicht zu überschätzen, und den verantwortlichen Umgang mit seiner Gesundheit zu pflegen. Alles andere konnte er getrost Gott und seinen Engeln überlassen. Nachdem Eric glaubte, sich über die religiöse Entwicklung und seine Pläne ausreichend klar geworden zu sein, drängte es ihn, nicht mehr zu schweigen, sondern die wichtigsten Personen über seine Entscheidung zu informieren. Dies betraf die politischen Freunde, die Mitarbeiter des Sozialdienstes den Arbeitgeber, Bürgermeister, seine Familie, die Verwandten, persönlichen Freunde und einige wichtige Nachbarn. Eric begegnete in diesen Gesprächen, sowohl der Überraschung, als auch dem respektvollen Verstehen-Wollen.
Die Anmeldung zur Aufnahmeprüfung im Spätberufenen-Seminar St. Pirmin in Sasbach war begleitet von manchen Fragen, der Unsicherheit und Hoffnung. Zum Glück bestand Eric diese Prüfung am selben Tag, an dem er wunschgemäß als Stadtrat aus dem Gremium ausschied. Ein erstes Ziel war mit Gottes Hilfe erreicht. Eric schaute auf zum Kreuz seines Großvaters, und zu all denen, die diesen Weg vor ihm gegangen waren, und wartete mit großem Interesse auf den Tag, an dem er im Spätberufenen-Seminar St. Pirmin in Sasbach wohnen und arbeiten würde. Von dieser segensreichen Zeit erfahren Sie, liebe Leser in der nächsten Geschichte.

 

 

 

Abendgebet

Bevor des Tages
Licht vergeht hör
Welterschaffer
dies Gebet
Der DU so milde
und so gut nimm
gnädig uns in DEINE
Hut. Gib dass kein
böser Traum uns
weckt kein nächtlich
Wahnbild uns erschreckt
die Macht des Bösen
dämme ein
Dass unser Herz stets
bleibe rein. DER DU
Vater mit dem Sohn
Und Geist regierst auf
einem Thron DIR sei Ehre
allezeit und in EwigkeitBevor des Tages
Licht vergeht hör
Welterschaffer
dies Gebet
Der DU so milde
und so gut nimm
gnädig uns in DEINE
Hut. Gib dass kein
böser Traum uns
weckt kein nächtlich
Wahnbild uns erschreckt
die Macht des Bösen
dämme ein
Dass unser Herz stets

bleibe rein. DER DU
Vater mit dem Sohn
Und Geist regierst auf
einem Thron DIR sei Ehre
allezeit und in Ewigkeit

Abendlicht

 

Die Rettung

Die Rettung
Friedrich ist mit seiner Familie in eine belebte Stadt umgezogen. Dort
wohnen sie schon mehrere Jahre. Er schätzt es nicht besonders, sich
mit seiner Frau und den Kindern im Strom der Besucher durch die
Straßen treiben zu lassen, um die jahreszeitlich wechselnden Auslagen
der vielen Geschäfte zu betrachten. Aber an Musikern, die an manchen
Orten in der Stadt, bei swingendem Jazz ihre Solisten in Szene setzen,
kommt er selten vorbei, denn von Jugend an, gehört Musik zu seinem
Alltag, und Rhythmus liegt ihm im Blut. Die Familie hat sich mit dieser
Vorliebe des Vaters und auch damit versöhnt, dass Buchläden ihn
magisch anziehen. Er schätzt nicht nur die feine Küche, sondern auch
gute Bücher. Friedrich genießt es sehr, unter Menschen zu sein. Er
sucht und findet oft ein ruhiges Plätzchen, um das pralle Leben in der
Stadt auf sich wirken zu lassen.
Die Familie und Freunde kennen Friedrichs unersättliche Neugier, der
mit Bedacht diese große Stadt mit ihrem reichen kulturellen Angebot
als Wohnort wählte, um den Erwartungen aller am besten zu
entsprechen: Es gab hier kurze Wege zur Arbeit, den Schulen, dem
Markt, den Spielplätzen und Geschäften. Gelegentlich besuchte er als
Gasthörer mit seiner Frau einige Vorlesungen an der Universität. Mit
der Zeit entdeckte die Familie auch den zoologischen Garten und die
Museen. Ihr besonderes Interesse galt aber der Musikhochschule. Es
bereitete ihnen viel Vergnügen, dort bei den ersten öffentlichen
Auftritten, die jungen, talentierten Studenten zu erleben, und sie bei
ihren Konzerten mit ermutigendem Beifall zu belohnen. Die umsichtige
Mutter verstand es, auch den Besuch des Theaters, Balletts und der
Konzerte in den familiären Alltag einzuplanen.
Trotz aller Vorteile, die das Stadtzentrum bot, entschloss sich aber die
Familie noch einmal zu einem Umzug: Eine neue Wohnung am Rande
der Stadt, sollte im nächsten Jahr bezugsfertig sein. Das Stadtzentrum
und das nahe gelegene Erholungsgebiet, waren von hier aus leicht zu
erreichen.
Es ist ein sonniger Herbsttag, gerade noch warm genug, um sich in
einem der Straßencafés bei Kuchen und Tee vom heutigen Spaziergang
zu erholen. Das Gespräch des Ehepaares verläuft träge; sie benötigen
beide eine Pause, um die Eindrücke der letzten Stunden zu überdenken.
Da richtete sich Friedrich plötzlich auf; er schien von irgendetwas
fasziniert zu sein. Seine Frau bemerkte dies, und unterbrach das
Schweigen mit der Frage: „Hast Du etwas entdeckt?“ Ohne sich
umzuschauen, antwortete Friedrich, mit der Hand in eine bestimmte
Richtung deutend: „Wenn mich meine Augen nicht trügen, dann sehe
ich Peter und Doris, unsere Freunde. Es scheint, dass sie heute den
schönen Herbsttag auch genießen. Schau, dort kommen sie direkt auf
uns zu, schick gekleidet, Arm in Arm, wie ein verliebtes Paar. Doris hat
uns schon gesehen, und winkt uns freundlich zu. Wie schön, dass wir
ihnen hier noch zwei freie Stühle anbieten können.“ Doris und Peter
kommen näher, begrüßen Friedrich und die Kinder, nehmen Platz, und
bestellen sich Kaffee. In Kürze ist ein munteres Gespräch im Gange.
Die beiden Damen rücken enger zusammen, führen das Wort, und
beginnen unter lebhaften Gesten ein Gespräch über die aktuelle
Herbstmode und die Möglichkeit, im endenden Sommerschlussverkauf
ein „Schnäppchen“ zu machen. Ihre Männer hatten keine Chance, sich
am Gespräch zu beteiligen, und zu wenige Kenntnisse im Detail, um sich
in sinnvoller Weise in die Unterhaltung der Damen einzubringen. Sie
fanden aber bald ihre Sprache wieder und ein Thema, das sie beidseits
interessierte:
Friedrich und Peter kannten sich schon lange, sodass sie sich nicht mehr
scheuten, einander auch persönliche Erlebnisse anzuvertrauen. In Rede
und Gegenrede lief ihr Gespräch -wie von selbst- darauf zu, dass es
unter Menschen im Alltag immer wieder Konflikte gebe, die zur Lösung
einen Ausgleich der Interessen erforderten. „Solche Problem kenne ich
gut, “ bemerkte Friedrich. „Ich erinnere mich aber gerade, wie schwer
es mir früher gefallen ist, über eigene Konflikt mit anderen zu reden.
Die Angst, missverstanden zu werden, verschloss mir oft den Mund.
„Das kenne ich auch, entgegnete Peter, aber ich habe mich zum Glück
in dieser Hinsicht geändert. Friedrich wackelte nachdenklich mit dem
Kopf und entgegnete: „Es hängt bei mir davon ab, mit wem und über
was ich spreche. Schwer wird es für mich nur dann, wenn es scheint, als
wäre ein Konflikt nicht zu lösen und das Gespräch trage nicht dazu bei,
sich zu verständigen. Bei einem derartig belastenden Konflikt, kam mir
aber zum Glück einmal ein Traum zur Hilfe.“ „Kannst Du, Friedrich, mir
näher erklären, wie das geschah, damit ich Dich besser verstehen kann,
entgegnete Peter?“ „Ich will es versuchen, antwortete Friedrich“. „Ich
habe Dir vor einiger Zeit schon einmal davon erzählt, dass ich oft lebhaft
träume und dadurch besser erkenne, was mich innerlich bewegt, und
wie ich eventuell reagieren könnte.“ Dazu fällt mir folgendes ein:
„Nach einem schwierigen Konflikt, hatte ich in der Nacht einen Traum:
Ich befinde mich in einer großen Stadt. Dort ist ein mehrstöckiges
Wohn- und Geschäftshaus im Bau. Von der Planung, über den ersten
Spatenstich, bis zur Vollendung der letzten Decke, verfolgte ich im
Traum interessiert, den Fleiß und die Sorgfalt der Bauleute bei ihrer
Arbeit. Der Dachstuhl des Gebäudes war noch nicht aufgerichtet.“
Friedrich machte hier eine kurze Pause, schaute sich nach den Damen
um, und stellte befriedigt fest, dass ihnen der Gesprächsstoff noch nicht
ausgegangen war.
Dann setzte er seinen Traumbericht fort: „Das besagte Haus lag in
einem neu erschlossenen Gebiet am Rande einer Stadt. Die Zufahrten
und die Parkplätze waren bereits vorhanden. In einiger Entfernung
grenzten nur wenige, kleine Wohn- und Wochenendhäuser, an dieses
Neubaugebiet. Zufrieden betrachtete ich im Traum den gelungenen
Neubau, in den ich mit meiner Familie einziehen wollte. Dann ging ich
daran, mich am Außengerüst empor zu hangeln. Ich gelangte glücklich
oben an und blickte von dort aus, hoch erfreut, über die sich vor meinen
Augen ausbreitende große Stadt. Nach einer Weile, versuchte ich im
Traum wieder nach unten zu gelangen. Mit der linken Hand bekam ich
aber eine Gerüststange nicht zu fassen, sodass ich nur noch an einer
Hand über dem Abgrund hing. Der Schreck darüber legte sich erst
wieder, als es mir gelang, mich mit Mühe wieder auf das Baugerüst
hinauf zu schwingen. Ich dankte Gott für diese Rettung, und war erst
wieder beruhigt, als ich nach dem sicheren Abstieg wieder festen
Boden unter den Füßen hatte. Dort traf ich im Traum mit einem Mann
zusammen, dem ich spontan erzählte, wie ich soeben davor bewahrt
wurde, vom Gebäude abzustürzen. Der Mann hörte mir aufmerksam zu
und freute sich mit mir über die Rettung. Wir stellten dann in einem
längeren Gespräch über das erstellte Gebäude fest, dass wir beide
„Leute vom Bau“ waren. Er, als der verantwortliche Ingenieur, der den
Neubau beaufsichtigte, und ich mit Kenntnissen aus langer Tätigkeit in
einer Baufirma ausgestattet. Wir hatten leider kein Bier dabei, um
darauf anzustoßen, vereinbarten aber, uns bald noch einmal bei mir
zum -Fachsimpeln- zu treffen.“
Nach dieser Erzählung atmete Friedrich erleichtert auf, als ob er gerade
noch einmal aus einer Notlage gerettet worden wäre. Peter fügte hinzu:
„Ich danke Dir, Friedrich, für Dein Vertrauen, mir diesen Traum von
Deiner glücklichen Rettung zu erzählen. Könnte es sein, dass Du, in
Gestalt Deines Traumes, einen tröstlichen Hinweis auf Deine eigenen
inneren Kräfte als Beistand erfahren durftest, auf die Du Dich wie auf
Deinen Freund verlassen kannst, dem Du soeben ohne die Angst
missverstanden zu werden, Deine Traumgeschichte erzählt hast?“ „Ich
glaube, dass jeder Mensch in einer schwierigen Lage, Vertrauen in die
eigenen Fähigkeiten, und manchmal einen guten Freund zur Seite
braucht, um einen Ausweg zu finden, entgegnete Friedrich; ich danke
auch Dir, Peter, für Dein Verständnis!“. Das „Männergespräch“ war
damit zu Ende.
„Wir sollten uns nun aber wieder unseren Frauen zuwenden, bemerkte
Friedrich“. Darauf entgegnete Peter: „Schau einmal hin, wie vergnügt
die beiden noch dabei sind, sich so lange, von uns ungestört, über die
neueste Mode und andere Dinge unterhalten zu können. Mir scheint,
Ihnen hat in der Zwischenzeit nichts gefehlt.“ „Da könntest Du Recht
haben, entgegnet Friedrich.“ Es erübrigte sich für die Herren, die
Damen nach möglichen Inhalten ihres noch andauernden Gesprächs zu
befragen.

Adventsbetrachtung

Im Namen des Vaters des Sohnes und des Heiligen Geistes. Freut Euch Ihr Christen, freuet Euch sehr, bald ist uns nahe der Herr, so singen wir im Advent. Aber was bedeutet dieses „bald“ im Advent unseres Lebens? Wir hoffen immer in sehnsuchtsvoller Erwartung, dass der Herr uns in SEINER Gnade begegnet, und SEIN Erlösungswerk an uns vollzieht. Dass ER uns mit allem was wir sind und Haben, mit allen Menschen und Geschöpfen, mit dem Papst und der Kirche, in SEIN Netzwerk auf Erden beruft, um allen armen, gottbedürftigen und gottfernen Menschen, in SEINEM Reich des Friedens Recht zu verschaffen. Denn der Herr Jesus Christus, Gottes Sohn, dessen Geburt wir feiern, wurde aus der ewigen Liebe unseres Vaters und Schöpfers in die Welt gesandt, damit wir Menschen und alle Kreaturen nicht verloren gehen. Jesus, der Menschensohn, wird aber kein Kind bleiben, sondern im Ratschluss Gottes, SEIN ganzes Leben auf Erden im Tod am Kreuz und in der Auferstehung, zur Sühne für die Sünden der Menschen opfern, um nach der Himmelfahrt im Heiligen Geist, bis ER wieder kommt, unter uns zu sein. An Weihnachten werden auch wir, der Erlösung eingedenk, dieses einmalige Ereignis der Versöhnung von Himmel und Erde in der Geburt des Gottessohnes wieder feiern.
In SEINER Kirche, auferbaut aus dem Evangelium, den Aposteln, dem Papst und allen Gläubigen,, ist der Vater, der Sohn und Heilige Geist, in SEINEM Reich des Friedens und der Gerechtigkeit unter uns gegenwärtig. Im Leben jedes Christen und in der Gemeinschaft im Glauben, offenbart sich das adventliche Sehnen nach der Begegnung mit dem Herrn als der Gnade Gottes. In Einheit des Glaubens Hoffens und Liebens mit Papst, der Kirche und allen Gläubigen, feiern wir, in den Sakramenten die Gegenwart des Vaters, Sohnes und Heiligen Geistes unter uns. Welch ein Trost für die bedrängten Seelen, welch eine Bestätigung des tiefsten Verlangens, dass es inmitten aller Bedrängnisse, Versöhnung mit Gott, und Gerechtigkeit unter den Menschen und Geschöpfen gibt. Möge uns der über alles geliebte Vater, der Sohn und der Heilige Geist machtvoll zur Seite stehen, dass wir Menschen im Vertrauen auf IHN, einander Recht verschaffen, damit sich Gottes Liebe und Ordnung in und unter uns entfalten kann. Lassen wir uns nicht entmutigen durch die Macht des Bösen, und tragen wir mit Gebet und Hilfen dazu bei, die Last von Kreuz und Leid gemeinsam zu schultern. Wir Alten dürfen hinzufügen, dass es sich nicht lohnt, angesichts der begrenzten Lebenszeit, einander Schaden zuzufügen. Dass es vielmehr dem Gemeinwohl dient, und Lebensfreude bereitet, alle Kräfte und Gaben die uns Gott gegeben hat, einzusetzen, damit SEIN Reich der Wahrheit Gerechtigkeit und des Friedens, schon jetzt auf Erden zum Wohl aller Menschen und Kreaturen sichtbar werde. Denn schon bald, wird sich nach dem Advent unseres Lebens, mit dem Urteil über unsere Handlungen auf Erden, der Vorhang zur ewigen Gegenwart Gottes öffnen. Und GOTT der Wahre und Einzige, der Vater Sohn und Heilige Geist, wird sich uns als der Gerechte, Barmherzige, Allerheiligste, Herrlichste und Liebenswerteste zu erkennen geben, um SEINEN Söhnen und Töchtern im ewigen Frieden nahe zu sein. Der endgültige Sieg Jesu Christi, über das satanisch Böse und den Tod in der Geschichte der Menschen und Kirche, wird sich nach Gottes Ratschluss, dann in einer ewig neuen Schöpfung allen Lebens, im Himmelreich behaupten. Freut Euch Ihr Christen, freuet Euch sehr, schon ist nahe der Herr!

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Ein Gruß zu Pfingsten

Liebe Freunde,
würde wir die Meldungen über alle Katastrophen und das tatsächlich Böse in unseren Tagen anbeten, dann müssten wir in Angst und Schrecken verharren. Wir übersehen dies alles nicht. Aber es gibt ja auch noch Pfingsten und den Heiligen Geist. Lebt und wirkt. Wir dürfen uns daher mit gutem Recht gegenseitig daran erinnern, dass wir immer auf den Heiligen Geist hoffen dürfen, denn auch unsere Zeit ist Gottes Zeit. Und der Geist, der uns allezeit hoffen lässt, lebt und wirkt auch in uns. Wir sprechen in vielfacher Form und in vielen Sprachen zu, von und über Gott. Die nachösterliche Zeit und der Herbst geben uns Anlass darüber nachzudenken, was Auferweckung von den Toten und das neue Leben für uns in unserem Alltag bedeuten könnte? Wer kennt sie nicht die Schatten des Todes, lebensfeindliche Antriebe, die unseren Impuls zu einem befreiten Leben im Glauben behindern möchten. All dem, was gottwidrig ist haben wir jedoch in der lebenslangen Erneuerung unseres Versprechens in der Liturgie der Osternacht widersprochen. Wie aber finden wir hinein in die Freude über die Schönheit Gottes als die durch und in Jesus Christus Auferweckten? Ich mag mich erinnern, dass ich von Kindheit an eine erhabene Vorstellung kenne, die sich im Laufe meines Lebens zu einem sehnsuchtsvollen Bedürfnis entwickelte, dass wir IHM die überwältigende Schönheit über alle unsere Vorstellungen hinaus, ewig unser Gott zu sein, von Herzen gönnen, Wie ER unser himmlischer Vater ist, das erfahre wir immer wieder neu in der Begegnung mit Seinem Sohn, unserem Herrn, in der Kraft des Heiligen Geistes.
Die unbedingte Forderung „Du sollst den Herrn Deinen Gott lieben……“ möchte ich durch die Kirche belehrt, in nachösterlicher Freude gern ersetzen durch die Worte „Wir dürfen den Herrn unseren Gott lieben……“ Nicht mehr in der Haltung des Streitens, sondern des respektvollen Wanderns mit Gott durch diese Zeit in die gottgewollte Ewigkeit. Ich darf uns mit einem freundlichen Gruß vom Heiligen Geist und dem Lachen der Erlösten daran erinnern, dass wir als Christen getauft und gefirmt sind, um vor allen Menschen zu bekennen, zu welcher Hoffnung wir in Gott berufen und unterwegs sind. Mögen wir reichlich davon Gebrauch machen, die Gaben des Heiligen Geistes der Hoffnung des Trostes und der Ermutigung mit einander zu teilen. Freude und das Lachen der Erlösten begleite Sie und alle, die Ihnen am Herzen liegen.

Gott befohlen Euer Franz

Der Künstler

Oft saß er in sich versammelt auf einem Stuhl, stand wieder auf, ging einige Schritte, verweilte nachdenklich, und ließ seine Augen auf einem Gegenstand in der Nähe ruhen oder in die Ferne schweifen. Diesen Wechsel des Hinblicks liebte er wie den Atem und Herzschlag. Er konnte nicht genug bekommen im absichtslosen Spiel von Nähe und Distanz, neue Formen und Perspektiven zu entdecken. Zuweilen kam Freude in ihm auf, wenn die beobachteten und inneren Bilder, sich wie in einem Film miteinander verwoben, und zu ungeahntem neuem Leben in Gestalten oder Ideen erwachten. Er benutzte zur Bezeichnung des kreativen Vorgangs beim Beobachten, Prüfen, oder Aneignen einer neuen Sichtweise, gern den Ausdruck des „Wiederkauens“. In der Tat sah der Künstler auch oft auf die unter ihm liegenden Häuser von „Schiffrain“ hinab, wo Rinder in behaglicher Ruhe wiederkauend auf der Wiese lagen. Im Kontrast zum nüchternen Alltag, waren ihm, von heiterer Stimmung begleitete Mußestunden, im zwecklosen Spiel mit Realität und Fantasie sehr willkommen. Dabei fühlte er sich in Einklang mit der realen Welt, dem Reich der Fantasie, des Geistes und der Künste, als habe er seinen Platz in einer geordneten Welt gefunden, dankbar für alle Gaben, die ihm das Leben in den Schoß gelegt hatte.

Es konnte dann geschehen, dass er, gleich einem Bildhauer, in seiner Vorstellung aus sprödem Stein lustvoll neue Gestalten schuf, oder sich wie ein fantastischer Tänzer auf einer Bühne in eleganten Sprüngen zu Melodien bewegte. Gelegentlich erfreute ihn auch sein innerer Maler, der neue Formen und Perspektiven ins Bild setzte, oder der Poet und Philosoph in ihm, denen es gelang, Lebensgeheimnisse in Worten zu berühren. Fast mühelos entstanden aus dieser inneren und äußeren Erlebniswelt des Künstlers Werke, die zuvor noch nie existierten. Wie lebendig wirkte die einst von eigener Hand gefertigte Figur „ich saß auf einem Steine“ und der von einem Freund geschaffene „kniende Beter“ gegenüber manchen Arbeiten derer, die sich abmühten „Kunst zu machen“ Jetzt war er sich sicher, dass auch in ihm ein innerer Künstler danach drängte, am Wirken der Menschen aller Zeiten teilzunehmen, um aus dem Himmel der Ideen neue Gestalten und Formen entstehen zu lassen. Nun wusste er, dass auch in seinen Kreationen Wahrheit und Sinn inne wohnten. Er flog als ein „Staunender“, gedankenschnell von Ort zu Ort und barg, Hand in Hand mit allen Künstlern, was Unholde oder die Zeit zerschlagen hatten. Wie viele Künstler vor oder mit ihm, war er nun mit Herz und Sinn zum Trost in unruhigen Tagen bereit.

Zu seinem fantastischen Reichtum gehörte auch die Musik. Nicht enden wollende Melodien und Rhythmen lebten in der Seele unseres Künstlers, und bereicherten immer wieder aufs Neue seinen Alltag. Gluck, Vivaldi, Bach, Beethoven, Mozart, Schubert, Schumann und andere Musiker, residierten mit Tönen, Akkorden und Kompositionen in seiner Seele. Er stand mit seinen Freunden auf Du und Du und durch sie angeregt, geschahen in seiner Fantasie wunderliche Dinge, wie gerade jetzt:
An seinem inneren, wohl klingenden Flügel sitzend, greift unser Künstler voll in die Tasten, als sei er selbst zum Piano und Pianisten geworden. Kräftige, vielstimmige Akkorde quellen aus seiner Seele, und in facettenreichen Variationen umspielt das jubelnde Instrument sein Thema, um sich dann in perlendem Spiel aufzulösen. Der innere Dirigent gibt soeben mit einem kaum erkennbaren Handzeichen den Bässen den Einsatz. In getragenen, auf- und abschwellenden Triolen übernehmen sie die Melodie. Nun setzen die Cellos mit ihren schmelzend weichen, gefühlvollen Tönen und Rhythmen ein. Nach einer kleinen Geste des Dirigenten, ertönen im mehrstimmigen Satz die Violinen mit ihren Variationen. Die erste Geige tritt hervor, und schraubt sich mit ihrer bezaubernden Solostimme in die Höhe. Wie schön ist es, diese innere Geige zu sein und so fehlerfrei strahlen zu dürfen. In weiten, abschwellenden Bögen, verklingt die Melodie, bis das Orchester fast verstummt. Nun setzt behutsam einfühlend, das Piano zu einer sich in Akkorden mächtig steigernden Variation über das Thema ein, um danach leise ausklingend dem Piccolo, den Flöten und Oboen, Raum zu geben. In einem stetigen Crescendo, kommen Klarinetten und Fagotte hinzu. Jetzt stimmen mit sonorem Klang die Hörner ein, und vereinigen sich nach und nach mit den Trompeten, Posaunen und der Tuba zu einem mächtigen Tutti, das zusammen mit einem mehrstimmigen Chor im „Ehre sei Gott in der Höhe“ wie in einer mächtigen Symphonie, in einem Trommel- und Paukenwirbel mit ausklingendem Becken endet. Wahrlich, dieses innere Orchester begleitet in manchen Stunden des Jahresreigens die Fantasien unseres Künstlers. So lassen sich im Frühjahr die ersten Schneeglöckchen und Winterlinge vernehmen, die mit den Vogelstimmen und sprudelnden Quellen, dem Rauschen des Waldes, den Winden und dem Wellenschlag des Meeres das Lied vom vielfältigen Erwachen der Natur singen. Und der innere Dirigent, Sie liebe Leser, und alle Hörer dieser Sphärenmusik, dürfen einmal aufatmen und sich mit all den Lebekünstlern freuen, die Jahr um Jahre, Ton um Ton und Bild um Bild aus dem Himmel der Ideen sammeln, um ihnen dann zu gegebener Zeit eine neue Gestalt zu verleihen.
Welche guten Geister führen aber letztlich die innere Hand, die Gefühle und Fantasien eines Künstlers so, dass daraus der Gedanke entsteht, beispielsweise ein neues Bild zu malen. Welche Barrieren muss er zuvor überwinden, um etwas Neues zu gestalten? Immer wieder muss unser Künstler in Mußestunden zum inneren Musiker, Dirigenten und Orchester zurückkehren, um sich in einem kreativen Prozess zu seinem Vorhaben zu ermutigen. Nach langer Zeit war es dann endlich so weit: Er hatte sich an Motiven satt gesehen und mit Melodien und Lust so erfüllt, um nun ans Werk zu gehen.

Als ob er es geahnt hätte, findet er in seinen Ablagen eine schon fertig gerahmte Leinwand, stellte sie auf die Staffelei, und sucht die nötigen Farben, seinen Malermantel, Palette und Pinsel zusammen. Obwohl der Frühling in diesem Jahr auf sich warten lässt, und die Sonnentage zu zählen sind, reicht das Licht für ihn aus, denn er hat bei seinem Vorhaben von vornherein geplant, ein Bild in satten und prallen Farben einer abendlichen Herbststimmung auszuführen. Vielmals hatte er zuvor den Blick über die Bauernhäuser von Schiffrain gleiten lassen. Sie waren ihm zu Fleisch und Blut geworden. Oft dachte er auch über das Schicksal, Tun und Treiben der Menschen einige Meter unter seinem Hause nach. Was hatte diese Bauern an diesen Ort geführt, und was veranlasste ihre Vorfahren, hier Fuß zu fassen und die Heutigen, den Platz nicht zu verlassen, um ins Zentrum des Ortes zu ziehen, sondern am äußersten Rand einer Siedlung auf dem Berge zu bleiben. Denn nur einmal im Jahr, zur „Sichelhenketse“, kamen Leute vom Tal zu ihnen hinauf, um mit den wenigen Bauern für eine gute Ernte zu danken. Aber ansonsten…..? Ein Glück für sie, dass es über ihnen noch einen Freund, den Künstler gab, der die Jahreszeiten mit ihnen teilte. Er sitzt nun endlich vor seiner Staffelei, peilte noch einmal sein Objekt, die Häuser an, und reißt mit wenigen Strichen die Perspektive seines Motivs auf die Leinwand. Schon lange hatte er seine Bauernhäuser so gründlich beobachtet, dass er genau wusste wozu es ihn drängte, denn er wollte der sesshaften Anwohner wegen, von allem Unnötigen absehen. Das Bild das er malen wollte, war eigentlich schon in seiner Seele vorhanden. Er sah es mit inneren Augen. Nun galt es nur noch dieses Inbild mit dem äußeren Motiv abzugleichen. Wie von Zauberhand übernahm dabei der innere Künstler die Führung: Die Farben mischten sich zu ersten Flächen und Konturen. Er wollte unbedingt in den Farben Grün, Rot, Braun und Blau arbeiten, um die Erdverbundenheit der Bauern, die in ihren Häusern, Schutz und Geborgenheit fanden, im Bild zu betonen. Nur durch eine leicht angedeutete Abendstimmung, sollte Ruhe und Besinnlichkeit in die Szene kommen. Unser Künstler hatte sich auch für die Fertigung des Bildes Zeit gelassen. Es war ihm ein Bedürfnis, Stück um Stück die inneren Bilder und Fantasien bei der Gestaltung mitwirken zu lassen. Strich um Strich, Farbe um Farbe, Form um Form gestaltete sich, das seinen Vorstellungen entsprechende Bild. Stark drängend, fanden die Farben hin zu dem je eigenen Strich und Ausdruck. Hart war das Ringen des Künstlers, um die einfache Form und herausfordernd das aufeinander prallen der farblichen Kontraste, bei den sich stoßenden Gegensätzen. Wie ein sorgsamer Bildhauer modellierte unser Künstler seine Objekte so, dass eine zentrale Mitte erkennbar wurde. Es sind wenige, dicht aneinander gedrängte Häuser mit ihren roten Dächern, die sich in Schiffrains Boden festkrallen. Eine große Überwindung dürfte es den Künstler gekostet haben, das gelungene Bild Freunden anzuvertrauen. Aber vielleicht hat er sich damit getröstet, dass wir sein Bild schätzten und es auch anderen Menschen zeigen könnten. Oft haben wir mit ihm ja schon über Kunst und die Arbeit von Künstlern gesprochen, und manche Ausstellung zusammen besucht.

Seit Jahren hängt das Bild an einem für uns immer wieder ins Auge fallenden Platz. Möglicherweise geht es uns bei der Betrachtung des Gemäldes ähnlich, wie dem Künstler bei der Wahl seines Motivs. Immer wieder in anderen Perspektiven, anderen Stimmungen, bei anderer Gelegenheit, haben wir uns mit diesem Bild beschäftigt. Das Erstaunliche ist dabei, dass es uns jedes Mal etwas Neues von sich und dem Menschen erzählt, dem wir es verdanken. Erst in diesen Tagen führte mich eine Erkrankung dazu, das Gemälde wieder einmal intensiv zu betrachten. Voraus gegangen war der Besuch einer Ausstellung, die der Dynamik und Bewegung von Objekten im Raum galt. Kein Wunder daher, dass wir das Bild unseres Freundes wieder neu sehen, und uns nun bei ihm mit dieser Erzählung für seine Anregungen bedanken können.
Gerade während ich mich jetzt ein wenig zurücklehne und all das bedenke, was ich Ihnen, liebe Leser, erzählte, tritt die Gestalt des Künstlers in aller Deutlichkeit so aus dem Bild hervor, dass ich nicht umhin kann, Ihnen „Martin“ vorzustellen und unseren Freund zu begrüßen: Von kräftiger Statur, mit gesunder Gesichtsfarbe, fröhlich-schalkhaftem Lächeln, und einer Nickelbrille vor seinen neugierig wachen Augen, tritt er uns entgegen. Martin besitzt genug Fantasie und Humor, um der überraschenden literarischen Begegnung mit uns Stand zu halten. Wir hatten ihn schon lang nicht mehr gesehen. Entsprechend herzlich gestaltete sich die Umarmung. Ich sage: „Lieber Martin, Du kommst uns gerade wie gerufen. Ich habe Dir schon verschiedene Male davon erzählt, dass Du uns mit Deinem Bild von Schiffrain viel Freude bereitet hast. Wahrlich eine Freude, die anhält und immer wieder erneuert wird. Hast Du im Augenblick Zeit und Lust mit uns einen kleinen Spaziergang zu machen? Ich wollte unter anderem mit Dir über diese Geschichte sprechen, zu der mich Dein Bild anregte. Aber ich bin mir nicht so ganz sicher, ob ich Deine Motive dieses Bild zu malen und die Bedeutung des Kunstwerkes für Dich richtig verstanden habe?“
Martin hackt sich bei mir ein -er weiß, dass ich nicht gut zu Fuß bin-. Er scheint nicht allzu überrascht, uns plötzlich zu begegnen und sagt mit einem breiten Lachen, „lass uns einige Schritte gehen!“ Wir gehen eine Weile schweigend miteinander, dann gibt Martin zur Antwort: „ Ich bin selbstverständlich überrascht, was Dir zu meiner Motivation und zum Malen des Bildes eingefallen ist. Ehrlich gesagt, halb so viel, als Du mir zugedacht hast. Im Grunde aber fühle ich mich von Dir recht gut verstanden. Wir reden ja nicht zum ersten Mal über Kunst und Künstler. In einem muss ich Dir Recht geben: In unserer heutigen Zeit, die sich so aufgeregt gibt, dass uns manchmal das Leben Leid zu werden droht, ist es schon gut zu hören, wie reich wir „Habenichtse“ eigentlich im Grunde sind. Ich muss Dir aber zugestehen, dass Deine Einsichten, genau so wenig wie meine Bilder, über Nacht entstanden sein dürften. Es ist aber gut für uns Menschen, wenn es uns gelingt, ab und zu die Nase zu heben und gelegentlich die Erdenschwere mit Hilfe der Kunst und Fantasie etwas zu relativieren. Hättet Du nun Lust, es für den Rest unseres Spazierganges einfach dabei zu belassen, dass wir uns, hoffentlich auch Deine Leser, verstanden haben, und nun in diesem Einverständnis mit einander weiter wandern?“ „Ich gebe Dir mein Wort darauf, sage ich, und wir geleiten Dich nach unserem Spaziergang bis zum nächsten Mal gern wieder an Deinen Platz im Bild zurück.“

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