Leben als Haltung

Es ist seltsam, dass in einem Alter, in dem Menschen das näher rückende Ende vor Augen, das Schwinden der Zeit beklagen, es als nötig erachten, ein Plädoyer für das Leben und die Wahrheit zu halten. Wer aber meine drei Bücher „Geschichten und Gedanken“ kennt und weiß, aus welchem Holz ich als Enkel eines Bildhauers geschnitzt bin, den wird es nicht überraschen, wenn ich in dieser Situation noch etwas zu sagen habe. Von meinem komplexen Lebensweg soll jedoch in diesem Text, nicht mehr eigens die Rede sein, obwohl er mir gelegentlich als Arbeitsmaterial dienen darf. Umso mehr will ich mir gestatten, mit einer Auswahl von Beispielen darauf zu verweisen, was im Leben von Menschen aus den verschiedensten Gründen leicht übersehen wird.

Mit dem Schicksal eines „Spätberufenen“, das mein Leben prägt, habe ich mich versöhnt, denn alle wichtigen Entscheidungen fielen im Segen des Himmels zu rechten Zeit. Zu kurz gekommen bin ich daher bislang nicht. Seit einigen Jahren nutze ich als Pensionär den mir geschenkten Freiraum, um mit interessierten Lesern über die Fragen unserer Zeit ins Gespräch zu kommen. Es ist mir aber ein Anliegen,  im letzten Lebensabschnitt, nur noch über Themen zu sprechen, die mir wichtig sind.

So trete ich,  frei von beruflichen und gesellschaftlichen Zwängen, in Bindung an die mir bewussten Werte, für den Schutz des Lebens und der erkannten Wahrheit in allen Belangen unseres Daseins ein. Heute  sehe ich mich eher in der Lage, ohne Scheu, über Erfahrungen zu reden, die bisher nicht im Zentrum meines Interesses lagen. Es gab Themen, bei denen es mir in den rückliegenden Jahren gelegentlich ratsam schien, zu schweigen. Die Abhängigkeit von der öffentlichen Meinung ist erheblich. Gleichzeitig lege ich Wert darauf, zu wichtigen Fragen unseres Umgangs mit einander und unserer Rolle in der heutigen Gesellschaft Stellung zu beziehen. Die eigene Urteils- und Kritikfähigkeit hierzu, verdanke ich familiären, beruflichen, religiösen und kulturellen Quellen meiner Biographie. Damit berühren wir einen wesentlichen Punkt meines Themas:

Wer kann es sich, einbezogen in das berufliche, gesellschaftliche, mediale und politisches Geschehen leisten, die eigene, dem Leben geschuldete Wahrheit, offen zu vertreten? Natürlich sprechen wir alle gern von der freien Meinungsäußerung in einer Demokratie. Dabei gehen wir davon aus, dass die öffentliche Meinung nur in autoritären Regimen unterdrückt wird. Das stimmt zuweilen, und wir beklagen zurecht jede Unterdrückung der Pressefreiheit. Es gilt aber bei unserer Betrachtung mit einem durch Erfahrung geschulten Blick, auch auf die in demokratisch verfassten Staaten bestehende, subtile Steuerung  der öffentlichen Meinung zu achten.

Hierzu einige Anmerkungen: Seit Jahren arbeite ich in meinem letzten und schönsten Beruf als freier Schriftsteller. Frei von direkten Zwängen, jedoch nicht unabhängig von aktuellen politischen und gesellschaftlichen Prozessen, hat sich die Palette der Interessen deutlich erweitert. Wenn sich auch die körperlichen Optionen mit dem Älterwerden reduzierten, so führte ein beständiges Lernen zu einer erheblichen Erweiterung meines Handlungsspielraums. So besehen, kann auch das Alter zu einer schönen, gestaltungsreichen Lebensphase werden.

Ich liebe die Sprache, das Wort und die kreativen Fähigkeiten, seit ich denken kann. Meine Vorbereitung auf diesen letzten Beruf erfolgte zwar nicht durch ein Germanistik-Studium, anstelle dessen jedoch durch ein lebenslanges Lernen in der Familie, dem Studium, leitenden Funktionen in Beruf, Politik, Kirche, so wie durch Erfahrungen in einer eigenen Praxis. Der heimatliche Dialekt und der lebendige Umgang mit Sprachen und der Literatur, sind mir von Kindheit an vertraut. Ich sammelte aber auch Erfahrungen, in denen es nicht ratsam war, in offener Rede seine Meinung zu sagen.

Unsere Mutter hatte es in den entbehrungsreichen Jahren des letzten Krieges und danach nicht leicht. Zwei temperamentvolle Söhne in Schranken zu weisen. Wir tauschten unsere Ansichten lautstark aus, bis dann einer der Beteiligten, die Kampfstätte verließ, um Trost und Verständnis bei Freunden zu suchen. Dies hielt uns aber nicht davon ab, in der Not zusammen zu stehen. Mein Bruder war ein besserer Bettler beim Hamstern; ich verstand mich auf das geschickte Verhandeln bei Tauschgeschäften. Unsere Mutter gestand uns aus ihrer eigenen Erfahrung genügend Freiraum zu. Wir lernten sehr früh zu entscheiden, wann wir von unseren nächtlichen Ausflügen zurück- kehren sollten. Sie schärfte uns als Verhaltensnorm lediglich ein, ihr „keine Schande zu machen“, was immer sie darunter verstand. Das Familienleben mit meiner Frau unseren drei Töchtern, und deren Famiien, bot reichlich Anlass, die Fähigkeit zur Meinungsäußerung, zur Versöhnung, gelegentlich auch zum Schweigen zu schulen. Das Verständnis für einander und die Bereitschaft zur Offenheit wuchs auch gegenüber den Verwandten.

Unser Großvater aus dem Hotzenwald, war als ein liberal gesinnter, politisch sehr engagierter Mann bekannt. Mein Stiefvater ging für seine Überzeugungen als Kommunist ins Konzentrationslager. Im damaligen politischen System des Dritten Reiches, bestimmte nur die nationalsozialistische Meinung das öffentliche Leben. Während des Krieges stand das Anhören ausländischer Radio-Sendern nach dem Motto “Feind hört mit” unter Strafe. Der Religionsunterricht fand nur in Privatwohnungen statt. Und dennoch wagte es unser damaliger Pfarrer öffentlich,  politisches Unrecht an zu prangern.

Der Schulunterricht passte sich nach 1945 an die gegebenen Verhältnisse und die Vorgaben durch die Besatzung an. Die Lehrer begrüßten uns nicht mehr mit „Heil-Hitler“. Zu unserer Überraschung hieß es nun „Grüß Gott“. Es brauchte nach dem schrecklichen Ende des zweiten Weltkrieges an die fünfzig Jahre, bis eine offene Aussprache  über die Zustände im Dritten Reich einsetzte. Damals war es nicht opportun, als Deutscher zur eigenen, nicht nur schmerzlichen Geschichte, vor 1933 zu stehen. Über die Folgen der Besatzung,  die Bombardements auf unsere Städte, den Einsatz von Atomwaffen, oder die Vertreibung der deutschen Zivilbevölkerung wurde geschwiegen.

Seit meiner Pensionierung schreibe ich, als Brückenbauer im Blick auf die Mitmenschen und unser Dasein Texte. Geprägt wurde ich im steten  Dialog des Zusammenleben mit anderen Menschen. Auch die Tatsache, dass ich es heute wage, über meinen wichtigsten Beruf, ein „Mensch zu sein“, offen zu reden, ist eine Frucht lebenslangen Nachdenkens und der Teilnahme an allem, was mir das Leben zu bieten hatte.

Sehr nahe ist mir dieses Thema in den rückliegenden Tagen  begegnet. Zurzeit befinden wir uns bei unserer in Hamburg verheirateten mittleren Tochter und ihren drei Kindern und unserer jüngsten, ebenfalls in Hamburg verheirateten Tochter und unserer lebhaften Enkelin. So bekommen wir auch unter Beachtung der Pandemieregeln zu unserer Freude mit, wie das Leben weiter geht und eine neue Generation das Ruder des Lebensschiffes in die Hand nimmt. Bleiben wir für einen Moment bei diesem wichtigen Geschehen: Mit der Geburt beginnt immer wieder neu die Lebensuhr der Menschen für eine begrenzte Zeit zu ticken. Gesagt ist damit auch, dass es Eltern geben muss, die für das in jeder Hinsicht bedürftige Menschenkind solange Hilfe anbieten, dass es überleben kann. Es muss heute schon gesagt sein, dass es zu unserer vornehmsten Aufgabe gehört, menschliches Leben in jeder Form zu erhalten und weiter zu geben.

Nicht viel erzählte ich in meinen drei Büchern davon, wie schwierig es für mich und alle, mit denen ich zusammen leben durfte, war zu unterscheiden, was für uns gut und böse war und uns das anzueignen was so lebensnotwendig und schön war, um es an die nächste Generation weiter zu geben. Es blieb mir auch lange Zeit nichts anderes übrig, als nach zu ahmen und zu übernehmen, was uns vorgelebt wurde. Sehr spät wurde mir die Erfahrung zuteil, dass es auf mich selbst ankommen würde, was mir als lebenswert erschien. Damit begann ein lebenslanges Lernen und Unterscheiden, dessen, was für mich wichtig werden sollte. Die Vorbilder, die ich in meiner Kindheit vor Augen hatte, blieben nicht auf ihrem Sockel. Auch Ideale und Werthaltungen, die mir vorgelebt wurden, mussten nach und nach auf ihre Brauchbarkeit auf der Esse des Lebens geschmiedet und umgearbeitet werden.

Dies waren für mich ein sehr schwierige Prozesse, denn ich lief Gefahr, immer dann als „Außenseiter“ zu gelten, wenn ich nicht der allgemeinen Meinung voll zu huldigen vermochte. Wer aber will schon gern ein Außenseiter sein. Es begann schon sehr früh, dass ich zum Beispiel alte Menschen oder Bedürftige zu achten begann. Aber auch da erforderte das Leben manche Korrektur: Nicht jede Haltung eines alten Menschen oder eines Bedürftigen schien für mich nachahmenswert. Das, was uns die Lehrer und Vorgesetzten in der Schule im „Dritten Reich“ vermittelten, musste bewertet und neu betrachtet werden. Die Not der Kriegs- und Nachkriegsjahre hinterließen Spuren. Was konnte nach Prüfung Bestand haben, was war als lebensfeindlich auszusondern? Der Umgang mit Kollegen und Vorgesetzten im Berufsalltag führte zu neuen Erfahrungen: Wie funktioniert die Wirtschaft, was muss geschehen, damit Unternehmen am Markt bestehen können und wie werden die Beziehungen der unterschiedlichen Berufsgruppen zu einander geregelt? Was bedeutet im beruflichen Umfeld Verantwortung, Pflichterfüllung, Treue und Hilfsbereitschaft und wie kann das Zusammenleben am Arbeitsplatz human erträglich gestaltet werden Was geschieht, wenn Grenzen nicht beachtet und Menschen missbraucht werden? Wer traut es sich, in diesem Umfeld seine Meinung zu sagen? Das galt früher und sicher zu jeder Zeit.

Ich durfte ein funktionierendes Zusammenleben in den Familien, in der Nachbarschaft in der Gemeinde und in der Stadt erleben. Auch in diesen Bereichen hatten es Menschen mit einander zu tun, die in der Lage waren vorbildlich zu handeln. Es gab aber auch die bitteren Erfahrungen von Unrecht, Gemeinheit und Grenzüberschreitungen. Auf welche Seite sollte ich mich stellen, welche Regeln zum gesellschaftlichen Zusammenleben konnte ich akzeptieren, wer gab mir Halt und Sicherheit beim Unterscheiden und Entscheiden? Es gab sehr viele Gruppierungen, die mit ihren unterschiedlichen Angeboten lockten – Erfahrungen, die ich gerne mit anderen Menschen teilte und Situationen, in denen ich gefordert war, Abstand zu halten. Mit welcher Gruppe und welcher Haltung kann ich mich solidarisieren, wann muss ich eine Gemeinsamkeit beenden, einen anderen Umgang pflegen? Sehr schwere Fragen für junge Menschen auch in unseren Tagen.

Wo bin ich mit meinen Erfahrungen und Kenntnissen in einem Gemeinwesen nützlich und in welcher Form bringe ich mich ein? Wer hilft mir dabei, eine kritische Distanz zu halten, wenn Unrecht geschieht. Wie schütze ich mich vor Unrecht durch andere, welchen politischen Einfluss nehme ich, um die Gesellschaft in meinem Umfeld auch im erwünschten Sinne zu unterstützen?  Fragen über Fragen, die einen jungen Menschen manchmal überfordern: Wann kann ich mich noch anpassen, wo und wie überschreite ich selbst Grenzen des Erlaubte?  Welche Wertmaßstäbe halte ich für lebenstauglich, was schadet dem Leben. Wie lange kann ich mich in einer Gruppierung halten, wann muss ich an der Veränderung deren Haltungen mitwirken, wann wird es sinnlos, um nicht als „Michael Kohlhaas“ zu gelten?  Wann wird es Zeit, sich von einer gesellschaftlichen Gruppe, von Ansichten und Meinungen zu trennen, sich neu zu orientieren?

Fragen über Fragen stellten sich im Lauf des Lebens in immer reicherer Gestalt, und es bleibt selbst im Alter nicht alles beim Alten. Liebgewordene Werthaltungen müssen eine Differenzierung erfahren, wenn die Situation und die Umstände dies erfordern. Mit einer der schwierigsten Aufgaben überhaupt ist es, sich die Kraft eines freien Urteilens in einer zunehmenden Meinungsvielfalt zu erhalten. Wie leicht sind wir dann geneigt,  sich der veröffentlichten Meinung ganz anzuschließen? Ja genau dann wird es sehr nötig, sich wieder Menschen zu suchen, mit denen in wichtigen Werthaltungen eine gewisse Übereinstimmung zu erzielen ist. Genau an diesem Punkt taucht aber auch die Frage auf, welche grundsätzliche Wertehaltung, die Zeiten überdauernd, Bedeutung haben muss, und wie erhalte ich mir auch innerhalb dieser Wertegemeinschaft eine gewisse Distanz zu gewissenhaftem Urteil.

Über diese Fragen habe ich, in sehr lebensnaher Weise in meinen drei Büchern Rechenschaft abgelegt und verdeutlicht, welche Haltungen die Prüfung bestanden, um sie als gültige und überdauernde Normen akzeptieren zu können. Einem Wertekanon zu folgen, dem ich im Blick auf das ganze Leben als Geschenk des Daseins beipflichten kann. Ich gestehe offen, dass ich mich als Christ in eine gottgegebene Ordnung einfügen lasse, mir aber auch die Kritikfähigkeit gegenüber meinem eigenen Wertbewusstsein erhalte. Dies gehört wohl zum Schwersten. Zu erkennen wo und wann die eigen Werthaltung das Maß der Barmherzigkeit und Liebe verunstaltet. Sich gerade im Blick  auf die eigenen Wertmaßstäbe zu erlauben, dort kritisch zu bleiben, wo diese gegen die Regeln der Lebenserhaltung verstoßen.

Mein ganzes Plädoyer, das ich bisher führte, gipfelt insofern in der unabdingbaren Aufgabe, sich in Verantwortung vor dem eigenen Gewissen, dem Leben und der Lebenserhaltung einen eigenen Standpunkt und eine Standfestigkeit zu sichern, die es erlaubt, im vollen Sinne ein Mensch genannt zu werden. Der Vorbilder, die diese Haltung verdienen, gibt es gelegentlich wenige, in Wirklichkeit aber sind sie in der Geschichte der Menschheit doch eine Vielzahl. Wir finden sie in den Familien, in den Nachbarschaften, in den gesellschaftlichen Vertretern, in der Arbeitswelt, in der Religion, im Glauben, in den Vertretern politischer Überzeugungen, manchmal im Strom der öffentlichen Meinung verborgen als redliche Journalisten in der Wirtschaft, Forschung, Politik und in allen gesellschaftlichen Schichten.

Die Geschichte der Menschheit gibt Zeugnisse von tiefster Schuld, von Verbrechen und Leid, aber auch immer wieder von Verantwortung, Pflichterfüllung Mitmenschlichkeit und Hilfsbereitschaft. Wer aber trägt mit dazu bei, dass unser Leben auf diesem Planeten Erde menschenwürdig und daseinserhaltend gelebt und weiter getragen wird? Wer ermuntert und schult die Menschen in unseren Tagen so, dass sie selbst in die Lage kommen, all das zu beurteilen, zu unterscheiden, festzuhalten und nötigenfalls zu verteidigen, was dem Leben in seiner Gesamtheit und im Miteinander auf unserer Erde dient?

Das Plädoyer für das Leben, wie ich diesen Beitrag betitelt habe, soll nichts anderes darstellen, als einen Versuch, die Bedeutung des eigenen Urteils in unserer, wie in jeder Zeit vor uns hervor zu heben. Aber auch zu zeigen, wie schwer es ein kann – und das war zu allen Zeiten so, die Fähigkeit zur Distanz und zu einem vor dem Gewissen das Leben als Ganzes bewahrenden sittlichen Urteil zu erhalten.

Rom Vatikan
Bild von Jerome Clarysse auf Pixabay.

Hören

Ein Mensch fragt sich dieser Tage, was bedeutet mir eigentlich der Advent: Ist das für uns Christen wie für viele andere nur eine jedes Jahr wieder kehrende Zeit geschäftiger Vorbereitungen hin zum Weihnachtsfest? Oder ist es gar eine permanente Haltung hoffender Erwartung auf erfüllende Zwiesprache von Gott und Mensch, wie zwischen Braut und Bräutigam. Eine Zeit freudiger Hinwendung und Offenheit für Segen, Buße, Umkehr und Sorge, weit über die eigenen Bedürfnisse hinaus. Eine Plastik kommt ihm vor Augen: Der Künstler hat einen Menschen dargestellt. Sein Antlitz zeigt reine Bedürftigkeit.  Mit weit geöffneten Augen blickt er nach oben. Seine zu Muscheln geformten, hinter die Ohren gelegten Hände, verstärken den Eindruck, ganz Ohr, in gesammelter Stille auf das erlösende Wort zu lauschen.

Von fern, dann immer deutlicher, berühren ihn vertraute Worte wie ein prophetischer Auftrag: Brecht auf, kehrt um! Dann wie Paukenschläge: Macht gerade die Wege, Verhärtet Eure Herzen nicht! Hört: »Ich, der Herr Euer Gott, habe Euch und Alles aus Liebe erschaffen. Ihr seid nicht ins Dasein Geworfene, sondern meine geliebten Söhne und Töchter, Blut von meinem Blute. Daher tretet herbei, erhebt Euch aus dem Staub, habt keine Angst! Ihr seid und bleibt in meiner Sorge. Ich achte Eure Freiheit lege einen Mantel des Erbarmens über Eure Schuld. Öffnet Eure Türen, Ich der Herr Euer Gott sehne mich nach Euch und will in Euren Herzen wohnen, Euch wahren Frieden schenken, den Ihr so sehr ersehnt. Geht für mich zu Euren Geschwistern, bis an die Enden der Welt, kündet Heil und Segen allem Geschaffenen. Gebt der Liebe freien Raum, die ich in Euer Herz gelegt habe. Achtet das Recht, die Freiheit und Würde unter einander.

Aber gebt dem Bösen keinen Raum. Schafft Euch keine fremden Götter an, achtet das Recht, das ich in Euch ans Herz gelegt habe. Achtet die Freiheit und Würde unter einander. Kümmert Euch um das Nötige, sorgt für einander, tanzt nicht um das selbst geschaffene goldene Kalb. Nutzt Eure Fähigkeiten und Möglichkeiten aber lasst mir den Raum, dass ich für Euch da sein kann. Sperrt mich nicht zu Eurem Schaden aus dem Leben aus. Ich habe mich in meinem Sohn klein gemacht, bis in das Zeichen der Brotsgestalt. Ich kenne Eure Not und Eure Schwächen. Wie könnte ich von Euch lassen. Ihr braucht keinen fremden Göttern zu dienen. Ich komme Euch entgegen. Löse die Riegel verschlossener Türen, bewege und kräftigewas schwach, belebe, was verdorrt, heile was krank, lahm und blind ist. Und Gehör wird sich in Gehorsam verwandeln, den Ihr nur mir, Eurem Herrn und Gott uns sonst keinem schuldet, der immer bei Euch war und bei Euch sein wird.

 

 

Das Herz Gottes

Weihnachten, die Geburt Jesu Christi, ein alle Vernunft übertreffendes Ereignis, ist uns heute im Glauben so nahe, wie den Menschen vor zweitausend Jahren. Das Wort Gottes will unter uns wohnen: wer es fassen kann, der fasse es! Maria, die Mutter des Herrn, stellt die Frage: „Wie soll das geschehen“, und bewegt die Worte des Engels: „Fürchte Dich nicht, heiliger Geist wird Dich überschatten; Du wirst einen Sohn empfangen, und sollst IHM den Namen Jesu geben“, in ihrem Herzen.  Sie gibt auch unsere Antwort: „Ich bin eine Magd des Herrn, mir geschehe nach Deinen Worten

Bewegen diese Worte  auch uns so, dass Gottes Wille geschehen kann? Leben wir doch in einer Zeit, in der wenig Raum und Stille herrschen, um zu bemerken, was sich an Weihnachten ereignen soll? Vielfältige mediale und   technische Neuerungen, verbinden uns Menschen weltweit zu einer großen Familie. Wir planen und stellen auf Erden und darüber hinaus viele Produkte her, deren Folgelasten nicht mehr zu überschauen sind. Eingegliedert in dieses globale Spiel der Geschäftigkeit und Verfügbarkeit, können aber viele Menschen die leisen Töne des Herzens und Lebens nicht mehr hören.

Wie arm stehen wir dann da, wenn wir bemerken, selbst rund um die Uhr verfügbar, ein Opfer der Machbarkeit zu sein, alles nur noch durch diese Brille zu sehen, und das Herz unter dieser Last ächzt und stöhnt. Geht es uns in dieser Situation nicht wie Goethes Zauberlehrling, der erschreckt ausruft: „Meister, die ich rief die Geister, werd ich nun nicht los!“ dem „kleinen Prinzen“, der begreift, dass man nur mit dem Herzen gut sieht, oder Pascal, der erschüttert, nicht einen Gott der Philosophen und Gelehrten, sondern den in die Geschichte eingreifenden Gott „Abrahams, Isaaks und Jakobs“ erlebt.

Wie leicht führt uns der Zauber der Machbarkeit weg, vom Glauben an Jesus Christus, den Sohn Gottes, der als der ersehnte Messias in einem neuen Schöpfungsakt, die Welt mit Gott versöhnt. Sind wir aber heute wirklich so weit von jenem geschichtlichen Ereignis entfernt, als der barmherzige Gott sein Volk aus aller Not befreite? Nein, wir sind IHM an Weihnachten im Glauben nahe, und haben den Heiland, Retter und Erlöser, ebenso nötig, wie die Menschen damals. Im Vertrauen auf die Güte und Liebe des Menschensohnes, dürfen wir es daher getrost Gott, dem Allmächtigen, überlassen, wie und wann ER uns begegnen möchte:

Wie mit einem Paukenschlag greift unser Schöpfer an Weihnachten in die Geschäftigkeit und Machbarkeit unserer Tage ein, und stellt SEINE heilige Ordnung wieder her, auf dass die Symphonie vom wahren Frieden im Himmel und auf Erden erklinge. Ein Weckruf, der alle kranken Herzen heilt, befriedet und zu Gotteskindern macht. Unser Gott zeigt sich aber nicht in all SEINER Herrlichkeit, die uns erschrecken würde, sondern in den armen Gesten eines kleinen Kindes, das wie Du und ich, der Liebe bedarf. Von Herz zu Herz will uns Gott begegnen, und wir dürfen die Krippe sein, die den Menschensohn birgt. Mit heiligem Geist will ER uns erfüllen und dazu bewegen, nach Gottes Bild und Gleichnis immer mehr Mensch zu werden. Kann es ein  schöneres Geschenk geben, als diese liebende Begegnung von Gott und Mensch? Er, die Güte selbst, zerbricht uns ja bei Seinem Kommen nicht. In Gestalt eines wehrlosen Kindes, das sich unseren Armen anvertraut, stellt ER aber unsere bedrohte Menschenwürde wieder her.

Wie durch einen Paukenschlag des Lebens, verändert sich auch der Alltag in unseren Familien, wenn eine Mutter ein Kind erwartet. Die Freude der Eltern und Angehörigen bei seiner Geburt ist groß. Alle sind aufgeregt, und wollen, wie bei einem Konzert, mitspielend dazu beitragen, dass es dem neuen Erdenbürger wohl ergeht. Aber wie Josef und Maria ergeht es auch ihnen, denn der eigenen Würde und Bestimmung inne, ist ihnen ihr Kind nur zur liebenden Pflege anvertraut, und entzieht sich von Anfang an jeglicher Verfügbarkeit und Machbarkeit.

Mit einem Paukenschlag der Liebe, will Gott auch uns Erwachsenen an Weihnachten die Ohren öffnen, für das  Geheimnis der Lebens-Symphonie in allen Formen:  Mit  den Augen eines unschuldigen Kindes blickt ER uns an. SEIN Blick will uns einladen, IHM, von Herz zu Herz, im Geheimnis der Menschwerdung, zu begegnen. Er, der Herr will uns ja aus aller Sklaverei des Machens erlösen, und zur Freiheit der Kinder Gottes führen. Wie sehr verlangt unser Herz gerade an Weihnachten nach dieser befreienden Nähe, nach Wahrheit, Gerechtigkeit, Frieden und Freude. Dass alle unsere Geschenke ein Ausdruck der Liebe Gottes seien, das wünscht Ihnen

Ihr

Franz Schwald
aus Oppenweiler

Kerze Tannenbaum
Bild von monicore auf Pixabay.

Das Geheimnis

Es klopfte wieder einmal an die Türe. Ich öffnete, gewährte dem geheimnisvollen Gast mit einladender Handbewegung Eintritt, und bot ihm den schönsten Sessel unserer Wohnung als Ehrenplatz an. In erwartungsvoller Stille saßen wir uns in den bequemen Sesseln eine Weile gegenüber. Nur das Ticken der Wanduhr war zu hören. Das „Unerklärliche“ hatte sich bereits einige Tage zuvor angemeldet; nicht mit Worten -versteht sich-, sondern durch eine sehnsuchtsvolle unruhige Stimmung in mir, wie vor einem bedeutenden Ereignis. Unsicher und ängstlich, hielt ich schon oft meine Türe verschlossen, als hätte ich das Klopfen überhört. Jedoch heute öffnete ich die Türe wie von selbst, obwohl ich jetzt auch unsicher war, was ich mit dem geheimnisvollen Gast reden sollte. Ich wusste aber aus Erfahrung, dass das „Unerklärliche“ sehr zudringlich war, und gebeten oder ungebeten wieder käme, auch wenn ich ihm den Eintritt in unsere Wohnung verweigert hätte.

Das U. ließ sich heute aber nicht vertreiben. Es war da, spürbar nahe in der Spannung und Erregung des Augenblicks. Was es mir zu sagen hatte, wusste ich nicht. Das machte mir ein wenig Angst, und zugleich auch Hoffnung. Von einander lassen konnten und wollten wir aber nicht, als wäre das „Unerklärliche“ auf geheimnisvolle Weise ein Stück von uns beiden. Heute lag ihm wohl sehr daran, mich wieder einmal zu besuchen, um mit mir zu sprechen: Im Stillen -ohne dass es die Anderen merkten- redeten wir ja schon oft miteinander. Wir kannten uns daher gut.

In vielen Jahren waren wir Freunde geworden. Jeder Besuch meines Gastes, war immer aufregend. Langeweile gab es nie in seiner Gegenwart, denn wir hatten einander im Geheimen  viel zu erzählen. Oft haben wir auch miteinander gestritten.  Manchmal zitterte ich noch am ganzen Leib auch nachdem sich das „Unerklärliche“  wieder entfernt hatte. Ich schwieg darüber aber wie ein Grab, denn wer erzählte schon gern von einem Geheimnis dieser Art? Wenn ich unbedacht davon erzählt hätte, was zwischen uns wirklich geschah, hätte ich das U. und mich selbst möglicherweise der Häme ausgesetzt. Wer konnte schon „Unerklärliches“ verstehen? Ich ja auch nicht.

Und dennoch: Es mag komisch klingen, aber irgendwie verstanden wir uns immer wieder neu. Verstanden uns aber auch die Anderen? Wir brauchten das Schweigen, das unser Geheimnis barg. Das „Unerklärliche“ machte bei seinen Besuchen auch keine billigen Geschenke. Der Gast war einfach nur da, wenn er da war. Eine Fülle in der Stille. Er brachte aber immer neue Worte in unser Gespräche, die noch nicht aufgebrochen, oder durch Gebrauch abgenutzt waren. Mir blieben dann manchmal die eigenen Worte im Halse stecken. Man konnte sagen, dass wir oft wortlos miteinander redeten.

Obwohl mein Gast, das „Unerklärliche“ wirklich bei mir war, wir saßen einander ja gegenüber, konnten wir uns nicht greifen oder festhalten. Das hätte unsere Würde verletzt. Ich war mir aber gewiss, dass das U. oft so da war, als ob ich es hätte sehen und hören können. Es erschien mir dann sehr freundlich. Als Feind war es für mich nie existent. Ganz sicher war ich mir aber nie, ob wir nicht wegen Nichtigkeiten   an einander geraten könnten. Ich war jedoch des Streitens müde, denn das   „Unerklärlichen“ meinte es ja eigentlich nur gut mit mir. Es gab aber mir gegenüber nie eine Erklärungen ab, warum es da war und mich mochte.

Manchmal dachte ich auch, dass mich das “Unerklärliche”, wenn ich es einließe, von Wichtigerem ablenken könnte. Dessen war ich mir jedoch nicht mehr sicher, denn das eindringliche U. ließ sich ja nicht so leicht abweisen. Vielleicht war es ja schon immer seine Art, an mir Gefallen zu finden? Heute saßen wir uns ja auch schon eine Weile schweigend gegenüber, und meine Augen und Ohren hatten sich an die Eigenart des U. gewöhnt. Es schien mir so, als ob ich es jetzt sehen und hören konnte, aber nicht so, wie man allgemein sah und hörte. Dennoch erlebte ich das „Unerklärliche“ über alle Maßen sprechend und sehend. Wir redeten ja schweigend miteinander, wie von Herz zu Herz, wie as Einatmen und Ausatmen. So wie echte Freunde einander schweigend bis in die Tiefen ihrer unaussprechlichen Geheimnisse begegneten, denn das U. geschah und entzog sich zugleich.

Vielleicht gab es später einmal etwas von seinem Geheimnis preis, oder es wollte mir im Schweigen nur Wichtigeres  sagen. Hoffnung, Ehrfurcht und Spannung blieben bei unseren Begegnungen in mir, als würden alle Sinne, der ganze Körper und die Seele zur Gegenwart des schweigenden Freundes benötigt. In ihm, in mir und in allem was geschah, war das „Unerklärliche“, aber kein Nichts, sondern ein erfülltes Geheimnis.

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