Die freundliche Seite des Todes

Vor Tagen streckten und reckten die ersten Winterlinge und Schneeglöckchen ihre Blüten mutig den spärlichen Sonnenstrahlen entgegen. Leicht im Winde sich drehend und wendend, läuteten sie ahnungsvoll den bevorstehenden Frühling ein. Danach zeigten sich zögerlich einzelne Blüten der Zierkirsche, und verwandelten sich, wie durch Zauberhand, in wenigen Tagen vor unseren Augen in ein weißes Blütenmeer. Die Forsythien platzten in üppig leuchtendem Gelb aus ihren Knospen, und wetteiferten mit den bunten Tulpen, Narzissen und Osterglocken, um die Gunst der Sonne. Die jungen Blätter der Büsche und Bäume drängten aus ihrem Knospen. In überwältigender Fülle begann es ringsum zu grünen und zu blühen. Die Kraft der Sonne hatte auf wunderbare Weise die Natur wieder zu neuem Leben erweckt. Auch die Menschen drängte es hinaus ins Freie. Man konnte wieder Kinder beim fröhlichen Spiel, Paare in trauter Gemeinsamkeit, Nachbarn bei ihren Spaziergängen und Bauern bei ihrer Arbeit auf den Feldern erleben. Mich hielt es nicht mehr in unserer Wohnung.  Unsere Zierkirsche legte aber schon nach wenigen Tagen ihr hübsches, weißes Kleid, in einem Blütenregen ab, und tauschte es gegen ein neues, grünes Kostüm aus saftigen Blättern um. Es ist nicht zu fassen, wie eilig es die Natur in diesem Jahr wieder hat, uns im Licht der warmen Sonne, mit vielfältigen Wundern und Wandlungen zu beglücken. Im Gegensatz zum prallen Leben in der Natur, erinnerte uns die Kirche daran, dass wir mitten im Leben auch dem Tod begegnen, denn wir feierten auf dem Höhepunkt der Fastenzeit mit dem Palmsonntag, Gründonnerstag und Karfreitag, in der österlichen Botschaft als Gläubige, den Sieg des Lebens über den Tod.

Wer nicht durch die kirchlichen Festtage daran erinnert wird, dass einmal alle menschliche Pracht und Herrlichkeit ein Ende hat. dem stellen die Medien in den täglichen Meldungen  das grausame Geschehen auf unserer Erde, mit vielfachem Tod, und dem Leid der Menschen  vor Augen. Weniger im Mittelpunkt öffentlicher Berichterstattung, eher verschämt, auf den letzten Seiten unserer Tageszeitungen, stehen die Todesnachrichten, auf denen wir immer seltener das Kreuzzeichen sehen können. Noch stiller vollzieht sich die Erfahrung des Leidens und Todes im engeren Familien- und Freundeskreis, wenn der Tod überraschend Jung und Alt trifft, und wir dann einander betroffen am Grab begegnen. Es scheint so, als ob das Sterben, der Tod und die Trauer, heute im öffentlichen Bewusstsein, nicht den gebührenden Raum einnehmen würden. Auch uns Christen verschlägt es  ja beim Leiden, Sterben oder plötzlichen Tod eines lieben Menschen die Sprache, oder wir Erstarren im Schreck. Das uns mit der Geburt geschenkte Leben, und sein Ende mit dem Tod, begrenzen aber zusammen unser Dasein auf Erden. Dass Geburt und Tod keine sich ausschließenden Gegensätze sind, sondern als Grenzen zu  unserem irdischen Lebens gehören, und dass der christliche Glaube, einen gnädigen Gott verkündet, der unser menschliches Dasein und Sterben, durch Tod und Auferstehung in ein ewiges Leben führen will, gerät immer mehr aus dem Blick. Das war nicht immer so und müsste auch nicht so bleiben.

Nach dem zweiten Weltkrieg, und in den schmerzlichen Erfahrungen der Kriegsjahre, waren Leid und Tod unübersehbare Tatsachen, und Gegenstand des Redens miteinander. Zwei Generationen vor uns, saßen die Menschen, nach des Tages Mühen und Streit, zusammen, stützten sich gegenseitig, und erzählten einander von ihren Sorgen und Nöten. Viele Sterbende konnten vor Zeiten, ihr Leben im familiären Raum, umgeben von ihren Angehörigen, beenden. Geburt, Leben, Leiden, Sterben und Tod,blieben so in einem  Sinnzusammenhang, und die christlichen Rituale begleiteten im Jahreskreis menschliches Dasein, in der Hoffnung auf ein ewiges Leben nach dem Tode. Der in den letzten Dezennien unserer zivilisatorischen Entwicklung zunehmende Trend, zur globalen, wirtschaftlichen Verflechtung, und die Migrationsbewegungen, führten  mit dazu bei, dass sich die Struktur der Familien veränderte, und die gegenseitige Unterstützung von Geburt bis zum Tod, oft nicht mehr möglich ist. Hinzu kommt dass eine, Veränderung gesellschaftlicher Normen und Einstellungen dazu führt, das Leid, Alter, Sterben und den  Tod aus dem Bewusstsein zu verdrängen, sodass viele der in der Vergangenheit vorhandenen Hilfen, um sich zu Lebzeiten auf das Sterben und den Tod vorzubereiten, nicht mehr greifen. Dem Tod wird  dadurch  die Zugehörigkeit zum Leben verweigert. Es scheint mir aber von  humaner Bedeutung zu sein, dass  auch in unserer Zeit glaubwürdige Zeugen und Zeugnisse aus der Philosophie, Theologie, Literatur, Religion und Kultur an die Aufgabe der Versöhnung von Gegensätzen in unserem Leben, vor allem die Zugehörigkeit von Leben und Tod  in der Geschichte der Menschheit zu erinnern.

Ich habe mich in meinem beruflichen Leben, in der Wirtschaft, Politik, und als Psychologischer Psychotherapeut, im engen Austausch mit den Mitmenschen, lebenslang mit den Fragen unseres menschlichen Daseins, der uns bergenden Natur und Kultur, und ihren Wandlungen befasst. Wer meine schriftstellerischen Arbeiten der letzten siebzehn Jahre kennt, kann feststellen, dass ich, wenn nötig, auch gegen den Zeitgeist, bemüht war und bleibe, das Ganze unserer menschlichen Daseins in einem geschichtlichen und kulturellen, religiösen und philosophischen Zusammenhang zu bedenken. In diesem Kontext habe ich die Natur- und Geisteswissenschaften zwar unterschieden, aber nie als sich ausschließende Gegensätze betrachtet. Nach meiner Pensionierung, habe ich in meinen Schriften, besonders die mit dem Alter gegebenen Probleme, Fragen, und Möglichkeiten kreativer Entfaltung bedacht. Ein Prozess, der mit dem Sterben, der Vorbereitung auf das Ende im Tod, und in der christlichen Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod, sein Ziel findet. Im heutigen Beitrag gilt mein Interesse besonders den letzten Erfahrungen eines Menschen, der möglichen Verdrängung dieser todsicheren Ereignisse, oder einer rechtzeitigen Vorbereitung auf das Sterben und den Tod:

In einer Predigt hat ein Priester zurecht darauf hingewiesen, dass unser Gott, ein Gott des Lebens war, ist und bleibt. Dass es aber für uns Christen in der Betrachtung der österlichen Geheimnisse, in der Nachfolge Christi, auch auf unsere Vorbereitung in der Betrachtung unserer Endlichkeit, des Sterbens, Todes und der Hoffnung, um die Auferstehung und das ewige Leben gehe. Viele Todesfälle in der eigenen Familie und im Freundeskreis in den letzten Jahren unterstrichen für mich die Bedeutung dieser Vorbereitung auf das Lebensende, über das eigene Geschick hinaus, für alle Menschen. Die Reflexion über einen eigenen Traum in diesem Zusammenhang möchte ich Ihnen, liebe Leser vorstellen:  Im Anschluss an die zuvor genannte Predigt, betrachtete ich mein im höheren Lebensalter sicher zu erwartendes Sterben und meinen Tod. Ins Einschlafen hinein begleiteten mich zu meiner Überraschung zum ersten Mal in meinem Leben die Vorstellungen, dass mein eigener Tod trotz des schmerzlichen Lebensendes auch ein freundliches Gesicht habe. Erst nach einem folgenden Gespräch, in dem ich von einem alten Mann erfuhr, der den Tod zuvor verdrängte, und nun durch einen Schlaganfall gar nicht mehr in der Lage war, sich auf den Tod vorzubereiten, sah ich mich veranlasst, mit Ihnen, liebe Leser, über dieses für uns alle bedeutungsvolle Thema zu reden. Ich wollte und konnte Ihnen das überraschende Ergebnis meines Nachdenkens über das eigene Sterben und meinen Tod, nicht vorenthalten. Das Ergebnis fasse ich in nun zusammen:

Ich erkannte, dass mit meinem Tod nicht nur mein eigenes Leben mit all seinen Möglichkeiten auf Erden zu Ende geht, sondern auch alles vollständig und wirklich endet, was mir im Leben zur Last wurde. Ich muss nach meinem Tod nicht mehr für den Leib und meine Seele besorgt sein, kann keine Fehler mehr begehen, weder lügen, noch die Wahrheit verleugnen. Mit dem Tod hat auch alle Angst, Unsicherheit, Gehemmtheit, Not, Kummer, jegliche Sorge, das Leid, die Schmerzen, Enttäuschungen, Verletzungen, Beleidigungen, Missverständnisse, und die Bedrängnisse meiner Erdenzeit ein Ende. Ich schlief in Gedanken an die Osternachtsliturgie und meine Taufe ruhig ein und hatte folgenden Traum: „In einer ersten Szene bin ich als Träumer in einem Schwimmbad. Es nähern sich mir zwei wohlgenährte Fische mit offenen Mäulern. Der eine schlingt seine gebetsriemenartige Schwanzflosse liebevoll um mich. Beide Fische platzieren sich unter meinen Armen und halten mich über Wasser. In der folgenden Szene wird das Badewasser abgelassen. Ich bin besorgt, um das Überleben der Fische, und bringe sie in eine mit Wasser gefüllte Badewanne. In einer nächsten Szene spreche ich frohgemut mit einigen Theologen über meinen Traum und verkünde ihnen, die Erkenntnis, dass sie sich nicht vor dem Tod fürchten müssten, denn alles, was sie auf Erden je belastet hätte, fände mit dem Tod ein endgültiges Ende.“

Es ist für mich eine befreiende, erlösende Vorstellung, sicher sein zu können, dass alle die vor mir starben, denen ich wohl gesonnen bin, nach ihrem Tod nicht noch einmal ein Leben auf Erden erleiden müssen. Ebenso befreiend ist die Vorstellung, dass nach meinem Tod, die Trauernden sicher sein dürfen, dass weder ich noch sie selbst, nach ihrem Tod, noch einmal ein leidvolles Leben auf Erden erwartet. Es macht aber auch für die mir noch geschenkte Zeit keinen Sinn mehr über das vergangene Leid und vergangenen Streit nachzugrübeln, vielmehr nach der Fastenzeit allen Lebensgroll loszulassen, mit dem Leben von Geburt bis zum Tod zufrieden zu sein, und mich der österlichen göttlichen Liebe, Hoffnung und Barmherzigkeit anzuvertrauen.

Gott befohlen!
Franz Schwald

Geborgen in der Kirche
Christus ist erstanden

 

 

Franz Schwald

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