Wir befinden uns im fünften Jahr des auf allen Seiten unter großen Verlusten geführten zweiten Weltkrieges. Die deutschen Truppen ziehen sich nach anfänglichen Erfolgen an allen Fronten zurück. Viele Städte liegen zerbombt in Trümmern. Dennoch werden über die Medien Durchhalteparolen verkündet. Es kursieren Nachrichten, die eine Wende zu unseren Gunsten durch geheime Waffen versprechen. Die Menschen sind des Krieges überdrüssig, viele Soldaten verletzt, gefallen oder in Gefangenschaft geraten. Werber bemühen sich dennoch, Jugendlichen „ in letzter Stunde“ den Waffendienst zu empfehlen.
Seit zwei Jahren, bis ins Frühjahr 1944, wohne ich mit Billigung meiner Mutter, in einem Bauernhaus bei Verwandten auf dem Hotzenwald. Mutter- und Vater – Berger hatten mich wie einen Sohn aufgenommen. Ihre eigenen Söhne waren im Feld, der älteste Sohn bereits gefallen. In dieser Zeit litt ich keine Not. Ich arbeitete im Jahreskreislauf im Stall und auf den Feldern mit, wie die anderen Bauernbuben und hatte gut und genug zu essen.Die Berger-Mutter mit ihren roten Wangen, den aufmerksamen blauen Augen und den nach hinten zu einer Rolle geflochtenen, grauen Haaren, war tief religiös. Der stämmige, mittelgroße, Berger-Vater war stolz auf seinen Nebenberuf als Straßenwärter. Nach den wöchentlichen Gottesdiensten in der kleinen Kapelle, kam unser Pfarrer, einer alten Tradition zufolge, ins Bergerhaus zum Frühstück. Er scheute sich nicht, wenn Not an Mann war, bei der Heuernte mit an zu packen. In meiner Erzählung „ Der Hotzenbischof“ habe ich mich dankbar seiner erinnert. Als ihm die Nationalsozialisten den Zutritt zur Schule verwehrten, gab er uns Religionsunterricht in der Stube eines Bauernhauses. Dies verband uns Buben und Mädchen noch mehr mit unserem Pfarrer, der uns in schweren Zeiten ein Vorbild war. Ich folgte seinen überzeugenden Worten, mit denen er über unseren katholischen Glauben sprach, mit großer Aufmerksamkeit und stellte viele Fragen. In seinem Abschlusszeugnis zeichnete er mich als seinen besten Schüler aus. In der 7. und 8. Klasse besuchte ich die Schule in Kleinherrischwand. Einige der Buben und Mädchen lernte ich in diesen zwei Jahren näher kennen. Den Jungen war ich zwar körperlich unterlegen, sie respektierten mich aber der schulischen Leistungen wegen. Unsere Lehrerin, eine hübsche Elsässerin, die sich oft in verführerischer Pose mit ihrem kurzen Rock auf die ersten Bänke setzte, habe ich nicht nur wegen ihres lebendigen Unterrichts angehimmelt. Zu Ostern 1944 war die Schulzeit zu Ende. Mein Vater hatte mir in einem seiner Briefe Ende August 1943 mitgeteilt, dass er als Gebirgsjäger bereits seit 4 Jahren an verschiedenen Fronten im Einsatz sei. Er ließ mich wissen, dass er mich in jeder Hinsicht bei meiner Berufswahl unterstütze. Ich könnte bei ihm in Karlsruhe wohnen, falls ich den Besuch einer Hochschule anstrebte. Nach einem Gespräch mit meiner Mutter entschied ich mich, wieder nach Rheinfelden zurück zu kehren. Ich beabsichtigte, eine kaufmännische Lehre zu beginnen, da mir dies aus damaliger Sicht wünschenswerter erschien.
Nach meinem Schulabschluss verabschiedete ich mich dankbar von den liebenswerten „Berger-Eltern“ mit dem Versprechen, dass ich sie nicht vergessen und wieder besuchen werde. Unverzüglich stellte ich mich bei der Firma Metzger, einer größeren Bauunternehmung in Rheinfelden vor, wurde akzeptiert, begann die Lehre im April 1944, besuchte in dieser Zeit die Handelsschule und beendete beides erfolgreich mit der Gehilfenprüfung zum Baukaufmann im April 1947. Da nach dem Krieg wenig Aussicht bestand, als Baukaufmann irgendwo unter zu kommen, blieb ich der günstigeren Bedingungen wegen, in dieser Firma bis zum Jahre 1962. Ich wurde zunächst in der Lohnbuchhaltung eingesetzt und bediente zusätzlich die Besucher mit
ihren Anliegen am Schalter. Manchmal ärgerte es mich sehr, wenn ich die Abwesenheit unseres Chefs mitzuteilen hatte, obwohl er oben in seinem Büro saß. Angenehmer war es, wenn sich der Lohnbuchhalter, der Wert auf gutes Essen legte, von mir ein Vesper holen ließ und mir einen nahrhaften Trägerlohn zuteilte. Ich hatte auch die angenehme Aufgabe, wöchentlich die Lohntüten zu den Baustellen zu bringen. Dort war ich in dieser Funktion bei den Polieren, Maurern und Hilfsarbeitern gern gesehen, konnte mich auf den Baustellen umsehen und den Fortschritt der Arbeiten beobachten. Noch heute erfasst mich ein Kribbeln, wenn im Frühjahr die Baumaschinen wieder brummen. Die regelmäßige Arbeit auch an Samstagen von 8-12 Uhr, an den übrigen Tagen mittags von 13-17 Uhr war gewöhnungsbedürftig.
Einige Minuten nach Feierabend klopfte ich in meiner Freizeit an die Türen meiner Freunde Rolf und Berthold. Wenn wir abends nicht zu dritt auf Tour waren, wurden wir gefragt, ob einer von uns krank sei. Berthold verdiente damals als Uhrmacherlehrling am meisten und hielt uns oft über Wasser, wenn wir schwach bei Kasse waren. Ich wohnte wieder zu Hause und bekam ein eigenes Zimmer, das ich in späteren Jahren mit einfachen Möbeln und einem Radio nach eigenen Vorstellungen einrichtete. Unsere Mutter hatte es mit mir, einem 14-jährigen, eigenwilligen Knaben und meinem ebenso lebendigen, vier Jahre jüngeren Bruder nicht leicht. Sie achtete streng auf die Einhaltung der Essenszeiten und die häusliche Ordnung, in jüngeren Jahren gelegentlich unter Zuhilfenahme ihres Teppich-klopfers. Mein Bruder wirft mir, wahrscheinlich zurecht vor, ich sei oft der schnellere gewesen, wäre durchgehuscht und er hätte die Prügel bezogen. Die Mutter ließ mir ansonsten große Freiheit, sagte nur, wenn ich spät nach Hause kam: „ich solle ihr keine Schande machen“ was immer das bedeutete. Es gab oft wie mir schien wegen ihres Starrsinns, vermutlich ein Erbe ihres autoritären Vaters, lebhaft geführte Auseinandersetzungen. Ein Grund mehr, öfters Abstand zu halten, und Verständnis bei meinen Freunden zu suchen.
Der Krieg war gelegentlich auch in Rheinfelden zu spüren. Wir saßen oft nach dem Sirenengeheul nachts ängstlich im Luftschutzkeller, hörten die Geräusche der Flugzeuge und einmal den Einschlag von Bomben im Industriegebiet. Tiefflieger griffen damals auch Fahrzeuge auf Zufahrtsstraßen an. Im Herbst 1944 wurden wir zum Schanzen nach Efringen-Kirchen abgestellt. Wir mussten Panzergräben herstellen. Gleichzeitig waren wir Weinbauern zugeteilt, um bei der Lese mit zu helfen. Ich habe nie vergessen, wie der altersschwache Bauer, dem wir zugeteilt waren, volltrunken, eine steile Treppe des Hauses herunter kugelte, ohne Schaden zu nehmen, wieder aufstand und auf unsicheren Beinen davon wankt. Einige Wochen später, ich war damals gerade 15 Jahre alt, wurde ich drei Wochen zu einer vormilitärischen Ausbildung der Wehrertüchtigung, einberufen. Dann kam es zu einer entscheidenden, uns sehr überraschenden Situation: Wir wurden in einen Saal geführt, in dem Werber an den Wänden Photographien der verschiedensten Möglichkeiten des Waffendienstes aufgehängt hatten. Mich überzeugte der glänzende Vortrag über die Vorteile eines Achtrad – Panzerspähwagens, der vorn und hinten steuerbar war und dessen Reifen sich bei einem Durchschuss wieder selbständig abdichteten. In meinen Augen eine Lebensversicherung und so meldete ich mich mit andern Schulkameraden zur Waffen-SS. Als ich dies abends stolz Bertholds Vater erzählte, hätte er mich offensichtlich am liebsten verprügelt. Er erklärte mir in scharfem Ton: „Der Krieg sei doch verloren!“ Ich habe ihm diese Gardinenpredigt nicht übel genommen und ihn auch nicht verraten. Er wäre ja sonst wegen Wehrkraftzersetzung verhaftet worden. Die Ereignisse nahmen nun ihren eigenen Lauf. Unsere Mutter war in großer Sorge.
Wir wurden Wochen später zur Ausbildung einberufen. Auf unserer Fahrt erlebten wir in Immendingen den ersten Tieffliegerangriff und suchten, wo immer möglich, Deckung. Nach diesem Angriff war die Begeisterung bei vielen Schulkameraden dahin. Sie büchsten aus und gelangten wieder nach Rheinfelden. Mit zwei weiteren Kameraden, die nicht desertieren wollten, gelangten wir nach einer Übernachtung im zerstörten München nach Mittenwald. Dort hatte ich großes Glück: Ich bekam eine schwere Angina und lag lange Zeit auf der dortigen Krankenstation. Dadurch entkam ich der militärischen Ausbildung,wurde nicht eingekleidet und bekam auch keine Blutgruppe tätowiert. In der Krankenstation gaben mir alte Landser, die versuchten das Kriegsende abzuwarten, Nachhilfe über die wirkliche Lage. Als am 20. April 1944, an Führers Geburtstag, keine Geheimwaffen zum Einsatz kamen, überzeugten mich die Argumente der Landser. Ich entschloss mich, trotz der damit verbundenen Gefahren, zu desertieren. In meiner Hitlerjugend-Winteruniform, mit Brot und Wurst in einem Einkaufsnetz und einem Regenschirm stieg ich über die Kasernenmauer. Mein Ziel war, Richtung Bodensee zu meiner Tante nach Singen zu gelangen. Zu Fuß, gelegentlich auf einem Traktor, gelangte ich nach Radolfzell. Dort wurde ich mit anderen Jugendlichen und Alten gestellt, eingekleidet und zur Verteidigung von Radolfzell eingesetzt. Wir bauten uns zur Übernachtung Schützenlöcher. Ich war als Zugmelder Verbindungsmann. Diese Aufgabe führte ich einmal durch, um zu berichten, dass französische Panzer auf der Straße vorrücken. Wir befanden uns auf einem kleinen Hügel. Einige Stunden später kämmten gepanzerte Fahrzeuge auch unser Gelände durch. Wir versuchten uns vor dem Maschinengewehr-Feuer zu schützen und robbten in einer Ackerfurche in den toten Winkel. Ich war nicht einmal in dieser Technik erfahren und kam, obwohl ich bat auf mich zu warten, nicht mehr mit. Das war mein großes Glück. Ich konnte nämlich beobachten, wie meine Kameraden, die bergauf über freies Feld zu einem Waldstück zu gelangen versuchten, nacheinander wie die Hasen abgeschossen wurden. ich handelte: Bei der Einkleidung in Radolfzell hatte ich keine Unterwäsche gefasst, sondern meine Hitlerjugenduniform behalten. Ich vergrub meinen Wehrpass, ließ den Waffenrock und meine Waffen in der Ackerfurche zurück, war nun als Hitlerjunge erkenntlich und ging den Franzosen entgegen, indem ich eine weiße Binde, die ich seit meinem Aufenthalt in der Krankenstation bei mir trug, zum Zeichen, dass ich mich ergebe, schwenkte. Ich wurde mehrmals darauf angesprochen, ob ich zur Waffen-SS gehöre, was ichverneinte. Ich weiß nicht wie man mich behandelt hätte, wenn ich die Blutgruppe gehabt hätte. Alle SS-Angehörigen wurden aussortiert. Ich gab mich als Hitlerjunge aus, der ich im Grunde ohne Ausbildung und je einen Schuss abgegeben zu haben ja auch war. Dennoch war es
eine schwierige Situation. Die Pistolen saßen damals sehr locker. Wir wurden mit erhobenen Händen gesammelt, durften erst nach einiger Zeit die Hände auf den Kopf legen, uns dann später setzen und wurden nach Radolfzell transportiert. Dort brachten sie uns Gefangene in das Ortsgefängnis. Ich war noch nie in einem Gefängnis, bekam schreckliche Angst und weinte. Ein französischer Offizier, brachte mich mit gezogener Pistole in eine requirierte Wohnung zu einer deutschen Familie mit der Bitte, dass sie mir zu essen geben und weiter helfen sollten. Als ich anderntags erwachte, war die Wohnung leer. Ich bedankte mich freundlich auf einem Zettel bei meinen Gastgebern, klaute ein Fahrrad und fuhr nach Singen zu meiner Tante. Diese schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als ich etwas zerzaust dort ankam.
Um weiter zu kommen, brauchte ich einen Passierschein, der schwer zu erlangen war, weil viele Menschen sich in der großen Stadt sammelten, die ebenfalls weiter wollten. Nach einigen Tagen gelang es mir, meine Tante zu überzeugen, dass ich versuchen wollte, aus der Stadt heraus zu kommen. Ich kam mit meinem Netz mit Verpflegung und dem Regenschirm an die Stadtgrenze, die mit einer bewachten Schranke versehen war. Hier hatte ich wieder Glück: Eine junge, hübsche Frau zog einen Leiterwagen. Ich gesellte mich zu ihr mit der Bitte, mich nicht zu verraten und zog deren Leiterwagen durch die Schranke, während die Franzosen sich offensichtlich gern mit ihr unterhielten. Ich bekam auf einer kleinen Kommandantur außerhalb Singens einen Passierschein bis Waldshut und stiefelte nun über den Randen von Schranke zu Schranke Richtung Waldshut.
Gelegentlich forderten mich die Soldaten auf, ihr Geschirr zu spülen. Ich entschloss mich, an einem kleineren Ort in Dogern bei Waldshut meinen Passierschein verlängern zu lassen und kam dann zu Fuß nach diesen Erlebnissen wieder in Rheinfelden an. Meine Mutter war mehr als überrascht, als ich gesund und wohlbehalten wieder zu Hause war. Nach Kriegsende hatte die Bauunternehmung Metzger wieder mühsam den Betrieb eröffnet. Dort stellte ich mich vor, um meine Lehre fortzusetzen. Als ich mich am Schalter meldete und das vertraute Gesicht des Lohnbuchhalters sah, erschrak ich sehr. Er war so abgemagert, dass ihm der Kragen seines Hemdes mehrere Zentimeter vom Hals abstand. Nur ganz langsam begriff ich, was ein verlorener Krieg und die französische Besatzung bedeuteten. Der Zusammenbruch des Ideals von Führer Volk und Vaterland, war fast noch schwerer zu ertragen, als der andauernde Hunger und der Kampf ums Überleben. Nun wurde mir mit aller Deutlichkeit klar, was in den KZ-Lagern geschehen war. Davon wussten wir nichts. Umso mehr erschütterten uns die grauenvollen Bilder und die Berichte über die Gräueltaten. Meine Reaktion: Nie wieder Krieg und der Entschluss, dem Frieden ohne Waffen in der Hand zu dienen. Ich wurde später als einer der so genannten “weißen Jahrgänge“ auch nicht mehr zur Bundeswehr eingezogen. Gott danke ich dafür, dass ich bis zum heutigen Tag niemals auf Menschen schießen musste. Es gab aber auch andere Erfahrungen: Nach dem Krieg wollte niemand mehr Nationalsozialist gewesen sein. In der Handelschule grüßten die Lehrer nun mit Grüß Gott. Alles, was mit Stolz auf das deutsche Vaterland zu tun hatte –das war ja nicht nur das Dritte Reich- erschien bedeutungslos. Ich begann mich mit der französischen Nation und den nachfolgenden Vorstellungen von einem geeinten Europa zu identifizieren.,Erst viel später, nach einer längern Reise mit meinem Pfarrer durch ganz Frankreich, die mit einem gesalzenen Strafmandat wegen Geschwindigkeitsüberschreitung endete, kam es zu einer ersten Ernüchterung mit Fragen, ob wirklich nur wir Deutschen an allem Elend Schuld wären. Ich begann, ohne darüber zu reden, auch zu fragen, was andere Nationen getan haben. Die Atombomben auf Japan, der grausame Luftkrieg gegen die wehrlose Zivilbevölkerung in deutschen Städten, die Vertreibung Deutschstämmiger aus dem Osten und vieles andere erschien mir ebenso kritikwürdig. Es war mehr als erstaunlich, dass alle Älteren ebenfalls geschockt waren und Nachteile befürchteten, wenn sie über ihre Erfahrungen im Dritten Reich erzählt hätten. Ich habe selbst außerhalb der Familie vor einigen Jahren zum ersten Mal unter gleichaltrigen Freunden Erfahrungen ausgetauscht. Ein befreundeter Schweizer, dem es gestattet war, während des Krieges die Schule in Rheinfelden-Schweiz zu besuchen, erklärte in der Runde, dass er in der Schweiz “Sauschwabe“ in Deutschland „Schweizerlöli“ genannt wurde. In Wirklichkeit hätte er auch ganz gern die Hitlerjugend-Uniform wie wir getragen. Während bei uns in den Hungerjahren geklaut wurde, was nicht niet- und nagelfest war, musste ich mit der Erfahrung zu recht kommen, dass, nachdem die Grenze geöffnet
wurde, an den Fahrrädern in der Schweiz die Einkaufsnetze mit Lebensmitteln hängen bleiben konnten. Ich hatte doch auch meine Ehre, und sehr darunter gelitten, auf welch vielfältige Weise der unselige Krieg unsere Wertvorstellungen in Deutschland destruierte.Wir litten in Rheinfelden sehr unter der Besatzung. Die Maschinen
und technischen Anlagen, die zu gebrauchen waren, wurden als Beute abtransportiert. Es kam zu einer Entnazifizierungswelle. Auch der Vater meines Freundes Berthold, der um unabkömmlich gestellt zu werden, in die Partei eingetreten war, ohne deren Ideologie zu vertreten, wurde längere Zeit in ein Lager gesteckt, wie viel andere auch. Es fehlte an allen Ecken und Kanten am Nötigsten. Vor allem in den Jahren 1945 und 1946 mangelte es an Nahrungsmitteln. Wir litten schrecklichen Hunger. Unsere Mutter teilte ein Brot und ich nahm mir etwas von dem, was meinem Bruder gehörte. Er erregte sich so, dass er keine Luft mehr bekam. In größter Panik spritzte ich ihn mit kaltem Wasser ab, um ihn vor dem Ersticken zu retten. Eines Tages sagte unsere Mutter, sie habe nichts mehr zu essen. Wir Buben gingen dann gemeinsam nachts auf die umliegenden Felder und brachten Lauch nach Hause. Selbst Kartoffeln gehörten zu den Kostbarkeiten. Eine gute Kirschenernte nutzten wir Buben aus, um unseren Hunger auf den Bäumen zu stillen. Wir gingen alle hamstern. Mein Bruder war ein liebenswerter, hartnäckiger Bettler. Wenn er vorn zur Türe hinaus komplimentiert wurde, erreichte er es bei einem erneuten Versucb oft über den Hintereingang, Beute zu machen. Ich war eher in der Lage zu verhandeln, wenn uns unsere Mutter etwas aus den Beständen mitgab, um es bei den Bauern gegen Lebensmittel einzutauschen. Eines Tages wanderten wir über Säckingen hinauf nach Giersbach zu unseren Verwandten, bekamen Speck und Butter zugesteckt und einen Sack mit Kartoffeln. Auf dem Rückweg machte Mutter schlapp und wir zogen sie zusammen mit den Kartoffeln auf dem Leiterwagen nach Hause. Sie hatte in der Hungerzeit zu Weihnachten Plätzchen gebacken, um uns eine Freude zu machen. Ich entdeckte die Maggidose in ihrem Schrank im Schlafzimmer versteckt und versorgte mich mit einer Handvoll dieser Süßigkeiten. Nach einigen Tagen startete ich einen erneuten Versuch und staunte sehr, denn ich hatte den Eindruck, dass ich nicht so viele Plätzchen entwendet hatte. Trotzdem bediente ich mich weiter. Dann kam der Weihnachtsabend. Die Mutter wollte uns mit dem Gebäck überraschen und kehrte blass, tief gekränkt, enttäuscht und wütend mit der Frage zurück, wer die Plätzchen gegessen habe? Ich gestand betreten meine Schuld mit de Bemerkung, dass ich es war, aber nicht alle gegessen habe. Mein Bruder schloss sich mit dem Bekenntnis an, nun sei ihm endlich klar, wer auch noch genascht habe. Die Weihnachtsstimmung war unter diesen Umständen erheblich beeinträchtigt.
Wir drei waren damals sehr auf einander angewiesen, vor allem nach der Scheidung unserer Mutter. Mein Stiefvater wurde als Kommunist lange in einem Konzentrationslager interniert und kam erst nach dem Krieg wieder frei. Er heiratete erneut, erkrankte und hinterließ nach seinem Tod in den Nachkriegsjahren Frau und Kinder. Erst in diesen Tagen begriff ich nach einem Gespräch mit meinem Bruder, dass er im Unterschied zu mir, seinen Vater gar nicht erlebte. Ich bin leider nach der Kinderzeit meinem Stiefvater nie mehr begegnet, um ihm danken zu können. In einem nächsten Beitrag werde ich berichten wie ich zur
Würde eines Stadtrates von Rheinfelden aufstieg.
