Der Erfinder

Von Kindheit an betrachtet Josef Gegenstände von allen Seiten, steckt sie in den Mund und freut sich riesig, wenn er etwas Neues entdeckt. Unermüdlichunt ersucht er alles und lernt die Dinge zweckmäßig zu gebrauchen. Er findet sich in der elterlichen Wohnung zurecht, spielt mit den Geschwistern und nach anfänglichem Zögern auch mit anderen Kindern und Menschen  Im Kindergarten fällt Josefs reges Interesse an Tellern, Tassen,Töpfen und Schachteln auf, denen er mit Löffeln Töne entlockt. Er räumt begeistert Mutters Schränke aus und beginnt sich am Spiel mit den angebotenen Klötzen, Bällen, dem Papier und den Buntstiften zu erfreuen. Seiner stets wachen Neugier entgeht kein Geräusc, und er zeigt durch deutliche Gesten an, ob ihm etwas gefällt oder ob es ihn stört. Lust und Neugier drängen ihn immer mehr aus der Wohnung hinaus, um im Spiel mit anderen Kindern die Umgebung zu erkunden. Unermüdlich schaut er den in der Nähe arbeitenden Bauern und Handwerkern zu, besucht die Nachbarn und entdeckt rund ums Haus spielend die angrenzenden Gärten, Felder und Wiesen. Kurz nach der Einschulung gehören auch die Mitschüler und Lehrer zu seiner vertrauten Welt. Besondere Freude bereiten Josef seine eigenen Erfindungen: Aus einem alten Kinderwagen entsteht ein Rennauto,  aus dem Seitenwagen eines Motorrades ein Boot, und aus Fassdauben eines Küfers Skis mit Bindungen aus alten Schuhen. Im Spiel mit anderen Kindern entfernt ersich zu Erkundungen immer mehr vom Wohnhaus der Eltern. Josefs Abenteuer und Ausreißversuche nehmen aber zum Glück oft ein gutes Ende: Mit zehn Jahren beeindruckt ihnein Plakat, mit der Ankündigung, dass dreißig Kilometer entfernt vom Elternhaus ein Flugtag der Segelflieger stattfindet. Diese Gelegenheit lässt sich Josef nicht entgehen, denn Flugzeuge interessieren ihn schon lange.Das Taschengeld reicht gerade aus für die Fahrkarte, und schon sitzt er im letzten Auto, das an diesem Tag noch Teilnehmer zum Fest befördert. Der abschließende Fußweg durch einen Wald wird für Josef aber zu einer harten Geduldsprobe. Nur gelegentlich kann er auf einer Lichtung durch die Bäume eines seiner geliebten Segelflugzeuge sehen. Auf dem Flugplatz endlich angekommen, ist aber die Veranstaltung leider schon beendet .Als letzte Verlockung bleibt ihm nur noch eine Wurstbude übrig. Der Hausfotograf der Familie, ein begeisterter Segelflieger, erkennt zum Glück den hungrigen Ausreißer, spendiert ihm die ersehnte Bratwurst und bringt ihn zu Josefs Mutter zurück, die schon eine polizeiliche Suchaktion eingeleitet hatte. Bei einem anderen Abenteuer steht ein Pferdefuhrwerk mit zwei Pritschenwagen vor einem Lokal, in dem sich der Kutscher ein Bier genehmigt. Es ist für Josef sehr verlockend, einmal selbst Kutscher zu sein: Kurz entschlossen steigt e auf den ersten Wagen, nimmt Zügel und Peitsche in die Hand, und o Schreck, die Pferde ziehens ofort kräftig an, sprengen die verkehrsreiche Straße hinunter durch eine Unterführung, und kommen erst wieder zur Ruhe, als ein steiler Weg zu ihrer Stallung hinauf führt. Es gelingt Josef jedochin letzter Minute abzuspringen. Bis zum heutigen Tag ist ihm aber nicht bekannt, wie diese Geschichte endete. Jeder geglückte Ausgang eines Abenteuers, ermutigte ihn jedoch immer mehr, auf ähnliche Weise Erfahrungen zu sammeln. Josef ist, wie wir sehen, durch seine Kindheitserlebnisse bestens auf das in der Schule benötigte gedankliche Lernen und die zu bewältigenden Aufgaben vorbereitet: Er entwickelt in den folgenden Jahren im Kontakt mit den Eltern, Geschwistern, anderen Jugendlichen und den Lehrern, stetig seine Fähigkeit zu sprechen und zu denken. Zeitweise verweilt Josef aber auch allein und zufrieden im Spiel mit Gegenständen, entlockt einer Flöte erste Töne oder versucht mit den Buntstiften seine kleine Welt zu gestalten. Mit den nach der Schulzei beginnenden Studien, der Aufgabe als Eltern und Erzieher der Kinder, den Anforderungen im beruflichen Umfeld und durch die sozialen Verpflichtungen, engt sich sein kreativer Spielraum jedoch wieder ein. Josef bewahrte sich aber dennoch immer die Erinnerung an den Freiraum der Kindheit und die Hoffnung, in Zukunft auch wieder einmal genügend Zeit und Muße zu haben, um den eigenen Gedanken und Neigungen folgend, seine Ideen und Pläne verwirklichen zu können.

Der vierzigste Geburtstag stimmte Josef aber sehr nachdenklich. Mit betroffener Miene rechnet er seiner Frau vor,  dass er, vorausgesetzt achtzig Jahre alt zu werden, nun schon die Mitte seines Lebens erreicht habe. Wenn wir, liebe Leser, aber Josef zu diesem Zeitpunkt in unserer Geschichte begegnen, dann ist er auch dank seiner vielen sportlichen Aktivitäten bislang gesund geblieben.Bei mittlerer Größe und schlank, tritt er uns mit kurz geschnittenen dunkelblonden Haaren, freundlich lächelnd, in modisch legerer Kleidung entgegen:  An einem schönen Sommertag folgt er der Einladung eines Ehepaares zu einem Modellflugtag. Auf demweiten Flugfeld angekommen, mischt er sich mit der Familie unter die vielen Besucher. Sie bewundern begeistert das Starten, Fliegen und Landen der verschiedenen Modellflugzeuge. Das größte Modell, ein Doppeldecker, fesselt ihre Aufmerksamkeit besonders. Ein Mann in Fliegerjacke ist gerade dabei, seine Maschine startklar zu machen. Als er sie wieder sicher landete kommt es zu einem Gespräch. Der Mann bietet dem Ehepaarim Schatten seines Transportwagens eine Tasse Kaffee an und schwärmt auf deren Nachfragen von seinem Hobby, den Flugzeugen, die er selbst baut. Wöchentlich trifft sich der Mann einmal mit befreundeten Modellbauern, die hier auch am Flugtag teilnehmen. Es erfordert, wie man hier sehen kann, viel Geschick, Modellflugzeuge zu bauen, zu starten, damit zu fliegen, und dann wieder sicher zu landen. Da der Mann aus Zeitgründen nicht in der Lage ist, alle Fragen zu beantworten, lädt er das Ehepaar zu einem Besuch in seiner Wohnung ein. Er übergibt seine Karte, und sie vereinbaren einen Besuchstermin. Sie freuen sich auf  ein anregendes Gespräch mit dem Flugzeugbauer, die Chance ihn näher kennen zu lernen, und ihm beim Arbeiten zusehen zu können.

Nun darf ich Ihnen liebe Leser verraten, dass ich Ihnen im Modellbauer eine mir
selbst länger unbekannte Leidenschaft meines Bruders Peter vorgestellt habe. Er führte uns nach einer freundlichen Begrüßung in seine geräumige, mit vielen Maschinen und griffbereit lagernden Werkzeugen gefüllte Werkstatt. Peter zeigte uns stolz, die verschiedenen, von ihm gebauten Modellflugzeuge. Zu unserer Überraschung, ist Peter aber nicht nur ein geschickter Modellbauer, sondern auch ein begabter Handwerker, der mit Kreativität und Erfindungsgabe neue technische Geräte entwickelt. Die Freude über unser Interesse an seiner Arbei tist Peter anzusehen, als er, den Oberkörper leicht nach vorn gebeugt, in sich hinein lächelnd beginnt, wie mühelos an einem Werkstück zu arbeiten. Hinter ihm stehend verfolgen wir staunend, wie unter seinen geschickten Händen ein elektronisch gesteuertes Gerät entsteht, das im Auto, Flugzeug oder auch alltagstauglich im Haushalt zu gebrauchen ist. Peter erzählt begeistert, dass er außer seinem Modellbau permanent mit neuen Erfindungen beschäftigt ist  Wann immer er mit wachen Sinnen bemerkt, dass etwas verbessert werden kann, reizt es ihn sehr, über eine geeignete Lösung nachzudenken. Der Ideenreichtum und die Arbeit Peters als Erfinder, beeindrucken uns  sehr. Wird hierdurch doch wieder deutlich, in wie vielfältiger Form wir alle im Alltag, die Handwerkskunst nutzen, ohne uns dessen oft bewusst zu sein. Erinnerungen an Besuche von Museen, in denen wir die Kunst von Handwerkern und Künstlern zur Herstellungvon Möbeln mit Intarsien, Tafelgeschirr, Skulpturen und Gemälden bewunderten, wurden wider in uns wach. . Dass wir bei Peter zu Gast sein durften, der als Modellbauer und Erfinder  ein Künstler ist, erfüllte uns mit Stolz. Wie uns  aus Seiner Lebensgeschichte bekannt ist, entwickelte sich auch seine Erfindungsgabe und Kreativität kontinuierlich von Kindheit an zur Lust und zum Mut, eigene Ideen in technischen Erfindungen zu verwirklichen.

Abschließend möchte ich Ihnen, liebe Leser, aber doch gestehen, dass es mich reizte, in den literarischen Gestalten des „Josef“ eigene Interessen und  im „Peter“ an meinen leider zu früh verstorbenen Bruder Peter zu erinner, während ich in der  Einleitung zu dieser Geschichte, auch unsere Enkel vor Augen hatte, die wir gerade noch eine Woche in Hamburg erleben durften. Peter“ hatte übrigens bei einem unserer letzten Besuch noch eine zündende Idee: Er schenkte uns ein Fotomontage, in der er mich so in sein größtes Flugzeug setzte, als ob ich die Maschine fliegen würde. Unserem Peter versichere ich, dass ich den von ihm erbauten Doppeldecker mit dieser Geschichte an seiner Stelle weiter fliege und hoffe,bei unseren Lesern damit auch gut  und sicher zu landen. In meiner Geschichte über Josef und Peter habe ich aber sicher nicht alles erzählt, was uns ´über dessen Tod hinaus mit einander verbindet  Wir hoffen, dass Sie, liebe Leser, wie Peter und Josef Ihr kreatives Potentia auch  entfalten  oder dort, wo es Ihnen als schöpferische und  handwerkliche Kunst begegnet, respektieren können.

Franz Schwald
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