Der Roboter – ein Märchen

John, ein Elitesoldat, hatte eine sehr lange und harte Ausbildung hinter sich. Er gehörte zu einer global agierenden Einheit, die sehr gefährliche Einsätze ausführte. Als Einzelkämpfer oder in Gruppen, standen diese Männer, mit modernsten Waffen ausgerüstet, Tag und Nacht bereit, Leib und Leben zu wagen, um die Ihnen befohlenen Aufgaben zu erfüllen. John war stolz, zu dieser Elite zu gehören.

Bei einem Nachteinsatz wurde er schwer verwundet, und befand sich  seit Monaten an einem geheim gehaltenen Ort in einem klinischen Zentrum zur Behandlung. Dort versorgten speziell ausgebildete Ärzte und Therapeuten mit neuesten, aus der Roboterforschung bekannten medizinischen Geräten, die Verletzten.

Da bei John Arme, Beine und der Oberkörper betroffen waren, erhielt er modernste Prothesen. Ein über Monate andauernder, belastender Heilungsprozess, war nötig, um sich an diese Hilfen zu gewöhnen. Trotz der auftretenden Schmerzen und Verstimmungen, blieb aber Johns ausgeprägter Lebenswille ungebrochen. Wie hätte er auch ohne diese Prothesen und die Hilfe anderer Menschen überleben sollen? Immer wieder sammelte er daher seine Kräfte, wie einst bei der Ausbildung, um den Heilungsprozess zu unterstützen.

Soeben betritt Schwester Hilde, wie so oft gut gelaunt, Johns Zimmer; ordnet die Blumen in der Vase, lüftet den Raum, misst Blutdruck und Temperatur des Patienten, und erkundigt sich freundlich nach seinem Befinden.  Wenn sie in seiner Nähe ist, fühlt er sich in guten Händen. Ja, er schätzt die junge, hübsche Schwester, deren Gegenwart trübe Gedanken verscheucht. Im Gespräch mit ihr, vermag er sogar zu scherzen, als sei er seiner Sorgen enthoben. So schwärmt er heute davon, dass er ein guter Tänzer sei, und sich schon darauf freue, wenn die Heilung weiter fortschreite, die Schwester bald zu einem Tänzchen auffordern zu können. Schwester Hilde lächelt John vielsagend zu und entgegnet leicht errötend: „Vielen Dank für ihr Angebot. Es wird aber sicher noch eine Weile dauern, bis sie wieder tanzen können.“ Sie bewundert diesen Mann, der sich von seinem Missgeschick nicht erdrücken lässt, und findet ihn sympathisch. John, der dies bemerkt, entgegnet: „Wenn ich sie so vor mir sehe, fällt es mir schwer, die Klinik bald zu verlassen, denn sie tragen sehr zu meinem Wohlbefinden bei.“ Die Schwester antwortet lachend: „Herr John, ich bin nur ein Teil des therapeutischen Teams“. „Unter den Menschen, die sich hier um mich kümmern, sind sie, Schwester Hilde, für mich aber schon ein besonderer Teil des Teams, entgegnet John.“  Mit der Frage „soll das etwa ein Kompliment für mich sein“, verlässt die Schwester, ohne die Antwort abzuwarten, rasch den Raum. Ja, das stimmt, denkt John schmunzelnd, als sie das Zimmer verlässt;  mit ihr zu tanzen, das könnte schön sein.

Heute ist große Visite: Der Chefarzt und seine Mitarbeiter betreten das Zimmer. Er reicht John freundlich die Hand und sagt: „Die bisherige medizinische Behandlung und die Physiotherapie zeigen bei Ihnen eine erfreuliche Wirkung. Wenn Sie in den nächsten Wochen wie bisher den Heilungsprozess unterstützen, können wir bei Ihnen schon bald mit einem gezielten Belastungstraining beginnen, bemerkt der Chefarzt unter beifälligem Kopfnicken der Oberärzte.“ „Auf die Gelegenheit der meine Kraft wieder erproben zu können, freue ich mich. Mit den Prothesen komme ich mir aber zurzeit noch wie ein wandelnder Roboter vor,  bemerkt John lachend.“ „Es scheint, als hätten Sie Wind bekommen von den Vorbereitungen, die zurzeit in unserer Klinik im Gange sind, entgegnet der Chefarzt,  und fährt fort: In einigen Wochen findet wieder unser jährliches großes Turnier statt. Genesene Patienten zeigen dann mit sportlichen und gymnastischen Übungen, ihre wieder erworbene Beweglichkeit. Ein von uns ausgewählter Patient tritt dabei, gegen einen Roboter an, um seine Kraft und Geschicklichkeit zu demonstrieren. Wenn Sie sich weiter Mühe geben, sind Sie dabei!“  John richtet sich ein wenig im Bett auf und entgegnet ermutigt: „ Auf mich können Sie sich verlassen!“

Die Wochen aufregender Vorbereitungen auf das Turnier, sind wie im Fluge vergangen. Heute findet es auf dem festlich geschmückten Sportplatz des Klinikgeländes statt. Einige geladene Gäste, Ärzte und Therapeuten, sitzen an diesem schönen Sommertag auf einer besonderen  Ehrentribüne und die  Patienten stehen erwartungsvoll rund um den Turnierplatz. Militärmusiker in schicken Uniformen, ziehen soeben mit klingendem Spiel ein, stellen sich auf und unterhalten die Besucher mit Marschmusik. Einige Patienten in Sportkleidung sind eifrig dabei, sich mit Lockerungsübungen auf ihren Auftritt vorzubereiten. Nach einem letzten, schneidigen Marsch der Kapelle, begibt sich der Chefarzt ans Mikrophon, und eröffnet unter kräftigem Beifall aller Anwesenden, das diesjährige Turnier.

Nach den sportlichen und gymnastischen Übungen der einzelnen Gruppen, wird als Höhepunkt der Veranstaltung, der Kampf mit einem Roboter angesagt: John hatte Wort gehalten, und sein Leistungs- und Reaktionsvermögen so gebessert, dass ihn die Klinikleitung zum Kampf mit dem Roboter auswählte. Nun wärmt er sich vor seinem Kampf noch an verschiedenen Geräten im Fitnesscenter auf. Als er danach in Sportkleidung den Turnierplatz betritt, empfängt ihn unter lebhaftem Beifall der Gäste ein kräftiger Tusch des Orchesters. Trotz seiner Anspannung, entgeht John aber nicht, dass Schwester Hilde nach vorn drängt, ihm zuwinkt und aufgeregt applaudiert.

Der Chefarzt tritt noch einmal ans Mikrophon und wünschte John, der sichtlich bemüht ist, seine Angst zu kontrollieren, Mut und Glück zum Kampf mit dem Roboter. Da geht ein Raunen durch die Reihen der Gäste und John bemerkt, wie ihm die Knie zittern, als sein massiger Gegner leicht wankend auf den Turnierplatz rollt und sich ihm gegenüber aufstellt. In diesem Augenblick kommt sich John, wie David vor Goliath vor. Der Kolos ihm gegenüber, hatte kaum Ähnlichkeit mit einem Menschen. Erschreckend plump wirkte sein in der Sonne glänzender Metallkörper. Mit seelenlosen Augen, weit geöffnetem Maul und ausgebreiteten Fangarmen blickte ihn der Roboter an. Was konnte John gegen diesen Moloch unternehmen?  Als erfahrener Elitesoldat konnte er sofort erkennen, dass er dem Riesen unterlegen war. Wenn er diesen Fangarmen zu nahe kam, hatte er mit Sicherheit keine Chance. Da ertönt auch schon das Kommando des Chefarztes aus dem Lautsprecher: „fertig, los!“

Langsam wankte der massige Kolos, sein Maul abwechselnd öffnend und schließend, mit seinen Greifarmen weit ausholend, auf John zu. Doch einige Male konnte er  den wütend nach ihm greifenden Armen in letzter Sekunde entkommen, mit raschen Bewegungen ausweichend hinter den Roboter gelangen, und dessen elektronische Steuerung  kappen. Wie vom Blitz getroffen fielen dessen Fangarme herunter und der Roboter blieb starr und bewegungslos vor John stehen. Ein Riesenbeifall und ein kräftiger Tusch der Militärmusik belohnt dieses Husarenstück. Jetzt erst begriff auch John, dass er soeben eine große Gefahr überstanden hatte und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Der Chefarzt gratulierte John, erklärte ihn feierlich zum Sieger, und Schwester Hilde überreicht ihm freudestrahlend einen Blumenstrauß. Mit erhobenen Händen, überglücklich den Blumenstrauß schwenkend, dankte John allen unter lang anhaltendem Beifall. Hatte er doch soeben nicht nur einen an roher Kraft überlegenen Gegner ausgeschaltet, sondern auch erfahren, dass er sich auf sein Selbstvertrauen und die Hilfen anderer verlassen konnte.

Man hörte davon, dass sich John einige Monate später, mit Schwester Hilde verlobte, und Beide nach weiteren zwei Jahren heirateten. Unter Gottes gnädiger Obhut lebte das Paar noch viele Jahre glücklich und zufrieden zusammen. Der Kindersegen blieb nicht aus. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute und tanzen sogar ab und zu miteinander.

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Franz Schwald

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