Vertrauen

Heute ist ein Tag im Mai, so schön, wie vom Himmel gefallen. In den letzten Wochen spendete der April reichlich Regen und Sonnenschein. Auch in diesem Jahr begeisterte uns, wie seit Menschen Gedenken, die aus dem Winterschlaf erwachende Natur, die in wenigen Tagen ihre ganze Pracht entfaltete: Wie durch Zauberhand berührt, verwandelten sich farblose Märzwiesen in ein lang entbehrtes, angenehmes Grün. Von der Sonne hervorgelockt, erwachte ein Meer bunter Blumen auf Wiesen und Feldern zu neuem Leben; auch Büsche und Bäume zeigten sich in neuen, schmucken Blütenkleidern. Nun strahlte „die Alte“, wie Erichs Großmutter sie nannte, zufrieden auf ihr Werk herab.

Erich und dessen Frau hält es nicht mehr zu Hause. Es drängt sie, unternehmungslustig den Mai zu grüßen. Gemeinsam fahren sie zu einer Veranstaltung in die nahe gelegene Stadt. Mit offenen Sinnen genießen sie dabei die voll erblühte Natur, die sich vor ihren Augen in Frühjahrsstimmung schwelgend darbietet. Heute sind sie gut in der Zeit, suchen als Erste ihre Plätze aus, und freuen sich, unter den Besuchern im Saal, einige Freunde zu entdecken. Pünktlich, beim letzten Glockenschlag, tritt der Referent an das Lesepult, hält kurz inne, und beginnt dann mit seinem Vortrag. Die  zahlreichen Besucher, die den Saal füllen, lassen auf ein reges Interesse am Thema schließen, und scheinen gespannt darauf zu warten, was der Referent zur Bedeutung der Spiritualität in unserer Gesellschaft zu sagen hat. Der komplexen Aufgabe entsprechend, geht er in seinem umfassend angelegten, gut strukturierten Vortrag, so auf die unterschiedlichen spirituellen Praktiken ein, dass die spezifisch christliche Spiritualität, wie bei einer Schiffsladung, als ein Container unter vielen anderen zu erkennen ist. Die vielen Angebote und Zielgruppen spiritueller Praxis, sind aber, wie das Geschenk des Frühlings, kaum zu fassen; nur eine Hörerin meldete sich zu Wort.

Erich bemüht sich während des Vortrags um Nähe zu seiner Frau und sagt mit gedämpfter Stimme: „Mir ist soeben beim Vortrag das Stichwort „Vertrauen“ eingefallen, und es lässt mich nicht mehr los. Ich möchte mich aber heute nicht an der Diskussion beteiligen, damit andere Anwesende  auch ihre Fragen stellen können, und ich ihnen nicht durch meinen Beitrag das Wort entziehe. Ich möchte aber unbedingt nach dem Vortrag kurz mit dem Referenten sprechen, der soeben mit Verweis auf Martin Buber, die Bedeutung des Dialogs betonte.“ Erich wartet einen günstigen Augenblick ab, und wendet sich dann an den Referenten mit den Worten: „Während Ihres Vortrages ist mir das „Stichwort Vertrauen“ eingefallen.  Seither lässt es mich nicht mehr los, und ich frage mich warum?“ Sie sind sich rasch einig, dass „Vertrauen“ als Voraussetzung  unbedingt zu jedem gelingenden Dialog gehört. Danach aber spürt Erich umso mehr den Wunsch, weiter über die Funktion des Vertrauens nachzudenken. Zum Glück entdeckt er in diesem Augenblick im Saal seinen Freund Peter, den er seiner Kompetenz wegen als Gesprächspartner schätzt. Kurz entschlossen spricht er ihn an: „Peter, der Vortrag hat in mir die Frage nach der Funktion des Vertrauens beim Dialog ausgelöst. Hast du Lust, bei einem Glas Wein bei uns nach dem Vortrag darüber nachzudenken?“ Peter lässt sich nicht zweimal bitten, und nimmt die Einladung gern an.

Erich und dessen Familie führen ein offenes Haus. Sie sind immer auf überraschenden Besuch eingestellt. Dort angekommen, machen sie es sich in den im Wohnzimmer bereitstehenden Sesseln, bequem. Peter gefällt die in einer Mischung aus Biedermeier, antiken und modernen Möbeln gehaltene Einrichtung. Ruhig und unauffällig hantiert die Hausfrau. Eine frische Tischdecke mit Leuchter und Kerze, Kleinigkeiten zum Knabbern und eine Flasche Rotwein aus der Region tragen zu einer behaglichen Atmosphäre bei.  Peter stimmt der Anregung zu, sich nach  dem Vortrag einige Minuten zu sammeln.

So bietet sich ihm die Möglichkeit, in Ruhe die Einrichtung der Wohnung anzuschauen: Sein Blick betaste den Flügel, wandert zu den beidseits der Eingangstüre eingebauten weißen Bücherwänden, und ruht eine Weile auf Kreuz, Marienbild und der Ikone über dem Fernseher. Peter lehnt sich dabei geruhsam in seinen Sessel zurück und wendet sich nun interessiert den beiden modernen Bildern eines russischen Künstlers zu. Es herrscht Stille. Nur das Ticken der Wanduhr im Esszimmer ist zu hören. Peter scheint sich als Gast wohl zu fühlen.

Nach einer Weile eröffnet Erich das Gespräch mit den Worten: „Peter, wir freuen uns sehr, dass Du hier bist und Interesse hast, mit uns nach dem Vortrag, über die Bedeutung des „Vertrauens“ im Dialog weiter nachzudenken.“ Dann fährt er fort: „Wenn ich die Nachrichten über Personen unserer Zeit, deren Beziehungen, unsere Gesellschaft, und die aktuelle Politik im In- und Ausland, auf mich wirken lasse, dann sind bezüglich des Wahrheitsgehaltes derartiger Meldungen, erhebliche Zweifel angebracht. Wer kann schon immer glauben, was er hört und sieht. Trägt aber dieser Zweifel nicht mit dazu bei, dass das zu einem befriedigenden Dialog unbedingt nötige Vertrauen in unserer Gesellschaft schwindet und wir anstelle dessen, immer häufiger nur kritischen Nachfragen zu allen möglichen Themen unseres Alltags  begegnen? Die Frage stellt sich daher dringend, ob berechtigte Kritik im Dialog ausreicht, oder ob, und in welchen Kontexten unseres Daseins,  gegenseitiges Vertrauen unabdingbar ist?“

Peter räuspert sich daraufhin nachdenklich und antwortet: „Wir haben doch soeben einen vorzüglichen, gut strukturierten Vortrag gehört, und dennoch hatte eine Frau, die sich zu Wort meldete, nicht verstanden, was erforderlich ist, um aus christlicher Sicht einen Dialog mit anderen Formen der Spiritualität zu führen?“ Dazu bemerkt Erich: Genau diese Frage bewegt mich aber in noch umfassenderem Sinne. Ich frage mich nämlich, ob Vertrauen, in unserem gesamten menschlichen und religiösen Leben von Bedeutung ist, um einen beidseits befriedigenden Dialog zu führen? Lass uns aber hier kurz innehalten, von den offerierten Kleinigkeiten zum Knabbern kosten und auf das Wohl der Gastgeberin und unser Wohl anstoßen: In diesem Sinne, Prosit!“

Nach einigen Minuten ergreift Erich erneut das Wort: „Ich beginne zu ahnen, warum mir das „Stichwort Vertrauen“ so sehr zusetzt. Es scheint ja, als ob uns, ohne dessen immer bewusst zu sein, ein unbedingtes Vertrauen bei all unserem Handeln und Erleben begleitet? Ein Vertrauen in das eigene Denken, Fühlen und Urteilen, wie ebenso in das unserer Gesprächspartner. Erst, wenn bedingt durch gegenseitiges Vertrauen ein schonender Umgang mit der Offenheit zu erwarten ist, kann sich Kritik und Respekt im angstfreien Dialog mit anderen Menschen in Gesellschaft und Politik entfalten. Darauf antwortet Peter: „Genau das könnte der Grund sein, dass wir es in Kontakten manchmal wagen, Sachverhalte anzusprechen, die sonst verborgen bleiben?

Erich antwortet nachdenklich nach Worten ringend: „Ich glaube wir sind in unserem Gespräch auf einer richtigen Spur. Peter, Du bringst mich auf die Ausgangsfrage nach der Funktion des Vertrauens in unserem Leben zurück: Wir Menschen sind von Geburt an auf umsorgende Beziehungspersonen angewiesen, um ein Urvertrauen in den lebensnotwendigen Sinn des Daseins und darüber hinaus in ein das gesamte Lebens begleitendes Gottvertrauen zu entwickeln. Hier stoßen wir an die Sinnfrage im Ganzen, eine vertrauend offenen Haltung, die als Grundlage von Glauben, Hoffen und Lieben, alles Sichtbare und Unsichtbare unserer Existenz, selbst über den Tod hinaus als ein Geschenk begreift. Gönnen wir uns aber an dieser Stelle wieder einige Minuten, damit uns das Nachdenken nicht überfordert. Übrigens, wir genießen heute einen „Lemberger“ aus der Region, Prosit!“

Nach längerem Schweigen sagt Peter: „ Ich war jetzt alles andere, als abwesend, denn es sind mir viele Ereignisse eingefallen, in denen beim Handeln, Urteilen und Entscheiden im Alltag, bewusst oder unbewusst Vertrauen im Spiel war. Ich kann mir beispielsweise nicht vorstellen, dass ich ohne gegenseitiges Vertrauen auch in den Segen Gottes, mit meiner Frau, die leider nicht anwesend ist, so viele Jahre all die guten und schlechten Zeiten geteilt hätte. Das gilt aber auch für alle anderen Beziehungen, wenn sie gelingen sollen.“ Erich antwortet spontan: „Deine Einsicht in die Bedeutung des Vertrauens gilt auch für die Dialoge im gesellschaftlichen und politischen Raum. Ohne Vertrauen und Respekt, allein auf Macht, Kritik und Kontrolle gestützt, scheinen auch die nationalen und internationalen Beziehungen gesellschaftlicher oder politischer Partner nicht zu funktionieren“. Hierauf antwortet Peter: „Wir sollten daher, die in unserer Zeit vielfältig ausgeübte Kritik in Medien, Gesellschaft und Politik, in ihrer Wirkung, gegenseitig  erforderliches  Vertrauen zu zerstören, nicht unterschätzen.“

Erich ergänzt direkt: „Ich denke in diesem Zusammenhang besonders an respektlose, unangemessene Kritik gegenüber Ärzten, Juristen, Theologen, Wissenschaftlern und in der Öffentlichkeit bekannter Personen. „Es könnte sich andererseits aber auch  lohnen, darüber nachzudenken, welches blinde Vertrauen wir in das reibungslose Funktionieren der uns verfügbaren Techniken setzen. Wenn wir zum Beispiel ein Flugzeug benutzen oder mit dem Auto unterwegs sind, dann vertrauen wir auch den Fähigkeiten der Konstrukteure und Technikern, die diese Geräte entwickelten und warten. Dies gilt ebenso für alle Bautechniken, Maschinen und Geräte in allen Lebensbereichen, der Verwaltung, Medizin, Forschung und Datenverarbeitung. Sobald aber ein Ausfall oder  Schaden entsteht, sind wir rasch dabei, nach den Schuldigen zu suchen. Gegebenenfalls bestehen wir dann auf unserem einklagbaren Recht zum Schadensersatz. Tief durchatmend fügt Erich hinzu: „Mir ist nach einer Pause zumute, denn ich bemerke immer mehr wie umfassend, die Funktion des Vertrauens uns auch im Alltag betrifft. Scheint es doch, als ob wir davon ausgehen sollten, dass uns ein Grundvertrauen, bewusst oder unbewusst unser Leben lang über viele Untiefen hinweg trägt. Es könnte einem schwindelig werden!“

Erich schaut wie abwesend, im Raum umher, als könne er sich im Betrachten der ihm vertrauten Gegenstände, ein wenig Halt verschaffen. Peter spricht nachdenklich dem „Lemberger“ zu und knabbert Salzstangen. Einige Minuten ist nur das Ticken der Wanduhr zu vernehmen. Dann räuspert sich Erich und sagt: „Die Frage des Vertrauens in seinen unterscheidbaren Formen hat mich fest im Griff Wir sprachen schon vom Urvertrauen, das im frühen Stadium menschlicher Entwicklung nötig ist, damit ein Kind durch eine Halt und Sicherheit gebenden Person lernt, sich anzuvertrauen. Danach modifizieren wir durch vielfältige Erfahrungen aus gelingenden Dialogen, während des ganzen Lebens unser Urvertrauen so, dass wir in der Lage sind, uns gegenseitig Vertrauensvorschuss einräumen, um mit einander angstfrei reden, und uns vor Übergriffen schützen zu können.

Peter, richtet sich auf und wagt die Frage: „Ist womöglich im religiösen Leben der Menschen, ein noch fundamentalerer Austausch aktiven und passiven Vertrauens gegeben; ein das ganze Leben begleitender und begründender Prozess, in dem das einmal im Urvertrauen erfahrene Geschehen der Sicherheit und Geborgenheit, in dankbarer Weise modifiziert, in der Natur, Kultur und Religion der Menschen, als Gottesgeschenk zu erleben ist? Dass gläubige Christen darüber hinaus, im Vertrauen auf die Zusage Jesu, Erlösung und Freiheit als Gnade erfahren und darauf vertrauen können, dass der Schöpfer und Erhalter des Lebens seine Geschöpfe, uns Menschen den gesamten Kosmos nicht dem Tode überlässt, sondern in ein gelingendes, künftiges Geschehen einbeziehen wird? Jetzt wird mir vor Freude schwindelig, entgegnet Erich: „Denn nun beginne ich zu begreifen, warum mich das Stichwort „Vertrauen“ in Reaktion auf den Vortrag über die Spiritualität nicht mehr los ließ. Vertrauen ist, so verstanden, für uns Christen ein am Anfang des menschlichen Lebens beginnendes, ein über den Tod hinaus, das ganze Sein tragendes Geschehen.

Erich schließt beeindruckt mit den Worten: „ Lieber Peter, am Ende des heutigen Gesprächs, möchte ich vor dem Kreuz, der Gottesmutter und Ikone hier, alle Menschen in den Dialog einschließend für die vielen bewusst und unbewusst erfahrenen Gaben und Geschenke des Vertrauens, das uns von Angst befreit, zu Kindern Gottes macht, danken. Gott der Herr behüte Dich und Deine Familie. Ich wünsche Dir eine gute Heimreise und uns, dass wir das fruchtbare gemeinsame Nachdenken über die Funktion und Bedeutung des Vertrauens in bleibender  Erinnerung behalten!

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Franz Schwald

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