Herbstlied

Nebel hüllt das Land

in ein herbstlich G`wand

Blätter trudeln von den Bäumen

Melodien in den Träumen

und nach einem letzten Tanz

in festlich gold`nem Glanz

hängt das bunte Sommerkleid

im Schrank der Zeit

Einheit und Vielfalt

 

Vor zwei Jahren habe ich mich nach einem erfüllten Berufsleben in den Ruhestand begeben. In der Ruhe und Stille meiner darauf folgenden Tagesabläufe  stellten sich mir vor allem zwei wesentliche Aufgaben. Zum einen in der Begegnung mit einem Universum innerer Erfahrungen und Möglichkeiten, die mir jeweils  wichtigen Interessen und Bedürfnisse auszuwählen. Gleichzeitig im  Blick auf reale Grenzen von Zeit und Gesundheit, aus der Vielfalt äußerer Optionen die wünschenswerten Beziehungen zu Menschen, Natur, Politik, Wissenschaft und Religion neu zu defnieren.

Die Vielfalt und Komplexität des frei gewordenen  Handlungsspielraums faszinierten und weckten zugleich Ängste. In diesem Essay versuche ich, die Tendenz, in der Vielfalt innerer und äußerer Phänomene eine  Einheit zu wahren, als einen unbedingten inneren Anspruch auszuweisen. Der Vernunft den ihr traditionell gebührenden weiten Erkenntnisraum zu sichern, um in  einen offenen Dialog mit allen Bedingungen des Daseins treten zu können.

Den Blick auf die Lebensabläufe nicht nur rein naturwissenschaftlich zu verengen. Sich mit anderen Menschen über die komplexen existenziellen Bedingungen einer humanen Lebenspraxis zu verständigen. Seit ich selbständig zu denken vermag,  bewegt mich die Frage nach den Voraussetzungen und Zielen menschlicher Einheit und Vielfalt, des Handelns, und den Kräften, die unser bisheriges, gegenwär tiges und künftiges Leben bewegen. Unablässig frage ich mich nach meinem Standort und den Aufgaben der nächsten Jahre in diesem Prozess innerer und äußerer Veränderungen.

Wer bin ich eigentlich, welche Erfahrungen und Reaktionen bestimmen mein heutiges Verhalten und welche Handlungsweisen erweisen sich als sinnvoll, um an der Aufrechterhaltung eines menschenwürdigen Daseins mit zu arbeiten. Immer drängender stellt sich zum Beispiel die Frage, was der eigentliche  Grund sein könnte, dass ich mit zurückliegenden und  aktuellen Lebensereignissen in literarischer Form mt anderen Menschen in Kontakt trete. Ein inneres  Bedürfnis, dass in dieser Form im berufichen Alltag nicht befriedigt werden konnte.

Was veranlasst mich, das Schweigen zu brechen, bislang Unausgesprochenes  sprachlich festzulegen, um mich mit anderen Menschen über Sachverhalte auszutauschen, so wie ich es eben jetzt in der Form eines Essays versuche?  Obwohl ich davon ausgehe, dass andere Menschen, ob sie darüber reden oder nicht, ähnliche Erfahrungen machen, trete ich mit einer gewissen Befangenheit mit meinen  Erkenntnissen ins Licht der Wahrheit und in die öffentliche Diskussion.

Gleichzeitig frage ich mich, was Menschen in Wissenschaft, Forschung und Politik im Grunde antreibt, ständig neue und bessere Konzepte und Instrumente zur Daseinsbewältigung zu konstruieren und gesellschaftliche, kulturelle und  historische  Zusammenhänge besser zu verstehen?  Was drängt uns, nicht nur individuelle, sondern uns alle betreffende Zusammenhänge zu  betrachten und in einem wissenhaftlichen Diskurs offen zu legen?  Was hält den Prozess, die äußeren Daseinsbedingungen besser zu verstehen und Mittel zur Daseinbewältigung zu  erfnden in der  Grundlagenforschung Wirtschaft, Politik, in allen Bereichen der Natur- und Geisteswissenschaften in Kunst und Religion in Gang?

Welche  Bedeutung hat dies alles für unser Leben und die damit verbundenen Aufgaben? Was treibt mich und uns an, dieses komplexe Geschehen im Mikro- und  Makrokosmosbereich, das wir Menschen mit allen Lebewesen teilen, wenigstens partiell zu verstehen? Ich möchte nicht dem Trend erliegen, der weitgehend die  »exakten Wissenschaften« bestimmt und die Frage nach Ursache und Ziel dieses Prozesses im Ganzen als überfüssig ausblenden. Die Vernunft vermag in der Sicherheit einer langen Traditionskette von der Antike über das Mittelalter bis in unsere Zeit angesichts der Frage, warum gibt es dies und nicht nichts, nicht zu schweigen. Sie muss, ohne Letztbegründung nach Spuren im Dasein fahnden, die eine sinngebende, letztlich alles gewährende, tragende und erhaltende Kraft erhellen können, um die humanen Bedingungen menschlicher Existenz zu sichern. Solche Spuren  möchte ich in diesem Essay verfolgen.

Kehren wir an dieser Stelle zur Grundfrage zurück: Es scheint, wenn ich das richtig sehe, eine Kraft in uns selbst zu geben, die uns drängt, uns mit dem Geschick aller Menschen und den Ereignis von Einheit und Vielfalt unbedingt zu verbünden. Sie scheint alle Bereiche des individuellen und gesellschaftlichen Lebens in der gesamten historischen Dimension, selbst die unserem Bewusstsein partiell verschlossenen Lebenserfahrungen zu umfassen. Daseinsbedingungen, in denen wir uns  vorfnden, die wir mit anderen Menschen und Lebewesen teilen, die sich in einem steten Wandel befnden. Wir alle stehen auf den Schultern unserer Vorfahren und proftieren vom Wissen und den Erfahrungen von Menschen im Kontext der ganzen Geschichte. Selbst wenn wir die menschliche Geschichte der Komplexität wegen oder um Abhängigkeiten zu leugnen, aus unserem Bewusstsein verdrängten, blieben wir von den Wirkungen dieses Prozesses nicht verschont.

Lassen sich Spuren in unserer Erfahrung sichern, mit Hilfe derer der oben  beschriebene Prozess präziser bestimmt werden kann? Besteht eine Möglichkeit, näher zu bedenken, was mein und anderer Menschen Denken, Fühlen und Handeln antreibt, die inneren und äußeren Lebensräume und das Dasein im  Ganzen zu  sichten? Welche Methoden und Ausdrucksmittel sind geeignet, um als Menschen in dieser komplexen sich stets verändernden inneren und äußeren Welt unser  Dasein verantwortlich zu gestalten?

Im Hinblick auf die Mannigfaltigkeit der Phänomene erfahren wir immer wieder schmerzlich unsere Grenzen beim Versuch, unser Dasein in den fortwährenden Veränderungen zu begreifen. Woher kommt der fast übermenschliche Mut, der uns in Solidarität mit anderen Menschen verpfichtet, den Herausforderungen der Wrklichkeit auch angesichts von Leid und Katastrophen zu begegnen. Was drängt Literaten und Künstler dazu, dem Lebenskontext auf der Spur zu bleiben, um die Phänomene in angemessener Form ins Wort zu fassen. Was lässt uns immer wieder unsere Angst und Mutlosigkeit überwinden, um dieser überfordernden Vielgestaltigkeit der Lebenskontexte »auf menschenwürdige Weise«zu  begegnen?

Versuchen wir, uns in einer nächsten Überlegung dieser Antriebskraft, so weit es in den begrenzten Möglich keiten der Vernunft und Sprache möglich ist, ein wenig zu nähern: Da sich dies als ein schwieriges Unternehmen darstellt, zumal ich nicht einfach übernehmen will, was andere dachten und sagten, halte ich  Ausschau nach Weggefährten, die mich bei diesem Vorhaben ermutigen. Ich suche nicht nur den historischen Nachlass, in den Werken der Forschung, Literatur,  Kunst etc. sondern trete mit den  Menschen neben mir oder vor  mir in einen lebendigen Austausch, die sich ähnlich angetrieben wie wir heute, im geschichtlichen Prozess in den Dienst der guten Sache stellten.

Was von mir bedacht und ins Wort gebracht wird, sollte in einem offenen Dialog eben in der Form  dieses Essays vorgestellt und damit kritisch gesichtet und überprüft werden können. Es verbietet sich daher,  nur mir selbst einen Spiegel vorzuhalten, um  Erkenntnisse über Einheit und  Vielfalt,  mein eigenes Denken, Fühlen und Handeln zu gewinnen. Die eigenen Erfahrungen sollten vielmehr im Austausch  mit  anderen Menschen dazu dienen, Spuren zu sichern, um die Frage nach der Antriebskraft unseres Verstehens- und Erkenntnisprozesses wach zu halten. Wichtig  erscheint mir zu zeigen, auf welch vielfältige Weise ich mich mit anderen Menschen und Lebewesen in den sich wandelnden Daseinsbedingungen verbunden fühle. In einem nächsten Schritt gilt es nun, die Richtung der Antriebskräfte näher zu bestimmen:

Nach einer ersten phänomenologischen Analyse erweist sich das  Drängen, Lebenskontexte zu verstehen als eine Wirkmächtigkeit, die sich aus den Tiefen existenzieller Betroffenheit erhebt und sich in uns selbst bemerkbar  macht. In diesem ersten, ursprünglichen Sinne, ist sie einfach nicht weg zu denken. Sie wirkt offensichtlich in und durch uns, ob wir schlafen oder wachen. Gleichzeitig erscheint sie unserem inneren Blick wie aus unfassbaren Quellen ,gespeist. Das heißt, wir sind durch sie  angetrieben, ihrer selbst aber nicht mächtig.

Dieser Antrieb erscheint als eine unser Denken Fühlen und Handeln im Ganzen bestimmende Größe. Er begründet einen ständigen existenziellen Prozess des Dialoges mit den Mitmenschen und Daseinsbedingungen, der alles, was es gibt, vorantreibt. Er drängt uns unablässig, die ganze  Mannigfaltigkeit des Lebens so miteinander zu verbinden, dass nichts endgültig verloren gehen soll. Diese Kraft fordert nachdrücklich, dass wir uns nicht  nur mit einigen Details, sondern mit dem ganzen menschlichen und persönlichen Erleben befassen, die gesamte Erfahrung unserer selbst in einer liebenden Zuwendung gelten lassen. Ihr eignet insofern ein Drängen nach Wahrhaftigkeit. Wir sind es selbst. Alles was wir von uns und unserer Lebensgeschichte  überblicken, auch das was sich unserem Bewusstsein verschließt, gehört unbedingt zu uns.

Dieser Antrieb führt in einer ebenso beständigen Außenwendung dazu, uns denkend, handelnd, fühlend und  entscheidend, aktiv in die realen Lebens- und Erlebenskontexte einzubringen. Auch hier zeigt sich wieder das Bemühen,  die Vielgestaltigkeit gesellschaftlicher, wissenschaftlicher und politischer Phänomene im historischen Zusammenhang zu erfassen. Und auch hier stellt sich wider die Frage, was dieses Drängen, die Kontexte zu verstehen in Gang hält und was die Richtung dieses ganzen Prozesses bestimmt? Nicht zuletzt entsteht die  Frage, was uns Menschen zum verantwortungsvollen Engagement in diesem Gewirke veranlasst? Was ist aber diese bestimmende Größe, die danach drängt, das gesamte äußere Daseinsgeschehen in einer Einheit zusammen zu halten. Verdanken wir doch dieser Antriebskraft schließlich die Gewissheit, dass wir selbst es sind, die von ihr angestoßen, als Zentrum unseres eigenen Lebens und Wirkens einen Beitrag in diesem Spiel zu leisten.

Insofern bleiben wir in allen Abhängigkeiten die verantwortliche Mitte für unser Tun und  Streben. Niemand kann uns die Verantwortung abnehmen und unseren Platz einnehmen. Es scheint insofern geboten, eine von uns nicht geschaffene Kraft, die darauf drängt, alles, was es gibt, die Innen- und Außenerfahrungen bewegt, unbedingt zu respektieren. Selbst wenn wir versuchten, schmerzliche Erfahrungen der äußeren  Lebensbedingungen aus unserem Bewusstsein auszuschließen, sind wir dennoch  von allen Entwicklungen betroffen. Dies gilt im gesamten Dasein für alle biologischen, physiologischen und psychischen Bedingungen  unserer Existenz. Die Antriebskraft drängt uns auch mit den gesamten entwicklungs- und altersbedingten Veränderungen im menschlichen Leben in Kontakt zu treten, auch  den  Tod zu bejahen und uns mit der Frage des Sinnes menschlicher Existenz über den Tod hinaus zu befassen

Ich habe oben die Frage nach den Methoden und der angemessen Ausdrucksweise der angesprochenen Erlebnisbereiche gestellt. So sehr meine Vernunft die  Auseinandersetzung mit den naturwissenschaftlichen Befunden in ihrer Eigenständigkeit einfordert und unbedingt bejaht, so sehr wehrt sich dieselbe Vernunft  gegen ein Monopol der Naturwissenschaft zu Lasten anderer zur Begründung einer humanen Lebensführung angebotenen geisteswissenschaftlichen,  philosophischen  und theologischen Erklärungsmodelle. Alles, was ich bislang zu sagen versuchte, ist im  exakt messbaren Raum des Weltverständnisses entbehrlich. Darüber  denken viele Menschen nicht mehr nach. Was ginge uns aber verloren, wenn wir in den Familien, im Staat und in den internationalen Verflechtungen, die  Postulate verantwortlicher Humanität zerstörten? Ist die in vielfältiger Form oben besprochene Tendenz zur Einheit in der  Vielfalt, das aus unfassbaren  Quellen gespeiste Nachdenken nichts mehr wert? Verdrängen wir dadurch nicht eine wesentliche menschliche Fähigkeit, an der Frage nach dem Sinn und Ziel des menschlichen Daseins im Ganzen von Geburt bis zum Tod und darüber hinaus zu reifen?

Begründet die Frage nach den Ursachen und dem Ziel der  ganzen  Daseinsbewegung, die aus unfassbaren Quellen strömt, nicht endlich wahre Humanität, die jeglichem Hochmut eine  Grenze setzt und zulässt, dass wir nicht Herren des Daseins, sondern Diener der Liebe sind?. Iceh schließe meine Überlegungen mit einer theologischen Reflexion: In der auf das Ganze geöffneten katholischen Tradition, findet sich im Glauben an den dreifaltigen Gott ein Modell wahrer Einheit in der Vielfalt. Wir sprechen von der Verschiedenheit der Personen in der Einheit eines Wesens. Es gibt den Vater nicht ohne Sohn, den wir Herrn nennen, und den Vater und Sohn, nicht ohne den  Heiligen. Könnte das in diesem Essay beschriebene, aus unfassbaren Quellen gespeiste Drängen nach Einheit der Vielfalt unseres Daseins, uns an die Grenzen der Machbarkeit und an die Dankesschuld gegenüber dem ganzen Leben erinnern?

Tränen

Tropfen rinnen an den Scheiben,

ein goldner Engel tritt herein

Tränen aller Zeiten

dürfen nie verloren sein.

Ein Cherub neigt sich zu den Armen

bewegt von deren Freud und Schmerz

und aus liebevollem Herz

rinnt tröstendes Erbarmen.

Er hebt die Hand zum Siegeszeichen,

lädt zum großen Festmahl ein.

Wenn alle sich die Hände reichen,

will er selbst ihr Diener sein.

Wahrheit

Wahrheit sprengt die enge Brust,

ein fordernd Drängen,

hoher Liebe Leid und Lust

will sie benennen.

Flieg Sommervogel zu den Dingen

über Stock und Stein,

unter Deinen zarten Schwingen

mögen sie geborgen sein.

Dir hohe Frau, reich ich die Hand,

getreuer Liebe Unterpfand,

mein Glück im gold`nen Myrthenkranz,

Dich führe ich zum Hochzeitstanz.

In unendlichem Erbarmen

hält Gott seine Braut in Armen,

ER führt sie treulich durch den Raum,

dort darf sie den Himmel schau`n

und ab und zu auf Erden

ein wenig glücklich werden.

Frielig

Kinderschtimme, Vögelzwitschere,
fröhlich schaukle hin und her
und dezue, die wärmend Sunne,
Franzli sag, bruch´sch Du no mehr

Kasches höre, über d`Nacht
isch de Frielig hüt verwacht
Alles regt sie und bewegt si
grien und bunt es isch e Pracht

Sin gwueß wärli schöni Sache
Belzebueb gell s’ìsch zum Lache
Alli dini dunkle Zeiche
mien d`r Oschtersunne weiche.

Tanz

Das Schiff legt heut die Leinen los,

zur Fahrt in unbekannte Fernen,

mit allen Wesen, klein und groß,

Tieren, Sonne, Mond und Sternen.

Musik ertönt und Friedensglocken

zum erhab`nen Feste locken,

arme Reiche sich umarmen,

der Himmel sendet sein Erbarmen.

Geschmückt mit Bändern, Blütenkränzen

im königlichen Hochzeitskleid,

gebunden in der Liebe Grenzen,

tanzen wir durch unsere Zeit.

Dank

Wahrheit sprengt die enge Brust,

ein fordernd Drängen,

hoher Liebe Leid und Lust

will sie benennen.

Flieg Sommervogel zu den Dingen

über Stock und Stein,

unter Deinen zarten Schwingen

mögen sie geborgen sein.

Dir hohe Frau, reich ich die Hand,

getreuer Liebe Unterpfand,

mein Glück im gold`nen Myrthenkranz,

Dich führe ich zum Hochzeitstanz.

Wächter

Zu leben geboren,

als Wächter bestellt,

mit allem verwoben,

ins Wunder der Welt.

Von hehren Gewalten

sorgsam gehalten,

auf eigenen Füßen,

den Himmel zu grüßen.

Im Gehen zu fallen,

den Tod zu bestehn,

im Kleinsten von allem,

das Schöne zu sehen.

Feriengrüße

Heute besprachen wir beim Frühstück unsere bevorstehende Abreise am kommenden Freitag. Nur noch zwei Tage! Wie im Flug sind die erlebnisreichen beiden Wochen vergangen. Es fällt schwer, mich an den Gedanken zu gewöhnen, Sonne, Strand, Wellen und unser schönes Ferienhaus wieder zu verlassen. In der Absicht, etwas von diesen Tagen fest zu halten, kommt mir die Idee, unseren Freunden von den Erlebnissen in einer kleinen Geschichte zu erzählen.

Im vergangen Jahr bewohnten wir in S`Gravensande schon einmal ein Ferienhaus. Es bot uns allerdings mehr Schutz vor den hier, trotz Sonne, immer heftig wehenden Winden. Dieser Ferienpark ist nahezu ausgebucht. Viele Holländer nutzen die Schulferien, um sich an der See zu erholen. Uns direkt gegenüber haben “ständige Bewohner“ ihr Eigenheim liebevoll mit bunten Blumen und zahlreichen Büschen umgeben. Ein schwerer, weiß gestrichener Anker, auf dem eine Möwe im Flug thront, soll wohl andeuten, dass sie beabsichtigen, für längere Zeit anzudocken. Sicherheitshalber befestigten sie ihr Schmuckstück mit einer starken Kette an einem Holz-Polder. Wem könnte es aber schon in den Sinn kommen, sich an einem so schweren Schiffs-Anker zu vergreifen? Ich versuchte anfänglich, unsere Nachbarn, die oft auf der windgeschützten Seite ihrer Terrasse saßen, anzusprechen, spürte aber fast körperlich deren Abneigung, sich auf nur vorübergehend hier wohnende Gäste einzulassen. Bei den vielen, häufig wechselnden Feriengästen, die uns an die rasch vergehende Zeit erinnern, ist es sehr wohltuend, in den Holländern, die für längere Zeit „Anker geworfen“ haben, als Gegengewicht zur Veränderung, Stabilität zu spüren. Die hier „ansässigen Holländer“ bieten jedenfalls Gewähr, dass auch wir wieder Gefallen an „S`Gravensande finden können.

Viele Kinder bereichern mit ihren Spielen auf den Strassen unseren Ferienalltag: Sie fahren begeistert mit großen Kettcars herum. Hunde aller Rassen werden hier von ihren stolzen Besitzern ausgeführt. Bei genauerem Hinsehen, passen die großen oder kleinen Vierbeiner oft auffallend gut zu ihren Frauchen oder Herrchen. Hinter unserem Haus haben wir freien Blick auf einen kleinen Binnensee. Enten, Reiher und vor allem Möwen vergnügen sich dort im Flug. Sie möchten bewundert und gefüttert werden. Zur Nacht wiegen uns die quakenden Frösche mit einem ausdauernden, eintönigen Konzert in den Schlummer. Die um den See verteilten, schmucken Häuser spiegeln sich bei Tageslicht und nachts im Schein der Laternen im Wasser, als ob sie sich durch ihr reflektiertes Spiegelbild von ihrer Schönheit überzeugen wollten. Alles um uns, drückt Leben und Veränderung aus. Wir lassen uns auf diese Stimmung ein und genießen die vielen Eindrücke in vollen Zügen.

Gestern befanden wir uns wieder einmal auf einem längeren Spaziergang den Strand entlang, Richtung Hoek van Holland. Im Rücken eine kräftige Briese, über uns ein strahlend blauer, unendlich weit gedehnter Himmel. Hinter uns und vor uns, so weit das Auge reicht, die heranstürmenden Wogen, die sich schäumend überschlagen und in immer matterer Bewegung am Strand auslaufen. Ein nach ehernen Gesetzen geregelter Ablauf: Wie ein unruhig pochendes Herz der See, so kommt und geht das Wasser im steten Wellenschlag seit undenklichen Zeiten. Der weit gewölbte Horizont und die anstürmenden Wassermassen, lassen den Betrachter klein werden. Welch staunenswerte Kräfte bändigt die Natur in einem einzigartigen, großzügigen Spiel? Wie bedeutungslos erscheint demgegenüber das Bemühen der Menschen, wenigsten einen kleinen Teil dieser Reserven zu nutzen.

Unzählige, vielfarbige, bunt gestreifte Muscheln, ordnen sich beim Ausschreiten unter unseren Füßen zu Mosaiken. Sie wollen offensichtlich gesehen und gesammelt werden. Wir raten daher unserer Enkeltochter, die seit Beginn der Ferien bei uns wohnt, nach den schönsten Muscheln zu suchen. In unserer Ferienwohnung sind inzwischen einige der bestaunenswerten Fundstücke zur Dekoration auf einer Fensterbank ausgelegt. Gerade eben kommt die Enkelin wieder ins Haus zurück. Sie benötigt dringend altes Brot, um ein Entenpaar, das ganz zutraulich vor unserer Tür bettelt, zu füttern. Immer wieder läuft sie aus dem Haus, hin zu einer Freundin oder besteigt stolz ihr Einrad, um nach einer Weile wieder zurückzukehren und von ihren Erlebnissen zu berichten. Im Moment ist sie dabei, Steine, die sie zusammen mit ihrer Freundin sammelte, auf einem Stück Papier in Reihen aufzukleben. Sie ist eine sehr aufmerksame Beobachterin.

Auf unseren Wanderungen stellt sie uns unermüdlich neue Fragen. Warum sich alles so verhalte, wie wir es beobachten? Warum das Meer komme und wieder zurückfließe, woher die Muscheln am Strande kämen und vieles andere. Gelegentlich erinnert mich dieses fast philosophische Frage-Spiel an Parmenides, der lange vor unserer Zeit, sich und uns die Frage stellte, warum es überhaupt etwas gebe und nicht nichts? Zuweilen berührt unsere Enkeklin zu meiner Verwunderung auch religiöse Themen. So beschäftigt sie die Frage sehr, ob es Gott gebe, wie die Christen glaubten, oder ob es Gott nicht gebe? Manche Fragen bringen uns dazu, Antworten offen zu lassen und ihr Fragespiel durch unsere Fragen ergänzend zu vertiefen. Sie bringt mit ihren wachen Sinnen viel Farbe und Leben in unseren Ferienalltag. Mit großer Hartnäckigkeit hält sie vor allem an Liedern fest, die ihr besonders zusagen. Das alte Studenten-Liedchen „als die Römer frech geworden“ geistert unentwegt durch unseren Ferienalltag. Am Morgen, am Mittag, auf unseren Wanderungen oder im Auto ist das Liederbuch dabei und los geht es mit den „Römern, die frech geworden sind“.

Kehren wir aber nun wieder zurück zu unserer Wanderung am Strand: Wir kommen inzwischen Hoek van Holland immer näher. In der Ferne können wir schon deutlich die hochbeladenen Container-Schiffe sehen, die mit der Flut auslaufen. Wir werden sicher während unseres Urlaubs noch Gelegenheit finden, näher an Hoek van Holland heran zu wandern. Seit geraumer Zeit beobachte ich -so nebenbei- Küstenfischer in einem Motorboot. Sie haben beidseits Netze zum Fang ausgelegt und kreuzen bei der Suche nach den besten Fischgründe hin und her. Eine unzählige Schar kreischender Möwen, deren Schreie ab und zu vom Wind heran getragen werden, umkreist die Boote. Die mühselige Arbeit dieser Fischer lässt mich unwillkürlich daran denken, dass es vor langer Zeit ebenfalls Fischer waren, die sich eine ganze Nacht vergeblich um einen guten Fang bemühten und nichts fingen. Die dann erneut ihre Netze auswarfen, als der Herr sie dazu aufforderte, und eine so große Zahl Fische fingen, dass das Boot sie kaum bergen konnte. Für einen Moment steht mir auch die andere Szene deutlich vor Augen, wie Petrus, der den Herrn dreimal verleugnete, sich spontan das Obergewand umwirft, in den See stürzt und Jesus entgegen schwimmt als er den Auferstandenen erkennt. Die reale Beobachtung der Küstenfischer und die daran anknüpfende Erinnerung schien die dazwischen liegende Zeit so aufzuheben, dass auch ich einen Hauch nachösterlichen Erlebens spürte. Unsere Enkelin riss mich indes mit der erschrockenen Bemerkung: „Ich muss ja noch zum Reiten!“ aus meinen Betrachtungen und führte uns unmittelbar in unseren realen Ferienalltag zurück. Ein Blick auf die Uhr. Es konnte noch reichen, wenn wir uns sehr beeilten. In beschleunigtem Tempo ging es nun hinter den Dünen wieder zurück in unser Ferienhaus und dann zu den Pferden, um unsere Enkelin beim Reiten zu bewundern.

Wir würden uns freuen, wenn Sie liebe Freunde, angeregt durch die geschilderten Eindrücke, die Dankbarkeit über einen gelungenen Urlaub in Holland mit uns teilen könnten.

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