Dankbarkeit

Wer hörte nicht als Kind die wohl gemeinten Worte der Eltern, dass es sich gezieme, für Gaben und Geschenke dankbar zu sein. Obwohl uns als Jugendliche manchmal, derartige Aufforderungen störten, lernten wir die Bedeutung der Dankbarkeit zu schätzen. Behält sie doch als ein verinnerlichter Anspruch zeitlebens ihre Gültigkeit. Im Dank erheben wir uns über ein reines Konsumentendasein, und bringen uns in eine persönliche Beziehung zu einander, zu den Dingen, der Natur, und entdecken den Reichtum der ganzen Schöpfung. In dieser Offenheit für alles kann es geschehen, dass wir unvermutet berührt und betroffen. den Geschenkcharakter unseres ganzen Daseins bemerken. Wir erfahren uns dann einbezogen in ein vielfältiges Netzwerk dynamischer Daseinsbezüge, in denen die einzelnen Begegnungen Bedeutung und Verbindlichkeit für uns gewinnen. Hier herrscht nicht mehr der reine Zufall. Alles kann immer wieder unmittelbar neu und lebendig erlebt werden. Im Laufe des Lebens gewinnen wir so immer mehr ein Gespür für die Fülle der uns begegnenden Ereignisse. Langweile kann da schwerlich aufkommen. Vom ersten Sonnenstrahl bis zur einbrechenden Dunkelheit und hinein in die Traumwelt der Nachtruhe ziehen vielfältige Bilder an uns vorbei. Manchmal halten wir überrascht inne, wenn uns ein Ereignis ob seiner Bedeutung anspricht. Achten wir einmal besonders auf das Spiel der Kinder, dann können wir leicht erkennen, mit welcher Neugier sie dabei sind, sich mit ihrer Umwelt spielerisch auseinanderzusetzen. Ich erinnere mich an die eigene Jugend: Wie roch das frische Gras so angenehm, wenn wir auf der kleinen Wiese in der Nähe des Elternhauses herumtollten. Handwerker wie der Schmied, der seinen Gesellen den Takt vorgab, wenn sie das glühende Stück Eisen in Form brachten, oder die Hufe der Pferde beschlugen, der Sattler, Maler, Blechner, oder Schuster, die in ihren Werkstätten hantierten, zogen uns Kinder magisch an. Wie Kletten hingen wir an den Handwerkern, die sich in unserer Nähe zu schaffen machten. Welche Kinderseligkeit begleitete unser Spiel, wenn es uns gelang zur Winterszeit den ersten Schnee zu begrüßen, mit steif gefrorenen Hosen eine Eisbahn auf der Strasse herzustellen, um vergnügt zu schlittern, oder im Licht der Straßenlaterne, die herunter zitternden Schneeflocken mit der Zunge aufzufangen. Ein alter Kinderwagen verwandelte sich unter unseren Händen zu einem Auto, ein alter Motorradseitenwagen zu einem Boot. Alle Gegenstände die wir vorfanden, wurden auf Brauchbarkeit getestet, und für gut befunden, unser Spiel zu bereichern. Metzger, Bäcker und Lebensmittelhändler gehörten zu unseren Freunden, denn dort fiel immer wieder eine Kleinigkeit zu naschen für uns ab. In den Küchen und Wohnungen unserer Nachbarn waren wir stets willkommen.

In der Schule und im kulturellen Leben unserer Stadt kam es zu unvergesslichen Begegnungen und reichlich Angeboten für unsere unersättliche Neugierde. So wurden wir zunehmend mit dem gesellschaftlichen und kirchlichen Leben unserer Gemeinde vertraut, in der wir uns im Laufe der Jahre beruflich und nach unseren Neigungen bei Sport, Tanz, Musikveranstaltungen und kommunalen Aufgaben einbrachten. Es bedurfte noch keiner Reflexion. Wie ein Schwamm nahmen wir all die vielfältigen Anregungen auf, die uns in der Summe das Gefühl der Geborgenheit und Zugehörigkeit in einem Gemeinwesen vermittelten. Im Grunde hat sich Jahr um Jahr der Erfahrungshintergrund auch im weiteren Leben stetig erweitert. Auf dem Weg zum Abitur wurden dann die Grundlagen gelegt, die es ermöglichten, am geistigen. kulturellen und geistlichen Leben in unserem Land auch bei wechselnden Wohnsitzen und Aufgaben zu partizipieren und in Beruf und Familie und Gemeinwesen Verantwortung mit zu übernehmen. Ich hatte das Glück noch im höheren Lebensalter über den zweiten Bildungsweg zu studieren, um die Voraussetzungen zu einem beruflich erfolgreichen Leben zu schaffen. Weit davon entfernt dies alles nur meinem persönlichen Können und Einsatz zuzuschreiben, erlebe ich auf der letzten Wegstrecke meines Lebens eine solche Fülle an Hilfen und glücklichen Umständen, dass ich mit tiefer Dankbarkeit auf all dies zurückschaue. Manchmal ging es mir wie den Jüngern von Emmaus, deren Herz jubelte, als ihnen der Herr die Schrift erklärte. Wie viel gute Worte waren und sind es bis zum heutigen Tag, die ich über die Literatur und die Kontakte zu den Mitmenschen oder in meinem Glaubensleben, als tröstliche und bestärkende Erfahrungen geschenkt bekam. Ich kann offen gestanden, die Fülle dieses Segens nicht fassen, und in meinem Text nur ein wenig andeuten. Und noch ist dieser Weg nicht zu Ende, aber Grund genug dankbar für diese Segensfülle zurückzuschauen. Manchmal öffnete mir die Betrachtung eines Ereignisses so den Raum, als ob es Grund und Anlass gäbe, die ganze Welt in Ordnung zu finden. Wer kennt nicht die Situation, im Kontakt mit einem Mitmenschen, von dem man sich verstanden fühlen konnte. dass gleichzeitig, die ganze Umgebung, in das Licht dieses Ereignisses einbezogen war. Die Jünger des Herrn kannten solche Augenblicke wohl auch, als sie vor Glück trunken, dem Herrn vorschlugen drei Hütten bauen zu wollen.

Wer ist aber im Leben nur auf Rosen gebettet? Die Realität des Alltags beginnt bereit in der Kindheit. Es besteht die Aufgabe, sich mit den Eltern und den eigenen Geschwistern zu arrangieren. Manche Träne fließt, wenn die eigenen Wünsche sich nicht erfüllen. Die befriedigten Interessen verlangen nach einem Ausgleich. Mit Beginn der Adoleszenz setzt bereits eine Ablösung von den Eltern ein. Wie oft wird dann den anderen Beteiligten die eigene Schuld zugeschoben. Geben und Nehmen will gelernt sein, und bleibt eine lebenslange Aufgabe. Die ersten Erfahrungen stellen sich ein, dass nicht alle Anstrengungen zum gewünschten Ziel führen. Herb können dann die Reaktionen ausfallen. Nicht nur die kleinen Kinder weinen ungeniert, wenn sie ihre Ziele verfehlen. Auch wir Heranwachsenden erleben Enttäuschungen und sind gekränkt, wenn wir uns unverstanden fühlen. Die eigene Familie ist tatsächlich die erste Arena, in der unterschiedliche Ansichten und die beteiligten Konflikte offen zutage treten. Oft treten dann Freunde in die Bresche und sind bereit, die Sorgen und Nöte zu verstehen. Ein längerer Prozess der Auseinandersetzung mit der eigenen Familie beginnt. Sind wir doch mit der Geburt unabdingbar in eine Herkunft hineingestellt, in eine Umgebung, eine Gesellschaft, in die religiösen und normativen Ansprüche einer Volksgemeinschaft. All dies können wir uns nicht aussuchen. Wir finden diesen Grund und Boden unseres Daseins vor, und haben die Aufgabe, den eigenen Standort in diesem Geflecht zu suchen. Spätestens an dieser Nahtstelle persönlicher Entwicklung, können erste Anzeichen der eigenen Grenzen und Todeserfahrungen sich einstellen. Der Tod oder die Trennung von nahestehender Menschen lösen schmerzliche Trauer aus.  Enttäuschungen über die Tatsache, selbst gesteckte Ziele nicht zu erreichen sind zu verarbeiten, Schuldzuschreibungen müssen zurückgenommen werden. Nähe und Abstand zu den eigenen Eltern und zu anderen Menschen erfordern ständige Korrekturen. All diese Erfahrungen sind von starken Gefühlen begleitet. Es braucht einen langen Prozess, um immer wieder einen Ausgleich zwischen den eigenen und den Interessen der anderen Menschen herzustellen.

Mit dem Eintritt in das Berufsleben stellen sich zusätzliche neue Aufgaben. Es gilt den eigenen Leistungsanspruch zu erkennen und in einem ständigen Lernprozess, die gesteckten Ziele zu verfolgen. Auch hier sind wieder Grenzen gesetzt Erfolge und Misserfolge zu verarbeiten. Es tauchen Fragen auf, wie hoch der eigene Anteil an den Problemen anzusetzen ist, und wann Schweigen oder Reden geboten ist. Erste herbe Erfahrungen mit inneren und äußeren Konflikten stellen sich bei der Aufgabe ein, eigene Lebensziele zu realisieren. Mit der Partnersuche, Gründung der eigenen Familie, Geburt der Kinder, sind neueHerausforderungen gegeben: Die Bestimmung des familiären Gleichgewichtes im Spannungsfeld der Erziehung der Kinder und dem Partner bei der Gestaltung des Wohnraumes und des Berufsalltages. Die Betreuung der alternden Eltern, deren Krankheit und Tod, stellen der Machbarkeit eine absolute Grenze. Allmählich tritt auch, bedingt durch eigene Krankheit, die Trennung von den Kindern, und die Aufgabe zur Gestaltung des Lebens auf der letzten Wegstrecke zutage. Die Trennung vom eigenen Berufsleben mit Erreichung der Altersgrenze, erfordert eine Anpassung an die sich ändernden physischen und psychischen Voraussetzungen zur Gestaltung der verbleibenden Lebenszeit. Von Geburt bis zu dem unausweichlichen eigenen Ende des Lebens, ist ein stetige  Auseinandersetzung mit eigenen Grenzen und Möglichkeiten gegeben. Die begleitenden Gefühle wie Angst, Sorge, Depression und Schuld können dann nicht mehr auf anderen Menschen projiziert werden. Sie sind als begleitende Umstände des eigenen Lebens und Sterbens anzusehen. Spätestens zu dieser Zeit tauchen verstärkt religiöse Fragen, die bereits das ganze Leben begleiteten, nach dem Sinn des Daseins angesichts des eigenen Todes mit Trauer, Kummer und Hoffnung über das Lebensende hinaus auf. Wie kann dann eine Versöhnung mit all dem geschehen? Mir scheint, dass nicht nur die Dankbarkeit für die Lebensfülle, sondern auch die Dankbarkeit für alle sie begleitenden Gefühle und Gefühlszustände hierzu gehört. Können wir uns doch weder für alle depressiven Erfahrungen allein schuldig sprechen noch unserer eigenen Macht allen positiven Gefühlen zusprechen. Alles, was unsere Erfahrungen übersteig und trägt, davon wollte ich andeutungsweise sprechen, ist letztlich Gottes Werk. Als ich mich dieser Erkenntnis näherte, hatte ich einen Aphorismus der „Gabe“ im Herzen und auf der Zunge, der lautet: „Groß ist die Not, der Tod und ein Leben im Segen“. Mörike hat das, was ich auszudrücken versuchte, auf seine Weise wie folgt gesagt: Herr, schicke, was DU willst, ein Liebes oder Leides; ich bin vergnügt, dass beides aus deinen Händen quillt. Wollest mit Freuden   und wollest mit Leiden mich nicht überschütten, doch in der Mitten liegt holdes Bescheiden. Der Heilige Geist erleuchte und erneuere unser Leben und schenke uns Dankbarkeit.

 

 

 

 

 

Franz Schwald
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