Begegnungen

Die kalte Jahreszeit gibt endlich ihre Herrschaft ab. Erste wärmende Sonnenstrahlen locken wieder Leben hervor: Winterlinge entfalten ihre gelben Blüten, Tulpen spitzeln in zartem Grün ans Licht und wetteifern mit frischen Erdhügeln der Maulwürfe, um die Gunst, gesehen zu werden. Während unzählige pralle Knospen an Bäumen und Büschen ihr Frühlingskleid noch ummanteln, strahlen Forsythien bereits weithin in leuchtendem Gelb. Der alljährliche Zauber, in bunten Farben erwachender Natur, und das vielfältige Konzert nistender Vögel, stehen nahe bevor.

In der Stadt haben sich die Kaufhäuser längst auf Frühling eingestellt. Sie bieten Winterware besonders günstig an, und versuchen, mit reizenden Frühjahrskollektionen, das Interesse der Kunden zu wecken. Menschen drängen in dichten Schlangen durch die Strassen. Pulsierendes Leben und Stimmengewirr erfüllt die Einkaufszonen. Vornehm gekleidete Damen und Herren, stehen beeindruckt vor den Schaufenstern mit der neuen Mode. Kinder nutzen jede Lücke in der Menschenmenge zu einem fröhlichen Spiel. Hunde jagen Tauben, und spüren, aufgeregt mit dem Schwanz wedelnd, viel versprechenden Düften nach. Musikanten und Artisten gelingt es, Interesse zu wecken und ein dankbares Publikum um sich zu versammeln. Verliebte schlendern Hand in Hand durch Parkanlagen. Jung und Alt räkeln sich bequem auf Bänken und Stühlen. Sonnenanbeter knöpfen schon Hemden und Blusen auf, um die wärmende Sonne hautnah zu spüren. Ein prickelndes Werben, der Wunsch zu sehen und gesehen zu werden, liegt in der Luft.

Ein in die Jahre gekommener Mann, mit lebhaften Augen unter leicht buschigen Brauen, sitzt auf einem gepolsterten Korbstuhl, vor einem gut besuchten Café. Die Lederjacke lässig über einen freien Stuhl gelegt, scheint er den Tag in vollen Zügen zu genießen. Ab und zu huscht ein Lächeln über sein Gesicht, als ob er sich an ein schönes Erlebnis erinnerte. Gelegentlich schließt er für eine Weile die Augen, um dann wieder aufmerksam die Menschen zu beobachten, die an ihm vorbei promenieren: Mütter  mit gefüllten Einkaufstaschen, die, ihre Kinder hinter sich her ziehend, zur nahe gelegenen U-Bahn-Haltestelle eilen. Adrett gekleidete Damen, die mehr oder weniger auffordernd, an ihm vorbei stolzieren, und mit Halbwüchsigen abwechseln, die ein Eis in der Hand, den Mann neugierig und ungeniert mustern. Er scheint sich bei all dem blendend zu unterhalten.

Schon eine Weile sitzt eine junge Frau in der Nähe und beobachtet interessiert den Mann, dem es offensichtlich Vergnügen bereitet, ab und zu über den Rand seiner Zeitung hinweg, hübsche Frauen zu bewundern. Es scheint ihn nicht sonderlich zu stören, seine Lektüre zu unterbrechen, um das kokette Lächeln einiger Damen zu erwidern. Nun wendet er sich einer jungen, hübschen Bedienung zu, die ihm Tee serviert. Er bestellt ein Stück Kuchen und lehnt sich danach entspannt in  seinen Sessel zurück, um den anregenden Frühlingstag und das überquellende Leben um sich zu genießen. Einige Tauben tappen schwankend herbei und warten prüfend auf den nächsten kleinen Brocken, der ihnen vom »Tisch der Reichen« zugeworfen wird.

In diesem Moment erinnerte sich die Beobachterin hinter ihm an eine Szene, wenige Stunden zuvor, in der Eisenbahn: Es war mit Sicherheit derselbe Mann, der sich aufmerksam für die Menschen in seinem Abteil interessierte. Eine Gruppe munterer Schüler stieg zu und verteilte sich unter lauten Gesprächen auf freien Plätzen. Kaum angekommen, knabberten alle genüsslich Salzstangen und ließen ihre Sprudelflaschen kreisen. Ein hübsches Mädchen, mit heute selten zu sehenden blonden Zöpfen, schien die Aufmerksamkeit des Mannes zu erregen. Über einige Stationen entspann sich ein Spiel zwischen ihnen. Das Mädchen, bemüht, sich von der besten Seite zu zeigen, wagte immer wieder einen scheuen Blick. Fasziniert von deren jugendlichem Charme, bewunderte auch er ab und zu das Mädchen.

Wer mag dieser Mann sein, dem sie vor Stunden in der Eisenbahn und nun zufällig im Straßencafé begegnet? Unwillkürlich kreisen ihre Gedanken um ihn. Was ihm Frauen wohl bedeuten? Hatte sie sich an diesem Frühlingstag doch auch „stadtfein“ gemacht und war vor dem Spiegel mit ihrem out-fit zufrieden. Wie könnte sie mit dem Mann ins Gespräch kommen? Würde ihm ihre Gesellschaft zusagen oder könnte er eine Annäherung missverstehen und sie zurückweisen? Trotz derartiger Bedenken, überwog ihr Interesse, dem „Unbekannten“ zu begegnen. Kurz entschlossen stand sie auf und näherte sich seinem Tisch mit der Frage, ob noch ein Platz frei sei?

Sie schien nicht sonderlich überrascht, als er ihr, entgegen ihrer Befürchtungen, freundlich einen freien Stuhl anbot. Könnte es sein, dass er sie attraktiv findet? Schließlich ist sie mit ihrer sportlichen Figur, den langen Beinen in eleganten Schuhen mit hohen Absätzen, dem modisch kurzen Rock, einem passenden Pulli und frecher Kurzhaar-Frisur, nicht unansehnlich. Nach einer kleinen Pause und einem Räuspern wagt sie es, ihn anzusprechen: „Bitte, betrachten Sie es nicht als aufdringlich, mich zu Ihnen zu setzen. Heute Morgen habe ich Sie aber schon einmal, ohne dass Sie es bemerken konnten, in der Eisenbahn gesehen und sitze hier zufällig schon einige Zeit als interessierte Beobachterin in Ihrer Nähe“. Er blickte sie wohlwollend an und antwortete mit sonorer Stimme:  „Ich sitze hier ebenfalls schon länger bei Tee und Kuchen, lasse es mir wohl ergehen und genieße das muntere Treiben um mich herum“, um nach einer kleinen Weile mit einer angedeuteten Verneigung fortzufahren: hier in der Sonne zu sitzen und mit Ihnen zu plaudern, das kann ich mir nur als ein Vergnügen vorstellen. Ich bin aber auch neugierig, von Ihnen zu hören, was sie beobachteten, falls Sie bereit sind, mit mir darüber zu sprechen?“. Sie antwortete: „Als ich mich entschied, bei Ihnen um einen Platz nachzufragen, geschah das nicht ganz absichtslos. Ich bitte Sie, mich aber nicht als indiskret zu verstehen! Mit Ihrer Hilfe wollte ich unter anderem nur klären, ob meine Beobachtungen zutreffen?“ Er schaute sie lächelnd an und entgegnete: „Machen Sie sich bitte keine Sorgen und reden Sie frei heraus. Wir können uns ja jederzeit darüber einigen, ob wir unser Gespräch fortsetzen wollen“.

Jetzt fiel ihr ein Stein vom Herzen, denn darauf konnte sie sich einlassen und sagte: „Ich hatte den Eindruck gewonnen, dass Sie sowohl in der Eisenbahn, als auch hier an der Straße, sehr wohlwollend hübsche Damen betrachten, die Ihnen begegnen“. Mit einem Seufzer,“jetzt ist´s heraus!“, lehnte sie sich zurück. Er schmunzelte und entgegnete: „Wenn es weiter nichts ist, hierzu äußere ich mich gern, denn Sie haben mit Ihrer Vermutung ins Schwarze getroffen“. Er fuhr fort: „Mich hat heute, an diesem sonnigen Tag, wie es in einem Schlager heißt, der Frühling wach geküsst. Die ersten Blüten, die wärmende Sonne, das Mädchen mit den blonden Zöpfen im Zug, die vielen schönen Frauen hier und nun Sie, eine angenehme Gesellschafterin, bei Kuchen und Tee am Tisch; was brauche ich noch mehr?“ Sie errötete leicht. Der Mann fuhr fort: „Ja, es stimmt, ich bin durch die heutigen Erlebnisse sehr angeregt, denn ich beabsichtige seit einiger Zeit, eine Geschichte zu schreiben, um mich für viele bereichernde Erfahrungen mit Frauen zu bedanken. Sie entgegnete: „Ich freue mich, dass Sie mich nicht missverstanden und ich es trotz anfänglicher Bedenken wagte, mit Ihnen ins Gespräch zu kommen. Gerne würde ich Ihnen bei der Arbeit an Ihrer Geschichte über die Schultern schauen. Vielleicht steht aber unser heutiges Gespräch unter einem guten Stern und hilft Ihnen, sich an Frauen zu erinnern, denen Sie danken möchten. Noch besser, ich könnte in ihrem nächsten Buch nachlesen, was Ihnen hierzu eingefallen ist. Eventuell treffen wir uns wieder einmal zufällig hier?“ Sie gab ihm ihre Karte mit der Bemerkung: „Damit wir uns nicht aus den Augen verlieren!“ Er entgegnete:  „Es ist sicher hilfreich, wenn ich mir beim Schreiben vorstellen kann, dass eine aufmerksame und dazu recht attraktive Beobachterin, sich für meine Geschichte interessiert. Er gab der Frau auch seine Karte mit der Bemerkung: „Damit sie wissen, mit wem Sie sich heute unterhielten, oder für den Fall, dass wir uns wieder einmal -zufällig-  begegnen.“ Sie verabschiedeten sich mit einem fröhlichen auf Wiedersehen. Die Zufriedenheit stand ihnen nach diesem Gespräch ins Gesicht geschrieben.

Der Frühling ging in diesem Jahr, wie über Nacht, in den Sommer über: Bäume, Büsche, Felder und Wiesen legten in wenigen Tagen ihre bunten Kleider an. Überraschend schnell war der Sommer da. Unsere geliebten Gäste, die zahlreichen Vögel, belebten wieder Bäume und Büsche und erfreuten uns mit vielstimmigem Gesang. Vom frühen Morgen bis in den späten Abend ließ das Tuckern der Traktoren erahnen, welche Mühen die wenigen Bauern auf sich nahmen, um ihre Wiesen und Felder übers Jahr zu bestellen. Jung und Alt hielt es an schönen Sommertagen nicht mehr in den Wohnungen. Man konnte ihnen bei der Gartenarbeit, auf dem Feld, bei Wanderungen, im Schwimmbad, beim Sport oder hoch zu Pferde begegnen. Stolze Eltern präsentierten ihren Nachwuchs. Kinder erprobten beim fröhlichen Spiel, zu weilen im Streit, ihre Stimmen und Kräfte. Der Duft von Gegrilltem, Lachen und Singen bis  in die Nacht, ließ erkennen, dass in der Nähe gefeiert wurde. Im Wechsel von Sonnenschein, Regen und Pflege, gediehen Pflanzen und Früchte zur Ernte hin.

Immer wieder erinnerte sie sich in den letzten Wochen an den Mann, der ihr in der Eisenbahn und im Straßencafé begegnete und sie im Gespräch sehr beeindruckte. Zuweilen sah sie ihn in Gedanken, sportlich gekleidet, mit wachem Blick und leicht geöffneten Lippen vor sich, als wolle er sie zu einem Gespräch einladen. Je ungenierter sie sich diesen von sympathischen Gefühlen begleiteten inneren Bildern überließ, umso weniger musste sie den Wunsch, ihn wieder zu sehen, abwehren. Im Gegenteil: Der Gedanke, dem selbstbewussten Mann wieder zu begegnen, und mit ihm reden zu können, schien verlockend, und war mit einer heimlichen Vorfreude, ihm wieder zu begegnen, verbunden. Hatte er ihr doch beim Abschied versichert, zur gegebenen Zeit gern mit ihr über den Stand seines neuen Buches sprechen zu wollen. Seine Visitenkarte hatte sie gut aufbewahrt. Es wäre daher ohne Schwierigkeiten möglich, ein Treffen mit ihm zu vereinbaren. Als sie darüber nachdachte, fühlte sie sich ähnlich unsicher und leicht gehemmt, wie damals, als sie ihn im Straßencafé um einen Platz an seinem Tisch bat. Nun war sie sich aber bewusst, dass sie nicht nur das neue Buch, sondern auch dessen Autor interessierte. Ein schwaches Zittern in ihr verstärkte sich, als sie sich entschied, vorerst eine Begegnung zu vermeiden und gleichzeitig hoffte, er möge sich auch an sie erinnern, und zu einem Gespräch einladen.

Der Sommer hatte uns in diesem Jahr mit vielen Gaben reich beschenkt. In den letzten Tagen war es aber merklich kühler geworden. Der alte Birnbaum im Garten gab zu erkennen, dass der Herbst einkehren wollte. Seine gelb-orangenen Blätter schaukelten im leichten Wind hin und her. Lange konnten sie sich nicht mehr halten. Die Ernte war eingebracht, die ergiebige Weinlese ließ einen guten Jahrgang erwarten, und die Winzer freuten sich über ihre gut besuchten Besenwirtschaften. Viele Vögel hatten uns bereits verlassen, um der kälteren Jahreszeit zu entgehen. Die Tage wurden kürzer und die Dämmerung setzet früher ein, als ob der Herbst Natur und Menschen auf ruhigere Zeiten einstellen wollte.

Umgeben von Regalen mit einem großen Teil seiner geliebten Bücher, sitzt Eric an seinem ausladenden Schreibtisch. Die gesamte Einrichtung des Arbeitszimmers, in Kirschbaum gehalten, regt zur Besinnung an: Auf dem Tisch lachen dem Mann in hübschen Bilderrahmen, die Gesichter seiner Frau, Kinder, Enkel und Freunde entgegen. Zur Rechten erinnert ihn die Tischuhr daran, seine kostbare Zeit zu nutzen. Daneben steht ein Globus, als Ausdruck weltweiter Beziehungen der Menschen. Durch das breite Fenster im Obergeschoß, blickt er weit über großflächige Wiesen, und das fette Braun umgebrochener Äcker, bis hin zu einem in herbstlich bunten Farben stehenden Waldstück am Horizont. In der sich rasch ausbreitenden Dämmerung sind die Umrisse der Fichten im Garten, die seit dem Frühjahr ein gutes Stück gewachsen sind, gerade noch zu erkennen. Mit zunehmender Dunkelheit treten Erinnerungen und Wünsche deutlicher hervor:

Wie mag es der jungen Frau gehen, mit der er im Frühjahr in einem Straßencafé ein längeres Gespräch führte? Sie hatte damals lebhaftes Interesse an seiner Absicht bekundet, in einer Erzählung  über Frauen zu schreiben, die ihn beeindruckten und beschenkten. Gerade als er nach einigem Überlegen, sich selbstkritisch eingestehen konnte, dass er immer noch an seiner Geschichte arbeite, versteckten sich die hohen Fichten in völliger Dunkelheit, als wollten sie es Eric ersparen, sich mit deren erheblichem Wachstum in diesem Jahr verglichen und schämen zu müssen.

In den letzten Monaten dachte er öfters an die hübsche Dame.  Auch jetzt sah er sie mit femininer Ausstrahlung, attraktiv gekleidet und einladend lächelnd, deutlich vor sich. Im Bruchteil von Sekunden hatte er ihre elegante Erscheinung so vor Augen, dass er sie hätte modellieren können. Er erinnerte sich an ihre, im leichten Wind spielenden, kurzen Haare, und Ihren strahlend, wachen Blick, als wäre die Zeit angehalten worden, und sie säßen sich gerade noch gegenüber. Mit offenen Augen durchträumte Eric noch einmal den anregenden Frühlingstag, das Gespräch über sein neues Buch, ihren Charme und ihre Nähe, wie wenn sie ihm, wie versprochen, gerade eben über die Schultern schaute, um zu erfahren, bei welchen Frauen er sich in seiner Geschichte bedanken würde.

Die entbehrungsreichen Jahre nach dem 2. Weltkrieg waren überstanden. Nach der Währungsreform 1948 füllten sich die Regale in den Geschäften wieder. Eric´s, in der Hoffnung auf bessere Zeiten lang gehegter Wunsch, einmal eine Butterkremtorte ganz allein zu verzehren, bewegte ihn immer weniger und blieb bis zur Stunde unerfüllt. Auf wunderbare Weise gab es ja wieder ein reichhaltiges Warenangebot, von dem Groß und Klein in den Hungerjahren nur träumen konnten. Die Menschen waren bereit, sich nach Kräften am Wiederaufbau zu beteiligen. Ihr Einsatz, die politische Bindung der Bundesrepublik an die Westmächte und die finanzielle Unterstützung aus dem Marshall-Plan, trugen dazu bei, dass sich unsere Wirtschaft erholte:

Überall im Land war man damit beschäftigt, Kriegsschäden zu beseitigen, Verkehrswege, Städte, Betriebe und Wohnungen zu bauen, Arbeitsplätze zu sichern und die vielen Flüchtlinge zu integrieren. Ein anhaltender Aufschwung, das „Wirtschaftswunder“, führte zu wachsendem Wohlstand. Die politischen Folgen des verlorenen Krieges, die Klärung der Schuldfrage, die Versöhnung ehemaliger Gegner, wirkten jedoch bis in unsere Zeit nach. Wer hätte aber erwarten können, dass die Einheit unseres Landes hergestellt und Deutschland in 60 Jahren wieder vertrauensvoll mit anderen Völkern zusammen leben und arbeiten würde?

Man konnte den Wandel nach der Währungsreform nicht nur am Wiederaufbau, sondern auch an einer veränderten Nachfrage der Menschen nach Konsum feststellen: Ein starkes Bedürfnis zu reisen, an sportlichen und kulturellen Veranstaltungen teilzunehmen, Konzerte und Theater zu besuchen, Feste zu feiern und zu tanzen, bewegte Jung und Alt. Es schien anfänglich, als seien alle wie getrieben, in kurzer Zeit nach zu holen, was sie in den Kriegs- und Nachkriegsjahren versäumten.

 R i a              

Eric arbeitete als junger Kaufmann in einem größeren Unternehmen. Er liebte seine abwechslungsreichen Aufgaben im Einkauf, der Kalkulation und im Rechnungswesen. Wie den leitenden Ingenieuren, war ihm das Ringen um die Aufträge, die politischen und wirtschaftlichen Kontexte, und die Arbeitsabläufe in der Firma bestens vertraut. Er galt als leistungsbereit, zuverlässig und kollegial. Eric nutzte aber auch jede Gelegenheit, die sich bot, um sich in der Freizeit an klassischer Musik, Jazz oder Folklore zu erfreuen. Als Schlagzeuger in verschiedenen Band´s, verdiente er sich ein ordentliches Zubrot. Seine gleichaltrigen Freunde erlebten ihn als fröhlich und unter nehmungslustig. Bei den verschiedenen Festen, Sport- und Tanzveranstaltungen, fehlte er selten. Fest eingebettet in seinen Freundeskreis, zogen ihn hübsche Frauen magisch an. Er liebte aber seine „goldene Freiheit“ sehr, und trennte sich manchmal, ohne Skrupel, schon nach kurzer Zeit von seinen Freundinnen. In stillen Stunden träumte er jedoch manchmal davon, dass es ihm gelingen könnte, sich für eine Dame seines Herzens auf Dauer zu entscheiden. Um im <Ernstfall> etwas zu einem gemeinsamen Haushalt beitragen zu können, begann er, sein geräumiges Zimmer mit modernen Möbeln auszustatten.

Obwohl seine Mutter bemerkte, dass ihr Sohn zunehmend nestflüchtig wurde, hielt sie sich mit ernstlichen Einwänden zurück. Als ausgezeichnete Tänzerin ließ sie es sich aber nicht nehmen, ihm das Tanzen beizubringen. Eric konnte es danach kaum mehr erwarten, seine neuen Fähigkeiten auf dem Parkett zu erproben. Gegenüber dem elterlichen Wohnhaus befand sich ein Lokal, <der Oberrheinische Hof>, mit mehreren Räumen und einem großen Tanzsaal. Jeden Sonntag beobachtete er durch ein der Straße zu gelegenes Fenster, gespannt das Geschehen: Auf der Bühne spielten Musiker eines beliebten Tanzorchesters in weißen Smokings. Im rechteckigen, mit einem Parkettboden ausgelegten Raum, waren an den Wänden gedeckte Tische und Stühle aufgestellt. Dort saßen die Gäste in festlicher Garderobe.

Endlich war der Tag gekommen, zusammen mit seinen Freunden an einem dieser Tische Platz zu nehmen. Die jungen Herren gaben sich große Mühe, recht gelassen zu wirken. Lediglich die große Zahl der Zigaretten-Kippen in den Aschenbechern, verriet ihre unterdrückte Nervosität. Die Unterhaltung war mühselig, denn es galt gleichzeitig zu entscheiden, welche der Damen zum Tanz aufgefordert werden sollten. Hierzu gab es eindeutige Kriterien: Die Partnerin sollte gut tanzen können, in Größe, Figur und Aussehen zum Tänzer passen und schick gekleidet sein. Auch die Freunde hatten zu dieser Veranstaltung alles aufgeboten, was ihre Kleiderschränke hergaben, um den Damen zu imponieren. Damals legte Eric besonderen Wert auf gediegene Kleidung und trug nur Maßanzüge. Aus gegebenem Anlass wählte er einen Zweireiher in hellem Grau mit Streifenmuster aus, der ihm gut zu Gesicht stand.

Es galt eine bestimmte Abfolge zu beachten: Nur wer rasch genug war, wenn die Musik einsetzte, hatte eine Chance, die <Erwählte> um den nächsten Tanz zu bitten. Zu den schnellen Tänzen, Paso-Doble, Foxtrott oder Walzer, eigneten sich schlanke, bewegliche Damen. Um eng umschlungen einen Slowfox, Tango oder Englisch-Walze zu tanzen, gab es gute Gründe, Tänzerinnen zu wählen, deren weibliche Formen ausgeprägter waren. Die männliche Konkurrenz ließ sich nur ausschalten, wenn es gelang, sich durch Absprache mit der Partnerin während des Tanzes, die nächste Runde zu sichern. Mutters privater Tanzunterricht und ein natürliches Rhythmus-Gefühl als Schlagzeuger verfehlten bei Eric ihre Wirkung nicht. Sich nach der Musik zu bewegen, bei einem Walzer links und rechts herum über das Parkett zu schweben oder im Gleichklang mit der Partnerin einen Slowfox oder Tango zu tanzen, und deren Nähe zu spüren, das löste den Wunsch aus, öfters eine Tanzveranstaltung zu besuchen. Auch die Forderung des Wirtes, in der kalten Jahreszeit nach dem Krieg, zusätzlich zum Eintrittsgeld, Heizmaterial mitzubringen, konnte die Tanzbegeisterung nicht stoppen.

Eines Tages war sie da! Eric konnte es kaum erwarten, bis die Musik einsetzte. Er stürmte über das Parkett. Sie gefiel ihm auch noch, als er vor ihr stand und um den nächsten Tanz bat. Mit einem anziehenden Lächeln war sie einverstanden. Vom ersten Schritt an schien es ihm, als hätten sie gemeinsam schon lange getanzt. Sie hatte ihre blonden Haare zu einer Hochfrisur gesteckt, trug ein geblümtes Kleid und ließ sich bei verschiedenen improvisierten Tanzfiguren sehr leicht führen. Viel zu schnell war der Tanz vorbei, und Eric brachte sie mit Dank und einer leichten Verbeugung, an ihren Platz zurück.

Rolf und Berthold, seine Freunde, wollten unbedingt wissen, wie sich eine so sympathische Frau anfühlt. Eric stand noch voll unter dem Eindruck des Erlebnisses, hatte nur im Kopf, sich den nächsten Tanz zu sichern und quetschte heraus: „Es schmeckt nach mehr!“  Die Musik spielte einen Slowfox. Wie von der Tarantel gestochen, erhob er sich und ging so rasch als möglich, über das Parkett zu ihr. Er hatte die Frage der Freunde noch im Ohr: Wie sie sich anfühle, und war nur zu bereit, bei dem langsamen Tanz auszuprobieren, wie viel Nähe sie zulassen würde. Noch nie zuvor hatte Eric so oft mit einer Partnerin getanzt. Es zog ihn, wie an unsichtbaren Fäden immer wieder zu ihr. Obwohl es ihm sonst nicht schwer fiel sich zu unterhalten, fehlten ihm in dieser Situation die Worte, um auszudrücken, wie sehr es ihn berührte, von ihr erwartet zu werden, und ihre Freude und Nähe zu spüren, wenn sie sich an ihn schmiegte. Ja sogar der nüchterne Tanzsaal schien in diesem Moment wie verzaubert. Es war ihm als spiele das Orchester nur für sie beide, Musik, die zu Herzen ging, und sich wie von selbst in tänzerische Bewegung umsetzte. Er war sich sicher, dass seine Freunde ihm dieses Erlebnis gönnten, obwohl er es an diesem Tag wie einen geheimen Schatz hütete. Umso wichtiger war ihm, sich zu vergewissern, dass sie gern zu den folgenden Tanzveranstaltungen wieder kommen werde und sich auf ein Wiedersehen freue. Eric hatte gegen Ende der Veranstaltung seine Sprache wieder gefunden, stellte sich der Dame vor und erfuhr beim Abschied, dass sie am nächsten Sonntag sicher wieder komme und Ria heiße.

In den nachfolgenden Wochen traf er sie immer wieder beim Tanz. Wie Perle an Perle reihten sich die erlebnisreichen Wochenenden aneinander. Eric konnte die Sonntage kaum erwarten, um neben Ria zu sitzen und sie wieder beim Tanz in seinen Armen zu spüren. Er hatte schon öfters hübsche Mädchen kennen gelernt, dabei aber immer auf seine <goldene Freiheit> geachtet. Bei Ria war es irgendwie anders. Seine Freunde bemerkten die Veränderung und kommentierten: „Eric ist total verliebt“. Ihre wohlwollenden Ratschläge, wie er sich in dieser neuen Situation verhalten sollte, blieben wirkungslos. Während der Arbeit, in den Pausen, bei den abendlichen Kontakten mit den Freunden, immer wieder dachte er an Ria und freute sich auf das nächste Wiedersehen mit ihr. Es fiel ihm zunehmend schwerer, eine Woche zu warten, bis er sie wieder sehen konnte. Selbst vor dem Einschlafen, in seinen Träumen und beim Erwachen, stand sie ihm beständig vor Augen. Gelegentlich spielte er sogar mit der Vorstellung, dass Ria eine Frau wäre, die er heiraten könnte. Als er seiner Mutter von diesen Wünschen erzählte, stellte sie ihm die Frage, ob er auch die finanziellen Folgen dieses Vorhabens bedacht hätte? Diese Einwände führten bei ihm aber keineswegs zu einem selbstkritischen Nachdenken. Sie bewirkten im Gegenteil ein umso stärkeres Verlangen, seine Tanzpartnerin möglichst bald wieder zu sehen.

Eric machte sich nun auch unter der Woche mit dem Fahrrad auf einen längeren Weg, über den Dinkelberg nach Fahrnau, um mit Ria zusammen zu sein. Rolf und Berthold, mit denen er sich nicht mehr jeden Abend treffen konnte, versuchten ihn zu verstehen, obwohl er wenig über sich und seine Beziehung zu Ria erzählte. Nach einigen Wochen begegnete Eric seinen Freunden wieder. Er wirkte sehr niedergeschlagen, traurig und ließ den Kopf hängen. Rolf und Berthold bemerkten die Veränderung sofort, hielten sich aber zunächst schweren Herzens zurück, ihn darauf anzusprechen. Nach einem bedrückenden Schweigen, begann Rolf zu reden: „So verstimmt und zurückgezogen, habe ich Dich, Eric, lange nicht erlebt. Es fällt mir schwer, Dir das zu sagen und Dir zu helfen, weil ich befürchte, Du könntest mich zurückweisen.“ Berthold nickte zustimmend mit dem Kopf. Eric antwortete: „Ich weiß, es waren aufregende Wochen, in denen ich euch nicht viel erzählt habe. Ich wusste aber auch gar nicht so recht, wie mir geschah. Jetzt habe ich begriffen: Ich bin zum ersten Mal so richtig verliebt. Als ich gestern nach Fahrnau fuhr, um Ria zu sehen, haben wir lange mit einander geredet. Ich erzählte ihr, dass ich sie liebe und mir vorstellen könne, sie zu heiraten. Ich hätte auch schon einige Möbel gekauft, die wir zur Einrichtung einer Wohnung verwenden könnten“. Ria habe ihm geantwortet: „Sie habe auch lange über sich und ihre Beziehung zu Eric nachgedacht. Im Unterschied zu ihm, habe sie aber noch kein Interesse zu heiraten. Sie halte es daher für besser, wenn sie sich trennen würden“. Es war Eric in diesem Moment so, als würde eine Welt für ihn zusammenbrechen. Eine Mischung aus Enttäuschung, Kränkung, Wut und Trauer erfüllte ihn. Unfähig, hierüber zu reden, nahm er Ria noch einmal in den Arm. Er spürte ihren leicht vibrierenden Körper, ohne sie zu küssen. Dann fand er wieder Worte und gab zu verstehen wie viel sie ihm bedeute, wie dankbar er für die schöne Zeit sei, die er mit ihr erleben durfte, verabschiedete sich mit einem letzten Händedruck, und fuhr traurig nach Hause.

Die Freunde waren sprachlos, schauten Eric mit großen Augen an und umarmten ihn. Berthold sagte nach einer längeren Pause: „Eine so überraschende Trennung ist sicher sehr schmerzhaft. Wir waren ja zusammen, als Du Ria beim Tanzen kennen lerntest, haben uns mit Dir gefreut, und Dir diese hübsche Frau gegönnt. Als Du weniger mit uns zusammen warst und nicht so viel erzähltest, haben wir vermutet, Du könntest so richtig verliebt sein und ernstliche Absichten haben“. Rolf ergänzte: „Wir kennen Dich mit Sicherheit schon länger als <diese Ria<. Auf uns kannst Du zählen – und Berthold nickte zustimmend: „Wann immer Du uns brauchst, kannst Du mit unserer Hilfe rechnen“. Eric bedankte sich herzlich bei seinen Freunden und freute sich wieder auf die gemeinsamen Abende nach Dienstschluss.

Es dauerte sehr lange bis Eric die Trennung von Ria überwunden hatte. Immer wieder eilten seine Gedanken zu ihr. Er dachte an die schönen Stunden beim Tanz, wie sie lachend und scherzend immer wieder eine freie Stelle zwischen anderen Tanzpaaren fanden, um sich nach eigenen Figuren zu bewegen oder, eng umschlungen, den Melodien nach zu träumen. Eric erinnerte sich auch an den Austausch von Zärtlichkeiten und die Gespräche bei den Besuchen in ihrer Wohnung. So leicht war das nicht, sich von Ria zu trennen, auch wenn seine Freunde ihn mitfühlend zu trösten versuchten. Eric dachte auch oft darüber nach, ob es richtig war, sich nach der Trennung sofort zu verabschieden, ob er zu aufdringlich war, zu früh von einer festen Beziehung redete, und darauf verzichtete, Ria umzustimmen. Wenn er an die schönen Stunden und die Abschiedsszene dachte, reagierte er enttäuscht und traurig, wie damals bei der Heimfahrt nach der Trennung. Immer mehr spürte er aber auch eine innere Mauer aus Wut, Groll und bitterem Stolz, die es ihm nicht mehr erlaubte, mit ihr zu reden.

Eric war für eine längere Zeit die Lust am Tanzen vergangen und er wandte sich wieder mehr der Musik zu. Hinter dem Schlagzeug konnte er viele schöne Frauen beobachten und gelegentlich auch deren Zuneigung erfahren. Unverbindliche Flirts und der Wunsch, seine <goldene Freiheit> zu bewahren, verloren für ihn aber zunehmend an Interesse. Er fürchtete sich jedoch nun  vor schmerzlichen Trennungen. Wenn er eine schöne Frau kennen lernte, bewegte ihn aber immer häufiger die Frage, ob er sie auch gegebenenfalls heiraten könnte.

L u

Eines Tages begegnete er <Lu>. Sie war mit einigen Freundinnen zum Tanz in den Oberrheinischen Hof gekommen. Eric war vom ersten Augenblick an von ihrer Schönheit beeindruckt. Sie verstand es, mit geringem Aufwand ihre erotische Ausstrahlung zu unterstreichen, sich ansprechend zu kleiden, arbeitete gelegentlich als Modell und wirkte in jeder Hinsicht attraktiv. Ihre dunklen Haare verwandelten sich unter Ihren Händen zu verführerischer Frisuren. Ihr dezentes mac up, betonte die lebendigen, braunen Augen und die einladenden Lippen. Lu war mit ihrem charmant-femininen Gesicht und ihrer Figur einfach nicht zu übersehen. Sie konnte es durchaus mit den jungen Baslerinnen aufnehmen, die immer nach der neuesten Mode gekleidet, mit einer Kleinigkeit von Schuh auf hohen Absätzen in der Stadt herum stolzierten.

Eric ließ Lu nicht aus den Augen, fand sie entzückend und beobachtete, wer sie zum Tanz aufforderte. Er hatte den Eindruck, als ob sie nicht mit allen tanzte, die sie dazu aufforderten. Einen <Korb> zu bekommen, das heißt von einer Dame bei der Aufforderung zum Tanz abgelehnt zu werden, galt unter jungen Männern als sehr unehrenhaft. Eine solche Blamage musste unbedingt vermieden werden. Die Musik setzte ein und spielte einen feurigen Tango. Jetzt gab es für Eric kein Halten mehr. Etwas schneller, als üblich, steuerte er über das Parkett und bat um diesen Tanz. Lu nickte mit dem Kopf, erhob sich und lag auch schon in seinen Armen. Argentinische Tangos haben es in sich. Lu war eine sehr gute Tänzerin, leicht zu führen, und in der Lage, sich auch auf eine Improvisation der Tanzschritte einzulassen. Es kam kein Gespräch auf, zu schön war dieser leidenschaftliche Tanz. Eric führte Lu wieder zurück an ihren Platz und bedankte sich. Sie lächelte und bemerkte: „Schon lange habe sie nicht mehr erlebt, beim Tango wie eins mit der Musik zu sein“. Eric nutzte dieses Kompliment und erbat sich den folgenden Tanz. Sie gewährte ihm die Bitte. Noch einige Male konnte er ihren wohl geformten Körper spüren, der weich und elastisch den Tanzfiguren folgte. Gegen Ende der Veranstaltung vereinbarten sie, sich am nächsten Wochenende wieder zu treffen.

Es war noch früh am Tage, als Eric Lu am Bahnhof abholte. Er schlug vor, die Zeit bis zum Beginn der Tanzveranstaltung zu einem Spaziergang in der Stadt zu nutzen. Sie willigte ein. Es wurde danach wieder ein schöner Abend, zumal Lu ihn bat, an ihrem Tisch Platz zu nehmen. Eric hatte den Eindruck, Lu könnte ihn als Tänzer bevorzugen, denn einige andere Bewerber gingen leer aus. Er war nicht überrascht zu erfahren, dass Lu in Grenzach wohne. Dort kamen ja die schönsten Mädchen her. Die nächsten Wochenenden trafen sie sich wieder. Bei solcher Gelegenheit mit ihr durch die Stadt zu promenieren und die anerkennenden Blicke anderer Männer zu bemerken, erfüllte Eric stets mit einem leichten Besitzerstolz. Dies umso mehr, wenn sie an schönen Sommertagen beim Baden immer modische Bikinis oder Badekleidung trug, die ihre Figur voll zur Geltung brachten.

Nur im Schutze einer längeren, vertrauten Beziehung, wagte es Lu, über ihre belastenden familiären Erfahrungen zu sprechen. Wie sehr musste sie gedemütigt und verletzt worden sein, dass sie sich wie ein ängstliches Kind in sich zurückzog, um sich vor bedrohlicher Nähe zu schützen. Unfähig, erotische und intime Kontakte mit Männern zuzulassen, traute sie sich keine verbindliche Partnerschaft oder eine Ehe mit Kindern zu. Eric war von dieser Mitteilung schmerzlich betroffen, hatte er doch Lu, diese auffallend schöne Frau, in der zurückliegenden Zeit sehr lieb gewonnen. Zunächst hoffte er noch, dass sich die Einstellung von Lu ändern könnte, dann aber musste er einsehen, dass sie unter den gegebenen Umständen, eine verbindliche Beziehung für sich ausschließen musste. Eric empfand ein tiefes Mitleid mit ihr und bemerkte auch einen Wandel in seiner Einstellung zu Frauen:

Bereits nach der Trennung von seiner früheren Freundin Ria, nahm sein Interesse an flüchtigen Beziehungen zu Frauen ab. Gleichzeitig verstärkte sich die Hoffnung, doch noch der „Dame seines Herzens“ zu begegnen. Eine Ehe zu führen und Kinder zu haben, sah er zusehends als wünschenswert und realistisch an. Obwohl es keine Zerwürfnisse zwischen Lu und Eric gab, entschlossen sie sich zu trennen. Eric war sich sicher, dass er die schönen Stunden und Lu nicht vergessen würde und sagte zu ihr: Geh Du Deinen Weg im Segen, ich will es auch versuchen. Sie umarmten sich ein letztes Mal.

Es vergingen Jahre. Obwohl der Bekanntenkreis sich erweiterte, blieb Erics Beziehung zu seinen Freunden Rolf und Berthold stabil. Bei den regelmäßigen Kontakten mit ihnen bildeten Erfahrungen mit Damen ein unerschöpfliches Gesprächsthema. Gelegentlich unternahm Eric aber auch alleine Ausfahrten nach Basel, zum Besuch von Museen, Konzerten, Tanzveranstaltungen, im Winter nach Todtnauberg, zum Feldberg oder in die Schweiz zum Skilaufen. Die Sehnsucht nach einer festen Partnerin blieb bei all dem sein stiller Begleiter.

Reisebekanntschaft

Es ist Winter, nach Neujahr. Ein kleiner Ölofen spendet behagliche Wärme. Aus dem neuen Radio ertönt leise Musik. Eric sitzt an seinem Schreibtisch in der Nähe des Fensters. Er liest ein Buch, blickt ab und zu hinüber zum Bahnhof, dann mit zufriedener Miene über sein modern eingerichtetes Zimmer. Rechtzeitig vor Weihnachten wurden die neuen Möbel geliefert und nach seinen Wünschen aufgestellt. Ein Blick auf die Uhr; es könnte noch reichen mit der Eisenbahn bequem nach Säckingen zu kommen. Dort wäre es möglich, wieder einmal zu tanzen. Allein diese Absicht versetzte ihn schon in eine erwartungsvolle Stimmung. Kurz entschlossen zog er seinen Lieblingsanzug, den grauen mit dezentem Nadelstreifen an. Dazu ein passendes Hemd mit hübscher Krawatte sowie Schuhe mit gut gleitenden Ledersohlen. Er streifte einen Wintermantel über, wählte Hut und Handschuhe, und eilte nach einem Blick in den Spiegel zum Bahnhof. Dort löste er eine Fahrkarte und bestieg nach einer kurzen Wartezeit den Zug.

Sein Blick erfasste in dem voll besetzten Abteil eine junge, hübsche Dame, die kurz über den Rand ihrer Illustrierten blickte, als er sich erkundigte, ob der Platz gegenüber noch frei sei. Mit einem charmanten Lächeln und zustimmender Handbewegung wies sie auf den Sitzplatz und sagte: “ Bitte ! “ Die Fahrt dauerte nicht lange, reichte aber aus, um sich mit der Dame gegenüber zu beschäftigen:   Sie trug ein dunkelblaues Kostüm, mit einem beigen Rollkragen-Pulli. Ab und zu legte sie die Illustrierte weg, drehte den Kopf mit den lockigen blonden Haaren zur Seite, strich sich ihre Frisur zurecht, betrachtete für eine kleine Weile Eric, um dann entspannt aus dem Abteilfenster zu schauen. Er hatte den Eindruck, ihr nicht unsympathisch zu sein, und verfolgte indessen interessiert die Linien ihres Gesichtes im Profil, denen das einfallende Sonnenlicht besonderen Glanz verlieh. Im gleichen Augenblick drehte sie ihren Kopf zurück. Ihre Blicke begegneten sich. Sie lächelten sich ein wenig zu, als ihnen ohne Worte klar wurde, dass sie sich gegenseitig diskret beobachtet hatten. Eric bemerkte, dass ihn die Dame gegenüber mehr interessierte, als die übrigen Fahrgäste. Was sie wohl vor hat? Was könnte ihr Reiseziel sein? Ob sie sich auf ein Gespräch einlassen würde? Es käme auf einen Versuch an:

Kurz entschlossen wandte er sich an sie und sagte: „Sie haben Ihre Illustrierte zur Seite gelegt. Könnte das bedeuten, dass Sie ungestört sein wollen oder dass Sie auch zu einem Gespräch bereit wären?“ Die Dame entgegnete: “ Es ist schon seltsam; ähnliche Gedanken hatte ich auch und finde es gut, dass Sie mich ansprechen, denn ich war mir nicht sicher, ob Sie das wünschen. Ein Gespräch wäre mir angenehm, denn die Fahrt bis Säckingen dauert noch mindestens 25 Minuten. Ich möchte meine Mutter besuchen, die im Krankenhaus operiert wurde.“ Eric lächelte, betrachtete die junge Frau mit unverhülltem Interesse und sagte:“Mit acht Jahren war ich auch einmal im Krankenhaus wegen des Verdachtes auf Blinddarmentzündung. Als mich der Arzt untersuchte, waren die Schmerzen aber wie weg geblasen. Ein anderes Mal begleitete ich meine Mutter, um eine Patientin, die im Krankenhaus lag, zu besuchen. Während sie sich mit der Patientin unterhielt, machte ich mich hinter ihrem Rücken über ein offenes Glas Essiggurken her. Meine Mutter wies mich zurecht, aber es war zu spät, denn mir war schon elend und schlecht.“ Jahrelang hatte ich danach eine unüberwindliche Abneigung gegen Essiggurken. Heute mache ich allerdings um das Krankenhaus einen großen Bogen und hoffe, in einem bekannten Tanzcafe Damen zu treffen, die auch gerne tanzen. Sie entgegnete mit einem verschmitzten Lächeln: „Ihre Warnung ist bei mir angekommen; Essiggurken werde ich nicht zu mir nehmen. Bei aller Liebe zu meiner kranken Mutter könnte ich mir jedoch gut vorstellen, auch wieder einmal zu tanzen. Ich tanze nämlich leidenschaftlich gern.“ Eric gab zur Antwort: „Es leuchtet mir ein, dass sie nicht davon absehen können, ihre Mutter nach der Operation zu besuchen. Sie werden sicher schon von ihr erwartet.“ Der Zug hielt.

Sie waren in Säckingen. „Schade“, sagte Eric: „Ich hätte mich gern weiter mit Ihnen unterhalten. Wenn ich nicht den Zweck Ihres Besuches im Krankenhaus erfahren hätte, wären Sie sicher meiner Frage begegnet, ob Sie mir bei der Tanzveranstaltung Gesellschaft leisten wollten?“  Sie entgegnete: „Und Sie glauben, dass ich nach 25 Minuten angenehmer Unterhaltung mit Ihnen, Ihr Angebot angenommen hätte?  – und dabei sah ihn die Dame mit blitzenden Augen an.“ Er gab zur Antwort: „Mindestens versucht hätte ich es sicher.  Aber heute war es Ihnen ja gar nicht möglich, Ihre kranke Mutter zu enttäuschen. Vielleicht begegnen wir uns ein anderes Mal unter günstigeren Umständen. Ich bedanke mich bei Ihnen für das Gespräch und hoffe, trotz einer leichten Enttäuschung, im Tanzcafé auch wieder angenehme Gesellschaft zu finden.“  Sie verabschiedeten sich mit einem verbindlichen <auf Wiedersehen>.

A l i c e

Eric schätzt es, wenn die vielen Touristen abgezogen waren, wie die <Einheimischen<, durch die engen Gassen und Strassen von Säckingen zu schlendern. Das Fridolin-Münster im Zentrum der Stadt, die alte Holzbrücke über den Rhein zur Schweiz hinüber, und die Geschichte des Trompeters von Säckingen, waren ihm vertraut. Heute bewegte ihn aber ein anderes Interesse. Wie von selbst und noch beeindruckt von dem Gespräch mit der Dame im Zug, fanden seine Füße Schritt für Schritt den Weg in das bekannte Tanzcafé.

Durch eine Drehtüre betrat er den Raum, der einladend gestaltet war: Zur Rechten standen in lockerer Anordnung, in freundlichen Farben gedeckte, mit bunten Blumen und Kerzen dekorierte Tische. Auf bequemen Sesseln saßen ältere Damen und Herren und einige Familien mit Kindern. Sie ließen sich, das reiche Sortiment an Kuchen und Torten bei Tee und Kaffee wohl bekommen. In der Raummitte stand eine geräumige Theke; hinter Glas präsentierte sich appetitlich ein reichhaltiges Angebot an Backwaren. Hinter der Theke nahmen hübsche Bedienungen in dunkler Kleidung mit weißen Schürzen die Aufträge entgegen. Andere servierten den Gästen Getränke und Kuchen. All dies geschah in ruhiger und freundlicher Geschäftigkeit.

Dem Eingang gegenüber stand ein Flügel: Zusammen mit dem Pianisten, einem Violinspieler und einem Bassisten, hatte ein Trio in dunkler Kleidung Platz genommen. Links neben dem Eingang eröffnete sich eine tiefer liegende, größere, halbrunde Tanzfläche. Rings um diese waren runde Tische mit Blumen, Kerzen und Tischleuchten, vor einer mit Vorhängen geschützten, großflächigen Fensterfront, aufgestellt. Die ganze Dekoration, gab dem Raum eine intime, freundliche Note.

Eric entschied sich rasch für einen freien Tisch im Bereich der Tanzfläche und gab seine Bestellung auf. Nach und nach füllte sich das Lokal zu beiden Seiten. Ein Paar suchte, und fand an Eric´s Tisch Platz. Die Musik setzte ein. Es entging Eric nicht, dass das Trio offensichtlich bemüht war, sich in Lautstärke und Wahl der Musikstücke auf ihr Publikum einzustellen. Insofern war es möglich, die Atmosphäre im Raum, die verhaltenen Stimmen, die tanzenden Paare, und die angenehme Musik, auch ohne selbst zu tanzen, zu genießen.

In der Rolle des Beobachters war Eric fast mit seinem Schicksal zufrieden, wenn da nicht die vielen hübschen Damen gewesen wären. Vor deren Schönheit, vermochte er die Augen nicht lange zu verschließen; dies umso mehr, als eine gut aussehende Dame ihn, wenn sie vorbei tanzte, immer keck anlächelte. Sollte das eine Aufforderung sein, sie zum Tanz zu bitten? Sein Interesse war geweckt. Nach einigen Versuchen, herauszufinden, wo sie Platz genommen hatte, entdeckte er ihren Tisch, schräg gegenüber, in der Nähe der Musiker. Die Musik lockte mit dem bekannten Schlager, »wenn der weiße Flieder wieder blüht«, zum Tanz. Es gelang Eric nicht, sein Interesse zu verbergen:

Mit rascheren Schritten, als beabsichtigt, überquerte er die Tanzfläche und bat die Dame, die lächelnd zustimmte, um den nächsten Tanz. Sie lag anschmiegsam in seinen Armen und ließ sich überraschend leicht führen. Mit einem Blick, der Lebensfreude und Lebenserfahrung erahnen ließ, vermochte Sie zu locken, und gleichzeitig Respekt einzufordern. Ihr offenes, einladendes Lächeln, das den Mund umspielte, und der Schalk, der kleine Grübchen in ihren Augenwinkeln frei gab, blieb Eric nicht verborgen. Wer mochte diese Frau sein? Wenn er ihr beim Tanz tief in die Augen schaute und sie dem Blick stand hielt, eröffnete sich eine beruhigende Chance, einander vertrauen zu können. Welche Geheimnisse sich auch immer verbergen mochten, lügen konnten diese blauen Augen nicht.

Ihre Garderobe verriet einen sicheren Geschmack. Sie trug einen dunklen Halbrock, eine sportliche, weiße Bluse mit passendem Goldschmuck im Ausschnitt, und halbhohe Schuhe. Eric war überrascht, wie wenige Worte und Hinweise genügten, um einander sympathisch zu sein. Kleine Gesten von Tisch zu Tisch reichten aus, um den nächsten Tanz zu vereinbaren; und es gab viele Tänze, bis die Musiker ihre Instrumente einpackten. Beim letzten Tanz: <zum Abschied reich ich Dir die Hände…> bot Eric seiner Partnerin an, sie nach Hause zu geleiten. Sie nahm das Angebot dankend an. Der Weg führt durch das nacht-dunkle Säckingen am Fridolin Münster vorbei zu ihrer Wohnung. Er bedankte sich für den schönen Abend, und äußerte den Wunsch, sie am nächsten Wochenende wieder im Tanz-Café treffen zu wollen. Sie sagt mit einem koketten Lächeln zu.

Auf der Heimreise schloss Eric öfters die Augen, um das Erlebnis mit seiner Tanzpartnerin noch einmal an sich vorbei ziehen zu lassen. Er wünscht sich sehr, diese Frau näher kennen zu lernen. Immer wieder in einer ruhigen Stunde während der Arbeit, vor dem Einschlafen oder beim Erwachen, eilten seine Gedanken und Fantasien zu ihr. Eine Woche konnte unter diesen Umstanden recht lange dauern. Er musste aber die angenehme Vorstellung, sie bald wieder im Arm zu halte, und sich mit ihr auszutauschen zu können, nicht verscheuchen; im Gegenteil, er konnte es zulassen, sich auf ein baldiges Wiedersehen zu freuen.

Eric saß wieder im Zug Richtung Säckingen. Obwohl das Abteil gefüllt war, befasst er sich nicht mit den Frauen um ihn herum. Er war aber intensiv dabei, sich auszumalen, wie die nächste Begegnung mit seiner Tanzpartnerin ausfallen würde. Ob sich die Gelegenheit ergeben würde, gegenseitig etwas mehr von sich selber erzählen zu können?

Er betrat das Café, suchte einen freien Tisch und stellte enttäuscht fest, sie war noch nicht da. Während Eric seine Bestellung aufgab, betrat sie das Lokal. Sie schaute sich suchend um. Eric war sich sicher, dass sie nicht nur irgend einen Platz suchte. Das Lächeln, als sie ihn bemerkte, deutete ja an, dass sie sich freute, ihn zu sehen. Er stand auf und benutzte die Gelegenheit, sie zu begrüßen und ihr einen Platz an seinem Tisch anzubieten. Aus ihrer zustimmenden Reaktion glaubt Eric zu erkennen, dass sie dieses Angebot erwartete. Er half ihr aus dem Mantel mit der Bemerkung: „Ich freue mich sehr, dass Sie mein Angebot annahmen, ergibt sich daraus doch auch die Möglichkeit, mit Ihnen ein wenig zu plaudern. Ich muss dann auch nicht mehr mit Gesten um den nächsten Tanz bitten, und kann mir die Konkurrenz besser vom Leibe halten.“ Sie gab zur Antwort, nachdem sie Platz genommen hatte: „Sind sie immer so zielstrebig?“  Eric fühlte sich ein wenig durchschaut und entschloss sich, nahe an der Wahrheit zu bleiben indem er antwortete: „Es kommt sehr auf die Umstände an. Wenn ich, wie im Moment bei Ihnen, interessiert bin, ihr Einverständnis zu gewinnen, mir Gesellschaft zu leisten, ist es mir wichtig, meine Chancen zu klären. Im Übrigen halte ich auch sonst nicht allzu viel davon, die Unwahrheit zu sagen. Dass ich mich sehr freute, sie hier wieder zu sehen, hätten Sie ja auch an meinen Gesten erkannt.

In diesem Augenblick spielte das Trio einen langsamen Walzer. Eric bat um diesen Tanz und summte leise den Text mit <Glaube mir, glaube mir, meine ganze Liebe schenk ich Dir…>.“ Die Tanzfläche war noch nicht voll besetzt, sodass es möglich war, freie Figuren zu tanzen. Musik und Bewegung gingen in einander über. Im Wechsel von Tanz, geruhsamen Pausen, und leichter, angenehmer Unterhaltung, verging der Abend viel zu schnell. Eric fraget seine Partnerin, ob es für sie auch wünschenswert wäre, sich gegenseitig vorzustellen. Ein Ratespiel nach passenden Vornamen setzte ein, führte allerdings nicht zum Erfolg, so dass sie diesen Versuch aufgaben. Sie nannt ihren Vornamen <Alice>, Eric den seinen.

In den folgenden Wochen und Monaten trafen sich Eric und Alice oft zum Tanz, und so oft es das gegenseitige Vertrauen erlaubte, auch in deren Wohnung: Sie stammte aus Schlesien, wurde im Verlauf des Krieges ausgesiedelt, erlebte die Flucht vor den Russen zu Fuß und auf Pferdewagen, der Witterung ausgesetzt, das Lagerleben im zerstörten Deutschland, und die Umsiedlung, die sie nach Säckingen führte. Ihr Mann war im Krieg gefallen. Über ihr schmerzlichen und zum Teil sehr grausamen Erfahrungen sprach sie wenig. Sie übernahm aber mutig, die ihr zugefallene Aufgabe, packte an, und sorgte im Blick nach vorne tatkräftig für sich und ihre beiden Kinder. Ein Schicksal, das sie in jener Zeit mit vielen Flüchtlingen teilte. Eric wurde nach und nach in diesen familiären Kreis aufgenommen, lernte Alice, deren schulpflichtige Kinder Udo und Helga schätzen und erwiderte deren Zuneigung.

Die Wohnung war nicht übermäßig groß aber sehr geschmackvoll eingerichtet und bot allen ausreichend Platz. Die Kinder hatten ihr eigenes Zimmer. Alice verstand es, für eine gemütliche Atmosphäre zu sorgen und die Räume mit Dekor und Blumen zu schmücken. Eric freute sich sehr, wenn er nach einer arbeitsreichen Woche wieder im Zug Richtung Säckingen saß. Obwohl es zu vielen angenehm verlaufenden Begegnungen im Tanzcafé und der Wohnung kam, dauerte es sehr lange, bis es zu erotischen Kontakten kam. In einer von gegenseitigem Respekt und Vertrauen getragenen Beziehung, lernte Eric Alice zu lieben, und fühlte sich auch von ihr geliebt.

Ab diesem Zeitpunkt beschäftigte ihn die Frage immer mehr, ob es möglich sein könnte, diese Beziehung zu legalisieren. Er brauchte wiederum eine längere Zeit, bis er sich klar genug war, dass es genau darum ging, Alice zu heiraten, oder aus Respekt vor ihr und den Kindern die Beziehung aufzulösen. Es war für Eric ein schmerzlicher Prozess, sich unter den gegebenen Umständen auch auf eine mögliche Trennung einzustellen. Schien es ihm doch sehr fraglich, ob er je wieder eine Frau finden würde, mit der er in gegenseitiger Liebe zusammen leben könnte. Er musste daher mit ihr sprechen, ohne ihre Reaktion zu kennen: Eines Abends saß er mit Alice zusammen und sagte: „Ich habe mir nach unserer langen Bekanntschaft in letzter Zeit immer wieder die Frage gestellt, wie wir unsere Beziehung weiter gestalten könnten?“. Nun kann ich Dir, Alice, sagen, dass ich Dich heiraten will, wenn auch Du meine Frau werden möchtest?. Ich sage das nicht leicht hin und habe lange über uns nach gedacht.“ Alice schaut ihm tief in die Augen und bemerkte: „Ich habe gefühlt, dass Du Dich verändert hast, und mit dieser Frage gerechnet. Schau, Eric, so sehr mich nach der langen schönen Zeit mit Dir Dein Vorschlag ehrt und freut, ich kann nicht zustimmen. Du bist etwas jünger wie ich und in der Lage, eine zu Dir passende Frau zu finden und mit ihr Kinder zu haben. Gerade weil ich Dich liebe, liegt mir sehr an Deinem Wohl. Ich wünsche Dir von ganzem Herzen eine liebenswerte Frau und bin sicher, dass Du mit Ihr auch glücklich werden kannst. Wir werden uns daher trennen müssen.“ Eric antwortete: „Mich zu trennen von einer Frau, der ich sehr viel verdanke, einer Frau, von der ich mich mit Sicherheit geliebt weiß, zu trennen auch von Udo und Helga, die mir ans Herz gewachsen sind, fällt mir sehr schwer. Ich bin mir nicht sicher, ob sich Deine guten Wünsche in Zukunft erfüllen«. Er nahm Alice in die Arme und sagte: „Ich könnte es nicht ertragen, wenn Dir oder den Kindern ein Leid geschähe. Menschen zu begegnen die frei von Lüge zu gegenseitigem Respekt und zur Liebe fähig sind, ist eine große Gnade“. Tief bewegt verabschiedet sich Eric von den Dreien mit den Worten: „Möge Euch Gott schützen und mir helfen, Euch dankbar einen Platz in meiner Erinnerung zu bewahren“. Es vergingen viele Tage und Nächte, in denen Eric trauerte und sich immer wieder die Frage stellte, ob es richtig war, sich von Alice zu trennen. Jetzt konnte er ermessen, was es für Menschen bedeutet, Liebe zu erfahren, die alles Schöne und Kostbare hegt, pflegt und  dankbar in Erinnerung bewahrt.

Ein Wiedersehen?

Sie hatte nicht angerufen. Eric war ihr auch nicht begegnet. Er hatte zwar oft an sie gedacht und gelegentlich ermutigend gespürt, dass sie ihm beim Schreiben über die Schultern zuschaute. Es war eine längere Zeit verstrichen, seitdem er mit ihr über sein Vorhaben, ein Buch zu schreiben, gesprochen hatte, und sich von ihr verabschiedete. Obwohl nur eine Geschichte und kein Roman entstand, fühlte er sich in der Pflicht, sein Versprechen zu halten, und ihr das fertige Manuskript zur Lektüre zu überlassen. Wie mag es ihr ergangen sein in der Zwischenzeit? Ob ihr Interesse erhalten blieb, das Buch zu lesen? Während er darüber nachdachte, fühlte er sich ihr nahe und hoffte, sie bald wieder zu sehen.

Ohne zu zögern, griff er nach ihrer Visitenkarte und rief sie an. Sie meldete sich mit ihrem Vornamen <Luise<. Eric erkannte sofort ihre Stimme wieder und sagte: „Hier spricht der Mann, mit dem Sie im Frühjahr in einem Straßencafé in der Stadt über seine Absicht gesprochen hatten, ein Buch zu schreiben, um auszudrücken, wie sehr er vielen Frauen, denen er begegnete, dankbar sei.“  Sie hob ihre Stimme ein wenig an und äußerte: „Ich habe Sie sofort an Ihrer Stimme erkannt und freue mich sehr, von Ihnen zu hören. Ihre Visitenkarte hatte ich schon mehrfach in der Hand, und stand nahe bevor, Sie einmal an zu rufen, wusste dann aber nicht, ob es ihnen recht ist, genau wie damals, als ich Sie um einen Platz an ihrem Tisch bat. Ich entschied mich dann, nicht anzurufen, obwohl ich mir irgendwie sicher war, es könnte Ihnen nicht unangenehm sein“. Er entgegnete: „Ich hätte mich sicher gern mit Ihnen unterhalten, genau wie jetzt, denn ich sehe Sie so vor mir, als säßen Sie mir gegenüber. Ich hoffe sehr, dass Sie sich nicht zu sehr grämten, weil mein Anruf ausblieb?“ Das damalige Gespräch mit Ihnen und Ihr Interesse an meiner Arbeit half mir, mein Vorhaben, einen Roman zu schreiben, zugunsten einer Geschichte aufzugeben. Denn ich konnte darauf vertrauen, dass Sie auch an einer Erzählung Freude haben könnten. Sie können daraus ablesen, welchen Eindruck Sie auf mich machten. Es sind an die dreißig Seiten geworden, die ich Ihnen sende. Bitte rufen Sie zurück, wenn Sie die Lektüre abgeschlossen haben. Wir könnten danach vereinbaren, ob und wo wir uns zu einem Gespräch treffen wollen? Sie war mit diesem Vorschlag einverstanden.

 

 

 

 

 

 

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Franz Schwald

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