Der kleine Engel

 

 Auf Erden

Es gab einmal vor vielen Monden »eine arme Seele«. Sie lebte einst auf Erden, fromm und in Frieden. Güter und Reichtum verteilte sie an arme Menschen. Geld und Besitz hätten für ihre letzte Reise eh nichts genutzt. Wo hätte sie schon eine Fahrkarte in den Himmel lösen sollen? Als sie so an sich herunter sah, barfuss, mit einer Kutte wie sie Mönche tragen, kam sie sich recht unbedeutend vor. Sie war sich auch nicht mehr sicher, ob sie bei ihrem Lebenswandel das Geschenk des Himmels wirklich verdient hätte.

Ihre Jugendzeit, in der sie es mit den Tugenden nicht so genau genommen hatte, stand ihr noch lebhaft vor Augen. Sie liebte es damals, froh zu sein, Gesellschaft um sich zu haben, war dem Wein, dem lockeren Leben und den schönen Frauen verfallen. Bei genauer Betrachtung, war sie auch als Kind kein reines Lämmchen: Sie erinnerte sich an gestohlene Birnen, Äpfel und Kirschen und an so manche handfeste Lüge und kleinere Notlügen. Manchmal wäre es  besser gewesen, weniger hitzig zu sein, und nicht so kräftig Prügel auszuteilen, wenn sie sich im Unrecht fühlte.

Nachdem sie viele Jahre in Saus und Braus gelebt hatte, selbst dabei nicht wirklich froh wurde und auch erkennen konnte, dass andere Erdenbürger, trotz vieler Reichtümer, nicht glücklich wurden, kam sie ins Nachdenken. In dieser Zeit hörte sie einmal eine Stimme – wie vom Himmel -, die sie ermahnte und bat, sie möge doch die zerstörte Kirche wieder aufbauen. Wenn sie dem Herrn Jesu nachfolge und auf Reichtum verzichte, dann könne sie hundertfältigen Lohn erwarten und sehr glücklich werden.

In ihrer Erdenzeit war die arme Seele immer sehr großzügig und hielt ihre Tisch- und Zechgenossen frei. Nun legte sie die schönen Kleider ab, gab ihr Erbe preis und teilte den Reichtum mit den Armen. Jetzt erst bemerkte sie, wie viele hilfsbedürftige Menschen es gab. Die einen hatten kaum etwas zu essen. Andere waren mutlos und verzweifelt, wussten mit ihrem Leben nichts anzufangen oder lagen krank und siech danieder.

Die arme Seele behielt für sich nur noch eine Kutte,  die sie vor Kälte und Regen notdürftig schützte, Sandalen und einen Wanderstab. Wenn sie über ihr bisheriges Leben nachdachte, vergoss sie manche Träne. In lauen Nächten schlief sie unter Bäumen und wenn es kalt wurde, in einer Höhle. Sie ernährte sich von Beeren und Pilzen und von Gaben meist selbst sehr armer Menschen. Die arme Seele betete, wie sie es gelernt hatte, das Kreuzzeichen, Vaterunser, Ave-Maria auch für die Kirche und pries Gott für alle Gaben

Andere fromme Seelen bemerkten, dass die arme Seele zufrieden und glücklich war mit den schönen Dingen, die es auf Erden gab. Wenn sie sich irgendwo im Walde zur Rast setzte, konnte es geschehen, dass Tiere ihr Gesellschaft leisteten. Rehe, Hasen, selbst der mächtige Hirsch suchten die Nähe zur armen Seele, die stets bereit war, ihnen von dem Wenigen das sie besaß, etwas ab zu geben. Manchmal brauchte sie nur die Hand auszustrecken und eine Amsel oder Elster ließ sich darauf nieder. Wenn dann alle Tiere versammelt waren, konnte es geschehen, dass sie ihnen wie ein Pfarrer im Gotteshaus, eine Predigt hielt. Die Tiere waren dabei mucksmäuschenstill und jagten selbst die lästigen Mücken nur mit größter Sorgfalt weg. Die arme Seele hatte nämlich in ihren Predigten dazu aufgerufen, dass großer Friede herrschen solle. Erst, wenn sie nach einer solchen Versammlung allen den Segen erteilt hatte, zogen die Tiere ihres Weges.

Eines Tages war die arme Seele unter einem großen Birnbaum eingeschlafen. Plötzlich erscholl zartes Engelsgeläut, das immer näher kam. Da ertönte eine tiefe Stimme, die sprach: » Franziskus, Franziskus! « Die arme Seele erschrak. Dann kamen einige kleine Engel herbei. Sie hielten Glocken in den Händen, denen sie himmlische Töne entlockten. Die Engelein mit den kurzen weißen Röcken und ihren goldenen Haaren trugen keine Schuhe. Die brauchten sie ja nicht, denn Engel fliegen meistens. Sie sangen so schön den Kanon: »Fürchte Dich nicht! «, dass die arme Seele nicht mehr vor Angst zittern musste.

Nun ertönte die tiefe Stimme wieder, die ihr den Auftrag gab: »Bau mir die zerstörte Kirche wieder auf! « Die arme Seele duckte sich tief zu Boden und antwortete bedrückt: » Ich habe nur zwei Hände und bin es nicht gewohnt, schwere Steine zu schleppen, zudem weiß ich nicht, wo ich die Kirche finden soll. « Die Stimme antwortete: » Mach alles wie bisher. Ich werde dafür sorgen, dass du verwandte Seelen finden wirst, die dir helfen. « Frohgemut erhob sich die arme Seele und wanderte weiter. Eines Tages sah sie vor sich ein kleines Kirchlein, das schon bessere Tage gesehen hatte. Sofort begann sie damit, das verfallene Mauerwerk auszubessern.

Da kamen unerwartet einige junge Männer daher, die bemerkten, wie schwer es der armen Seele fiel, allein für die Kirche zu sorgen. Sie erzählten, dass sie von weit her gekommen seien. Als sie von dem Leben der armen Seele hörten, hätten auch sie auf ihren Reichtum verzichtet, sich Kutten übergestreift und seien auf Sandalen hierher gewandert, um wie die arme Seele zu leben. Diese kräftigen Männer packten mit an, beteten mit der armen Seele zusammen bei der zerstörten oder in einer der anderen Kirchen in der Umgebung. In kurzer Zeit wurde die zerstörte kleine Kirche wieder aufgebaut. Nun hatten sie einen Ort zum gemeinsamen Beten gefunden.

Der Ruf der Mönche verbreitete sich in der Region und es schlossen sich ihnen immer mehr Brüder an. Die arme Seele bemerkte aber die tiefste Not der Menschen und tat alles, um sie mit seinen Freunden zu trösten, ihren Glauben an den Herrn Jesu zu stärken und sie zu Liebe und Frieden anzuhalten. Das Weihnachtsfest, die Geburt des Herrn, feierten alle Brüder zusammen in einer alten Scheune. Es kamen arme Menschen und Hirten aus der Umgebung hinzu. Sie priesen Gott für das kleine Jesuskind, beteten und sangen zusammen frohe Lieder.

Und so geschah es viele Jahre, bis die arme Seele todmüde im Kreise ihrer Freunde starb. Sie schien aber gar nicht unglücklich zu sein, denn sie freute sich, dem Herrn im Himmel zu begegnen. Zum letzten Mal erteilte sie allen, die von weit her gekommen waren, trauerten und weinten, den Segen und sagte: » Seid nicht traurig, und macht alles so, wie bisher und wie ich es in diesem Buch aufgeschrieben habe«

Vor dem Himmelstor

Als die arme Seele nach langer Reise etwas müde und zerzaust vor dem großen Himmelstor stand, ging ihr das ganze Erdenleben durch den Kopf. Da öffnete sich das goldene Tor langsam und ein erhabener Engel in leuchtendem Gewand trat heraus. In der Hand hielt er ein feuriges Schwert. So schön hatte sich die arme Seele den Erzengel Michael nie vorgestellt. Wenn ihr in diesem Augenblick nicht der eigene Schutzengel beigestanden wäre und ihr ins Ohr geflüstert hätte: » Der Erzengel Michael tut Dir nichts, er muss im Himmel nur nach den Rechten sehen. Einer armen Seele kann er schon deswegen nichts antun, weil er Mitleid mit ihr hat«, hätte die arme Seele umgehend das Weite gesucht. Sie hatte zudem bemerkt, dass der Erzengel Michael ein Lächeln nicht ganz verkneifen konnte. So etwas zu erkennen, darauf verstand sich die arme Seele, denn sie hatte auf Erden oft und gerne gelacht.

Nun kam auch der Heilige Petrus heraus. Ihn erkannte die arme Seele sofort, denn er trug in seinen Händen die großen, goldenen Schlüssel für die Himmelstüre. Es gesellte sich auch der Heilige Paulus dazu. Ihn zu erkennen fiel der armen Seele nicht schwer, denn sie war sich sicher, wo Petrus ist, kann Paulus nicht weit sein und zudem hatte er in seiner Hand eine große Bibel. Der Heilige Petrus ergriff das Wort: » Wir wollen von Dir hören, wie Dein Name ist, was Du auf Erden vollbracht hast und warum Du begehrst, in den Himmel aufgenommen zu werden? « Ach, so viele schwierige Fragen und was wird geschehen, wenn ich erklären muss, dass ich keine ganz reine Weste habe? Der Schutzengel bemerkte, dass die arme Seele wie Espenlaub bei diesen Gedanken zitterte, und flüsterte ihr zu: » Die fressen Dich nicht, erzähl ruhig eins nach dem andern und wenn Du einen Fehler machst, zupf ich Dich an Deiner Kutte, dann kannst Du Dich verbessern. «

Mit etwas leiser Stimme begann die arme Seele die Fragen zu beantworten: » Früher nannten mich meine Eltern Franziskus, als ich aber, um Jesus nachzufolgen, mein Leben änderte, das Geld an die Armen verschenkte und selbst nichts mehr besaß, fühlte ich mich als eine arme Seele. Diesen Namen behielt ich dann bei, als Freunde zu mir kamen. Der Heilige Petrus schaute gütig auf die arme Seele hinunter und sagte: » Zunächst, rede mit uns lauter, den Paulus und ich hören nicht mehr so gut, wie zu der Zeit, als wir auf Erden herum wanderten, um den Menschen den Glauben an Jesus zu verkünden. Dann wandte er sich kurz an Paulus, besprach sich mit ihm und entschied: » Von jetzt an wirst Du den Namen Franziskus wieder tragen, das hört sich im Himmel besser an. Zudem wirst Du in die Kleiderkammer gehen und Dir dort ein weißes Engelkleid und einen goldenen Heiligenschein abholen, den Du fortan sorgfältig pflegen musst, damit er seinen Glanz nicht verliert. Schuhe sind nicht nötig. Du kannst deine Kutte und die ausgetretenen Sandalen in der Kleiderkammer abgeben. Engel und Heilige brauchen keine Schuhe. Sie können alle fliegen. Die arme Seele hatte nicht damit gerechnet, dass sie die geliebte Kutte und die Sandalen abgeben müsste, aber was tut man nicht alles, um in den Himmel zu kommen. Nun schlug Paulus die Heilige Schrift auf. Der armen Seele fiel ein: » Genau wie beim Nikolaus «, und mit dem hatte sie schlechte Erfahrungen gemacht.

Der Heilige Paulus hatte einen Spickzettel in großer Schrift in seiner Bibel, denn er konnte nicht mehr gut sehen. Dann hob er an: » Erzähle mir frei heraus, was Du auf Erden mit Gottes Hilfe Gutes getan, unterlassen oder falsch gemacht hast! « Das Herz der armen Seele klopfte mächtig. Der Schutzengel bemerkte die Angst und sagte: » Franziskus, nimm Dich zusammen, es wird schon alles gut werden! « Da schaute er dem Heiligen Paulus fest in die Augen und begann, zunächst stotternd, dann immer flüssiger zu reden: »Ich habe schon in meiner Kindheit den Eltern oft widersprochen, in Nachbarsgärten Birnen und Äpfel gestohlen, und bin ohne Erlaubnis auf Kirschbäume geklettert, um Kirschen zu naschen. Später habe ich mit meinen Freunden oft gezankt. Wenn sie nicht das machten, was ich wollte, habe ich sie verprügelt. Ich habe in feinen Kleidern, die armen Menschen übersehen, an üppigen Gelagen teilgenommen und mich mit vielen Mädchen amüsiert. Und was sehr schlimm war: Ich habe oft, wenn ich mich sehr über eine Untat schämte, gelogen.

Gelogen, wollte Petrus entrüstet einwenden. Da bekam er von Paulus einen Stoß. Er flüsterte ihm ins Ohr; » Und wie war es damals, bevor der Hahn dreimal krähte? «  Petrus bekam einen roten Kopf und hielt sich mit der Nachfrage in diesem Punkt beschämt zurück.  Franziskus fuhr fort: » Es dauerte sehr lange, bis ich erkannte, dass ich bei den Ausschweifungen nicht glücklich wurde und die Freunde mit all ihrem Besitz ebenso wenig, obwohl mir mein Schutzengel mächtig ins Gewissen redete. Da bekam Franziskus einen Stoß und der Schutzengel flüsterte ihm zu: » Das mit dem Schutzengel war überflüssig! « Erst von dem Augenblick an, als ich die Kutte nahm und versuchte, in Sandalen wie der Herr Jesus herumzuwandern, zu beten den Frieden zu verkünden, die Armen versorgte und den Kranken half, ging es mir besser. Ich freute mich an Pflanzen, Tieren, Sonne, Mond und Sternen, konnte lachen und sogar den Tieren predigen. Verzeih mir, Heiliger Paulus, mir fallen, außer dass ich die zerstörte Kirche mit Freunden zusammen wieder aufbaute, keine weiteren guten Werke in meinem Erdenleben zu meiner Entlastung ein. » Um so mehr habe ich dazu in meiner goldenen Bibel auf einem besonderen Blatt mit dem Namen Franziskus aufgeschrieben «, gab der Heilige Paulus zur Antwort. Dann wandte er sich zur armen Seele und sagte feierlich: » Du hast verdient, in den Himmel eingelassen zu werden, den Jesus Dein Freund, dem Du nachgefolgt bist. hat Dir schon lange all Deine Schuld vergeben.

Der Heilige Petrus nahm den goldenen Schlüssel und wollte die Himmeltür öffnen, da wandte sich die arme Seele an ihn und bat: » Ich habe schweren Herzens zugestimmt, meine Kutte und die Sandalen abzugeben, darf ich wenigsten im Himmel »ein kleiner Engel« sein?Die Heiligen Petrus und Paulus mussten bei dieser Bitte ein wenig lächeln. Dann aber fiel Paulus ein, dass der Herr gesagt hatte, wer nicht so klein sei, wie ein Kind, komme nicht in das Himmelreich. Sie befanden, dass es damit einen »höchsten Grund« gebe, der armen Seele diese Bitte nicht abzuschlagen.

Im Himmel

Der kleine Engel wurde, nachdem er mit einem weißen Kleid und einem nagelneuen Heiligenschein aus purem Gold ausgestattet war, von Petrus und Paulus persönlich in den Himmel geleitet. Sein Schutzengel hielt sich dabei etwas zurück, blieb aber für alle Fälle auch im Himmel in der Nähe von Franziskus.  Gleißendes Licht erfüllte den unendlich großen Raum. Der kleine Engel musste sich erst langsam an das Licht, heller als tausend Sonnen, gewöhnen. Er hatte ja auf Erden viele Male versucht, sich vorzustellen, wie es im Himmel ausschauen könnte. Jetzt erst wurde ihm klar, dass eine solche Pracht, unvorstellbar ist. Es leuchtete ihm auch ein, dass es ratsam war, sich zuvor neu einzukleiden. In Kutte und Sandalen wäre er sich hier doch sehr komisch vorgekommen.

Der Erzengel Michael befahl, und sogleich ertönten himmlische Posaunen. Alle Augen richteten sich auf den kleinen Engel, der im großen Himmelstor noch kleiner wirkte. Sein Schutzengel stieß ihm in die Seite und sagte leise: » Flieg schnell ein wenig in die Höhe, damit dich alle sehen können! « Die glasklare Stimme des Erzengel Michael war nicht zu überhören:  » Wir begrüßen unter uns den kleinen heiligen Engel Franziskus ! «  Wie gern hätte sich Franziskus in diesem Augenblick wieder in  der Kapuze seiner Kutte versteckt. Mit was konnte er es verdient haben, ein Heiliger zu sein? Gut, dass sein Engelskleidchen verbarg, wie sehr ihm die Beine zitterten. Da spürte er seinen, Freund, den Schutzengel neben sich, der ihm zuflüsterte: » Franziskus bewahre Haltung, zeig ihnen allen, was ein kleiner Engel ist! « Er wäre jetzt am liebsten so groß gewesen, wie der Erzengel Michael. So blieb ihm nichts anderes übrig, als sich so gut es ging, zu recken und zu strecken und einige Male in die Höhe zu fliegen, damit ihn auch die Letzten im Himmel noch sehen konnten. Als ihn dabei unversehens ein kleines Stäubchen heftig in der Nase kitzelte und er ein-, zweimal kräftig niesen musste, war der Bann gebrochen. Ein rauschender Beifall zeigte ihm, dass er bei allen im Himmel angekommen war und er beschloss, auch seine anderen Talente zu nutzen, um die himmlische Heerschar gelegentlich zu erheitern. Sein Schutzengel würde ihn sicher erinnern, wenn er gegen irgendeine Ordnung verstieße.

Jetzt erst hatte er sich genügend an das helle Licht gewöhnt, um einen Blick in die festliche Versammlung wagen zu können: In der Ferne, alles überragend, sah er Gott Vater, Sohn und den Heiligen Geist in aller Herrlichkeit auf goldenen Thronen sitzen. In strahlendem Licht, umgab die Heiligste Dreifaltigkeit eine große himmlische Heerschar, die immer wieder Lob, Preis, Ehre, Dank und Halleluja sang. In der Nähe waren die Heiligen, Päpste, Kirchenlehrer, Kardinäle und Bischöfe platziert, und dann zu beiden Seiten, wie in einer Konzilsaula, die Priester, Ordensleute und frommen Seelen, Palmwedel in den Händen, mit denen sie sich ab und zu Kühlung zufächerten. Zu Füßen der Dreifaltigkeit lagerten fromme Hirten, die drei Könige, Ochs und Esel, Josef und Maria.

Der kleine Engel schaute nach oben. Das ganze Himmelsgewölbe war mit Sternen übersät, die glitzerten. Auch Sonne und Mond waren zu sehen, aber viel schöner als auf Erden. Alles Geschaffene verherrlichte Gott. Franziskus hatte ja immer ein wenig Sorge, ob neben den vielen Heiligen auch der Kosmos, Tiere und Pflanzaen, im Himmel noch Platz finden könnten. Jetzt war es gut. Alles was er in seinem Erdenleben liebte, fand sich – zwar etwas anders -, aber auf seine Weise im Himmel wieder. Der kleine Engel, hoch zufrieden, musste einfach einen Weg finden, um seine Freude auszudrücken.

So schwirrte er denn vor Glück, im ganzen Himmel herum. Eine Ewigkeit lang würde er all die Pracht, Herrlichkeit und die himmlische Musik erleben dürfen. Er betrachtete es auch als einen großen Vorteil, ein kleiner Engel zu sein, denn so konnte er ohne großes Aufsehen, allen Anwesenden seine Aufwartung machen. Natürlich würde dafür eine Ewigkeit nicht ausreichen. Es musste aber die Rangfolge eingehalten werden, das hatte er schon gelernt.So flog er unauffällig an der obersten Reihe, wo die frommen Seelen Platz gefunden hatten vorbei, schlich sich unter das Gesinde von Maria und Josef, denn dort waren auch noch kleine Engel, ganz nahe an die Heiligste Dreifaltigkeit heran gerückt. Da juckte es ihn im rechten Zeigefinger so sehr, dass er es wagte, den großen Zeh Gott Vaters ein wenig zu kitzeln. » Huch! « sagte Gott Vater. Er, der Allwissende, hatte natürlich sofort bemerkt, wer ihn berührte.

Der  kleine Engel sank in sich zusammen, als ihm sein Schutzengel eine mächtige Standpauke hielt: » Es zieme sich nicht, auch nicht für einen Heiligen Franziskus, Gott zu berühren! « Der kleine Engel hatte nun wirklich nichts zu seiner Verteidigung vorzubringen. Es wurde ihm zusehends übel. Gott Vater sah seinen Sohn und den Heiligen Geist an und lächelte ein wenig. Dann sprach er besänftigend zum Schutzengel:  » Richte den kleinen Engel wieder auf!  Und zu Franziskus: » Es darf niemand Gott berühren, es sei denn aus Liebe! « Ich habe aber einen Auftrag für Dich: » Du sollst mein Sendbote im Himmel sein und Dich unauffällig an alle heranwedeln, die beim großen Halleluja einschlafen. Du magst sie dann mit einem kleinen Schabernack zum Lachen bringen, damit sie wieder bei der Sache sind. Franziskus machte vor der Heiligsten Dreifaltigkeit die größte Referenz, zu deren er fähig war, trat dabei aber auf sein Röcklein, so dass er stolperte und der Heiligenschein mächtig verrutschte. Sein Schutzengel war aber, wie immer, sofort an seiner Seite, half ihm auf die Beine und setzte ihm den Heiligenschein wieder zu Recht.

Der kleine Engel betrachtete seinen Auftrag, direkt vom lieben Gott, als eine große Auszeichnung. Er gefiel ihm besonders, denn er hatte zur Erdenzeit schon oft und gern gelacht. Nun kicherte er vergnüg  in sich hinein beim Gedanken: Wer zuletzt lacht, lacht am besten! In Gegenwart der Heiligsten Dreifaltigkeit so viel Schönheit, Pracht und Freiheit ewig erleben zu dürfen; wer sollte da nicht in den Himmel kommen wollen?

 

 

 

 

Der alte Mann und die Frau

Gelegentlich begegne ich dem alten Mann, der aufrecht und nachdenklich seinen Weg geht. Seine erkennbaren körperlichen Beschwer-en, scheinen ihn nicht besonders zu beeindrucken. Blickt er mich mit seinem von Falten zerfurchten Gesicht, der markanten Nase, dem energischen Kinn und den leicht abstehenden, auf Empfang gestellten Ohren freundlich an, empfinde ich Sympathie und Respekt. Seine fragenden, zugewandten Augen, in denen Güte, Weisheit und Kraft aufleuchtet, fesseln mich immer wieder. Manchmal wirkt er, wenn er ruhig und bestimmt vorwärts schreitet, mitgenommen. Es entsteht aber nie der Eindruck, als könne er in schwierigen Zeiten seine Ziele aus den Augen verlieren. Mit einem Wort: Der alte Mann fasziniert mich. Er scheint ein gutes Herz zu haben. Bei unseren Begegnungen kann ich mich immer ein wenig an ihm aufrichten. Seine Erscheinung ermutigt ohne Worte. Ab und zu wirkt er in sich gekehrt, als ob ihn viele Gedanken bewegten. Ich frage mich immer mehr, was ihn beschäftigt, aus welchen Quellen er lebt und handelt, welche Ziele er verfolgt? Er könnte sicher manche Geschichte aus seinem Leben erzählen. Vielleicht lässt er sich bei unserer nächsten Begegnung ein wenig in seine Seele blicken?

Es überrascht mich nicht sonderlich, den alten Mann, der mich auf meiner Wanderung beschäftigt, nach einer Wegbiegung in der Ferne wirklich zu sehen. Wir sind offensichtlich in der gleichen Richtung unterwegs. Mir wäre es nie in den Sinn gekommen anzunehmen, es könne ihm in seinen Sportschuhen an Tempo gelegen sein. Im Gegenteil. Heute wirkt sein Gang beschwerlicher als sonst, müder aber nicht kraftlos. Langsam, als sei jeder Schritt kostbar, geht er mit Hilfe von Stöcken vorsichtig voran. Der Rücken könnte ihm Beschwerden bereiten. Ab und zu wandern seine Blicke in die umgebende Natur, die gerade jetzt in der Sommerzeit wie eine reife Frau ihre volle Schönheit entfaltet. Die Felder, Wiesen und Wälder stehen stolz in der Tracht ihrer farbenfrohen Gewänder. Ich kann beobachten, wie der Alte die emsigen Bauern freundlich grüßt. Er scheint mit ihnen ebenso vertraut, wie mit den Vögeln, der wärmenden Sonne, dem Plaudern des Baches, den leuchtenden Blumen und duftenden Gräsern am Wegrand. Der alte Mann scheint sich die Zeit zu gönnen, um all die Gaben des Sommers dankbar zu betrachten und die vielfältigen Stimmen der Natur zu genießen. Unvorstellbar für mich, ihn zu einer rascheren Gangart bewegen, zu wollen, denn das könnte ihn ja bei seinen „Geschäften“ stören. Ganz sicher würde er, eine solche Aufforderung ruhig und bestimmt mit der Bemerkung ablehnen, dass er schon oft in gleichem Schritt und Tritt gegangen und angehalten wurde, Tempo aufzunehmen und dies nun getrost den Jungen überlassen könne.Wenn ich seine trotz des höheren Alters durch trainierte Gestalt vor mir sehe, legt sich mir der Gedanke nahe, dass ihm Sport und Bewegung von Kindesbeinen an vertraut sind. Es würde mich gar nicht überraschen, wenn er mir ruhig und stolz erzählte, dass er auch heute noch jeden Tag Gymnastik treibe. Ob er Sportgeräte in seiner Wohnung hat? Überhaupt, wo und wie er wohnt, beginnt mich zunehmend zu interessieren. Ich halte ihn offen gestanden auch für einen Geistessportler und kann mir gar nicht vorstellen, dass er zu Hause nur vor dem Fernseher sitzen könnte. In solchen Gedanken befangen, kommen wir beide uns auf unserem Weg näher. Es fällt mir dabei auf, dass der alte Mann im Gegensatz zu den vielen Frauen, die mir unterwegs begegnen, wenig daran interessiert scheint, sich ein attraktives jugendliches Aussehen zu geben. Er trägt, wie so oft, eine Cordhose und ein leichtes, blaues Wollhemd. Die locker das Haupt umspielenden, leicht schütteren weißen Haare, harmonieren gut mit Blau. Heute lächelt er mich besonders einladend an. Dabei treten seine Lebensringe, die Gesichtsfalten besonders deutlich hervor. Wie viele Jahre mochte er auf dem Buckel haben? Obwohl die Oberlieder der Augen nach Unten drücken, behindern sie seinen freimütigen Blick nicht. Wird es heute zu einem Gespräch kommen? Ich war mehr als bereit dazu. Das zugewandte Antlitz ließ einiges erwarten.

Ich lasse die leichte Beklemmung und Unsicherheit, die mich als wir uns auf Augenhöhe begegnen befällt, beiseite, und grüße ihn in der mir möglichen Offenheit mit einem freundlichen »Grüß Gott! «. Er wandte sich mir voll zu und antwortet mit sonoren Stimme: » Grüß Gott, ein wunderschöner Tag ! Sie sind auch schon unterwegs, wie die Bauern auf dem Feld, die zu diesen Wiesen und Äckern gehören! «. Ich hatte mich nicht getäuscht. Er hatte tatsächlich mit den Bauern gesprochen und scheint sie gut zu kennen. Offensichtlich kommt er auch mir sehr entgegen. Der alte Mann scheint sich auf ein Gespräch mit mir zu freuen und sich dabei gut zu fühlen. Seine Hände und Arme, sind von der Sonne gebräunt, das Gesicht leicht gerötet. Der Blick ist zugewandt auf mich gerichtet, als modelliere er meine Gestalt. Ich frage mich, wie alt er sei? Der jugendliche Scharm und die lebhaften Gesten, die seine Worte begleiten, erschweren es, mich auf eine Jahreszahl fest zu legen. Ich gebe es schließlich auf, nachzugrübeln, wie ein Gespräch zwischen einem mehr als ein halbes Menschenleben Älteren und mir verlaufen könnte, welche Regeln da zu beachten wären, und ob er an einem Gedankenaustausch mit mir Interesse haben könnte. Meinen ganzen Mut, die Distanz zu überbrücken, lege ich in die Worte: » Wir sind uns nun schon so oft begegnet und heute begrüßen sie mich besonders einladend, so dass ich mir erlaube, sie zu fragen, ob wir nicht ein wenig gemeinsam wandern könnten? Er schien meine Bitte erwartet zu haben und gab freundlich zurück: Er kenne mich auch nur vom Sehen, das müsse uns aber nicht hindern, mit einander ein wenig zu wandern und zu plaudern. Ihm sei im Moment danach. Der Bann war gebrochen; nun konnte mich nichts mehr hindern mit dem alten Mann zu reden.

Er schlug vor, uns Zeit zu lassen, um das auch mir sehr vertraute Tal hinauf durch den Wald den Berg hinan über Zell zurück nach Oppenweiler zu gehen. Ich gab mir Mühe, mich auf sein Tempo einzustellen. Es war nicht einfach für mich, da ich sehr wohl eine raschere Gangart gewöhnt bin. Er schien dies zu bemerken und sagte: » Ist es Ihnen unangenehm, langsam zu gehen? « Ich fühlte mich ein wenig ertappt, sah aber keinen Anlass, etwas zu verheimlichen und antwortete wahrheitsgemäß: » Ich gehe zwar allein viel schneller. Um mich mit Ihnen zu unterhalten, könnte ich mich aber auf ihren langsameren Schritt gut einstellen «. Wir wanderten nun geruhsam den uns bekannten Weg zum Brückle und die Steigung hinauf in den Wald. Der alte Mann nahm mir die Bürde ab, das Gespräch zu beginnen, und verwies auf seine beiden Stöcke: » Diese Hilfen benötige ich erst seit zwei Jahren. Nun wohne ich mit meiner Familie seit fünfundzwanzig Jahren hier in Oppenweiler. Den Weg, den wir zusammen gehen, bin ich früher im flotten Tempo gerannt. Mir ist fast jede Grasnarbe am Wegesrand bekannt. Ich hatte mir damals mein Laufpensum in Intervalle eingeteilt. Es war mir wichtig, die Strecke möglichst in immer kürzerer Zeit zu bewältigen. Ich stieg auch gern auf mein Rennrad, vergnügte mich beim Schwimmen, Tennisspiel und beim Wintersport. Gut dass ich das alles kenne, denn von all dem sind heute nur die tägliche Gymnastik und das geruhsame Wandern übrig geblieben.

Es hat mich aber sehr gekränkt, als ich nach und nach alle die mir lieben Sportarten nicht mehr ausüben konnte. Nun bin ich jedoch so weit, Ihnen und denen, die schneller gehen oder rennen können, dies Vergnügen von Herzen zu gönnen, denn ich entdeckte, dass ich beim langsamen Gehen sehr viel mehr erleben kann. Erst in diesem Jahr habe ich all das, was auf einem gemütlichen Spaziergang geschehen kann, in einer Erzählung beschrieben «. Der alte Mann kam so richtig in Fahrt, als er von seinen vielen Sportarten erzählte, die ihm offensichtlich früher Freude bereiteten. Er schien dabei gar nicht zu bemerken, dass uns beide mehr als ein halbes Menschenleben trennt. Dies ermutigte mich, ihm zu gestehen, dass ich mir bereits überlegt hätte, ob er sportlich interessiert sein könnte und dass ich mich schon länger frage, wie alt er wirklich sein könnte. Er gab mir zur Antwort: » Mit fünfundsiebzig Jahren habe ich meine berufliche Tätigkeit beendet und die Praxis abgegeben. Nun bin ich seit zwei Jahren im Ruhestand und ununterbrochen dabei zu lernen, mit der zur Verfügung stehenden Zeit sinnvoll um zu gehen. Bei einer meiner mir sehr wichtigen Beschäftigungen, den Wanderungen um Oppenweiler herum, haben wir uns ja kennen gelernt. Wenn Sie wollen, dann schenke ich Ihnen gerne die Erzählung von mir, damit Sie entdecken können, was dieser Weg mit dem Blick auf den „Reichenberg“ und über Zell zurück im Wechsel der Jahreszeit zu bieten hat «.

Ich war nun doch überrascht. Kaum zu glauben, dass dieser lebhafte und interessierte Mann schon siebenundsiebzig Jahre alt sein sollte. Für einen Moment wünschte ich mir selbst, dass ich einmal ebenso lebendig und bei Kräften sein dürfte, wenn ich so alt wäre. Ich gab ihm wahrheitsgemäß zur Antwort: » Ich hatte erwartet, dass Sie höchstens auf fünfundsiebzig Lebensjahre zu gehen. Umso erfreulicher sei es für mich, so miteinander reden zu können, als gäbe es keinen Altersunterschied zwischen uns. Ich spüre auch eine gewisse Ähnlichkeit zu Ihrer Lebenssituation: » Seit Jahren bin ich in einem ständigen Lernen und stehe mit meinem Biologie- und Chemiestudium zur Zeit im Examen mit all seinen Unwägbarkeiten und den Problemen, die auch danach auf mich zukommen. Es gibt noch eine weitere Ähnlichkeit. Bei meinen zeitlich aufwendigen Studien komme ich selten zum Ausgleichssport. Es wäre schon viel gewonnen, wenn ich wie Sie, täglich gymnastische Übungen durchführte. Daher nehme ich mir jetzt wieder fest vor, für sportliche Interessen mehr Zeit einzuplanen, damit ich mir später den Vorwurf ersparen kann, etwas versäumt zu haben «.

Das Eis war gebrochen. Das unterschiedliche Alter spielte nun keine Rolle mehr. Ich war wie befreit von einer Last. Der alte Mann hatte wirklich eine Fähigkeit, Distanz abzubauen, um ein offenes Gespräch zu ermöglichen. Er schien auch keine Scheu zu haben, mich als junge Frau ernst zu nehmen. Im Gegenteil. Er empfand offensichtlich Vergnügen dabei mit mir Erfahrungen auszutauschen. Das nun spürbare Vertrauen erlaubte mir eine weitere Frage zu stellen: » Ich habe mehrfach beobachtet, dass Sie mit den Bauern auf dem Feld reden. Es schien so, als ob Sie deren Tätigkeit zu schätzen wüssten «. Er schaute mich wohlwollend an und erklärte: » Das wäre eine längere Geschichte. Wenn sie wollen, dann schenke ich Ihnen eine Erzählung, die davon berichtet, wie ich in den Kriegsjahren bei meinen Verwandten auf dem Hotzenwald die Arbeit in der Landwirtschaft in Feld und Wald rund ums Jahr kennen lernte. Sie haben richtig beobachtet, ich schätze die fleißigen Bauern unserer Umgebung sehr und lasse keine Gelegenheit aus, sie das spüren zu lassen. Kenne ich doch die Mühen und Liebe zur Scholle aus eigener Erfahrung. Dies gilt übrigens für alle „Werktätigen“ hier am Ort. Ohne die Menschen in den Betrieben Büros, der Verwaltung, im Gesundheitswesen und den Behörden, ohne unsere Lehrer, Mütter Putzfrauen und Müllmänner könnten wir nicht so leben, wie wir es heute gewohnt sind. Davon, schränkte er ein, steht aber wenig in den Gazetten. Und auch die Medien sprechen kaum von diesen Helden des Alltags, die sich engagiert in Staat und Gesellschaft einsetzen «. Ich erschrak ein wenig bei dem Gedanken, dass so viele Menschen auch für mich tätig sind, an die ich bisher wenig gedacht hatte. Gab dann etwas betroffen zur Antwort: » Offensichtlich hatte ich Sie richtig eingeschätzt, denn ich bemerkte, wie freundlich Sie mit den Bauern sprachen. Dass Ihnen die vielen anderen Berufstätigen aber genau so wichtig sind, hat mich sehr berührt. Denn offen gestanden, darüber habe ich bisher wenig nachgedacht «. Der alte Mann verzog sein Gesicht zu einem gnädigen Schmunzeln und entgegnete: » Seien Sie unbesorgt, in Ihrem Alter, sie haben mir ja noch nicht gesagt, wie „ jung“ Sie wirklich sind, machte ich mir über manches, was mich heut bekümmert, ebenso wenig Gedanken. Da hatte auch ich andere Interessen. Sie haben ja noch ausreichend Zeit vor sich und sollten sich keine Vorwürfe machen «.

Der alte Mann stand für mich plötzlich nicht mehr auf einem Sockel. Wir begegneten uns auf „Augenhöhe“. Er verlor zwar einige Lorbeerblätter aus dem Kranz meiner Idealisierung, den ich ihm aufgesetzt hatte, gewann dafür aber umso mehr menschliche Züge. Es brauchte sicher einige Jahrzehnte, um nicht nur weiße Haare sondern auch diese Altersweisheit zu bekommen. Wie tröstlich für mich. Ich gab zur Antwort: » Es ist schön zu wissen, dass ich neben dem Leistungsstress im Studium nicht auch noch in einen Wettkampf zur Aneignung von Altersweisheit einsteigen muss und dass mir dazu mit meinen fünfundzwanzig Jahren -jetzt wissen Sie auch wie alt ich bin- noch genügend Zeit bleibt. Ich kann mir jetzt bei Begegnungen mit älteren Menschen, die ich gelegentlich bewundere sagen, dass sie alle auch einmal jung waren. Noch mehr: Dass Älterwerden nicht dazu führen muss, jeglichen jugendlichen Elan und Scharm zu verlieren. Eine durchaus tröstliche Vorstellung.

Der alte Mann blieb unvermutet stehen, wirkte sehr nachdenklich und sagte: » Wissen Sie das mit „Jung und Alt“ ist so eine Sache. Ich erinnere mich sehr gut an die Zeit, als ich mit fünfundzwanzig Jahren Stadtrat war und eine kleine Partei führte. Damals hatte ich mir -bildlich gesprochen- bereits die Pantoffeln unveränderlicher Grundhaltungen eines Opas übergestreift. Demgegenüber bin ich heute trotz fester Überzeugungen in einer weltoffenen Haltung wieder jünger geworden. Es gibt offensichtlich „alte Junge und junge Alte“. Ein Grund mehr, um über die Altersgrenze hinweg miteinander im Gespräch zu bleiben. Übrigens geschieht das gerade eben im Kontakt mit Ihnen «. Dieser spontane Dialog mit dem jungen-alten Mann hatte es für mich in sich. Ich kannte Diskussionen über die „Älteren“ in unseren Krei-sen bisher nur unter der Fragestellung, welche Einschränkungen es für uns „Junge“ bringen müsse, die immer größere Zahl der Rentenempfänger durch zu füttern. Hier tauchte nun eine völlig neue Sicht der Begegnungen und des Austausches zwischen den Generationen auf. Ich gab zur Antwort: » Offensichtlich gilt es zu prüfen, wer von den Alten oder Jungen die Pantoffeln festgelegter Meinungen in der jeweiligen Situation angelegt hat. Hoffnung macht mir allerdings der Gedanke, dass sich Vorstellungen ausgleichen und unter Umständen verändern lassen. Ich frage mich im Moment auch, ob wir es uns gesellschaftlich auf Dauer leisten können, auf die Lebenserfahrungen anderer oder älterer Menschen zu verzichten «.

Jetzt fiel mir der jung gebliebene Alte spontan ins Wort mit der Bemerkung: » Das mit dem Lernen gilt sicher auch in umgekehrter Richtung: Ein sehr wichtiger Erfahrung beim Einstieg in den Ruhestand war für mich der Umgang mit den neuen Medien. Ich muss ehrlich gestehen, dass meine Töchter mit dem PC, Handy, Fernsehen und deren Speichermedien, mit Digitalkameras etc. beneidenswert gut um zu gehen verstehen. Es ist nicht zu beschreiben, wie oft ich bei meinen Jungen in die Lehre ging, um nur einige der wichtigsten Funktionen, der Geräte zum Medienzugang und damit zum Kontakt mit anderen Menschen zu erlernen. Das gilt natürlich querbeet für alle Bereiche unserer Wirtschaft und Gesellschaft. Es ist zur Bewältigung der vielfältigen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Probleme lebenswichtig, dass wir uns in einem lebenslangen Lernen mit anderen Menschen austauschen. Ich bin Ihnen aber vorhin ins Wort gefallen. Wollte sie jedoch Ihrem Gedankengang nicht völlig unterbrechen «. Ich gab zur Antwort: » Es hat mich nicht sonderlich gestört, eher erfreut zu hören, dass wir Jungen auch etwas zu bieten haben und dass wir mit unseren Fähigkeiten gebraucht werden. Ich kenne die Notwendigkeit zur Arbeit in der Gruppe und dem erforderlichen Informationsaustausch sehr gut vom Studium her. Wir werden dort sorgfältig auf die Vernetzungen im beruflichen Umfeld und die Teamarbeit vorbereitet. Weniger bekannt waren mir bisher die Probleme des Ausstiegs aus dem Berufsleben in den Ruhestand. Aber das hat ja noch seine Zeit. « Der junge-alte Mann entgegnete: » Wenn es unseren Spaziergang nicht zu sehr beeinträchtigt und Sie Interesse haben, erzähle ich Ihnen gern etwas von den Hauptproblemen beim Wechsel in den Ruhestand:

Zunächst fällt beim Übergang in den Ruhestand, der zuvor im beruflichen Alltag vorgegebene Zeitrahmen mit all den im Arbeitsumfeld gegebenen Kontakten weg. Es wird schmerzlich deutlich, wie sehr der Beruf nicht nur belastete sondern auch geliebt wurde. Dieser Abschied und die Trennungserlebnisse können Trauer und depressive Verstimmungen auslösen. Dann sind Bewältigungsstrategien angesagt: Es gilt
eine neue Struktur des Tagesablaufs mit Sinn füllenden Aufgaben in der verfügbaren Zeit aufzubauen. Gesundheitliche Beeinträchtigungen und sie begleitende Kränkungserlebnisse schränken den Verhaltens-spielraum zusätzlich ein. Neue Kontakte und tragfähige Beziehungen zu Mitmenschen sind zu beleben oder auf zu bauen. Die Auseinandersetzung mit der letzten Lebensphase und den damit verbundenen Grenzen, letztlich dem unausweichlichen Tod, stehen auf der Tagesordnung. Hinzu kommen zunehmend Erlebnisse mit einer Vielfalt verinnerlichter Erfahrungen aus der eigenen Vergangenheit und ein Universum von Möglichkeiten im äußeren Umfeld. Dies alles ist verbunden mit gelegentlich starken Stimmungsschwankungen, notwendigen Begrenzungen und Entscheidungen. Es gilt zudem den eigenen Haushalt zu führen oder in Arbeitsteilung mit dem Partner neu zu definieren. Die Umstellung in den Ruhestand betrifft die ganze Person und erfordert stetige Anpassungsprozesse, um die eigene Identität immer wieder neu zu stabilisieren.

Es ergeben sich zudem bedeutsame Veränderungen in der Familienstruktur. Die Beziehungsmuster zu den selbstständigeren eigenen Kindern und Enkeln sind immer wieder neu den aktuellen Gegebenheiten anzupassen und müssen mit der eigenen Rolle als Großeltern harmonisiert werden. Die Gespräche mit Gleichaltrigen zum Austausch über die anstehenden Fragen gewinnen an Bedeutung. Bedürfnisse nach Erlebnissen in Kunst, Musik, Literatur, Wissenschaft und Politik sind mit anderen Erfordernissen des Alltages auszugleichen. Fragen der weltanschaulichen und religiösen Bindung, des eigenen Wertesystems, des Sinnes im Ganzen des Daseins und Erfahrungen des Verlustes von Personen durch Tod im Umfeld bei gelegentlich zunehmenden eigenen gesundheitlichen Beeinträchtigungen müssen verarbeitet werden. Hinzu kommt die Sorge um die Zukunft der Nachkommen, der Werteordnung in unserer Gesellschaft und die Sicherung der finanziellen Basis. Ein allzu sanftes Ruhekissen ist der „Unruhestand“ nicht. Ich bin nun seit zwei Jahren nicht mehr im Beruf tätig, mit all diesen Fragen aber noch keineswegs im Gleichgewicht. Hierfür brauche ich sicher noch mehr Zeit. Es ist aber wichtig, darüber gelegentlich zu sprechen und es hat mir sehr wohl getan, Sie mit „ diesen reichlichen Andeutungen“ nicht erkennbar überfordert zu haben. Es ist von mir geplant, diesen Kontext noch einmal in einem Essay für Betroffene zu untersuchen und ausführlicher dar zu stellen«.

Ich musste während der engagierten Erzählung des jungen-alten Mannes mehrmals tief Luft holen, hätte Fragen stellen, Einzelheiten erfahren wollen, hatte aber nicht den Mut, ihn zu unterbrechen, denn ich bemerkte, wie bedeutsam dies alles für ihn ist. Da sprach kein dem Leben abgewandter alter Mann, sondern ein engagierter Mensch, der mit wachem Bewusstsein die ihm altersgemäß gestellten Aufgaben zu bewältigen sucht. Ich fühlte mich ihm sehr nahe, denn in meiner anders gearteten Lebenszeit stellen sich auch mir eine Fülle von Fragen, die nicht nur das Studium, sondern auch die Lebensgestaltung unter sich stetig ändernden Umgebungsbedingungen betreffen. Ich erkannte im Gespräch mit dem alten Mann wieder verstärkt, dass wir auf allen Ebenen unserer Gesellschaft mehr mit einander reden sollten, nicht nur um unser Wissen zu erweitern, sondern um uns gegenseitig bei der Bewältigung der Lebensprobleme beizustehen. Die Hoffnung wurde im Dialog mit dem jungen-alten Mann bestärkt, dass wir im gegenseitigen Austausch von den unterschiedlichen Erfahrungen profitieren könnten.

Ich gab zur Antwort: » Wie sie sicher auch bemerkten, sind wir auf unserer gemeinsamen Wanderung eben eine Weile stehen geblieben. Ihre Ausführungen waren so spannend. Ich war verschiedentlich versucht, nachzufragen. Das muss aber auf diesem unserem heutigen Spaziergang nicht mehr geschehen. Ich danke Ihnen sehr für Ihr Vertrauen, mir das alles zu erzählen. Nie habe ich Sie in diesem Gespräch in einem belehrenden, mich beschämenden Tonfall erlebt. Ich sah mich eher als Ihre Gesprächspartnerin, mit der es sich auch für Sie lohnt, sich mit mir zu unterhalten. Wann und wie es aus diesem Gespräch konkrete Ansatzpunkte gibt, von denen ich profitieren kann, ist im Moment noch nicht zu erkennen. Die Vorstellung vom alten Mann und meinen Möglichkeiten als junger Frau hat sich aber geändert. Ich kann mir nach diesem Gespräch eher vorstellen, dass wir alle von einander lernen können. Es gibt für mich nicht nur den Gene-rationen-Konflikt sondern auch die Chance zu einem gewinnbringenden Dialog, getragen von gegenseitigem Respekt und Achtung.

Ich schlage vor, die verbleibende Wegstrecke schweigend miteinander zu wandern. Und sollte noch eine Frage auftauchen, dann mag sie ruhig ausgesprochen werden. Aber einen Wunsch habe ich: Ich möchte bei passender Gelegenheit mit Ihnen wieder einmal um Oppenweiler herum spazieren «. Der junge-alte Mann schaute mich sehr freundlich an sagte nur: danke! Ich bin mit Ihrem Vorschlag einverstanden «. Innerlich „Hand in Hand“ gingen wir beide schweigend weiter. Ich bat ihn beim Abschied, nicht zu vergessen, mir die versprochenen Erzählungen zu geben. Er sagte erfreut zu.

E`GSCHPRÖCH

Am Mittwuch

De Charlie isch am Mittwuch – also do, wo d´Wuche dailt wird – ebe an eme ganz normale Werktig, sage m´r so öbbe, – hä halt in de nor- male Rentnerzit -, so ume ne Nüni umme ufgschtande. Bis er fertig g´si isch mit allem, jo, do isch´s so Viertel vor Ölfi g´si.
Noch eme lange Winter, hänn Bliemli und Blätter vo de Bäum scho lang use welle, aber di wenig Sunne het si z´rugg g´halte. Nur im Schtadtgarte a verschiedene Schtelle het´s scho e wengeli noch Friehlig usg´se. Hüt aber het sich die Alt, wie mi Großmuetter zu des Sonne g´seit het, nit hinter de Wolke veschteckt. Hüt schient si bsunders fründli un warm vom Himmel abe. Potz dusig, do het alles uf e´mol usg´se, wie neu usebutzt.
Charlie het de Kopf e weng usem Fenschter g´schtreckt, um z´luege, ob´s no kalt isch. Uf de Birke nebe dra het e Amsle g´schlage, als ob si sage dät, chum use, blib nit in dinre Wohnig hogge, s´isch so e schöne Dag. Dem Friehlig traut er aber no nit so recht, zieht e warme Zschobe a, nimmt sie Schtegge in d´Hand un lauft im
Rentner gang, des isch öbbis langsamer als bi de Junge, in richtig Schtadtgarte.
Jessis, hets do an de Unterführig e Betrieb cha! Fascht meh Auto als Lüt. Un d´Lüt sin g´laufe wie d´Salzmännli. Die maischte mit große Däsche i de Hand, zum ikaufe in de Schwyz. Si hänn en alli überholt, als ob´s i de zweite Hälfti vo de Wuche nüt me z´kaufe gäb. Löm´r sie laufe, denkt er. Plötzli, des mueß mir sich emol vorschtelle, chunt so e chaibe-große Laschter – und des au no vo hinte, wo mr chaini Auge het -. Obwohl de Charlie schlechter hört wie frieher, verschrickt er un fluecht in si ine: Du Chaibesiech, hol di de Gugugg! De Lärm un die Hascht vo de Lütt passe doch gar nit zu so eme schöne Friehligstag. Wem m´r genau ane luegt, chönnt m´r denke, de Charlie hät e Gang zueglegt, um scho bald in de ruhig Park z`cho.

Gmietlig schpaziert er dur de Schtadtgarte un suecht si Bänkli. Vo dört us cha er uf de Rhy luege, wie S´sunne sich uf em Wasser schpieglet un´s Widerwasser a de Rhybrugg bim Burgchaschtel kreislet. S´Bänkli isch no leer. E hoggt ane, lehnt si zrugg und luegt d´Oschterglocke und d´Tulpe a, die vor em in de Sunne schtöhn. D´Büsch hänn au scho e wengeli Grien a´gesetzt. D´Sunne schient em so warm uf de Buech, dass er de Zschobe gar nümme bruecht. E legt en nebe dra ufs Bänkli. E glies Windli sorgt defür, dass d´Blume und Büsch, sich e weng bewege, demit s´em nit z´langwielig wird. E Paar Schpatze klettere uf de Büsch umme. Me hört fascht gar nüt me vom Schtroßelärm. Do rennt au nieme mit ere große Däsche ume. S´isch fascht so still wie in ere Chille, wenn wenig Lüt din sin. Es isch so friedlig, dass Charlie e weng ins siniere chunt. E luegt zu de Ryhbrugg. Do fallt em i, dass scho der Großvater ghulfe het, die Brugg z´baue. Mengisch, denkt er, bin i scho als Chind un schpöter – wie die Lüt hüt a dem schöne Dag – über d´Brugg g´laufe, um i de Schwyz i´zkaufe oder z´schpaziere. Dann chunt em i de Sinn, wi er als Chind a die Schtell vo de Brugg gange isch, wo mer durch e Gitter uf de Rhy het luege chönne un wie des immer e wengeli gruslig g´ si isch. S´fallt em dann i, wi er mit sinre Mame bim Burgchaschtell g´si isch un wi d´Mame uf eneme Bänkli i de Sunne g´hoggt isch. Wi er in de Nöchi barfies im fuechte Sand g´schpielt het un wie di kleine Welle immer wider die Sandburg weg g´schwemmt hen.

Uf emol chömme Froge in em hoch: Was passiert denn wenn mer sich öbbis vorschtellt -also vorsich ane sch´tellt-, wenn mer sich a öbbis erinneret oder wenn mer nochdenkt? Isch des alles nit zum Schtaune? Het es ement do de mit z´due, dass so Froge erscht in eim do sin, wemer Zit dezue het. Ob d´Lüt, wenn si im Schtroßelärm mit de große Däsche zum ikaufe hetze, nit all des übersehn, was es für uns Rentner gratis git? Do wird´s em bi dem schöne Dag grad e wenig
z´viel witer zu siniere. S´gfallt em besser wieder umenander z´luege. E het Schpass a de Vögel, de Bliemli un de warme Sunne. Mengisch falle em d´Auge zue, als ob er e klein´s Niggerli mache dät.

E Überraschig

Frieder, e Jugendfründ vom Charlie, isch au wieder emol in Rhyfelde. Des schöni Wetter het en use gloggt. Und was macht mer, wem mer wieder e mol dehaim isch, me goht a so eme sunnige Dag in de schöni Schtadtgarte un noch Schwyzer-Rhyfelde. Wi er so in de Schadtgarte chunt, hets en wie am e Schnierli ans Bänkli zoge, wo er frieher mit sim Fründ mengisch ghoggt isch. E mueß e wengeli schnufe, wie er so de klaini Buggel uffe stigt, wo´s Bänkli frieher g´schtande isch. No e Paar Schritt, – es schtoht no wie frieher do. Aber do hockt scho eine, de au gern sunne duet. Es het sicher Platz für zwei, denkt er. Er luegt g´nauer ane – und s´haut en fascht um. Des isch doch, des isch doch Charlie, sie Jugendfründ. Des cha doch nit si! S´isch jo e halbi Ewigkeit her, sit si sich bi de letschte Klassezämmekunft g´seh hän. Un grau isch de worde! Si Ranze het sicher au viel Geld koschtet. Um ehrli z`si, so alt hät er sich de Charlie nie vorgschtellt. Holt er am End grad no si Mittagsschlöfli noch? De Frieder isch nümmi z`bremse: Charlie, rueft er erscht lieslig, un als er nit reagiert, dütlicher, fascht wi e kline Lutschprecher, Charlie! Noch eme letschte dütliche
Schnarcher, richtet sich Charlie uf, – fascht e wengeli z`schnell -, e will ufschtoh un vezieht s´Gsicht. Mit eme unüberhörbare »Au! « lengt er sich a de Rugge un probierts e zweit`s Mol´, öbbis langsamer.

Beide schtoht d´Überraschig in´s Gsicht g´schriebe. Frieder erholt sich als Erste, goht uf sin Fründ zu, un umarmt en: » Charlie, soli Charlie, dass Du hüt an unsrem alte Platz bisch, des isch e schöni Überraschig!« Un noch sim erholsame Niggerli, wi wider in de Realität a cho, de Charlie: » Mensch, soli Frieder, wo chunsch au Du her? Vezell e mol e weng, wi gohts der denn? « Frieder: » He, s´git so nüt b´sunders, s´goht halt emol so un dann wieder so! Charlie: « Sag emol, was meinsch denn mit dem so oder so? « Frieder: » Wi i dr halt sag, emol so, dann widr so! S´goht halt emol ufe, dann wieder abe. « Charlie: » I weiß nit, ob i di so recht veschtande ha, aber meinsch es gieng dr emol guet, dann wieder schlechter? « Frieder: » So chönnt mer sage. Un Dir, Charlie, wie gohts Dir? Isch dr vorhin öbbis in Rugge gfahre, wo de ufschtoh hesch welle? « Charlie: » „Aba!“, des zwickt scho lang, emol do dann do. « Frieder: »Was meinsch denn mit dem do oder do? « Charlie: » Hä s´chunt halt un s´goht wieder. « Frieder: » Ah so, des kenn i au. S´isch so wie Tag und Nacht, wie Räge und Sunne, wie Summer und Winter. « Charlie: » Meinsch Du wie d´Kinder, die chömme und gönn oder d´Frau, die emol weggoht und wider chunt? Frieder: » Jo so chönt mer sage. Aber mengisch goht au öbbis und chunt nümmi: Charlie: » Wie meinsch des? « Frieder: » Hä i mein wie s´Renne, s´Tennisschpiele, Schifahre, di früeheri Arbet und?…. « Frieder: » Was meinsch mit » und« ? « Charlie: » Hä, i mag, si scho, mini Enkel. Si sage aber Großpape zue m´r un für die junge Maidli bin i au scho z´alt. « Frieder. » Des kenn i au un dass i scho lang bi nere Großmama schlof, isch immer no g´wöhnungsbedürftig. Wöde me aber nit e weng anehogge, jetzt wo d´Sunne so schön schient? « Charlie: » E guete Vorschlag. « Beidi mache es sich uf em Bänkli bequem.

Noch ere Kunschtpaus, de Charlie: » S´git aber au e Paar schöni Sache: Wer cha scho, wie mir, am e ganz g´wöhnliche Mittwuch im Schstadtgarte hogge, Blueme aluege, s´Burgchastell und d´Rhybrugg? Wer het scho Zit, über öbbis nochzdenke, sich z´erinnere, sich schöni Sache vorz´schtelle? Meinsch die wo im Auto umeflitze, mit em Flugzüg fliege oder mit de große Däsche schnell no i de Schwyz ikaufe oder jobbe, die hätte no Zit z´läbe, z´denke, sich z´erinnere? « Frieder: » Mir goht´s scho lang eso, dass d´Tage und d´Wuche so schnell vobigönn, dass i mi nur no wundere cha. I loss aber au ab und zu eifach öbbis liege, wenn´s mr schtinkt un mach, was m´r besser g´fallt. Un des mit de Maidli: I bi, wie Du scho lang verhürotet aber deswäge no lang nit blind. « Charlie: Un mi Frau isch als Großmame immer no recht chic. Mer ärgere uns au nümme so viel wie frieher un uf mini Enkel wött i au nit verzichte. Mr hän au viel mehr Zit für anderi Mensche un sinn nit nur immer bim schaffe. Sag emol, Frieder, chönnt es uns trotz aller Breschte am End besser go, wie frieher? « Frieder: » Wo de Recht hesch, hesch recht! Weisch was, mir schtöhn jetz langsam uf, nach dem Motto: »Numme nit huddle!« Dann laufe mr gemietlig d´Schtadt uffe, bis zum Löwe und trinke ein oder zwei guete Schoppe, uf unser Rentnerläbe, au wenn uns d´Paula nimmi wie frieher bedient.

Kindheitserinnerungen

In Oppenweiler herrscht zu dieser frühen Stunde tiefe Dunkelheit. Einige Fenster des nahe gelegenen Altersheims sind erleuchtet wie mein Arbeitszimmer. Offensichtlich sind andere Menschen auch schon tätig. Es regnet. An den Fenstern finden die Tropfen keinen Halt. Sie lösen sich und zaubern Perlenketten an die Scheiben. Ob der Regen den Durst der Pflanzen, Büsche und Bäume zu stillen vermag? Um mich und in mir herrscht Stille. Was will aus diesem lebendigen Schweigen ans Licht treten, sich mitteilen? Von einem innigen Lauschen erfasst, überlasse ich mich der Führung meiner Erinnerungen und Fantasien.

Die Vorfreude auf die letzten beiden Reisen in meine Heimatstadt und ein Spaziergang im Elsass vor einigen Tagen, die Gespräche mit Jugendfreunden und Menschen aus der Region, kommen mir in den Sinn. Ich sehe sie wieder vor mir, die weich gepolsterten, gelegentlich steinigen Wege auf unserer Wanderung in den Vogesen mit dem weiten Blick auf die sich im dunstigen Horizont auflösenden weichen Linien der Höhen. Ebenso nachhaltig bewegt mich der anschließende Aufenthalt in meiner Heimatstadt. Die mir so vertraute Muttersprache klingt nach, wie eine schöne Melodie. Ich genoss es, mit meinen Freunden wieder einmal im Badischen – Dialekt zu schwelgen. Mit meiner Frau gehe ich in Gedanken noch einmal über die Brücke mit dem Burgkastell, die Rheinfelden(Baden) mit der Altstadt von Schweizer – Rheinfelden und deren belebten Marktstraße verbinden. Auf Schritt und Tritt begleiten mich Erinnerungen an Kindheit und Jugend und an Menschen, mit denen ich in dieser Region bis zu meinem dreißigsten Lebensjahr zusammen lebte. Es waren aber nicht nur Erinnerungen. Ich konnte auf meiner Reise die Orte meiner Kindheit und Jugend erneut erleben. Es gibt das Rheintal, den Rhein, die Brücke, das Burgkastell und die beiden Städte wirklich noch, und die Möglichkeit, mit Freunden und Menschen im Dialekt, der Sprache, die zu mir gehört, zu sprechen. Wie schön! Unvermutet dringen bei diesen Gedanken die wiederholten Bitten meiner Kinder an mein Ohr: » Papa, erzähle uns aus Deiner Kindheit und Jugend. Du hast doch sicher viel mehr erlebt als das, was wir aus den Gesprächen mit Dir bisher kennen. Bitte schreibe es für uns auf! « Der Bitte will ich nun entsprechen und versuchen, meinen Kindern, Enkeln, Verwandten und Freunden in dankbarer Erinnerung einiges aus meiner Kindheit und Jugend zu erzählen:

Unser vierstöckiges Wohnhaus in Badisch – Rheinfelden, kommt mir in den Blick, in dem und um das herum ich lebte und spielte. In der dritten Etage wohnte unsere Familie, die anderen Wohnungen waren vermietet. Ähnlich hohe Gebäude bildeten ein zur Bahnseite geöffnetes Viereck. In dem großflächigen Innenraum hatten die Anwohner Obst- und Gemüsegärten angelegt. Zu unserem Haus gehörten eine Hoffläche, ein Holzschuppen, und ein Gemüsegarten mit einer kleinen Grasfläche zum Trocknen der Wäsche.Um die Gärten herum führte ein Weg, unsere Spielstraße, an dem alle nur erdenklichen Handwerker ihre Werkstätten eingerichtet hatten. Davon soll später noch die Rede sein. In diesem Haus und in dieser Umgebung wurde ich vor achtundsiebzig Jahren geboren. Ich kam als kräftiger, gesunder Junge zur Welt, erhielt den Namen eines bedeutenden Heiligen „Franz“ und wurde katholisch getauft. Angeblich sehr lebhaft und interessiert erkundete ich nach und nach meine Umwelt. Aus frühester Zeit erinnere ich mich an beruhigende Geräusche, wenn Mutter oder Großmutter mit Tellern und Töpfen hantierten. Ich habe mich sicher, nach ergiebigem Schlaf, wie andere Kinder bemerkbar gemacht, wenn ich hungrig war oder der Pflege bedurfte. Erste stabilere Erinnerungen führen nahe an diese frühe Zeit heran:

Ich liege geborgen in unserer Wohnküche in zwei aneinander geschobenen Korbstühlen, die mit weichen Kissen gepolstert sind. Als kleiner Knabe war ich immer mit dabei und verfolgte das Geschehen in der Küche. Deutlicher kann ich mich an unsere damalige Wohnstube erinnern. In dieser Zeit bewegte ich mich vornehmlich auf dem Boden. Ich rutschte gekonnt, das rechte Bein unter dem Hintern, unter Tisch und Stühlen herum. Der Tisch erschien mir aus dieser Perspektive riesengroß. Obwohl ich den Tonfall der Stimmen hören konnte, entging mir leider, was sich auf dem Tisch zwischen den Erwachsenen abspielte. Mit zunehmendem Wachstum und der Fähigkeit, mich am Tischbein hochzuziehen, erweiterte sich mein Blickfeld und es gelang mir besser, einzelne Gegenstände im Raum zu erkennen.

Da stand ein viereckiger Schrank mit einer Glastüre. Mich faszinierte dessen bunt bemalte Scheibe. Darauf war in einer bergigen Landschaft ein Bauernhaus zu erkennen, das sich mit tief gezogenem Dach unter dunkle Tannen duckte. Mein Großvater, ein von mir hoch verehrter Holzbildhauer, hatte den Schrank mit allerlei Schnitzwerk versehen. Er war oben von einer Ornament-Blende begrenzt. Die vier Ecken schmückten kunstvoll bearbeite Holztürmchen. In späteren Jahren setzte sich bei mir die Vorstellung fest, dass es sich bei diesem Schrank um eine umgebaute Musikorgel gehandelt haben könnte. Ich bin mir dessen aber heute nicht mehr ganz so sicher. In einer Mischung von Neugier und Furcht blickte ich oft zu dem auf dem Schrank liegenden, geschnitzten Totenkopf hinauf. Dort lagerten in einer Holzkiste, vor meinem Zugriff geschützt, auch die für mich höchst attraktiven Schnitzler-Werkzeuge. In einem speziellen Etui, das ich nur selten zu Gesicht bekam, wurden die ganz feinen Stichel und Feilen aufbewahrt. Die ganze Einrichtung der Stube hatte mein Großvater künstlerisch ausgestaltet.

In der Raummitte befand sich ein handgearbeiteter großer Tisch, umgeben von Stühlen mit unterschiedlichen, aufeinander abgestimmten Schlangen-Motiven der Rückenlehnen, von denen sich heute noch ein Stuhl in unserem Besitz befindet. Hinter der Tür stand ein hoher dunkelgrüner Kachelofen, der eine behagliche Wärme ausstrahlte. Die Wände schmückten Bilder mit bäuerlichen Motiven in geschnitzten Holzrahmen. An einer hervorgehobenen Stelle zwischen den Fenstern zur Straße fand das Gesellenstück des Großvaters seinen Platz. Auf einem aus Lindenholz gefertigten Kreuz in Form eines Rebstockes war der leidende Herr befestigt. Der Rebstock wurde leider in der Kriegszeit gegen Lebensmittel getauscht. Die Christusfigur habe ich später auf einem anderen schlichten Holzkreuz anbringen lassen. Es hängt heute an einen Ehrenplatz in unserem Wohnzimmer neben einem Marienbild.

Das vierstöckige Haus, in dem wir wohnten, kam durch Erbschaft meiner Großmutter in unseren Besitz. Mein Großvater, ein politisch interessierter Künstler, der in den Krisenzeiten nach dem ersten Weltkrieg mit seinen Schnitzarbeiten wenig verdienen konnte, war sehr stolz auf unser Anwesen. Er zog durch seine Körpergröße, dem grauen Vollbart und seinem wachen, kritischen Blick, die Aufmerksamkeit auf sich. Großvater gab in der Familie den Ton an und ließ es nicht zu, dass meine Mutter meinen unvermögenden Vater heiratete. Sie nahm es aber trotzdem auf sich, als allein erziehende junge Frau in einer kritischen Umwelt für mich zu sorgen. Ihrer Liebe und Pflege verdanke ich mein Leben, sonst könnte ich diese Geschichte nicht schreiben. Bis zu meinem dritten Lebensjahr erlebte ich meinen Vater noch in Rheinfelden. Die Erinnerungen sind aber spärlich. Ich übernachtete öfters bei ihm und seiner späteren Frau, in seiner nahe gelegenen Wohnung im „Gräbele“ zwischen beiden. Da er dann in den Kriegsjahren wie alle Männer als Soldat diente, vermisste ich meinen Vater für eine längere Zeit nicht so sehr. Einige Feldpostbriefe habe ich als kostbare Andenken an ihn aufbewahrt. Ich rechne es meiner Mutter hoch an, dass sie in all den Jahren immer zu erkennen gab, dass sie meinen Vater liebte und nie schlecht über ihn redete. Auch ich hatte ihn, trotz der Trennung in mein Herz geschlossen. Über spätere Begegnungen mit ihm berichte ich an anderer Stelle. Auch meine Mutter lernte wieder einen Mann kennen und heiratete. Als ich vier Jahre alt war, wurde mein Bruder Hans geboren. Eine große Freude, denn nun war ich nicht mehr allein. Wir traten auch später, bis zum heutigen Tag, in guten und in schlechten Zeiten immer für einander ein.

Nach Großvaters Tod richtete meine Mutter unsere Wohnung teilweise nach ihren Vorstellungen neu ein. Die Wohnküche war in den Kriegsjahren, um Heizmaterial zu sparen, unser Aufenthaltsraum. Die anderen Zimmer wurden nur nach Bedarf beheizt. Die Küche war mit einem modernen Tisch, Stühlen, einem mit Holz und Kohle beheizbaren, weiß emaillierten Herd, einem einfachen Granitspülstein und mit einem eleganten weißen Küchenschrank eingerichtet. Über einen Flur gelangte man in die geräumige Wohnstube und zum Schlafzimmer der Großmutter. Daneben befand sich, der Straße abgewandt, das Schlafzimmer der Mutter. In dieser Wohnung kannte ich mich bald recht gut aus. Es war für mich nicht störend, dass sich nach der Geburt meines Bruders zwei Wohngemeinschaften bildeten. Ich schlief als Junge zusammen mit meiner Großmutter in deren Zimmer. Meine Mutter schlief ab meinem vierten Lebensjahr mit meinem Bruder und ihrem Mann, solange dieser noch mit ihr zusammen lebte, in ihrem Zimmer. Wenn ich mich recht erinnere, wechselten die Großmutter und meine Mutter oft bei der Zubereitung der Mahlzeiten für uns. Unsere Mutter regelte die übrigen Angelegenheiten des gemeinsamen Haushaltes und kümmerte sich um unsere Kleidung. Es gab zwar gelegentliche Meinungsverschiedenheiten zwischen Mutter und Großmutter. Ich fühlte mich aber geborgen und hatte keinen Anlass, mich über diese Lösung zu beklagen. Meinen sportlich drahtigen groß gewachsenen, dunkelhaarigen Stiefvater habe ich in guter Erinnerung und war stolz auf ihn, wenn ich ihn bei Waldfesten als einen erfolgreichen Sportler im Wettkampf beobachten konnte. Er war immer freundlich zu mir und gab mir Geschenke wie meinem Bruder Hans. Ich erinnere mich an ein besonderes Geschenk zu Weihnachten: Es war ein reichhaltiger Märklin-Baukasten, der mir gestattete, aus Einzelteilen immer wieder neue Fahrzeuge zusammen zu schrauben. Als Bruder Hans etwas größer war, spielten wir oft zusammen in der Wohnung. Mein Stiefvater war allerdings als Monteur sehr viel unterwegs, sodass unsere Mutter und Großmutter sich die Aufgabe teilten, die lebhaften Buben in Schranken zu weisen.

Die Großmutter betete viel, las in der Heiligen Schrift oder hielt den Rosenkranz in Händen. Sie hatte gütige Augen und war, trachtenähnlich, mit langem Rock und blauer Halbschürze gekleidet. Im Oberteil ihrer Kleidung trug sie ein Büchlein, das in Leinen gehüllt war. Ich hatte mir ohne zu fragen vorgestellt, dass es sich bei diesem geheimnisvollen Büchlein um ein religiöses Symbol handelte. Mein Bett befand sich direkt hinter dem Eingang zu ihrem Zimmer. Die Großmutter schlief auf der gleichen Seite an der Längswand des Raumes. Abends vor dem zu Bett gehen, spendete sie mir Weihwasser und das Kreuzzeichen. Sie hatte die Haare zu einem Zopf geflochten, den sie täglich zu einer Schnecke im Nacken zusammenrollte und pfleglich mit Nadeln sicherte. Sie war in ihrer ruhigen, liebevollen Art wie ein sicherer Hafen, in den ich nach meinen Ausflügen wieder zurückkehren konnte. Krankheitsbedingt war ich allerdings einmal für eine längere Zeit ans Bett gefesselt. Eine langweilige Angelegenheit. Um mir die Zeit zu verkürzen, beschäftigte ich mich mit einer stabilen „Milchflasche“. Es gelang mir nach und nach ein ziemlich großes Loch in die Wand neben meinem Bett zu schlagen, ohne dass dies die befürchteten ernstlichen Folgen nach sich zog.

Sehr beeindruckt war ich immer, wenn unser Pfarrer meiner Großmutter die Krankenkommunion in unser Haus brachte. Auf einem Tisch mit weißer Decke stand ein Kreuz. Daneben leuchteten zwei Kerzen. Der Pfarrer sprach davor seine Gebete. Die Vorstellung, dass der unendliche große Gott zu uns einfachen Menschen zu Besuch kam, hat mich immer tief berührt.Eine andere Szene in der Küche, blieb eher wegen der damit verbundenen Schmerzen fest im Gedächtnis haften: Damals konnte ich schon gehen. Meine Mutter hatte Wäsche gewaschen und diese in einen auf dem Boden abgestellten Eimer gegeben. Ohne dass sie es bemerken konnte, war ich neugierig hinzugetreten, verlor das Gleichgewicht und fiel rücklings in den Eimer mit der heißen Wäsche. Meine Mutter und Großmutter reagierten entsetzt. Die Brandwunden sind aber ohne Narben zu hinterlassen längst geheilt. Es fehlen mir einige Erinnerungen als Bindeglieder zwischen dem Kleinkind – Alter und der Zeit, als ich in den Kindergarten ging.Vom Kindergarten erinnere ich nur den „eigenen, etwas strengen Geruch“ des Sandkastens und die katholischen Schwestern in ihrer Ordenskleidung, die uns zu Spielen anregten und darauf achteten, dass wir die Regeln einhielten. Bei meinem täglichen Fußmarsch in den Kindergarten trug ich mein Vesperbrot in einer bunt bemalten Blechbüchse bei mir. In der kalten Jahreszeit hatte ich widerwillig einen Strumpfgürtel zu tragen, an dem die langen Wollstrümpfe befestigt wurden.

In diese Zeit hinein fallen auch erste Erlebnisse mit unseren Nachbarn. Die Umgebung, in der wir wohnten, bot vielfältigste Anregungen und Gelegenheit, die kindliche Neugierde zu befriedigen: Im reichhaltigen Angebot des Milch- und Kolonialwarenladens „Hina“ gab es immer etwas zu entdecken. Ich war dort ein gern gesehener Einkäufer vornehmlich von Frischmilch und anderen Dingen des täglichen Bedarfs wie Butter und Marmelade etc. Dabei hatte ich es zur technischen Perfektion entwickelt, die volle Milchkanne so im Kreise zu schwenken, dass aufgrund der Fliehkraft nicht all zu viel Milch bei diesen Drehungen verschüttet wurde. Direkt gegenüber befand sich die Metzgerei „Baumer“. Dort gab es nicht nur Wurst und Fleisch, sondern von der freundlichen Frau Baumer für den kleinen Franz immer ein Scheibe extra. Das Malergeschäft Sutter am Ende der Straße war bei uns Kindern weniger beliebt, denn die unzugängliche Frau des Malers kritisierte uns oft heftig.

Direkt neben unserem Haus befand sich das Bekleidungsgeschäft „Hunsinger“. Herr Hunsinger, ein emsiger Geschäftsmann, der Frauen sehr schätzte, besaß einen Opel P 4. Es ist nicht zu beschreiben, wie viele Kinder in diesem Fahrzeug Platz fanden, wenn wir an Sommertagen an den Rhein zum Baden fuhren. Wir Kinder spielten meistens am Ufer, während die Erwachsenen sich flussabwärts treiben ließen und auf dem Rückweg damit beschäftigt waren, mit Zweigen die lästigen Bremen zu verscheuchen. Es gab dort auch ein Boot, Bagger genannt, ein Lastkahn zur Säuberung des Rheinbettes, auf dem es sich gut sonnen ließ. Man musste bei höheren Temperaturen nur darauf achten, sich keine Brandwunden zu holen. Auf dem Grundstück von Hunsingers stand im Hinterhof auch eine geräumige Schneiderwerkstatt. Dort saß der Schneidergeselle mit untergeschlagenen Beinen auf dem Tisch und hatte seine helle Freude daran, uns Kinder beim Nähen mit der Nadel zu piksen. Später fand ich als Knabe auch Gefallen an den hübschen Schneiderinnen, besonders an Walli aus Grenzach, die ich in achtbarer Distanz wie ein verliebter Kater anhimmelte.

Im gleichen Haus lebten die „alten Hunsingers“. Die Seniorin, eine freundliche und hilfsbereite Großmutter, deren Küche immer ein wenig unaufgeräumt wirkte, war uns Kindern wohl gesonnen. Bei ihr fiel immer wieder etwas Nahrhaftes für mich ab. Ihr Mann ein Küfermeister, arbeitete in der Schweiz und unterhielt einen großen Gemüsegarten. Er war der Rosenvater schlechthin. Mit seinen abgearbeiteten großen Händen hantierte er mit großer Zärtlichkeit an seinen Rosensträuchern. Wenn die Mädchen zu ihm kamen, um an Fronleichnam einige Rosenblätter zu ergattern, die dann vor dem Allerheiligsten bei der Prozession ausgestreut wurden, glänzte er mit einem charmanten Geiz. Er gab nur Rosenblätter ab, die sich eh nicht mehr lang am Strauch gehalten hätten. Unterhaltend war für mich die Freundschaft mit dem Sohn des Schneiders. Seine immer schick gekleidete Mutter unterstützte unsere Kontakte, denn Rolf war ein Einzelkind. Von den Eltern wohl gehalten, verfügte er über viele Spielsachen, von denen mein Kinderherz nur träumen konnte. Vornehmlich Soldaten, Panzer und andere Fahrzeuge, die wir dann in langen Reihen in der Küche aufmarschieren ließen. Damals in den Dreißigerjahren verstärkten die Nationalsozialisten in allen Bereichen ihren Einfluss. Dies wirkte sich auch auf das Spielzeugangebot aus.

Mehr und mehr fand ich auch Kontakt zu anderen Kindern aus der Nachbarschaft. Auch mein Bruder war so weit herangewachsen, dass er mithalten konnte. Bei Soldatenspielen war ich oft Anführer. Wir trugen nicht nur stolz unsere Holzgewehre und Säbel, sondern bauten auch aus alten Kinderwagen steuerbare Autos. Ich erinnere mich an die Konstruktion eines Sanitätsfahrzeuges: Die Achse eines Kinderwagens mit Rädern diente als mobiler Unterbau. Daran befestigten wir zwei Stöcke. Die Stöcke zogen wir durch einen Sack, der uns als fahrbare Trage für unsere Verwundeten diente und los ging die Fahrt.In der Zeit des Vorschulalters erweiterte sich unser Betätigungsfeld erheblich: Wir waren unermüdlich mit den verschiedensten Spielen beschäftigt. Es gab in unserem Wohngebiet außerordentlich viele Kinder aller Altersstufen. Nur durch die Mahlzeiten oder die Müdigkeit am Abend unterbrochen reihte sich beim Spielen Tag an Tag. Wenn ich eine Zwischenmahlzeit nötig hatte, ertönte mein Ruf nach oben: „Großmame, Gutzischnitte“! Dies bewirkte dann, dass meine Großmutter ein deftiges Stück Bauernbrot richtete mit Butter und Marmelade bestrich und mir anbot.

In unmittelbarer Umgebung befanden sich die verschiedensten Handwerker: Es gab da die Wäscherei Hagmann mit den großen Waschmaschinen, einem Nebenraum mit Wäschemangel und Büglerei, in dem die Wäsche aufbereitet und versandfertig verpackt wurde. Vor allem aber auch die hübsche Tochter Rosemarie. Daneben hatte der Hufschmied „Muffler“ seine Werkstatt mit Schrott- und Lagerplatz. Dort fanden wir Buben immer wieder Abfallstücke, die wir noch brauchen konnten. Wir bestaunten die Arbeit des Schmiedes am Kohlefeuer und bewunderten die kraftvollen, rhythmischen Hammerschläge, unter denen das glühende Eisen die gewünschte Form fand. Besondere Aufmerksamkeit verdiente die Arbeit des Hufschmieds, der den Pferden die Hufe zurechtschnitt, die Eisen einbrannte, um sie anzupassen, die Nägel durch die Hufe schlug und deren Enden zu feilte. Unmittelbar daneben hatte sich der Maler „Würth“ seine Werkstatt eingerichtet. Dort standen unzählige Eimer, Leitern, Pinsel und reichlich Tapetenreste, die wir Kinder immer verwerten konnten. Einen besonderen Spaß bereitete es den Malergesellen, wenn sie uns Buben dazu verführen konnten, den „beizenden Geruch“ des Salmiakgeistes zu schnuppern. Wir besuchten oft die anliegende Sattlerei. Der alte Großlaub und dessen Sohn arbeiteten dort zusammen. Mich beeindruckte die rot-violette, etwas vernarbte große Nase des kinderfreundlichen Alten sehr. Ein unerschöpfliches Arsenal an Sesseln, Stühlen, und vor allem an Leder- Stoffabfällen und Schnüren war in einem kleinen Raum verteilt. Wir hatten immer Bedarf an Resten und beobachteten viele Stunden ungestört die Sattler bei ihrer Arbeit. Neben der Sattlerei hatte der Blechner „Sailer“ seine Werkstatt. Hier konnten wir lernen, wie Abfallrohre hergestellt und sonstige Teile aus Blech geformt wurden. Es gab dort auch verschiedene Maschinen, um die Blechstücke zu schneiden und in Form zu bringen. In unmittelbarer Nähe unseres Hauses befand sich die Werkstatt von Schuster „Jehle“ . Wir schauten ihm oft zu, wie er am Dreifuß die Schuhe reparierte, Absätze ausbesserte, neue Sohlen aufleimte, mit Holznägeln befestigte, dann nagelte zurecht feilte und an einer großen Maschine polierte. Er führte auch ein Schuhgeschäft. Dies hatte den Vorteil, dass immer wieder zum Spiel nützliche Kartons zur Verfügung standen. In einer der Nebenstraßen wohnte unser Sanitäter Baumgartner, den wir unter dem Siegel der Verschwiegenheit konsultierten, wenn wir unter einer „Sportverletzung, Schramme, Schürfwunde etc.“ litten. Er versorgte uns immer, denn so bepflastert, fiel die Gardinenpredigt zu Hause nicht so hart aus. Doch wo gehobelt wird, fallen Späne, sagt das Sprichwort. Und wo Kinder intensiv spielen, lassen sich Schrammen kaum vermeiden. Hätten wir unseren Sanitäter nicht gehabt, wäre unser schon stark belasteter Schutzengel noch viel mehr gefordert worden.
Es gab eine strenge Hierarchie unter uns Buben: Die Älteren von uns spielten die Anführer, denen die jüngeren unbedingt zu gehorchen hatten. Bald gehörte auch ich zu den Anführern und war daher damit beauftragt, für ausreichend Spielideen zu sorgen. Der Radius unserer Unternehmungen vergrößerte sich zusehends.

Eines Tages kamen wir auf die Idee, aus einem alten Seitenwagen ein Boot zu bauen. Wir versuchten mit allen nur erdenklichen Mitteln, das Boot wasserdicht zu bekommen. Es bekam bei der Bootstaufe den Namen „Möwe“. Wir packten unser Boot auf einen Leiterwagen. Ob die Dichtungen halten würden? Vorsichtig ließen wir das Boot in einem Bach bei einem nahe gelegenen Sägewerk zu Wasser. Zu unserer großen Enttäuschung gelang es nicht, „in See zu stechen“. Aus allen möglichen Ritzen strömte Wasser in unser Boot und nach wenigen Minuten lag unsere stolze Möwe auf dem Grund des Sägebaches. Wir schlichen mit hängenden Köpfen nach Hause, ohne uns um eine weitere Entsorgung – wie man heute sagen würde – zu kümmern. Eines Tages fand in Rheinfelden ein Variete im Freien statt. Die Attraktion neben anderen Darbietungen bestand darin, dass sich ein Künstler in einem Erdloch nur geschützt von Hölzern in den Ecken, die Bretter zur Abdeckung trugen, zwei Stunden lang „lebendig begraben“ ließ. Ich beschloss als Anführer unserer Gruppe, dieses Erlebnis nach zu spielen. Bei Schuster Jehle lagerten ja die großen Kartons in denen die Schuhe zum Verkauf versandt wurden. Ein solcher Karton bot sich mir nun als Grab an. Unter dem Beifall meiner Gruppe für meinen Mut, stieg ich ein und schloss den Karton von innen, um zwei Stunden lebendig begraben zu werden. Ich hatte allerdings nicht damit gerechnet, dass der Schuster Jehle unser Spiel von seinem Arbeitsplatz aus beobachtet hatte, heraus kam und sich oben auf den Karton setzte. Ich kam in eine grässliche Not und bat inständig darum, mich entgegen meiner Ankündigung vorzeitig aus meinem Karton-Grab frei zu lassen. In unserem Viertel hinter den Häusern spielte sich ein Großteil meiner Kindheit ab. Langsam erweiterte sich aber auch dieser Spielraum:

Am Ende unserer Straße gab es Wiesenflächen und eine kleinere Fläche „unsere Eckwiese“. Dort spielten wir oft zusammen „Spachtel und Gizi“. Ich muss das ein wenig erklären: Spachteln bedeutet, dass ein zugeschnittenes Holzstück in den Boden geschlagen wurde und dass der Sieger war, dem es gelang, eine ebenfalls zugespitzte „Spachtel“ sehr nahe an das eingerammte Holzstück in den Boden zu werfen. Gizi bedeutete: Auf einen großen Stein wurde ein kleinerer gelegt. Es galt dann, diesen kleineren Stein durch einen Steinstoß mit einem anderen Stein herunter zu stoßen. Die Werderstraße, die damals wenig befahren war, gehörte zu unserem Spielrevier. Wir waren zu jeder Jahreszeit auf den Beinen und fanden immer wieder neue Ziele, uns zu beschäftigen und beim Spiel zu erfreuen. Unsere Mutter kaufte uns aus guten Gründen Lederhosen, die unverwüstlich sein sollten. Dies galt es zu testen. Wir setzten uns in den neuen Hosen stolz auf unseren Hintern und rutschten auf dem rauen Straßenpflaster hin und her, um herauszufinden ob die Hosen solchen Belastungen Stand hielten. Im Winter beim ersehnten ersten Schneefall durften wir bis in die Dunkelheit im Licht der Straßenlaternen unsere Energie entladen. Wir verwandelten durch ständiges Rutschen einen Teil der Straße in eine Eisbahn und ab ging die Reise. Bedächtiger wurde es, wenn wir versuchten aus der Vielzahl der Schneeflocken, die aus dem Licht der Straßenlaternen heruntertanzten, einige davon mit unserer Zunge aufzufangen.

Eines schönen Tages entdeckten wir am nahe gelegenen Güterbahnhof dass ein Obst und Gemüsehändler dort Orangen auslud. Es war zu verlockend, sich per Mundraub zu bedienen. Aus einer Kiste schaute eine dicke Orange vorwitzig heraus. Ich brauchte nur noch mit dem Finger ein wenig nachzuhelfen, um die Beute in Händen zu halten. Mit relativ schlechtem Gewissen verzog ich mich mit der Orange zu Hause aufs WC. Der Saft floss mir beidseits des Mundes herunter als ich mit Heißhunger meine Beute verzehrte. Nie hat eine Orange in dieser Spannung von schlechtem Gewissen und Genuss besser geschmeckt. Am Güterbahnhof lagerten auch riesige Baumstämme mit ihrem Wurzelwerk. Eine herrliche Trainingsstätte, um Gleichgewichts- und Kletterübungen zu absolvieren. Ich stieg auf einen der größten Stämme und balancierte einige Zeit verwegen auf ihm herum, bis ich schließlich herunter fiel. Ich rappelte mich danach am Boden wieder hoch und war entsetzt. Beim Aufprall und dem Abstützen mit der Hand war der linke Daumen aus dem Gelenk gekugelt. Die Haut über dem Daumengelenk hatte sich sehr gedehnt. Es sah aus als ob das gebrochenes Gestell eines Regenschirms gegen dessen Schirmseite drücke. Der Schreck war entschieden größer als mein Schmerz. Dann entschloss ich mich zur Selbsthilfe: Ich fasste den Daumen mit der rechten Hand, zog kräftig und wie durch ein Wunder war der Schaden behoben. Meiner Mutter habe ich aus guten Gründen nie etwas davon erzählt.

Eines Tages stand am Ende der Straße vor einem Lokal das Pferdegespann des Landwirts „Fischer“. Die beiden schweren Belgier-Pferde langweilten sich, während der Fuhrmann seinen Durst löschte. Mir fiel nichts anderes ein, als den ersten von zwei Pritschenwagen, die aneinander gebunden waren zu besteigen, die Geisel in die Hand zu nehmen und den Pferden ein kräftiges „Hü“ zuzurufen. Sie setzten sich zu meinem Schreck sofort in Bewegung. Sie kannten ja ihren Weg zu den Stallungen. In immer rascherer Fahrt ging es bergab Richtung Zoll durch die Bahnunterführung mit einer Straßenabzweigung. Ich hatte große Angst. Zum Glück hielt sich damals der Straßenverkehr in Grenzen, sodass ein Zusammenstoß vermieden werden konnte. Die Pferde kamen erst wieder zur Ruhe, als sie die beiden schweren Wagen den Adelberg hinauf zu ihren Stallungen ziehen mussten. Ich habe mich schleunigst aus dem Staub gemacht und weiß nicht, wer die Pferde danach versorgte. Ohne weitere Folgen kam ich noch einmal mit dem Schrecken davon.
Dort am Adelberg trafen wir uns auch zum Wintervergnügen: Es gab immer einen Jungen, der einen Schlitten besaß. Manchmal koppelten wir mehrere Schlitten aneinander und kurvten, entgegen dem Verbot der Eltern, den Abhang Richtung Rhein hinunter. Natürlich bestand auch der Wunsch, Ski zu fahren. Wir besaßen die notwendige Ausrüstung aber nicht. Daher versuchten wir es mit zwei leicht gebogenen Brettern von alten Fässern und versahen diese mit gebrauchten Schuhen als Bindung. Die Eigenkonstruktion erfüllte allerdings nicht ganz den Zweck, denn es gelang uns nicht, damit bergab zu fahren, obwohl wir kräftigt mit den Stöcken nachhalfen. Der Unterbau unserer Konstruktion war einfach zu rau.

In unserem Jungenkreis beschlossen die Älteren, dass es nun an der Zeit wäre, einen Bunker zu bauen, um vor den ständig besorgten Blicken unserer Umgebung gesichert zu sein. Mir fiel die Aufgabe zu,meine Großmutter zu überreden, dass sie uns erlaubte, die kleine Wiese hinter unserem Haus im Garten dafür zu benutzen. Sie sagte zu. Mit Pickel, Schaufel und Spaten rückten wir an, hoben den Rasen ab und fertigten in relativ kurzer Zeit ein tiefes quadratisches Loch. Obwohl meine Großmutter nach einiger Zeit erschrocken abwinkte, war alles schon vollbracht. In den vier Ecken und in der Mitte wurden Holzpfähle eingerammt. Darüber legten wir Bretter. Der Erdaushub wurde darüber geschüttet und mit den Grasnarben wieder abgedeckt. Im Bunker bauten wir ringsherum Sitzbänke und ließen einen Einstieg frei, der mit einem Deckel verschlossen werden konnte. Hier in dieser Unterwelt kreisten die ersten Zigaretten.

Auf meinen Erkundungsreisen nach neuen Spielmöglichkeiten entdeckte ich eine nicht weit von unserer Straße gelegen Gärtnerei. Ich erklärte meinen Freunden, es sei viel praktischer in der Nähe unsere geplante Hütte zu bauen als am Rhein oder im abgelegenen Wald. Hier sei alles wie von Gottes gütiger Hand schon vorbereitet. Wir rückten an mit Äxten etc., drangen in die von mir entdeckte Baumschule ein, entfernten in einem Viereck der gewünschten Größe die innen stehenden Bäumchen und erstellten so sehr schnell eine Hütte. Noch größer war unser Vergnügen beim danach einsetzenden Jagdspiel. Die kleinen Buben rannten davon und spielten die Löwen, wir größeren versuchten sie zu fangen. Der besondere Reiz bestand darin, sich von den kleinen Bäumchen beim Jagen abfedernd tragen zu lassen. Das über einige Stunden währende herrliche Spiel fand ein plötzliches Ende, als die Besitzerin der Gärtnerei uns übel mitspielte und mit der Polizei drohte. Wir verließen fluchtartig unseren Tatort und befanden uns einige Tage später vor dem Gericht, bestehend aus dem Polizeimeister Böhler und seinem Assistenten Mannschott, der alle Buben beim Namen kannte. Die Täter waren geständig, das Urteil wurde gesprochen und fiel nach der Körpergröße abwärts etwas milder aus. Mich erwischte es noch mit zwanzig Mark. Zu Hause gab es keine mildernden Umstände. Ich musste mir das Geld mühsam verdienen. Für einen Satz gebügelter Kragen, die ich auszutragen hatte, gab es bei einer Büglerin zehn Pfennige. Entsprechend aufwendig und zeitraubend war es, die zwanzig Mark zu verdienen.

Der Radius unserer Aktionen erweiterte sich zunehmend und wurde dadurch für unsere Eltern immer unübersichtlicher. Das machte aber in unserer damals kleinen Stadt nichts aus, denn die Menschen kannten einander. In der Mehrzahl kinderfreundlich, hatten sie das Privileg, uns Buben in die gebotenen Schranken zu verweisen. Ich hätte nicht gewagt, mich über eine Ohrfeige beim Äpfelklauen zu Hause zu beschweren, das hätte weniger Verständnis als eine herbe Rüge eingebracht. Insofern schwiegen wir mannhaft über derlei gelegentliche Beeinträchtigungen. Ich hatte einmal bei meinen Erkundungen eine Birnenplantage mit leckeren reifen Früchten entdeckt. Die Gier war größer als der Hunger. Ich breitete mein Taschentuch aus und war dabei schöne, reife Birnen zu ernten. Plötzlich erfasst mich eine Hand: » Was machst Du da! « Es war der mir bekannte Feldhüter Krebs, der Vater eines Schulfreundes. Er nahm mich mit sich nach Hause zu einer Aussprache unter Männern. Mein Schulfreund legte Fürbitte für mich ein und ich entkam dadurch einer gerechten Strafe. Die Schule machte mir keine besonderen Schwierigkeiten. Ich erinnere mich kaum, wann ich meine Schularbeiten machte, wohl aber dass ich einem Klassenkameraden, dessen Eltern eine Metzgerei besaßen, bei den Schularbeiten half und zur Entlohnung Würste bekam.

Wir befanden uns mittlerweile mitten im zweiten Weltkrieg, die Männer waren eingezogen, die Frauen zur Arbeit in der Rüstung verpflichtet. Die politischen Machthaber hatten ihren Einfluss auf alle Bereiche des öffentlichen Lebens ausgedehnt und die Idee von Führer, Volk und Vaterland wurde uns beständig über alle Medien vermittelt. Auch in der Schule wurde der Hitlergruß praktiziert. Es kursierte eine judenfeindliche Propaganda. Dennoch hatten wir in unserer Familie öfters Besuch von einer älteren, ledigen Jüdin, „Fräulein Hirsch“. Sie trug vornehme Kleidung ihrer Verwandtschaft aus Amerika, die leider aus der Mode gekommen war. Ihre ausgeprägte Neigung, mich ständig küssen zu wollen, konnte ich nicht erwidern. Ihre Zudringlichkeit und Kleidung wirkte auf mich nur abschreckend. Gegenüber ihrer jüdischen Herkunft empfand ich wie unsere Familie aber keine Abneigung.

In dieser Zeit ging ich zur ersten heiligen Kommunion. Unser verehrter Pfarrer, der uns auch Religionsunterricht gab, bereitete uns auf unser erstes Beichtgespräch vor und half uns dabei einzusehen, dass auch wir ab und zu kleine Sünder seien. Er erklärte uns die wesentlichen Botschaften und Inhalte unseres Glaubens vor allem, dass wir nun bald den Herrn Jesus in Gestalt einer Hostie empfangen dürften. Dieses Ereignis war mir ja von Hausbesuchen des Pfarrers bei meiner Großmutter und den sonntäglichen Gottesdiensten bekannt. Wir lernten, dass der unendliche Gott die Welt und uns erschaffen hat und so sehr liebt, dass er seinen Sohn sandte, um uns Menschen von aller Schuld zu erlösen. Der Pfarrer vermittelte uns, dass wir nur Gott gegenüber unsere Taten zu verantworten hätten und immunisierte uns nicht nur gegenüber den Einflüssen der damaligen politischen Machthaber sondern auch gegenüber jeder weltlichen Autorität. Er muss mich wohl als einen religiösen Fragen gegenüber aufgeschlossenen aufgeweckten Jungen erlebt haben, denn er schlug meiner Mutter vor, dass ich Priester werden könnte. Sie lehnte diesen Vorschlag aber ab.

Ich konnte den Tag der ersten heiligen Kommunion kaum mehr erwarten. Meine Mutter sorgte für die angemessene Kleidung. Ich bekam einen neuen dunkelblauen Anzug mit kurzer Hose, ein feines Hemd und Halbschuhe. In den Händen trug ich stolz meine Kommunionkerze, ein neues Gesangbuch und einen Rosenkranz. Wir wurden in einer feierlichen Prozession vom Kindergarten abgeholt, voraus Kreuz und Fahnen, die Geistlichen mit den Ministranten, die Stadtmusik, danach in Zweierreihen wir Buben und die Mädchen in ihren schönen weißen Kleidern und Kränzen. Die Kirche war gefüllt, unsere Bänke besonders geschmückt. Es folgte ein feierlicher Gottesdienst begleitet von Orgelspiel und dem Gesang der Gemeinde, dann schritten wir vor zum Altar um zum ersten Mal den Herrn in Brotsgestalt zu empfangen. Etwas von dieser feierlichen Stunde, in der ich für das Geheimnis des lieben Gottes ganz offen war, begleitet mich seither ein Leben lang beim Kommunionempfang. Zu Hause gab es im Anschluss an den Gottesdienst mein Lieblingsessen Spaghetti in Tomatensoße, Koteletts und Salat. Die schöne neue Armbanduhr, die ich zum Fest geschenkt bekam, überstand den Tag nicht. Ich hatte sie aus Freude zu oft aufgezogen, sodass sie auch durch heftiges Klopfen nicht mehr in Gang gebracht werden konnte. Ich glaube nicht, dass ich das meiner Mutter am gleichen Tag eingestanden habe.

Die Zeit rückte näher an den Termin, der zur Aufnahme in das Jungvolk, anschließend in die Hitlerjugend bestimmt war. Das freie kindliche Spiel wurde so in ein von uns nicht mehr durchschaubares politisches Spiel einbezogen. Ich war natürlich wie alle meine Schulfreunde stolz, als ich eine kurze Cordhose, ein Braunhemd, ein Koppel mit Fahrtenmesser und ein Schartuch mit Knoten empfing. Erinnerlich sind mir vor allen Dingen die vielen sportlichen Angebote: Leichtathletik, Ringen, Boxen, Gewichtheben mit immer wieder arrangierten Sportfesten, in denen Wettkämpfe durchgeführt wurden. Dazu kamen Übungen im Marschieren, Stillstehen, Körperwendungen und das Antreten zu Standortappellen an den Sonntagen, durch die es immer schwieriger wurde, den Gottesdienst zu besuchen. Dies alles bildete nun neben der Schule ein Bestandteil unseres Tagesablaufs. Die Lehrer achteten sehr darauf, dass wir an diesen Angeboten teilnahmen und wer mochte es schon mit den Lehrern verscherzen.

Beim Übergang in die Hitlerjugend entschied ich mich für ein weniger militärisches Angebot. Ich meldete mich zum Musikzug, lernte Querflöte spielen, zu trommeln und Fanfare zu blasen. Bei den gelegentlichen Aufmärschen zogen wir dann mit klingendem Spiel voran. Zumindest zum damaligen Zeitpunkt hatte ich mit Ausnahme, dass die Kirche, der ich angehörte, eher kritisch eingestellt war und wir bei den Prozessionen ein Schaulaufen zu bestehen hatten, keine nennenswerte Distanz zum System. Die von musikalischem Pomp begleiteten Sondermeldungen über die Erfolge der Wehrmacht, die Filmberichte in den Wochenschauen, das Auftreten der politischen Prominenz des dritten Reiches bei den beeindruckend inszenierten Großveranstaltungen, die den “Führer“ verherrlichten, die Aufmärsche der Musikzüge, Standarten- und Fahnenträger, die sportlichen Veranstaltungen und die Führerreden, an denen wir in der Schule teilnehmen mussten, verstärkten nur das Bild eines alles in allem gut funktionierenden Apparates. Kritische Stimmen auch im privaten Bereich waren sehr selten. Das Abhören von Nachrichtensendungen aus dem Ausland war streng verboten.

Diese bis zu meinem zwölften Lebensjahr glücklich und erlebnisreich verlaufene Kinderzeit fand ein jähes Ende durch den Tod meiner Großmutter. Unter diesem Schock erlebte ich zum ersten Mal, dass menschliches Leben endlich ist. Meine Mutter war damit einverstanden, dass ich für zwei Jahre bei unseren Verwandten auf dem Hotzenwald, bei denen ich vorher schon gelegentlich in Ferien war, auf deren Bauernhof wohnen dürfe. Es war für meine Mutter und mich keine leichte Trennung.

Herbstlied

Nebel hüllt das Land

in ein herbstlich G`wand

Blätter trudeln von den Bäumen

Melodien in den Träumen

und nach einem letzten Tanz

in festlich gold`nem Glanz

hängt das bunte Sommerkleid

im Schrank der Zeit

Einheit und Vielfalt

 

Vor zwei Jahren habe ich mich nach einem erfüllten Berufsleben in den Ruhestand begeben. In der Ruhe und Stille meiner darauf folgenden Tagesabläufe  stellten sich mir vor allem zwei wesentliche Aufgaben. Zum einen in der Begegnung mit einem Universum innerer Erfahrungen und Möglichkeiten, die mir jeweils  wichtigen Interessen und Bedürfnisse auszuwählen. Gleichzeitig im  Blick auf reale Grenzen von Zeit und Gesundheit, aus der Vielfalt äußerer Optionen die wünschenswerten Beziehungen zu Menschen, Natur, Politik, Wissenschaft und Religion neu zu defnieren.

Die Vielfalt und Komplexität des frei gewordenen  Handlungsspielraums faszinierten und weckten zugleich Ängste. In diesem Essay versuche ich, die Tendenz, in der Vielfalt innerer und äußerer Phänomene eine  Einheit zu wahren, als einen unbedingten inneren Anspruch auszuweisen. Der Vernunft den ihr traditionell gebührenden weiten Erkenntnisraum zu sichern, um in  einen offenen Dialog mit allen Bedingungen des Daseins treten zu können.

Den Blick auf die Lebensabläufe nicht nur rein naturwissenschaftlich zu verengen. Sich mit anderen Menschen über die komplexen existenziellen Bedingungen einer humanen Lebenspraxis zu verständigen. Seit ich selbständig zu denken vermag,  bewegt mich die Frage nach den Voraussetzungen und Zielen menschlicher Einheit und Vielfalt, des Handelns, und den Kräften, die unser bisheriges, gegenwär tiges und künftiges Leben bewegen. Unablässig frage ich mich nach meinem Standort und den Aufgaben der nächsten Jahre in diesem Prozess innerer und äußerer Veränderungen.

Wer bin ich eigentlich, welche Erfahrungen und Reaktionen bestimmen mein heutiges Verhalten und welche Handlungsweisen erweisen sich als sinnvoll, um an der Aufrechterhaltung eines menschenwürdigen Daseins mit zu arbeiten. Immer drängender stellt sich zum Beispiel die Frage, was der eigentliche  Grund sein könnte, dass ich mit zurückliegenden und  aktuellen Lebensereignissen in literarischer Form mt anderen Menschen in Kontakt trete. Ein inneres  Bedürfnis, dass in dieser Form im berufichen Alltag nicht befriedigt werden konnte.

Was veranlasst mich, das Schweigen zu brechen, bislang Unausgesprochenes  sprachlich festzulegen, um mich mit anderen Menschen über Sachverhalte auszutauschen, so wie ich es eben jetzt in der Form eines Essays versuche?  Obwohl ich davon ausgehe, dass andere Menschen, ob sie darüber reden oder nicht, ähnliche Erfahrungen machen, trete ich mit einer gewissen Befangenheit mit meinen  Erkenntnissen ins Licht der Wahrheit und in die öffentliche Diskussion.

Gleichzeitig frage ich mich, was Menschen in Wissenschaft, Forschung und Politik im Grunde antreibt, ständig neue und bessere Konzepte und Instrumente zur Daseinsbewältigung zu konstruieren und gesellschaftliche, kulturelle und  historische  Zusammenhänge besser zu verstehen?  Was drängt uns, nicht nur individuelle, sondern uns alle betreffende Zusammenhänge zu  betrachten und in einem wissenhaftlichen Diskurs offen zu legen?  Was hält den Prozess, die äußeren Daseinsbedingungen besser zu verstehen und Mittel zur Daseinbewältigung zu  erfnden in der  Grundlagenforschung Wirtschaft, Politik, in allen Bereichen der Natur- und Geisteswissenschaften in Kunst und Religion in Gang?

Welche  Bedeutung hat dies alles für unser Leben und die damit verbundenen Aufgaben? Was treibt mich und uns an, dieses komplexe Geschehen im Mikro- und  Makrokosmosbereich, das wir Menschen mit allen Lebewesen teilen, wenigstens partiell zu verstehen? Ich möchte nicht dem Trend erliegen, der weitgehend die  »exakten Wissenschaften« bestimmt und die Frage nach Ursache und Ziel dieses Prozesses im Ganzen als überfüssig ausblenden. Die Vernunft vermag in der Sicherheit einer langen Traditionskette von der Antike über das Mittelalter bis in unsere Zeit angesichts der Frage, warum gibt es dies und nicht nichts, nicht zu schweigen. Sie muss, ohne Letztbegründung nach Spuren im Dasein fahnden, die eine sinngebende, letztlich alles gewährende, tragende und erhaltende Kraft erhellen können, um die humanen Bedingungen menschlicher Existenz zu sichern. Solche Spuren  möchte ich in diesem Essay verfolgen.

Kehren wir an dieser Stelle zur Grundfrage zurück: Es scheint, wenn ich das richtig sehe, eine Kraft in uns selbst zu geben, die uns drängt, uns mit dem Geschick aller Menschen und den Ereignis von Einheit und Vielfalt unbedingt zu verbünden. Sie scheint alle Bereiche des individuellen und gesellschaftlichen Lebens in der gesamten historischen Dimension, selbst die unserem Bewusstsein partiell verschlossenen Lebenserfahrungen zu umfassen. Daseinsbedingungen, in denen wir uns  vorfnden, die wir mit anderen Menschen und Lebewesen teilen, die sich in einem steten Wandel befnden. Wir alle stehen auf den Schultern unserer Vorfahren und proftieren vom Wissen und den Erfahrungen von Menschen im Kontext der ganzen Geschichte. Selbst wenn wir die menschliche Geschichte der Komplexität wegen oder um Abhängigkeiten zu leugnen, aus unserem Bewusstsein verdrängten, blieben wir von den Wirkungen dieses Prozesses nicht verschont.

Lassen sich Spuren in unserer Erfahrung sichern, mit Hilfe derer der oben  beschriebene Prozess präziser bestimmt werden kann? Besteht eine Möglichkeit, näher zu bedenken, was mein und anderer Menschen Denken, Fühlen und Handeln antreibt, die inneren und äußeren Lebensräume und das Dasein im  Ganzen zu  sichten? Welche Methoden und Ausdrucksmittel sind geeignet, um als Menschen in dieser komplexen sich stets verändernden inneren und äußeren Welt unser  Dasein verantwortlich zu gestalten?

Im Hinblick auf die Mannigfaltigkeit der Phänomene erfahren wir immer wieder schmerzlich unsere Grenzen beim Versuch, unser Dasein in den fortwährenden Veränderungen zu begreifen. Woher kommt der fast übermenschliche Mut, der uns in Solidarität mit anderen Menschen verpfichtet, den Herausforderungen der Wrklichkeit auch angesichts von Leid und Katastrophen zu begegnen. Was drängt Literaten und Künstler dazu, dem Lebenskontext auf der Spur zu bleiben, um die Phänomene in angemessener Form ins Wort zu fassen. Was lässt uns immer wieder unsere Angst und Mutlosigkeit überwinden, um dieser überfordernden Vielgestaltigkeit der Lebenskontexte »auf menschenwürdige Weise«zu  begegnen?

Versuchen wir, uns in einer nächsten Überlegung dieser Antriebskraft, so weit es in den begrenzten Möglich keiten der Vernunft und Sprache möglich ist, ein wenig zu nähern: Da sich dies als ein schwieriges Unternehmen darstellt, zumal ich nicht einfach übernehmen will, was andere dachten und sagten, halte ich  Ausschau nach Weggefährten, die mich bei diesem Vorhaben ermutigen. Ich suche nicht nur den historischen Nachlass, in den Werken der Forschung, Literatur,  Kunst etc. sondern trete mit den  Menschen neben mir oder vor  mir in einen lebendigen Austausch, die sich ähnlich angetrieben wie wir heute, im geschichtlichen Prozess in den Dienst der guten Sache stellten.

Was von mir bedacht und ins Wort gebracht wird, sollte in einem offenen Dialog eben in der Form  dieses Essays vorgestellt und damit kritisch gesichtet und überprüft werden können. Es verbietet sich daher,  nur mir selbst einen Spiegel vorzuhalten, um  Erkenntnisse über Einheit und  Vielfalt,  mein eigenes Denken, Fühlen und Handeln zu gewinnen. Die eigenen Erfahrungen sollten vielmehr im Austausch  mit  anderen Menschen dazu dienen, Spuren zu sichern, um die Frage nach der Antriebskraft unseres Verstehens- und Erkenntnisprozesses wach zu halten. Wichtig  erscheint mir zu zeigen, auf welch vielfältige Weise ich mich mit anderen Menschen und Lebewesen in den sich wandelnden Daseinsbedingungen verbunden fühle. In einem nächsten Schritt gilt es nun, die Richtung der Antriebskräfte näher zu bestimmen:

Nach einer ersten phänomenologischen Analyse erweist sich das  Drängen, Lebenskontexte zu verstehen als eine Wirkmächtigkeit, die sich aus den Tiefen existenzieller Betroffenheit erhebt und sich in uns selbst bemerkbar  macht. In diesem ersten, ursprünglichen Sinne, ist sie einfach nicht weg zu denken. Sie wirkt offensichtlich in und durch uns, ob wir schlafen oder wachen. Gleichzeitig erscheint sie unserem inneren Blick wie aus unfassbaren Quellen ,gespeist. Das heißt, wir sind durch sie  angetrieben, ihrer selbst aber nicht mächtig.

Dieser Antrieb erscheint als eine unser Denken Fühlen und Handeln im Ganzen bestimmende Größe. Er begründet einen ständigen existenziellen Prozess des Dialoges mit den Mitmenschen und Daseinsbedingungen, der alles, was es gibt, vorantreibt. Er drängt uns unablässig, die ganze  Mannigfaltigkeit des Lebens so miteinander zu verbinden, dass nichts endgültig verloren gehen soll. Diese Kraft fordert nachdrücklich, dass wir uns nicht  nur mit einigen Details, sondern mit dem ganzen menschlichen und persönlichen Erleben befassen, die gesamte Erfahrung unserer selbst in einer liebenden Zuwendung gelten lassen. Ihr eignet insofern ein Drängen nach Wahrhaftigkeit. Wir sind es selbst. Alles was wir von uns und unserer Lebensgeschichte  überblicken, auch das was sich unserem Bewusstsein verschließt, gehört unbedingt zu uns.

Dieser Antrieb führt in einer ebenso beständigen Außenwendung dazu, uns denkend, handelnd, fühlend und  entscheidend, aktiv in die realen Lebens- und Erlebenskontexte einzubringen. Auch hier zeigt sich wieder das Bemühen,  die Vielgestaltigkeit gesellschaftlicher, wissenschaftlicher und politischer Phänomene im historischen Zusammenhang zu erfassen. Und auch hier stellt sich wider die Frage, was dieses Drängen, die Kontexte zu verstehen in Gang hält und was die Richtung dieses ganzen Prozesses bestimmt? Nicht zuletzt entsteht die  Frage, was uns Menschen zum verantwortungsvollen Engagement in diesem Gewirke veranlasst? Was ist aber diese bestimmende Größe, die danach drängt, das gesamte äußere Daseinsgeschehen in einer Einheit zusammen zu halten. Verdanken wir doch dieser Antriebskraft schließlich die Gewissheit, dass wir selbst es sind, die von ihr angestoßen, als Zentrum unseres eigenen Lebens und Wirkens einen Beitrag in diesem Spiel zu leisten.

Insofern bleiben wir in allen Abhängigkeiten die verantwortliche Mitte für unser Tun und  Streben. Niemand kann uns die Verantwortung abnehmen und unseren Platz einnehmen. Es scheint insofern geboten, eine von uns nicht geschaffene Kraft, die darauf drängt, alles, was es gibt, die Innen- und Außenerfahrungen bewegt, unbedingt zu respektieren. Selbst wenn wir versuchten, schmerzliche Erfahrungen der äußeren  Lebensbedingungen aus unserem Bewusstsein auszuschließen, sind wir dennoch  von allen Entwicklungen betroffen. Dies gilt im gesamten Dasein für alle biologischen, physiologischen und psychischen Bedingungen  unserer Existenz. Die Antriebskraft drängt uns auch mit den gesamten entwicklungs- und altersbedingten Veränderungen im menschlichen Leben in Kontakt zu treten, auch  den  Tod zu bejahen und uns mit der Frage des Sinnes menschlicher Existenz über den Tod hinaus zu befassen

Ich habe oben die Frage nach den Methoden und der angemessen Ausdrucksweise der angesprochenen Erlebnisbereiche gestellt. So sehr meine Vernunft die  Auseinandersetzung mit den naturwissenschaftlichen Befunden in ihrer Eigenständigkeit einfordert und unbedingt bejaht, so sehr wehrt sich dieselbe Vernunft  gegen ein Monopol der Naturwissenschaft zu Lasten anderer zur Begründung einer humanen Lebensführung angebotenen geisteswissenschaftlichen,  philosophischen  und theologischen Erklärungsmodelle. Alles, was ich bislang zu sagen versuchte, ist im  exakt messbaren Raum des Weltverständnisses entbehrlich. Darüber  denken viele Menschen nicht mehr nach. Was ginge uns aber verloren, wenn wir in den Familien, im Staat und in den internationalen Verflechtungen, die  Postulate verantwortlicher Humanität zerstörten? Ist die in vielfältiger Form oben besprochene Tendenz zur Einheit in der  Vielfalt, das aus unfassbaren  Quellen gespeiste Nachdenken nichts mehr wert? Verdrängen wir dadurch nicht eine wesentliche menschliche Fähigkeit, an der Frage nach dem Sinn und Ziel des menschlichen Daseins im Ganzen von Geburt bis zum Tod und darüber hinaus zu reifen?

Begründet die Frage nach den Ursachen und dem Ziel der  ganzen  Daseinsbewegung, die aus unfassbaren Quellen strömt, nicht endlich wahre Humanität, die jeglichem Hochmut eine  Grenze setzt und zulässt, dass wir nicht Herren des Daseins, sondern Diener der Liebe sind?. Iceh schließe meine Überlegungen mit einer theologischen Reflexion: In der auf das Ganze geöffneten katholischen Tradition, findet sich im Glauben an den dreifaltigen Gott ein Modell wahrer Einheit in der Vielfalt. Wir sprechen von der Verschiedenheit der Personen in der Einheit eines Wesens. Es gibt den Vater nicht ohne Sohn, den wir Herrn nennen, und den Vater und Sohn, nicht ohne den  Heiligen. Könnte das in diesem Essay beschriebene, aus unfassbaren Quellen gespeiste Drängen nach Einheit der Vielfalt unseres Daseins, uns an die Grenzen der Machbarkeit und an die Dankesschuld gegenüber dem ganzen Leben erinnern?

Tränen

Tropfen rinnen an den Scheiben,

ein goldner Engel tritt herein

Tränen aller Zeiten

dürfen nie verloren sein.

Ein Cherub neigt sich zu den Armen

bewegt von deren Freud und Schmerz

und aus liebevollem Herz

rinnt tröstendes Erbarmen.

Er hebt die Hand zum Siegeszeichen,

lädt zum großen Festmahl ein.

Wenn alle sich die Hände reichen,

will er selbst ihr Diener sein.

Wahrheit

Wahrheit sprengt die enge Brust,

ein fordernd Drängen,

hoher Liebe Leid und Lust

will sie benennen.

Flieg Sommervogel zu den Dingen

über Stock und Stein,

unter Deinen zarten Schwingen

mögen sie geborgen sein.

Dir hohe Frau, reich ich die Hand,

getreuer Liebe Unterpfand,

mein Glück im gold`nen Myrthenkranz,

Dich führe ich zum Hochzeitstanz.

In unendlichem Erbarmen

hält Gott seine Braut in Armen,

ER führt sie treulich durch den Raum,

dort darf sie den Himmel schau`n

und ab und zu auf Erden

ein wenig glücklich werden.

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