Nichts kann
sich vor Gott
verbergen
Alles soll nach
ewigem Plan
stets erneuert
werden
Liebe wirket
überall im
Himmel und
auf Erden
Treibet alle
Wesen an
Gottes Reich
zu werden

Nichts kann
sich vor Gott
verbergen
Alles soll nach
ewigem Plan
stets erneuert
werden
Liebe wirket
überall im
Himmel und
auf Erden
Treibet alle
Wesen an
Gottes Reich
zu werden

Ein Staubkorn
bin ich Herr
am Saum der
Zeit
Dein strahlend
Diadem seit
Ewigkeit
Ein Weizenkorn
im werdend
Sterben Liebe
zu entbergen

Das Spätberufenen-Seminar St. Pirmin in Sasbach, hatte im April 2009 zum 50-jährigen Bestehen eingeladen. Aus diesem Anlass feierten wir ehemaligen Abiturienten, Lehrer und die heutigen Schüler, mit dem Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, einen Dank-Gottesdienst. In erfreulich großer Zahl kamen die Geladenen. Die festlich geschmückte Kirche reichte nicht aus, um »Pirminern und Lehrern« Platz zu bieten. Eine Bild- und Tonübertragung ermöglichte es aber, allen Gästen an der Eucharistiefeier teilzunehmen. Der christlich-humanistische Geist, der Schüler und Lehrer bis zum heutigen Tag verbindet, lässt hoffen, dass St. Pirmin auch in Zukunft eine prägende, katholische Bildungseinrichtung bleibt. Wir ehemaligen Schüler begrüßten daher die feste Zusage des Erzbischofs, und Vorsitzenden der Deutschen-Bischofskonferenz, das Seminar auch in Zukunft zu erhalten und zu fördern. Kräftiger Beifall drückte Dank, Verbundenheit mit unserer Schule, und die Hoffnung, auf deren weiteres segensreiches Wirken unter dem Schutz St. Pirmins aus. Prof. Dr. Münk, ein Klassenkamerad, übernahm es, in seinem Festvortrag aufzuzeigen, wie dringlich wissenschaftliche Beiträge zur aktuellen Werte- und Ethikdiskussion in unserer Gesellschaft aus christlicher Sicht sind. Auch seine Laufbahn als Hochschullehrer, nahm einmal, wie bei uns allen, ihren Anfang mit dem Abitur in Sasbach.
Vor Jahren verabschiedete sich unser Kurs mit dem Reifezeugnis in Händen, von St. Pirmin. Unvergesslich blieb aber die Zeit, die wir in tragender Gemeinschaft auf dem Weg zum Abitur in Sasbach erlebten. Es sind Freundschaften entstanden, die sich auch in den Jahren danach bewährten, und uns mit einander und allen, die uns halfen, dieses Ziel zu erreichen, verbinden. Eine Inschrift über der Heimschule Lender, die jeder Pirminer kennt, bringt das Wesentliche auf den Punkt. Sie lautet in goldenen Lettern: »INITIUM SAPIENTIAE TIMOR DOMINI«. Lange bevor das Spätberufenen-Seminar gebaut wurde und auch noch heute, grüßt dieser prägnante Text den Betrachter. Er begegnete mir zum ersten Mal, als ich 1962 mit zweiunddreißig Jahren, in die Untertertia von St. Pirmin eintrat. Diese Inschrift, die wir mit zunehmenden Kenntnissen in Latein verstehen lernten, hat nichts von ihrer Kraft und Bedeutung verloren. Bei jedem Aus- und Eingang, so wie jetzt, anlässlich des 50. Jubiläums, geht der Blick nach oben zu den Worten, die wie ein Wegweiser, der Heimschule Lender und St. Pirmin die Richtung vorgeben. Man möge es mir nachsehen, wenn ich bei dem großen zeitlichen Abstand mit einem freundlichen Blick auf unser ehemaliges »zu Hause« schaue, und wenig Anlass zur Kritik empfinde. In unseren Gesprächen mit einander und den Begegnungen bei den Jahrestreffen der Pirminer, wurde immer wieder deutlich, wie viel wir ehemaligen Seminaristen Sasbach verdanken. Mit dem Satz: »Sasbach, ein kleiner Ort in der Rheinebene«, lernten wir im Deutsch-Unterricht die Bedeutung einer Apposition kennen, mit deren Hilfe näher bestimmt wird, wo Sasbach liegt; eben nicht auf der Höhe wie „Sasbachwalden“, sondern zu Füßen der Berge in der Nähe von Achern in Mittelbaden. Der Ort mit katholischer Kirche ist landwirtschaftlich geprägt und kann mit einigen Gasthäusern aufwarten, deren reichliches Angebot an Speisen und Weinen Pirminer und Besucher zu schätzen wissen. In der Ortsmitte, etwas abseits der belebten Straße, unweit des Friedhofes, lag der langgestreckte, rechteckige Bau des Seminars. Über eine einladend breite Treppe gelangte man durch die meist offene Pforte zu den vielen, zweckmäßig eingerichteten Zimmern der Seminaristen. Zu unserer Zeit befand sich im Eingangsbereich ein Mosaik, das den Patron des Hauses, »St. Pirmin«, darstellte, der zu seiner Zeit segensreich im Süden Deutschlands wirkte, und einige Klöster gründete. Im Untergeschoß lud eine kleine Kapelle mit Tabernakel, zu Gebet und Meditation ein. In Silber getrieben, zeigte dort Johannes der Täufer mit ausgestrecktem Arm, auf den, der nach ihm kommt. In einigem Abstand davon, befand sich unser oft gut frequentierter Gemeinschaftsraum, in dem wir auch mit Seminaristen aus anderen Kursen ins Gespräch kamen. Fuhr man mit dem Auto in einer kleinen Schleife vor das Seminar, dann stand man direkt vor dem Wohnhaus des Rektors und dessen Diensträumen.
Die lange Zeit der Vorbereitung auf den Eintritt in das Seminar, verbunden mit der bangen Frage, ob ich die Aufnahmeprüfung bestand und die Zustimmung des Erzbischöflichen-Ordinariats in Freiburg erhielt, war zu Ende. Es fiel mir ein Stein vom Herzen, als ich die Postkarte mit dem Bild des Gebäudes und der Nachricht von Rektor Oberle in Händen hielt, mich am 2. Mai 1962 in Sasbach einzufinden. Am gleichen Tag wurde ich in Abwesenheit, nach über fünfjähriger Tätigkeit als Stadtrat in Rheinfelden (Baden), aus dem dortigen Gremium verabschiedet. Es schien mir im Hinblick auf meinen Berufswunsch durchaus nützlich, über kommunalpolitische Erfahrungen zu verfügen. Wir »Neuen« begannen unseren gemeinsamen Weg, wie später nach jeder Rückkehr aus den Ferien, mit einer Statio zusammen mit Rektor Oberle vor dem Pirmin-Mosaik im Eingangsbereich des Seminars, und begrüßten dann einander. Die zunächst überraschende Tatsache, dass ich bedeutend älter war, als die anderen Seminaristen, spielte im Alltag bei ähnlichen Aufgaben und Problemen, bald keine Rolle mehr. Ich richtete mich in dem mir zugewiesenen Zimmer ein, und fand einen gut einsehbaren Platz für das Geschenk meiner ehemaligen Kollegen einer Bauunternehmung: Eine als Kreuzigungsgruppe gestaltete Wandtafel aus Bronze. Anderntags nahmen wir zum ersten Mal am Unterricht teil. Alles war bestens vorbereitet. Dies galt übrigens für die ganze Schulzeit. Zum Stil der Schule, gehörte eine präzise Planung, die es ermöglichte, nach längeren Unterbrechungen, wieder punktgenau und ohne Störungen, mit dem Unterricht zu beginnen. Ob unsere Lehrer, nach längerem Urlaub, tatsächlich so ausgeruht und frisch waren, wie sie uns erschienen, bleibt deren Geheimnis. Bei uns Spätberufenen war der erste Schultag von gemischten Gefühlen und der Frage begleitet, was auf uns zukomme? Wir konnten uns die Lehrer ja nicht aussuchen. Würden sie sich auf uns und wir so auf sie einstellen können, dass mit günstigen Bedingungen zum Lernen zu rechnen wäre? Aus unterschiedlichen beruflichen Aufgabenbereichen, schlüpften wir Spätberufenen ja fast übergangslos wieder in die Rolle von Schülern, die sich auf die ersten Klassenarbeiten vorbereiteten und gespannt waren, ob das Leistungsvermögen ausreichte, um dem Unterricht folgen zu können. Ich beruhigte mich aber wieder, als ich mit einem ersten, ordentlichen Zeugnis, in die anstehenden Sommer-Ferien entlassen wurde.
Mit Rektor Oberle hatte ich während der Jahre in St. Pirmin oft Gespräche zu führen. Meine damalige Aufgabe als Klassen- und Haussprecher gab dazu Anlass. Unsere persönliche Beziehung war von Respekt und Wohlwollen getragen, das auch seine Schwester einschloss, die ihm den Haushalt führte. Rektor Oberle war für uns in seiner unaufdringlichen Präsenz, ein priesterliches Vorbild, der unser Wohl und Wehe beständig im Auge behielt. Wir schulden ihm alle Dank dafür, dass er, wie ein guter Kamerad, auf Schritt und Tritt an unserer Seite ging. Im anregenden, lebendigen Religionsunterricht, lernten wir ihn näher kennen. Er hatte für unsere Probleme und schulischen Sorgen stets ein offenes Ohr, und ließ selbst dann, wenn ihm Grenzen gesetzt waren, Verständnis und Anteilnahme für uns spüren. Rektor Oberle bestätigte im Schulalltag, dass man mit ihm für den Dienst in St. Pirmin eine gute Wahl getroffen hatte: Als Erster spazierte er morgens um unser Haus. Wir konnten sicher sein, dass er unsere Anliegen in sein Breviergebet einschloss. Wenn ich spät abends, müde und ausgelaugt, in der Hauskapelle vor dem Allerheiligsten kniete, um dem Herrn Freude und Not anzuvertrauen, kam er still und leise, wie es seine Art war, und kniete sich als Letzter hinter mich. In diesen stillen Stunden habe ich unseren Rektor lieben und schätzen gelernt, und mich später oft an unser gemeinsames Beten erinnert. Nie ergab sich die Notwendigkeit oder Gelegenheit, ihm zu sagen, wie viel er mir als Freund und Priester bedeutete. Konnte ich doch, ohne seine reale Präsenz, so wie jetzt, oft ein tröstendes Wohlwollen spüren, als bete er einfach, wie früher, still und leise hinter mir. Ich schaue aus dem Fenster und sehe ihn kommen: Mit raschen, zügigen Schritten, strebt ein schlanker, sportlich wirkender Mann, in aufrechtem Gang der Wohnung von Rektor Oberle zu. Dieser erwartet ihn mit einem einladenden Lächeln. Eine Position, die zu unserem Rektor passte; bei offener Türe auf der Schwelle zu stehen, und dem Gast einen Schritt entgegen zu kommen. Der Besucher, mit auffallend kurzem Haarschnitt und akkurat gezogenem Scheitel, trägt eine Aktentasche bei sich. Man hätte ihn für einen Offizier in ziviler Kleidung halten können, der zum Rapport strebt. Die Begrüßung der Beiden war kurz und herzlich. Ihre Gesten vermittelten den Eindruck, als ob sie sich gut kannten und in ihren Angelegenheiten an einem Strang zogen. Die nachfolgenden Begegnungen und Erfahrungen mit Dr. Guldenfels, unserem schulischen Leiter, bestätigten diesen ersten Eindruck: Es sprach sich unter allen Seminaristen herum, dass er fähig und bereit war, uns schulisch so zu fördern und zu fordern, dass wir Lust bekamen, mit einander um die Plätze zu rangeln, unser Leistungsvermögen zu erproben und einzusetzen. Er blieb sich und seinem hohen Anspruch, uns Spätberufene mit dem bestmöglichen Rüstzeug zu einem erfolgreichen Studium auszustatten, treu. Am guten Ruf des Seminars und an den ausgezeichneten Ergebnissen der Abiturienten St. Pirmins, hat unser schulischer Leiter, sein kompetentes Lehrerkollegium und Rektor Oberle, erheblichen Anteil. Dr. Guldenfels übernahm zu all seinen vielfältigen Aufgaben als Schulleiter, während vieler Jahre die Redaktion des »Sasbacher«. In unserer Schulzeit und in den Jahren danach, half uns dieses jährlich erscheinende Buch, das Geschehen in der Heimschule Lender und in St. Pirmin zu verfolgen. Die vielen, von ihm selbst geschriebenen Artikel, gaben Einblick, wie sehr er seine Kollegen schätzte, die konzeptionelle Entwicklung der Schule förderte, seine vielfältigen Interessen einbrachte, und auf eine repräsentative Darstellung gesellschaftlicher Ereignisse im Schuljahr Wert legte. In allen, »meist kurzen Gesprächen«, die wir mit einander führten, erwies sich Dr. Guldenfels als engagierter, wertebewusster, katholischer Christ, der seinen Aufgaben verpflichtet, wenig Neigung verspürte, von sich selbst zu sprechen. Umso mehr verstand er es, in seinen Beiträgen und Nachrufen, die Fähigkeiten und Verdienste der Menschen zu würdigen, die sich im Geiste des Gründers der Heimschule, »Xaver Lender´s«, in der Förderung der Schüler ausgezeichnet hatten. In der Festschrift: »25 Jahre Seminar St. Pirmin (1959-1984)« empfahl er den Seminaristen, alle körperlichen und seelischen Kräfte zu wecken, und sich mutig den Aufgaben des Tages zu stellen. Die Worte des heiligen Thomas von Aquin in der Sequenz des Fronleichnamsfestes: »Quantum potes, tantum aude!« sollten Devise für sie sein. Eine Geisteshaltung, die nicht nur Spätberufene beflügeln könnte. Eine Begegnung mit Dr. Guldenfels, sprengte den üblichen Rahmen: Es war unter uns Seminaristen bekannt, dass er großen Wert darauflegte, alle zum Abitur gemeldeten Schüler, mit möglichst optimalen Ergebnissen zu diesem Ziel zu führen. Wir besprachen uns daher im Kurs und waren unsicher, ob einer unserer Freunde dazu zählen würde. Auf unsere dringende Bitte hin, war der Schulleiter zu einem Gespräch mit uns bereit. Wir verwiesen in einem »herben Dialog unter Männern« nachdrücklich auf die Stärken unseres Freundes, und den unverzichtbaren Wunsch des Kurses, unseren Klassenkameraden zum Abitur zuzulassen. Er wurde zugelassen und schaffte die Reifeprüfung, wie wir es erwartet hatten.
Mit der Entscheidung, das Abitur nachzuholen, hatte sich unser Leben nicht total verändert. Es dauerte jedoch eine Weile, bis uns die Aufgaben eines Seminaristen in Schule und Alltag vertraut waren. Durch Gespräche in den Ferien konnten wir erfahren, dass auch die Menschen im heimatlichen Umfeld an unserem Vorhaben regen Anteil nahmen und -wie wir- Zeit brauchten, unsere Absicht, Priester zu werden, zu verstehen. Es war ermutigend, zu erleben, dass fromme Christen hinter uns standen, die mit und für uns beteten und Hoffnungen auf uns setzten: Manchmal kam die eine oder andere Frau etwas verlegen auf mich zu und übergab mir einen Umschlag mit Geld. Andere Personen äußerten Respekt vor unserer Entscheidung und interessierten sich für die Schule, und das vor uns liegende Studium. Ich war als ehemaliger Stadtrat ja gewöhnt, mit vielen Menschen im Gespräch zu sein, sodass ich es verstehen konnte, öfters angesprochen und zu meinem Vorhaben befragt zu werden. Ich sitze nach den Ferien wieder im Zug Richtung Achern, mit einem großen Koffer, den meine Mutter, wie immer, fürsorglich mit Wäsche und Kleidung für die nächsten Wochen füllte. Die Gedanken fliegen erwartungsvoll voraus: Ob ich die Vokabeln genug wiederholt hatte? Dies würde sich ja in den nächsten Latein-Stunden herausstellen. Wie es meinen Klassenkameraden in den Ferien ergangen ist, werde ich sicher bald erfahren. Was wird im Unterricht auf uns zukommen? Ein mulmiges Gefühl legte sich bei den letzten Überlegungen kurzfristig wie ein Schatten auf die Magengegend. Dann aber obsiegte die Vorfreude, alle Freunde wieder zu sehen und näher kennen zu lernen. Ich leistete mir den Luxus, mit dem schweren Koffer in einem Taxi vom Bahnhof Achern nach Sasbach zum Seminar zu fahren. Unser Rektor stand unter der Türe seiner Dienstwohnung. Ein Lächeln auf seinem Gesicht ließ erahnen, dass wir erwartet werden. Der Hirte konnte sich entspannen, denn alle seine Schafe kamen wohl behalten zurück. Es herrschte wieder ein reges Treiben im Seminar. Wir räumten unsere Koffer aus, richteten uns in der vertrauten Umgebung wieder ein, und begrüßten uns gegenseitig. Es gab viel zu erzählen. Wir wunderten uns nur das erste Mal, dass am Tag nach den Ferien, der volle Unterricht wieder störungsfrei, und ohne Unterbrechung begann. Von der arbeitsintensiven Planung und Vorbereitung, die wir der Schulleitung zugutehalten müssen, bekamen wir nichts mit. Unsere Lehrer wirkten jedenfalls erstaunlich frisch. So war es möglich, unseren in den Ferien weniger angestrengt arbeitenden Gehirnen nach zu helfen und uns in kürzester Zeit wieder an konzentriertes Denken und Arbeiten zu gewöhnen.
Unser Lehrerkollegium bestand, ohne Ausnahme, aus sehr fähigen Pädagogen, die es gut verstanden, mit älteren Schülern zu arbeiten und uns zu fördern. Galt es doch, der Kurzschuljahre wegen, uns in nur fünfeinhalb Jahren auf die Reifeprüfung vorzubereiten. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit, möchte ich mit einigen markanten Szenen, einen Einblick in unseren Schulalltag und das Leben in St. Pirmin gewähren. Es sollte aber vorab darauf hingewiesen werden, dass an unserer Schule vor allem auf die geisteswissenschaftlichen Fächer wie Latein, Griechisch, Deutsch, Geschichte und Religion, Wert gelegt wurde. Dies bedeutete aber keineswegs, dass naturwissenschaftlicher Unterricht wie Mathematik, Physik, Chemie und Biologie, zu kurz gekommen wären. Selbst das Fach Bildende Kunst war mit Toni März, einem regionalen Künstler, hervorragend besetzt: Unser temperamentvoller Kunstlehrer war mittelgroß. Eine Baskenmütze, sein Erkennungszeichen, die er beständig über seinem schlohweißen Haar trug, unterschied ihn auch äußerlich von seinen Kollegen. Toni März wirkte mit seinen lebendigen Augen, dem ausdrucksstarken, von einem weißen Bart umrahmten Gesicht, den lebhaften Bewegungen seiner Arme, filigranen Hände und Finger, mit denen er seine Worte unterstrich, selbst wie ein ansprechendes Kunstwerk. Wenn er ihn interessierende Fragen beantwortete, lebte er förmlich auf, war mit Leib und Seele bei der Sache und ließ sein umfangreiches Wissen über gesellschaftliche, politische, religiöse und künstlerische Zusammenhänge aufblitzen. Er war in seinen verbalen Erklärungen genau so kreativ und anregend, wie in seinen Bildern. Manchmal ergaben sich im Kunstunterricht so anregende Gespräche, dass wir, um nichts zu versäumen, freiwillig auf die uns zustehende Pause verzichteten. Toni März verstand es auf vielfältige Weise, unsere eigenen Interessen an Kunst zu wecken und zu fördern. Dr. Zimmermann, einen pensionierten Lehrer der Heimschule Lender, lernte ich erst in Sasbach näher kennen. Einer seiner Neffen, der mir aus der Zeit in Rheinfelden bekannt war, machte mich auf ihn aufmerksam, sodass ich ihn in seiner Wohnung gelegentlich besuchte. Er war damals hoch betagt, von eher gebrechlicher Gestalt, und trug einen etwas schütteren, weißen Vollbart, der mich an einen greisen Chinesen erinnerte. Trotz diverser körperlicher Beschwerden, war ihm eine bemerkenswerte, geistige Frische zu eigen. Wenn ich ihn besuchte, lag er meistens auf seinem Sofa, umgeben von Büchern seiner reichhaltigen Bibliothek und war damit beschäftigt, als Lektor der Schule, Texte zu bearbeiten. Im anregenden Gespräch mit mir, war er oft so engagiert, dass ich den Eindruck gewann, sein ganzer Körper vibriere mit und verstärke Worte und Sätze. Er entließ mich nie, ohne mich reichlich mit Nüssen zu versorgen, die er als »Gehirnnahrung« empfahl. Über seinen Neffen hatte ich erfahren, dass er im ersten Weltkrieg als Meldegänger eingesetzt war und sich zeitlebens gern bewegte. Wenn er in der Nähe der Schule auf seiner »Rennstrecke« Richtung Turenne – Denkmal in kleinsten Schritten unterwegs war, seine Taschenuhr in Händen, um die Zeit zu nehmen, war er nicht ansprechbar. Wer es dennoch versuchte, bekam zu hören: » Keine Zeit, ich bin beim Sport! « Dieser geistig rege und interessierte alte Mann, hat mich sehr beeindruckt. Kein Wunder, dass sein Neffe, ein Vegetarier, in der Spitzengruppe der über 80-Jährigen heute noch erfolgreich an Marathonläufen teilnimmt. Ein bedeutender Förderer der Heimschule und des Seminars war unser
Mathematik-Lehrer Otto Zug: Ein eher kleiner, beleibter, geistig vitaler Schwabe, der als Junggeselle alle seine Fähigkeiten und Beziehungen in den Dienst der Schule stellte. Er besaß unter anderem reichhaltige, kunstvolle Sammlungen verschiedener Tischdekorationen, die er bei gesellschaftlichen Anlässen der Schule und des Seminars gerne zur Verfügung stellte. Er konnte knitz lächeln, wenn man ihn belobigend auf die teueren, kunstvollen Gegenstände ansprach. Otto Zug kannte sich in der Gemeinde Sasbach, sowie in den im Rat vorherrschenden politischen Tendenzen gut aus, und nutzte seine ökonomischen Kenntnisse, bei Verhandlungen mit der Gemeinde, im Interesse der Schule mit schwäbischem Geschick, und allseits bekannter Beharrlichkeit. Als erfahrener Mathematik-Lehrer verfügte er über besondere pädagogische Fähigkeiten, abstrakte Zusammenhänge so bildhaft und aktivierend zu behandeln, dass seine Schüler solche Szenen ein Leben lang nicht mehr vergessen konnten: Er kam eines Tages in den Unterricht und rief Jochen zu unserer Überraschung nach vorne. Jochen war gewiss kein reines Lämmchen. Wir fanden aber trotz unseres angestrengten Bemühens mit Signalen und Blickkontakten, nicht heraus, was er verbrochen haben könnte. Unser Lehrer schien die Erregung im Klassenzimmer zu bemerken, und mit einem zufriedenen Lächeln zu genießen. Dann rief er Josef nach vorne und stellte beide neben einander. Ohne Zweifel, Jochen war ein ganzes Stück kleiner als Josef. Darauf verwiesen auch die Gesten von Herrn Zug. Pause, was nun? Und dann eine fragende Handbewegung unseres Lehrers mit seinem berühmten »T´ja?« Worauf wollte er hinaus? Herr Zug holte hinter seinem Pult einen roten Zylinder hervor, setzt ihn Jochen auf den Kopf und erklärte uns, als stünden wir vor einer großen Entdeckung: »Jochen, plus Zylinder, ist jetzt gleich groß, wie Josef, ohne Zylinder.« Auch bei mathematisch weniger begabten Schülern, machte es fast hörbar »klick«, denn unser Lehrer hatte uns für alle Zeiten klar gemacht, was eine Gleichung sei. Wir waren uns sicher, dass unser realitätsbezogener, praktisch aus gerichteter Mathematik-Lehrer ein frommer Mann sei. Es gelang ihm, uns immer wieder davon zu überzeugen. Wo möglich, versuchte er Brücken zwischen mathematischen und religiösen Fragen zu bauen: Wir waren beim Thema »Parallelen«. Er verwies auf eine Zeichnung, die Parallelen an der Tafel darstellte. Dann drehte er sich um, ließ eine Pause entstehen und wirkte, wie jemand, der dabei ist, eine Entdeckung zu machen: »Das, erklärte er, und verwies auf die Zeichnung an der Tafel, sind Parallelen«. Er drehte sich langsam zu uns um und deutete mit Handbewegungen und seinem bekannten »T´ja« an, dass da noch etwas war. Nach einer Pause folgte dann die Frage: »Und wo schneiden sich die Parallelen?«, um dann verschmitzt hinzu zu fügen: »Etwa beim lieben Gott?« Wir versuchten zu verstehen: Einen mathematischen Gottesbeweis hatte unser Lehrer nicht erbracht und wollte das auch nicht. Ihm ging es um mehr. Er bezeugte uns mit dieser Geste, seinen Glauben an die Existenz Gottes. Wir wurden nachdenklich, denn wir waren ja unterwegs, um einmal selbst als glaubwürdige Zeugen, Menschen zu Gott zu führen. Bis dahin war aber noch ein weiter Weg und es bedurfte tatkräftiger Hilfe guter Menschen und deren Glaubenszeugnis, um uns auf unserem Wege beizustehen.
Wir Seminaristen lernten uns gegenseitig in Schule und Alltag näher kennen. Jeder von uns im Kurs, hatte besondere Stärken und Schwächen. Da wir mehrere Jahre zusammenwohnten, lebten und lernten, wuchsen wir, wie selbstverständlich, zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammen. Dies wurde auch bemerkt. Manche sprachen von einem »Wunderkurs?« Als Ältester entwickelte ich freundschaftlich-fürsorgliche Gefühle zu meinen Klassenkameraden. Manche nannten mich gelegentlich Papa. Ich musste diese „liebevolle Anrede“ nicht zurückweisen. Saßen wir doch alle, ohne Ausnahme, im gleichen Boot, von ähnlichen Sorgen und Fragen umgetrieben. Jeder durfte und konnte seine speziellen Talente einbringen. Wir brauchten diese guten Gaben Gottes in allen Formen: Oft hat uns Gerhard sonntags mit Musik geweckt, in seine Verehrung Mozarts einbezogen, und uns auf den anschließenden Gottesdienst in der Heimkirche eingestimmt. Er verfügte auch über ein unerschöpfliches Repertoire an Witzen. Witze zu jeder Gelegenheit – und er konnte sie perfekt erzählen. Wenn ihm ein geneigtes Publikum zuhörte, lief er zur Hochform auf. Wer diese Fähigkeit Gerhards schätzte, konnte erkennen, dass er seine Witze liebte, die Pointen geschickt ansteuerte, den Beifall genoss, dabei ein Pokergesicht aufsetzte, und mit einem verschmitzten Lächeln die Zuhörer anregte, noch einige Witze hören zu wollen. Wo und wie einige Freunde von uns an Wochenenden die freie Zeit zur Erkundung der Umgebung nutzten, wann und wie sie zu später Stunde wieder unauffällig ins Seminar zurückkehrten, blieb mir größtenteils verborgen. Ich hatte aber auch Lust, meine freie Zeit nicht im Hause abzusitzen: In einer Zeitungsanzeige machte der Besitzer eines nahegelegenen Gestüts darauf aufmerksam, dass es zu günstigen Konditionen möglich wäre, bei ihm zu reiten. Jochen erklärte sich bereit, mit mir das Angebot zu prüfen. Wir rechneten fest damit, einen größeren Teil unseres Kurses für diese Idee gewinnen zu können, falls wir einen passablen Preis für das Reit-Vergnügen aushandeln könnten. Wir waren guter Dinge und marschierten los. Nach einiger Zeit fanden wir die Ortschaft – nicht sehr groß – nur das Gestüt konnten wir nicht entdecken. Schon wollten wir enttäuscht umkehren, da bemerkten wir ein Bauernhaus, an das sich ein merkwürdiger Zaun aus Schilfrohr anschloss. Hinter dem Zaun befand sich eine freie Fläche auf der tatsächlich ein Pferd und ein Maulesel standen. Es kam ein Mann auf uns zu, der sich als Besitzer des »in der Tat sehr kleinen Gestütes« vorstellte. Blitzschnell erfassten wir die Lage: Dieses Angebot war nicht geeignet, um unserem Kurs Reiterfreuden zu ermöglichen. Wir disponierten um und erklärten, dass wir reiten wollten. Damit hatte der Besitzer offensichtlich gerechnet. Er war sehr bemüht, unsere Fragen zu beantworten, als befürchte er, die »seltenen Interessenten« könnten sich unzufrieden wieder abwenden. Wir hatten aber keine Lust, nach dem längeren Fußmarsch, einfach aufzugeben. Eher lockte uns die Chance, unter den gegebenen Umständen einen günstigen Preis für die Reitstunde aushandeln zu können. Wir einigten uns, wie erwartet. Dann musterte der »Reitlehrer? « uns und erklärte: » Sie, er deutete auf mich, reiten auf dem Pferd, und Sie, damit meinte er Jochen, als „Leichtgewicht“ auf dem Maulesel! « Irgendwie kamen wir in die Sättel und wurden einige Runden an der Longe im Kreis geführt. Der Besitzer beobachtete uns und stellte fest, dass ich reiten könne. Ich war überrascht, denn ich hatte nicht die geringste Ahnung, wie ich ein Pferd „lenken“ sollte. Ich entgegnete: »Reiten könne ich nicht, ich hätte aber schon einige „Western-Filme“ gesehen und sei als Schlagzeuger mit einem sicheren „Rhythmusgefühl“ ausgestattet. Das war es dann schon. Bald darauf ritten wir aus und es fühlte sich gut an, hoch zu Pferden zu sitzen. Vor mir ritt oder trippelte Jochen mit dem Maulesel. Es war ein Bild für die Götter. In meiner Fantasie gab ich Jochen eine Lanze und ein Schild und fertig war »Don Quijote«. Diese Vorstellung drängte sich spontan so sehr auf, dass ich das Lachen nicht mehr unterdrücken konnte. Die Schadenfreude dauerte allerdings nicht lange: Mein Pferd setzte aus mir unbekannten Gründen zum Galopp an, und blieb plötzlich, indem es die Vorderbeine schräg anstemmte, aus vollem Lauf, wie angewurzelt stehen. Ich hatte keine Schwierigkeiten aus dem Sattel zu kommen, denn mit einem Salto über den Kopf des Pferdes landete ich in einer lehmigen Wasserpfütze. Ich drehte mich verblüfft um und hatte den sicheren Eindruck, als ob das Pferd mich an- oder gar auslachte. Größeren Schaden hatte ich nicht genommen, doch allen Anlass, mich mit dem beschmutzten und feuchten Hinterteil nach Hause zu begeben. Zeit, mich umzuziehen, hatte ich nicht. So zog ich, feucht und verdreckt, wie ich war, mit Jochen zusammen in den Speisesaal ein. Wie ein Lauffeuer ging die Nachricht von meiner missglückten Reitstunde von Tisch zu Tisch und sorgte für entsprechenden Spott und Gelächter. Jochen war auch ein begabter Situationskomiker. Er brauchte dazu nur einige Gläser Bier, ein interessiertes Publikum, das ihn anfeuerte, und einen ebenso fantasiebegabten Mitspieler. Wenn er hierzu mit Günter eine spontane Nummer zum Besten gab, konnte man sich nicht mehr halten. Jochen verstand es, mit seinem ansteckenden Humor, uns oft die Alltagssorgen von der Stirn zu wischen, wie eine Mutter ihrem Kind die Schmerzen, mit dem »Heile-Segen«. Unser Rektor hätte es sicher damals genau so gern gewusst, wie ich heute, wer von uns dabei war. Ich habe aber nur noch vage Erinnerungen, dass nach einer ausgiebigen und reichlich feuchten Sitzung im »Rebstock«, die Gemüter der Beteiligten so erhitzt waren, dass zur mitternächtlichen Stunde ein Bad im Dorfbrunnen, das einzige praktikable Mittel schien, um uns Abkühlung zu bieten. Tatsache: Der Dorfbrunnen übte eine magische Anziehungskraft auf uns aus. Wir kamen auf dem Weg nach Hause einfach nicht an diesem, aus vollen Rohren Wasser speienden Brunnen vorbei. Irgendeiner von uns prüfte die Wassertemperatur, und schwupp, war er drin. Dieses Ereignis löste in uns ein unerklärliches Verlangen aus, ihm nacheinander wie die Lemminge zu folgen. Die »Badeanstalt« war groß genug, um uns allen Platz zu bieten; lediglich die Schwimmversuche scheiterten kläglich an den Wasserrohren. Nach dem Motto, »einmal über und dann wieder unter Wasser, wie ein Seehund«, überwanden wir die Barrieren. Nach der Abkühlung wurde uns klarer, was sich da eben abgespielt haben musste. Nass, fröstelnd, und mit grün eingefärbten Kleidern, standen wir da, wie begossene Pudel. Kein Zweifel, wer so aussah, musste dabei gewesen sein. Irgendwann stellten wir fest, dass es in unserem Kurs musikalische Begabungen gab. Manfred spielte Akkordeon, Jürgen Trompete, Jochen Gittare, Bernhard Piano, und ich ergatterte mir ein Schlagzeug. Wir probten mit Begeisterung. Ein Glück, dass ich früher in mehreren Bands gespielt hatte und wusste, wie sich Musik anhören sollte. Ein hoher Maßstab an mich und die Musiker. Es war bald klar, dass der Anspruch gesenkt werden musste. Schließlich drängte es uns, aufzutreten, denn wir hatten ein ausreichendes Repertoire erarbeitet. Wir hatten zwar keinen Gesangssolisten, dafür aber Jürgen. Wenn er sein »Il selentio« mit der Trompete schmetterte, konnten wir des Beifalls gewiss sein. An Ave-Maria im mehrstimmigen Chor hatten wir lange gearbeitet, bis dieser Titel uns gefiel. Mit dem Schlager „Die besseren älteren Herrn, gehen mal gern auf ne Angeltour“, mit arrangiertem Chorgesang, fanden wir immer Zugang zum Publikum. Höhepunkt war ein Auftritt in Achern, bei einer Tanzveranstaltung, zu der wir geladen waren. Unser Rektor gab der Bitte nach und wurde nicht enttäuscht. Die »Kapelle Schwung« der Spätberufenen erlebte mit ihrem begeisternden Auftritt einen vollen Erfolg.
Mit Beginn der Obertertia nahmen die schulischen Anforderungen zu. Oft ging es für uns Spätberufene an die Belastungsgrenzen. Nur wenige Klassenkameraden mussten aber die Schule verlassen. Ich hatte zeitweise große Mühe mit »Griechisch«, der zweiten Fremdsprache, und nahm, etwas beschämt, das Angebot zur Nachhilfe an, um über diese Hürde zu kommen. In dieser Zeit stand ich, ohne mein Wissen, unter strenger Beobachtung unseres Kurses. Erst viel später erzählten mir meine »Freunde«, dass ich zur Nachhilfe immer auffallend ordentlich gekleidet aus dem Hause ging. Sie vermuteten, dies könne damit zusammenhängen, dass eine Griechisch-Lehrerin, die wir alle sehr schätzten, diese Aufgabe übernahm. Bei dieser Gelegenheit gestanden sie mir auch, dass sie sich untereinander verständigt hätten, mich zu loben, wenn ich Ihnen gelegentlich stolz meine neuesten Bilder zur künstlerischen Begutachtung zeigte. Dr. Effinger verstand es, in personifizierter Gelassenheit, uns in Deutsch und Geschichte effizient auf das Abitur vorzubereiten, für den Reichtum der Literatur zu begeistern und uns kritisch in geschichtliche Zusammenhänge einzuführen. In der Art, wie er Themenschwerpunkte auswählte, und im Dialog mit uns hierzu Position bezog, war zu erkennen, wie sehr ihm daran gelegen war, uns das christlich-humanistische Bildungsideal zu vermitteln. Obwohl er viele Jahre mit der Oberstufe arbeitete, blieb sein Unterricht erstaunlich lebendig. Man merkte ihm an, dass er von Dingen sprach, die ihm selbst viel bedeuteten. Wenn er, mit dem Oberkörper entspannt zurückgelehnt, hinter seinem Pult, seine langen Beine nach vorne schob, und den Oberlippenbart gelegentlich kraulte, hatte man das Bild eines Menschen vor Augen, der auch in schwierigen Situationen in der Lage schien, Ruhe zu bewahren. Sein schlankes, von Falten gegerbtes Gesicht, der stets wache Blick, die naturgewellten, noch dunklen Haare, passten zu dem großen, schlanken, nicht unbedingt sportlich, eher schlaksig wirkenden Mann. Sein Rat wurde auch im Kollegenkreis sehr geschätzt.
Als Klassen- und Haussprecher war ich oft gefordert, bei unterschiedlichsten Anlässen einige Sätze zu sagen. Gelegentlich belustigten sich meine Freunde auch, wenn sie mich mit vereinten Kräften lauthals aufforderten: »Franz, sag was! « Ich habe diesen leichten Spott, ohne Schaden zu nehmen, überstanden. Ein Ereignis blieb mir aber besonders in Erinnerung: Der hochwürdige Herr Erzbischof von Freiburg mit seinem Gefolge, war zu einer Besichtigung des Schulneubaues angesagt. Ein besonderer Festtag für die Heimschule und unser Seminar. Die Erwartung des hohen Gastes und die Vorbereitungen für seinen Empfang erregten bereits Tage zuvor die Gemüter der Schulleitung, des Lehrerkollegiums, und leicht abgeschwächt, auch der Schüler. Man spürte Anspannung in allen Bereichen der Schule, galt es doch den Festtag so zu gestalten, dass unsere Gäste mit einem guten Eindruck und der Gewissheit nach Hause fahren konnten, Investitionen in Sasbach lohnten sich. Mir oblag es, der hohen Geistlichkeit als Schülervertreter für die wohlwollende Unterstützung in jeder Form zu danken. Ich musste davon ausgehen, dass zum offiziellen Empfang außer den Gästen aus Freiburg, alles was Rang und Namen hatte in der Heimschule, St. Pirmin, der Öffentlichkeit, Politik und Presse etc., einen exzellenten Rahmen bilden würden, vor dem ich zum ersten Mal zu sprechen hatte. Bei diesen Überlegungen war mir nicht ganz wohl zumute. Es half aber nichts; ich musste mir einige Sätze einfallen lassen und hoffte sehr, dieser Aufgabe gewachsen zu sein. Einigermaßen vorbereitet, saß ich als Redner in der ersten Reihe der Aula, und bekam in meiner Aufregung nicht mehr mit, was sich an Prominenz in den vielen Reihen hinter mir eingefunden hatte. Die Spannung steigerte sich, denn die Besichtung des Neubaues nahm mehr Zeit in Anspruch, als vorgesehen war. Das Herz schlug mir bis zum Halse. Dennoch versuchte ich, gelassen zu wirken und harrte der Dinge, die auf mich zukommen würden. Nach beunruhigend langem Warten, betrat der Erzbischof mit seiner Begleitung den Raum. Es dauerte zum Glück nicht mehr lange, bis zu meinem Auftritt: Als ich schließlich dem Erzbischof gegenüberstand, schien er mir klein und schmächtig, gar nicht groß und erhaben. Seine Hände, in denen er ein Programm hielt, zitterten mächtig. In diesem Augenblick überfiel mich ein großes Mitleid mit dem Hirten der Diözese. Sein Zittern berührte mich. Ich hatte so etwas nicht erwartet. Die Spannung wich wie ein Wunder momentan von mir. Meine Worte kamen bei dem Erzbischof an. Er bedankte sich. Eine Last fiel von meinen Schultern, als Beifall einsetzte, der mir zeigte, dass ich im Sinne der Anwesenden gesprochen hatte.
Das Ziel unseres Aufenthaltes in Sasbach, die Reifeprüfung, rückte immer näher. Wir waren in der Oberprima in allen Fächern angestrengt dabei, uns auf das Examen vorzubereiten. Gleichzeitig wussten wir, dass es galt, in absehbarer Zeit Abschied von unserem zu Hause in St. Pirmin, und der uns lieb gewordenen Region um Sasbach zu nehmen. In Gruppen wanderten wir in der karg bemessenen Freizeit nach Sasbach-Ried und hinauf auf die Höhe nach Sasbachwalden, um dort bei einem Imbiss und dem vorzüglichen Wein, Abstand von den Prüfungsvorbereitungen zu gewinnen und mitfrohen Liedern nach Hause zu wandern. Mehr, als je zuvor, bestürmten wir unsere treuen Schutzengel, den Herrn und die Gottesmutter in unseren Gebeten, Gottesdiensten und Wahlfahrten, uns auf unserem Weg zur Seite zu stehen. Wir wussten, unser guter Wille und die Vorbereitungen können nur zum Ziel führen, wenn Gottes Segen uns hält und trägt. Es lagen aber noch anstrengende Monate vor uns. Jeder kannte seine Schwächen, an denen er noch zu arbeiten hatte. So weit es an uns lag, halfen wir uns auch gegenseitig. Ich hatte den Eindruck, als ob mich Herr Serrer, unser Chemielehrer, der nicht viel älter war als ich, im Unterschied zu meinen anderen Kameraden, seltener abhörte. Er musste mich aber benoten und ich rechnete fest damit, dass er mich nicht verschonen würde und mein Wissen in Chemie prüfen werde. Die kritische Selbsteinschätzung erlaubte mir, keine großen Hoffnungen auf Erfolg in diesem Fach. In meiner Not, bat ich meinen Freund Manfred, der in Chemie sehr erfahren war, mir Nachhilfe zu geben. Die Zeit drängte, denn andern tags rechnete ich mit der mündlichen Prüfung. Manfred sagte zu und wir trafen uns zu diesem Vorhaben für einige Stunden in Gottes freier Natur, am Vortag der erwarteten Prüfung. Wir beide kannten uns gut, sodass ich es ohne Scheu wagen konnte, meinem Freund reinen Wein einzuschenken. Ich hatte tatsächlich Chemie stiefmütterlich behandelt, um Zeit für die Kernfächer zu gewinnen. Manfred begann mich schonend abzufragen, bemerkte aber bald, dass meine Kenntnisse äußerst dürftig waren. Er kommentierte: Mit Schwächen habe er gerechnet, aber keineswegs mit einem derartigen Minimum an Fachwissen. Dennoch ging Manfred mutig daran, mich in Chemie zu präparieren. Dies gelang ihm auf erstaunlich gute Weise. Ich entwickelte nach dieser Prozedur die etwas überhebliche Vorstellung, in diesen wenigen Stunden wirklich etwas von Chemie verstanden zu haben. Darüber wunderten wir uns beide sehr. An meinen Fähigkeiten zu lernen, konnte es folglich nicht gelegen haben, sondern eher an der geringen Beschäftigung mit dem Thema. Wie befürchtet und erwartet, rief mich Herr Serrer am nächsten Tag in Chemie auf. Es tröstete mich zu sehen, dass es ihm sichtlich schwerfiel, mich zu examinieren. Die Prüfungsvorbereitung durch meinen Freund zeigte aber erstaunliche Wirkung. Weniger hilfreich schienen mir die Signale meiner Klassenkameraden, die ich nicht zu deuten vermochte. Mir erscheint es auch heute noch wie ein kleines Wunder, auf welch mysteriöse Weise ich zu einem guten Examen in Chemie gekommen bin. Herr Blechinger, ein großgewachsener, sportlich wirkender Lehrer, hatte die Aufgabe übernommen, uns in Mathematik auf das Abitur vorzubereiten. Im Hinblick auf die Kurzschuljahre gab es eine Sonderregelung. Wir hatten mit seiner Hilfe fünfundzwanzig mathematische Beweise zu erarbeiten, aus denen wir Abiturienten einige Aufgaben gestellt bekamen. Es war eine Menge zu tun, aber immerhin konnte man sich auf eine begrenzte Fragestellung vorbereiten. Auch weniger befähigte Mathematiker durften daher hoffen, an dieser Hürde nicht zu scheitern. Die letzte Phase der Vorbereitung auf die Reifeprüfung war nicht nur von einer zunehmenden Anspannung, sondern auch von der Erfahrung wohlwollender Begleitung geprägt. Die verschworene Gemeinschaft bewährte sich nicht nur in unserem Kurs. Die jüngeren Seminaristen, unser Schulleiter, der Rektor, die Lehrer, der Präfekt, Spiritual und die Schwestern waren im Geiste St. Pirmins am Gelingen unseres Vorhabens interessiert und trugen ihren je spezifischen Teil dazu bei, uns in den schwierigen letzten Wochen vor dem Abitur und während der Prüfungen zu unterstützen. Es lässt sich kaum beschreiben, welche Gefühle uns bewegten, 1967, nach fünfeinhalb Jahren, in einem feierlichen Festakt die Reifeprüfungszeugnisse in Händen zu halten. Noch einmal tauchte das Wort vom »Wunderkurs« auf, als die vielen Preise aufgerufen wurden, die wir gesammelt hatten. Mein Beitrag hierzu war der »Scheffel-Preis« des Volksbundes für Dichtung. Als Freund der deutschen Sprache und Liebhaber der Literatur, berührte es mich besonders, gerade diesen Preis zu erhalten.
Wir hatten alle mit vielen Fragen unseren Weg 1962 in Sasbach begonnen und nun, 1967, das Abitur, die Voraussetzung zum Studium, bestanden. Wieder ergaben sich andere Fragen und Hoffnungen: Wird es gelingen, auch das Studium der Philosophie und Theologie erfolgreich zu beenden, um unserem Ziel, Priester zu werden, ein weiteres Stück näher zu kommen? Den Text von Friedrich Schiller auf einer schön gestalteten Karte: »Wisset, ein erhabener Sinn, legt das Große in das Leben und er sucht es nicht darin«, haben sechzehn glückliche Abiturenten mit ihrem Namen unterschrieben, um die »frohe Botschaft« vom bestandenen Abitur weiter zu tragen. In Sasbach wurde aber auch Freundschaften geschlossen, Werte vermittelt und unser Glaube gefestigt. Ich bin sicher, dass uns für alles tiefe Dankbarkeit erfüllt, gegenüber den Menschen, die an diesem Erfolg beteiligt sind. Und es scheint mir, als ob meine Freunde ihrem alten Klassensprecher, wie früher, zurufen würdet: »Franz, sag was!« Ihr sollt das »Wichtigste« von mir hören. Ich sage es Euch, aber ich brauche Euch alle dazu: Jesus Christus, der Herr, hat jeden von uns einmal angesprochen, und uns in Sasbach zusammengeführt. Er war und bleibt der unbestrittene Mittelpunkt unserer und jeder christlichen Gemeinschaft. Wisst Ihr noch, wie wir gelegentlich vor dem ausgesetzten »Allerheiligsten« in der Heimkirche beteten? Könnt Ihr Euch vorstellen, dass wir auch heute, zusammen mit unserem Rektor, und allen Menschen, die uns lieb und teuer sind, in einer Kirche, die für die ganze Welt Platz hat, dem Herrn danken, Ihn loben und um Schutz und Beistand bitten? Hört Ihr mich jetzt singen? Ich stimme das „Tantum ergo…“ an. Und da geschieht ein Wunder: Unser Rektor Oberle zeigt uns die »Monstranz mit dem Herrn in Brotsgestalt« und erteilt uns den Segen.
Leider hat sich die Hoffnung, das Spätberufenenseminar ST. Pirmin in Sasbach zu erhalten, nicht erfüllt. Umso wichtiger wurde es für mich, noch einmal an unseren „Wunderkurs“ und die Arbeit all derer zu erinnern, die uns Seminaristen zum Abitur führten. Ich wollte auch Ihnen, liebe Leser, einen Eindruck vermitteln, was wir vermissen und uns damit trösten, dass Jungen und Mädchen heute noch in der Heimschule Lender in Sasbach, unter guten Bedingungen das Abitur erwerben können. Alle, die in ST. Pirmin zum Abitur geführt wurden, danken der Erzdiözese Freiburg, dass wir als Spätberufene noch studieren konnten, um als Priester oder in anderen Berufen segensreich zu wirken.

Unser Enkel sieht ein Bild auf dem sich Häuser im Wasser spiegeln. Auf die Frage „wer macht das?“ antwortet die Mutter „die Maler“. Die Mutter frägt „wer hat unser Haus gemacht?“ Pause – und gibt selbst die Antwort: „die Handwerker“. Der Opa erinnert sich an den Religionsphilosophen Welte, dessen Fragen „was ist das?“, und erkennt in der Spiegelung ein bedenkenswertes Phänomen: Wir erzählen fragenden Kindern Geschichten, und erklären ihnen die Welt. Das Fragen der Kinder setzt sich fort in der Neugier der Erwachsenen, und den jeweiligen Antworten, in Bildung und Wissenschaft. Wir bauen so an unserem Haus der Wissenschaft, durch Berichte über Erfahrungen in dankenswerterwBildung weiter. Auch die Erfahrung unserer Eltern und das Wissen der Menschen die vor uns lebten spiegeln sich in Bildung und Wissenschaft wieder. Der Philosoph fragt: „Was zeigen uns diese Spiegelungen?“ und antwortet: Wir Menschen spiegeln einander, bewusst oder unbewusst, Teile des Ganzen unserer Erfahrung. Der Tod scheint bei vielen Erkanntnissen keine Grenze zu bilden. Die Frage des Enkels „wer macht das“ führt aber weiter zu Phänomen des Sehens, Hörens, Redens, Fragens. Antwortens, Denkens und allen Spiegelns, an die Grenze alles Wissens.
Der Theologe schiebt die Frage des Enkels nicht zur Seite. Er ist berührt von den Tatsachen, dass wir einander durch Spiegelungen Erfahrungen auch derer weitergeben, die vor uns lebten. In allen Spiegelungen, dem Fragen, Suchen, der Neugier und allen Phänomenen im Makro- und Mikrokosmos erkennt er das Spiegelbild eines Schöpfers, jenseits allen Wissens und Erfahrens. Er verneigt sich vor Phänomen religiöser Tradition, dem Schöpfer, der sich in aller Spiegelung, christlich in Phänomenen des Glaubens Hoffens und Liebens offenbart. Möge uns diese Betrachtung über die Frage des Enkels „wer macht das? Zur Frage des Parmenides „warum gibt es das und nicht nichts?“, und zum christlichen Dank an den Schöpfer und Erhalter aller Phänomene des Universums, im Glauben Hoffen und Lieben führen

Mer hogge im Garde. S´isch hüt heiß g´si – kum zum ushalte. Hinterm Hus unterm Dächli häm mer dreiedrissig Grad im Schatte g´messe. Gott sei Dank het´s jetzt zum Obed hi e weng abkielt. Mer hän unsre runde Tisch so uf de grosse Terasse ufgschtellt, dass mer e kleins Lüftli veschpürt hän. De Hunger isch hüt nit groß g´si. E saftigi Melone un e Käsbrot dezue, des het glengt. Mer hänge in unsre Sessel und lön alles „fünfi Grad“ si. E´Gschpröch brucht´s im Moment no nit. Jede hängt sine eig´ne Gedanke noch. Bi mir mueß nit viel passiert si, sunscht könnt i öbis devo vezelle. Mi Frau mueß aber eweng ins Philosophiere cho si.
Noch ere längere Paus meint sie g´schpröchig: „Du, i glaub es isch scho wieder de längschti Tag gsi. Wie schnell doch di Zit vegoht“. I bi schtill gsi un ha denkt: Si het sicher recht, denn des mit em Kalender, de Geburstage und sunschtige Termine, des isch scho lang ihri Sach. Ich kümm´re mi defür um anderes: Dass mer Kontakt halte mit de Lüt un dass alli Rechnige zahlt werde.
Des mit dem längschte Tag han i aber no nit ganz vedaut. Mi Frau het jo recht, doch i mag mi im Moment no gar nit demit afründe, dass es scho wieder hinte abe goh soll. Do hemers wieder mit dere veflixte Zit. Si blibt nit schto. Au jetzt nit, wo mer grad so froh bi enander hogge. Si macht nonemol e tiefsinnige Bemerkung: „Du“, sait si,„merksch es au, s´isch doch scho noch Nüni un immer no rächt hell. Si traut dem Brode aber doch nit so recht un holt für alli Fäll e schöni großi Kerze un zündet si a. Jetzt wird´s so recht gmietlig. Me cha d´Grille zirpe höre un mi Frau´ wird fascht vo ellai e weng poetisch. Si luegt b´schtändig noch obe un meint: „Du, me cha de Mond im Moment gar nümme so guet seh“. Un noch ere kliene Paus: „Jetzt goht´s wieder. Lueg e`mol, me cha sogar si G´sicht wieder seh. Mir schient aber, er luegt e wenig trurig dri“. Und druf: „Lach doch e weng, dann g´falsch mer besser“! I ha mi helli Freud dra, wie mi Frau mit mim alte Bekannde schwätzt. Mir chunt de Johann Peter Hebel in Sinn mit sim Gedicht vom Ma im Mo. I ha no nit ganz fertig denkt, g´schwiege devo g´schwätzt, do fangt si scho wid´r mit glänzende Auge a: „Lueg Muetterli, was isch im Mo……“ un reiht Vers an Vers. Mir wird´s debi so recht warm ums Herz, denn i hör mi Muettersproch eifach so chaibe gern. I bi no gar nit fertig mit em denke, do sait mit Frau ganz ufgregt: „Lueg emol, jetzt veschwindet´r wied´r hinterm alte Kirschbaum“! Wie di Zit vegoht…! Wenn´s so gmietlig zuegoht wi jetzt, wöt i mengisch de Augeblick am liebschte feschthalte. Des goht aber leider nit“. Und druf:
Aber es git jo zum Droscht no schöni Liäder un i summ vor mi hi, un miii Frau singt dezu: „Gueter Mo du gosch so schtille….. Ob unsere Kinder jetzt d´Ohre klingle“? „Lueg emol“, sait si e weng entüscht: „Jetz isch er scho ganz weg“! I bruch mi gar nit umdraihe, des fallt m´r eh schwer, wege mim Rugge. Aber i bi sicher – ganz weg isch er nit. Mer werde ihn immer wieder seh und dann schwätze mer mit em, wie mit eme guete Fründ de uns begleitet, au wenn mer ihn mengisch nit sehn.

Im Namen des Vaters
des Sohnes und des
Heiligen Geistes
O Gott DU ewiger Grund
und überfließemde Quelle
Unserer heiligen Freude über
DICH in allem was es gab
gibt und geben wird als
Lebensspendende
Und lebenserhaltende ewige
göttliche geheimnisvollste
geoffenbarte ewige Liebe
DU bist die eine und einzige
Schöpferische Wirklichkeit
in allen Lebensformen der
sichtbaren und unsichtbaren
Vergangenen gegenwärtigen
Und künftigen Welt die uns
Heimat Geborgenheit Erbarmen
Vergebung Glauben Hoffnung
und Liebe gewährt
Durch DICH leben wir mit
den Vielen in der Einheit
DEINES Friedens in DEINER
Kirche im Himmel und auf
Erden in Freundschaft mit
allen Lebewesen und Geschöpfen
DEIN o Schöpfer und Erhalter
ist die Allerheiligste Liebe
Zu DEINEM Sohn und Erlöser
und dem Heiligen Geist unserem
Beistand und zu allen DEINEN
Werken im Himmel und auf Erden
von Ewigkeit zu Ewigkeit
DIR EWIGER BARMHERZIGER
GNÄDIGER SCHÖPFER mit DEINEM
SOHN unserem ERLÖSER und dem
HEILIGEN GEIST unserem Beistand
SEI ewig Dank für alles NEHMEN
und Geben für DEIN Heil und Segen
und alles Wohlergehen in diesem
und im künftigen ewigen Leben

Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, wage ich EUCH, liebe Brüder und Schwestern, wo immer ihr lebt, in großer Ehrfurcht vor der Wahrheit davon zu berichten, was mich gestern und heute beim Erwachen zutiefst bewegte. ICH danke und bitte den dreifaltigen Herrn und Gott, mir die Gedanken und Eingebungen zu schenken, die zur Betrachtung des Ostergeheimnisses und zu unserem Heil in unserer armen Welt und Zeit nötig sind. Was betrachten und leben wir Christen, wenn wir viele Tage lang Ostern feiern?
Wir feiern über Tage, wie die Schrift uns belehrt das Glaubensgeheimnis, dass der Herr, unser Retter und Erlöser des Weltalls von den Toten auferstanden ist. Aus Maria der Jungfrau im Heiligen Geist geboren, hat ER unter uns gelebt, gelitten wurde gekreuzigt und begraben. Wie die Schrift bezeugt, ist ER am dritten Tag, vom Tod auferstanden und den Jüngern erschienen, um uns zu zeigen, dass ER derselbe ist, der unter uns lebte und wirkte. Es musste geschehen, dass der Auferstandene SEINEN Jüngern erschien, um den Glauben zu erwecken, dass sich in IHM alles erfüllte was über IHN geweissagt wurde. Die Jünger brauchten, wie wir, den Heiligen Geist, um den geliebten Herrn nicht in Schmerz und Trauer über die Sünde, die den Herrn ans Kreuz geschlagen, in ihrer Hoffnungslosigkeit zu begraben. Sie mussten wie wir erfahren, wer Jesus Christus in Wirklichkeit ist. In SEINEM Leben Sterben und Auferstehen, soll für die Jünger und uns sichtbar werden, dass ER im Willen des Vaters alles vollbrachte, was zum Heil aller Menschen und Geschöpfe geschehen musste. Die größte aller möglichen Taten der Liebe SEINES und unseres Vaters im Himmel, sollte sich in der Auferstehung SEINES Sohnes von den Toten für allezeit und Ewigkeit erfüllen. In IHM, unserem geliebten Herrn, dem Gottes und Menschensohn, hat sich an Ostern alles ereignet, was ER in SEINEM Leben im Gehorsam zum Vater aus Liebe zu uns vollbrachte. ER ist unser geliebter Herr, dem wir es von Herzen gönnen, dass er zum Vater aufgefahren nicht mehr stirbt, und nun beim Vater im Heiligen Geist als derselbe, der unter uns war, im Glauben, Hoffen und Lieben bis ans Ende der Zeit in und unter uns wohnt. Der Gottes- und Menschensohn thront zu Rechten des Vaters, bis ER im Auftrag Gottes wieder kommt, um alle Toten und Lebenden zu richten. Mit dem Vater im Heiligen Geist ist ER das Herz Gottes in und unter uns. Die weltweite Kirche, gegründet auf den Vater, Sohn und Heiligen Geist, ist der Ort der Verehrung und Anbetung, des Dankens und Lobpreisens. Sie ist, der Tempel und Schmuck des Dreifaltigen Gottes auf Erden, der Ort der Gnadengaben, der Hoffnung, unser Ruheplatzt auf dem Weg in die ewige Heimat. Damit Jesus Christus, unser geliebter Herr und Meister, ewig unter uns leben kann, durfte ER nicht im Tode bleiben. In der Kraft des Heiligen Geist verehren wir IHN als denselben, der unter uns lebte und wirkt. ER ist das Herz, die Einheit, Speise und Trank, die Vergebung, das Erbarmen und die Hoffnung der weltweiten Kirche. In SEINEM Reich der Gerechtigkeit und des Friedens, sei der wahrhaft von den Toten auferstandene Herr, allezeit bis in Ewigkeit gelobt gepriesen.
Amen.

Herr und Gott, DU Vater unser Schöpfer, mit dem Sohn unserem Erlöser, und dem Heiligen Geist, unserem Beistand, begleite meine Worte mit DEINEM Licht. DU EWIGER, den Himmel und Erde nicht fassen, DU einziger Gott JAHWE, der ICH BIN der ICH BIN da. Immer und ewig bist DU, vor aller, in aller Zeit, und in Ewigkeit. DU Alpha das alle Zeiten zeitigt, DEINEN Geschöpfen Leben schenkt, und als Omega deren Ende und Ziel bestimmt, Du seist hochgepriesen und gebenedeit. DU der LEBEN gewährende, dreimal heilige Herr und Gott, bist vor aller Zeit, in allen Zeiten, und nach aller Zeit, immer und ewig der gegenwärtige. und allmächtige ICH BIN der ICH BIN da. Alle Zeiten und Geschöpfe im Himmel und auf Erden verdanken DIR ihr Dasein und Leben, und verneigen sich in Ehrfurcht und Anbetung vor DIR. Unser Herz, Leib, Verstand, Geist und Seele, jubeln auf, in DIR o Gott: Keine Macht der Welten, weder satanische Bosheit oder Tod, können DICH, ewiggütige, barmherzige, unendliche Liebe, und die geheimnisvollen Pläne DEINER göttlicher Gnade zerstören. Vater unser, der DU bist im Himmel, geheiligt werde DEIN Name, DEIN Reich komme, DEIN Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute, und vergib unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldnern, und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn DEIN ist die Kraft, die Macht, und die Herrlichkeit, in Ewigkeit. Amen.

Wenn ich irgendwo eine katholische Kirche betrete, dann finden ich Zeichen, die darauf hinweisen, dass sich hier Christen im Glauben an den an Ostern von den Toten auferstandenen Herrn Jesus Christus zu Gottesdiensten versammeln: Ein „ewiges Licht“ zeigt an, dass hier das Allerheiligste Sakrament des Altars, der gegenwärtige Herr Jesus Christus, zur Verehrung durch die Gläubigen in Gestalt konsekrierter Hostien aufbewahrt werden. Die bei Gottesdiensten brennende „Osterkerze“ erinnert an die Gegenwart des Herrn, dessen Tod und Auferstehung im Willen des Vaters zur Vergebung der Sünden, wir in der Hoffnung auf ewiges Leben feiern. Wir finden auch das „Weihwasser“, das auf die Taufe jedes einzelnen Christen und die Gemeinschaft aller Gläubigen als Kirche Jesu Christi hinweist. Zu sehen ist auch das „Kreuz“, das Sieges- und Heilszeichen unserer Erlösung aus Tod und Sünde. Zum lebendigen Zeichen und Zeugnis, dass der Herr Jesus Christus uns nach SEINEM Tod nicht als Waisen zurücklässt, versammeln sich die christlichen Gemeinden regelmäßig zu Gebet und Gottesdiensten in der Kirche. Der Papst, die Kardinäle, Bischöfe Priester und Diakone und alle Gläubigen sind Gottes Volk auf Erden und Zeugen des Heilsgeschehens in der Begegnung mit Gott und miteinander.
Es sind in ihrer Schlichtheit -Licht, Kerze, Wasser, Kreuz nicht zu überbietende Zeichen wie -Brot und Wein- für die lebendige Gegenwart des Herrn. Wer die Stille und die Feiern christlichen Gemeinden zu schätzen weiß, erfährt dort Oasen des Friedens, in denen Not, Tod und Unrecht nicht das letzte Wort sind. Zeichen, die wir so notwendig brauchen, um uns gegenseitig zu ermutigen und zu trösten, dass mit der Auferstehung Jesu von den Toten, die Macht des Satans und der Sünde gebrochen ist. Wenn die Kirche uns den österlichen Frieden zusagt, dann feiern wir den Sieg der Liebe über den Tod, denn unser Herr stirbt nie mehr. Und mit IHM durch IHN und in IHM bleiben auch wir nicht im Tode, sondern in SEINER ewigen Liebe. Könnte es uns aber gelegentlich so gehen wie den Emmaus-Jüngern, dass unsere Augen gehalten sind, und wir dem Auferstandenen, der in und um uns lebt, nur von Tod und Elend erzählen. Dann könnte die Begegnung mit dem Herrn auch unsere Trauer wandeln und das Herz in österlicher Hoffnung berühren. Ostern bedeutet für uns, dass wir in Christus von allen Fesseln befreit, zur Gemeinschaft mit IHM, dem Vater und dem Heiligen Geist in der Feier der Auferstehung berufen sind, allen Menschen und der ganzen Schöpfung zugewandt, zeichenhaft zeigen zu dürfen, dass Gott alles gut gemacht hat. Das ist kein naiver Glaube, der wie manche Menschen meinen überwunden werden muss, sondern ein strahlender sieghafter Glaube, der das Böse durch die Liebe überwindet. So wie unser Herr und Meister nicht im Tod blieb, uns in SEINER ewigen Liebe Nähe und Gemeinschaft birgt, und auch die ganze Schöpfung aus dem Schatten des Todes befreit, so dürfen auch wir hoffen, dass wir, wenn wir mit IHM durch die Dunkelheit des eigenen Sterbens gehen, auch nicht im Tode bleiben. Als ich, liebe Freunde, im Gottesdienst die Emmaus-Geschichte wieder hörte, sagte ich zu meiner Frau: Genau so, wie der Herr Seine Kirche und uns nicht als Waisen zurücklässt, genau so innig sagt mir mein Glaube, werde ich, wenn ich mit Gottes Hilfe den Tod überwunden habe, im Heiligen Geist mit Dir und allem, was mir lieb und teuer war verbunden bleiben. Dass ich im Himmel meines Glaubens wissen darf, durch die Auferstehung des Herrn besiegelt, in Seiner ewigen Liebe geborgen auch allen, die noch auf Erden unterwegs sind, innig nahe bleiben kann und darf, ist für mich ein sehr tröstlicher Gedanke.

Vor Jahren habe ich mich nach einem erfüllten Berufsleben in den Ruhestand begeben. In der Ruhe und Stille meiner darauffolgenden Tagesabläufe stellten sich mir vor allem zwei wesentliche Aufgaben. Zum einen in der Begegnung mit einem Universum innerer Erfahrungen und Möglichkeiten, die mir jeweils wichtigen Interessen und Bedürfnisse auszuwählen. Gleichzeitig im Blick auf reale Grenzen von Zeit und Gesundheit, aus der Vielfalt äußerer Optionen die wünschenswerten Beziehungen zu Menschen, Natur, Politik, Wissenschaft und Religion neu zu definieren. Die Komplexität des frei gewordenen Handlungsspielraums faszinierten und weckten zugleich Ängste. In diesem Essay versuche ich, die Tendenz, in der Vielfalt innerer und äußerer Phänomene eine Einheit zu wahren, als einen unbedingten inneren Anspruch auszuweisen. Der Vernunft den ihr traditionell gebührenden weiten Erkenntnisraum zu bewahren, um in einen offenen Dialog mit allen Bedingungen des Daseins treten zu können. Den Blick auf die Lebensabläufe aber nicht nur rein naturwissenschaftlich zu verengen. Sich mit anderen Menschen über die komplexen existenziellen Bedingungen einer humanen Lebenspraxis zu verständigen:
Seit ich selbständig zu denken vermag, bewegt mich die Frage nach den Voraussetzungen und Zielen menschlichen Handelns, und den Kräften, die unser bisheriges, gegenwärtiges und künftiges Leben bewegen. Unablässig frage ich mich nach meinem Standort und den Aufgaben der nächsten Jahre in diesem Prozess innerer und äußerer Veränderungen. Wer bin ich eigentlich, welche Erfahrungen und Reaktionen bestimmen mein heutiges Verhalten, und welche Handlungsweisen erweisen sich als sinnvoll, um an der Aufrechterhaltung eines menschenwürdigen Daseins mit zu arbeiten. Immer drängender stellte sich zum Beispiel die Frage, was der eigentliche Grund sein könnte, dass ich mit zurückliegenden und aktuellen Lebensereignissen in literarischer Form mit anderen Menschen in Kontakt trete. Ein inneres Bedürfnis, das in dieser Form im beruflichen Alltag nicht befriedigt werden konnte. Was veranlasste mich, das Schweigen zu brechen, bislang Unausgesprochenes sprachlich festzulegen, um mich mit anderen Menschen über Sachverhalte auszutauschen, so wie ich es eben jetzt in der Form eines Essays versuche? Obwohl ich davon ausgehe, dass andere Menschen, ob sie darüber reden oder nicht, ähnliche Erfahrungen machen, trete ich mit einer gewissen Befangenheit mit meinen Erkenntnissen ins Licht der Wahrheit und in die öffentliche Diskussion. Gleichzeitig frage ich mich, was Menschen in Wissenschaft, Forschung, und Politik im Grunde antreibt, ständig neue und bessere Konzepte und Instrumente zur Daseinsbewältigung zu konstruieren und gesellschaftliche, kulturelle und historische Zusammenhänge besser zu verstehen? Was drängt uns, nicht nur individuelle, sondern uns alle betreffende Zusammenhänge zu betrachten und in einem wissenschaftlichen Diskurs offen zu legen? Was hält den Prozess, die äußeren Daseinsbedingungen besser zu verstehen und Mittel zur Daseinsbewältigung zu erfinden in der Grundlagenforschung Wirtschaft, Politik, in allen Bereichen der Natur- und Geisteswissenschaften in Kunst und Religion in Gang? Welche Bedeutung hat dies alles für unser Leben und die damit verbundenen Aufgaben? Was treibt mich und uns an, dieses komplexe Geschehen im Mikro- und Makrokosmos, das wir Menschen mit allen Lebewesen teilen, wenigstens partiell zu verstehen? Ich möchte nicht dem Trend erliegen, der weitgehend die „exakten Wissenschaften“ bestimmt, und die Frage nach Ursache und Ziel dieses Prozesses im Ganzen als überflüssig ausblenden. Die Vernunft vermag in der Sicherheit einer langen Traditionskette von der Antike über das Mittelalter bis in unsere Zeit angesichts der Frage, warum gibt es dies und nicht nichts, nicht zu schweigen. Sie muss, ohne Letztbegründung, nach Spuren im Dasein fahnden, die eine sinngebende, letztlich alles gewährende, tragende und erhaltende Kraft erhellen können, um die humanen Bedingungen menschlicher Existenz zu sichern. Solche Spuren möchte ich in diesem Essay verfolgen.
Kehren wir an dieser Stelle zur Grundfrage zurück: Es scheint, wenn ich das richtig sehe, eine Kraft in uns selbst zu geben, die uns drängt, uns mit dem Geschick aller Menschen und Ereignisse unbedingt zu verbünden. Sie scheint alle Bereiche des individuellen und gesellschaftlichen Lebens in der gesamten historischen Dimension, selbst die unserem Bewusstsein partiell verschlossenen Lebenserfahrungen zu umfassen. Daseinsbedingungen, in denen wir uns vorfinden, die wir mit anderen Menschen und Lebewesen teilen, die sich in einem steten Wandel befinden. Wir alle stehen auf den Schultern unserer Vorfahren und profitieren vom Wissen und den Erfahrungen von Menschen im Kontext der ganzen Geschichte. Selbst wenn wir die menschliche Geschichte der Komplexität wegen, oder um Abhängigkeiten zu leugnen, aus unserem Bewusstsein verdrängten, blieben wir von den Wirkungen dieses Prozesses nicht verschont.
Lassen sich Spuren in unserer Erfahrung sichern, mit Hilfe derer der oben beschriebene Prozess präziser bestimmt werden kann? Besteht eine Möglichkeit, näher zu bedenken, was mein und anderer Menschen Denken, Fühlen und Handeln antreibt, die inneren und äußeren Lebensräume und das Dasein im Ganzen zu sichten? Welche Methoden und Ausdrucksmittel sind geeignet, um als Menschen, in dieser komplexen sich stets verändernden inneren und äußeren Welt, unser Dasein verantwortlich zu gestalten? Im Hinblick auf die Mannigfaltigkeit der Phänomene erfahren wir immer wieder schmerzlich unsere Grenzen beim Versuch, unser Dasein in den fortwährenden Veränderungen zu begreifen. Woher kommt aber der fast übermenschliche Mut, der uns in Solidarität mit anderen Menschen verpflichtet, den Herausforderungen der Wirklichkeit auch angesichts von Leid und Katastrophen zu begegnen. Was drängt Literaten und Künstler dazu, dem Lebenskontext auf der Spur zu bleiben, um die Phänomene in angemessener Form ins Wort zu fassen. Was lässt uns immer wieder unsere Angst und Mutlosigkeit überwinden, um dieser überfordernden Vielgestaltigkeit der Lebenskontexte „auf menschenwürdige Weise“ zu begegnen? Versuchen wir, uns in einer nächsten Überlegung dieser Antriebskraft, soweit es in den begrenzten Möglichkeiten der Vernunft und Sprache möglich ist, ein wenig zu nähern.
Da sich dies als ein schwieriges Unternehmen darstellt, zumal ich nicht einfach übernehmen will, was andere dachten und sagten, halte ich Ausschau nach Weggefährten, die mich bei diesem Vorhaben ermutigen. Ich suche nicht nur den historischen Nachlass in den Werken der Forschung, Literatur, Kunst etc., sondern trete mit den Menschen neben mir oder vor mir in einen lebendigen Austausch, die sich ähnlich angetrieben wie wir heute, im geschichtlichen Prozess in den Dienst der guten Sache stellten. Was von mir bedacht und ins Wort gebracht wird, sollte in einem offenen Dialog eben in der Form dieses Essays vorgestellt und damit kritisch gesichtet und überprüft werden können. Es verbietet sich daher, nur mir selbst einen Spiegel vor zu halten, um Erkenntnisse über mein eigenes Denken, Fühlen und Handeln zu gewinnen. Die eigenen Erfahrungen sollten vielmehr im Austausch mit anderen Menschen dazu dienen, Spuren zu sichern, um die Frage aller Menschen nach der Antriebskraft unseres Verstehens und Erkenntnisprozesse wach zu halten. Wichtig scheint mir zu zeigen, auf welch vielfältige Weise ich mich mit anderen Menschen und Lebewesen in den sich wandelnden Daseinsbedingungen verbunden fühle. In einem nächsten Schritt gilt es nun, die Richtung dieser Antriebskräfte näher zu bestimmen:
In einer ersten phänomenologischen Analyse erweist sich das Drängen, Lebenskontexte zu verstehen, als eine Wirkmächtigkeit, die sich aus den Tiefen existenzieller Betroffenheit erhebt, und in uns selbst bemerkbar macht. In diesem ersten, ursprünglichen Sinne, ist sie einfach nicht weg zu denken. Sie wirkt offensichtlich in und durch uns, ob wir schlafen oder wachen. Gleichzeitig erscheint sie unserem inneren Blick wie aus unfassbaren Quellen gespeist. Das heißt, wir sind durch sie angetrieben, ihrer selbst aber nicht mächtig. Dieser Antrieb erscheint als eine unser Denken, Fühlen und Handeln im Ganzen bestimmende Größe. Er begründet einen ständigen existenziellen Prozess des Dialoges mit den Mitmenschen und Daseinsbedingungen, der alles, was es gibt, vorantreibt. Er drängt uns unablässig, die ganze Mannigfaltigkeit des Lebens so miteinander zu verbinden, dass nichts endgültig verloren gehen soll. Diese Kraft fordert nachdrücklich, dass wir uns nicht nur mit einigen Details, sondern mit dem ganzen menschlichen und persönlichen Erleben befassen, und die gesamte Erfahrung unserer selbst in einer liebenden Zuwendung gelten lassen. Ihr eignet insofern ein Drängen nach Wahrhaftigkeit. Wir sind es selbst. Alles was wir von uns und unserer Lebensgeschichte überblicken, auch das was sich unserem Bewusstsein verschließt, gehört unbedingt zu uns. Dieser Antrieb führt in einer ebenso beständigen Außenwendung dazu, uns denkend, handelnd, fühlend und entscheidend, aktiv in die realen Lebens- und Erlebenskontexte ein zu bringen. Auch hier zeigt sich wieder das Bemühen, die Vielgestaltigkeit gesellschaftlicher, wissenschaftlicher und politischer Phänomene, im historischen Zusammenhang zu erfassen. Und auch hier stellt sich wider die Frage, was dieses Drängen, die Kontexte zu verstehen in Gang hält, und was die Richtung dieses ganzen Prozesses bestimmt? Nicht zuletzt die Frage, was uns Menschen zum verantwortungsvollen Engagement in diesem Gewirke veranlasst? Was ist diese bestimmende Größe, die danach drängt, das gesamte äußere Daseinsgeschehen in einer Einheit zusammen zu halten. Verdanken wir doch dieser Antriebskraft schließlich die Gewissheit, dass wir selbst es sind, die von ihr angestoßen, als Zentrum unseres eigenen Lebens und Wirkens, einen Beitrag in diesem Spiel leisten. Insofern bleiben wir letztlich in allen Abhängigkeiten, die verantwortliche Mitte für unser Tun und Streben. Niemand kann uns die Verantwortung abnehmen und unseren Platz einnehmen. Es scheint insofern geboten, eine von uns nicht geschaffene Kraft, die darauf drängt, alles, was es gibt, die Innen- und Außenerfahrungen bewegt unbedingt zu respektieren. Selbst wenn wir versuchten, schmerzliche Erfahrungen der äußeren Lebensbedingungen aus unserem Bewusstsein auszuschließen, sind wir dennoch von allen Entwicklungen betroffen. Dies gilt im gesamten Dasein für alle biologischen, physiologischen und psychischen Begleiterscheinungen unserer Existenz. Die Antriebskraft drängt uns auch mit den gesamten entwicklungs- und altersbedingten Veränderungen im menschlichen Leben in Kontakt zu treten, auch den Tod zu bejahen und uns mit der Frage des Sinnes menschlicher Existenz über den Tod hinaus zu befassen.
Das Erste, was ich in einem Resümee des oben Gesagten ausdrücken möchte, ist ein elementarer, abgrundtiefer Dank an das Leben in all seiner Vielfalt. Er gilt in besonderer Weise meiner Familie, die im südlichen Schwarzwald, dem Hotzenwald und in Bayern wurzelt. Der Region um meine Heimatstadt Rheinfelden, in der ich leben lernte und der Muttersprache, dem badischen Dialekt, der mich in besonderer Weise begleitet. Dank auch den Jugendfreunden, Klassenkameraden, Frauen und Männern, die meine Kindheit und Jugendzeit wohlwollend begleiteten. Den ehemaligen Kollegen einer Baufirma mit denen ich den Arbeitsalltag eines mittelständischen Unternehmens teilte. Dank an die Heimatstadt, der ich als Stadtrat einige Jahre dienen durfte. Dankbarkeit gegenüber den Priestern und redlichen Gläubigen, die mich in einen katholisch weiten Erfahrungsraum hineinführten. Dank den Lehrern der Heimschule Lender, die mir halfen, das Abitur in der humanistisch – altsprachlichen Form nachzuholen, der Leitung des Spätberufenenseminars St. Pirmin und den Menschen der schönen mittelbadischen Region um Sasbach. Dankbare Erinnerung gilt den Erfahrungen im Collegium Borromaeum und den Professoren der Uni Freiburg, die mich in die Grundlage von Philosophie und Theologie einführten. Dank der Stadt Münster in Westfalen mit dem Prinzipalmarkt und Dom, die mir im weiteren Verlauf meiner Studien der klinischen Psychologie zur zweiten Heimat wurde. Innigen Dank den Menschen, die mir beim Studienwechsel zur Psychologie verständnisvoll und hilfreich zur Seite standen. Den Chefs und Mitarbeitern im Westfälischen Landeskrankenhaus Münster, die mir immer angemessene und herausfordernde Aufgaben stellten sei ebenfalls Dank gesagt. Dankbare Erinnerung gilt unseren Freunden in Münster. Dank auch den Menschen, die mir die psychologische Leitung einer Klinik für Alkohol- und Medikamentenabhängige über Jahre anvertrauten. Dank vor allem meiner geliebten Frau und meinen Kindern, die mich im steten Wandel der Entwicklung begleiteten. Dank an die vielen Kollegen und Therapeuten, denen ich eine fundierte Ausbildung zum Psychologischen-Psychotherapeuten verdanke. Dank an meine Patienten, mit denen ich fast zwanzig Jahre in eigener Praxis zusammenarbeiten durfte. Besonderer Dank aber gilt meinem geliebten Oppenweiler, den Bergen, Wäldern, und Feldern der Umgebung, Bauern und fleißigen Nachbarn, die mir zur Heimat wurden. Dank dafür, dass ich in einem lebendigen Austausch mit dieser Vielfalt leben darf und dass mir so viele Menschen christlich ausgedrückt zu wahren Brüdern und Schwestern wurden, die mich angehen in Freud und Leid, mit denen ich mich im gesellschaftlichen und politischen und kirchlichen Raum engagiere.
Hier taucht sie wieder auf, die oben gestellte Frage, woher dieser elementare Dank an das Leben komme? Was mich nötigt, diesen Dank nicht für mich zu behalten, sondern anderen Menschen mitzuteilen? Worin gründet diese umfassende Dankbarkeit? Zeigt sich hierin nicht auch der Wunsch, dass nichts von all dem Vielen verloren gehen sollte. Eine Tendenz zur Einheit in der Vielheit. Eine Tendenz, die alle Erfahrungen im Innern und Äußern einholt, die Unterschiede toleriert und den liebenden Daseinsbezug nicht preisgibt. Meine Dankbarkeit gilt auch all den Menschen, die sich in Wissenschaft und Forschung, im Arbeitsleben und politischen Umfeld exponieren und unser Verständnis der Daseinsbedingungen ständig erweitern. Sie gilt ebenso uneingeschränkt den Künstlern, Musikern Literaten, die sich nicht mit dem exakt Messbaren zufriedengeben und die Frage nach dem Sinn des Ganzen, den ins Leben verwobenen Geheimnissen, die Frage nach dem Ziel unseres Daseins und den Gründen aller Bewegung, wachhalten. Er gilt den Vertretern aller Religionen insbesondere der christlichen Tradition, die mit unserer abendländischen Geschichte aufs innigste verwoben ist. Ich habe oben die Frage nach den Methoden gestellt, und der angemessenen Ausdrucksweise der angesprochenen Erlebnisbereiche. So sehr meine Vernunft die Auseinandersetzung mit den naturwissenschaftlichen Befunden in ihrer Eigenständigkeit einfordert und unbedingt bejaht, so sehr wehrt sich dieselbe Vernunft gegen ein Monopol der Naturwissenschaft zu Lasten anderer zur Begründung einer humanen Lebensführung angebotener geisteswissenschaftlichen, philosophischen und theologischen Erklärungsmodelle.
Alles was ich bislang zu sagen versuchte, ist im exakt messbaren Raum des Weltverständnisses entbehrlich. Darüber denken viele Menschen nicht mehr nach. Was ginge uns aber verloren, wenn wir in den Familien und im Staat und in den internationalen Verflechtungen die Postulate verantwortlicher Humanität zerstörten. Ist die in vielfältiger Form oben besprochene Tendenz zur Einheit in der Vielfalt, das aus unfassbaren Quellen gespeiste Nachdenken nichts mehr wert? Verdrängen wir dadurch nicht eine wesentliche menschliche Fähigkeit, an der Frage nach dem Sinn und Ziel allen Daseins von Geburt bis zum Tod und darüber hinaus zu reifen? Begründet die Frage nach den Ursachen und dem Ziel der ganzen Daseinsbewegung, die aus unfassbaren Quellen fließt, nicht endlich wahre Humanität, die jeglichem Hochmut eine Grenze setzt und zu lässt, dass wir nicht Herren des Daseins, sondern Diener der Liebe sind. Ich schließe mit einer theologischen Reflexion: In der auf das Ganze geöffneten katholischen Tradition findet sich ein Modell wahrer Einheit in der Vielfalt. Wir sprechen staunend von der Verschiedenheit von Vater Sohn und Heiligem Geist in der Einheit eines Wesens in liebend ewigen Austausch. Es gibt den Sohn, den wir Herrn nennen, nicht ohne den Vater und den Heiligen Geist und umgekehrt. Demnach eine liebende Einheit in der dreifaltigen Verschiedenheit. Muss es uns da wundern, wen wir als wahre Söhne und Töchter des dreifaltigen Gottes in uns ein rängen nach Einheit verspüren, die Verschiedenheit in allen Daseinsbereichen zusammen zu lieben. Könnte das in diesem Essay beschriebene Drängen nach Einheit in der Vielfalt etwa Ausdruck unserer in uns eingesenkten Gottebenbildlichkeit sein? Ist es daher sinnlos oder entbehrlich, wenn ich im Geiste einer langen Tradition, obwohl meine Aussagen nicht exakt messbar sind, darauf aufmerksam mache, dass es in uns, um uns und über uns geheimnisvolle Zeichen gibt, die uns mahnen, uns nicht zu Göttern der Machbarkeit zu erheben, sondern die wesentlichen Kräfte und Quellen, unseres Daseins einem Grund und Schöpfer zu verdanken, der alles Mühen der Vernunft um Einheit in der Vielfalt begründet. Vielleicht ist in meinem Versuch, zu sprechen auch zu spüren, dass ich die Hoheit des dreifaltigen Gottes nicht für ein anthropologisches Denksystem vereinnahme, sondern die über alles Denken hinausreichende Andersartigkeit Gottes verteidige, dessen liebendes und erhaltendes Wirken uns aber oft erst im Nachhinein etwas deutlicher wird. Hier schließt sich der Kreis meiner Fragestellung, die jedem der hören will und kann, einen Bruder im Geiste zu Seite stellt und ein göttliches Prinzip in Gestalt eines dreifaltigen überaus verehrungswürdigen personalen Gegenübers in aller Bewegung des Denkens und Handelns anerkennt. Gott, der letztlich jegliche Einheit in der Vielfalt begründet, und uns selbst mit denen verbindet, die der Tod von unserer Seite gerissen hat. Eine Einheit wahrende Liebe in aller Vielgestaltigkeit menschlicher Erfahrung, die Erde und Himmel verbindet.
