Der Künstler

 

 Oft saß er in sich versammelt auf einem Stuhl, stand wieder auf, ging einige Schritte, verweilte nachdenklich, und ließ seine Augen auf einem Gegenstand in der Nähe ruhen oder in die Ferne schweifen. Diesen Wechsel des Hinblicks liebte er wie den Atem und Herzschlag. Er konnte nicht genug bekommen, im absichtslosen Spiel von Nähe und Distanz, neue Formen und Perspektiven zu entdecken. Zuweilen kam Freude in ihm auf, wenn die beobachteten und inneren Bilder, sich wie in einem Film miteinander verwoben, und zu ungeahntem neuem Leben in Gestalten oder Ideen erwachten. Er benutzte zur Bezeichnung des kreativen Vorgangs beim Beobachten, Prüfen, oder Aneignen einer neuen Sichtweise, gern den Ausdruck des „Wiederkauens“. In der Tat sah der Künstler auch oft auf die unter ihm liegenden Häuser von „Schiffrain“ hinab, wo Rinder in behaglicher Ruhe wiederkäuend auf der Wiese lagen. Im Kontrast zum nüchternen Alltag, waren ihm, von heiterer Stimmung begleitete Mußestunden, im zwecklosen Spiel mit Realität und Fantasie sehr willkommen. Dabei fühlte er sich in Einklang mit der realen Welt, dem Reich der Fantasie, des Geistes und der Künste, als habe er seinen Platz in einer geordneten Welt gefunden, dankbar für alle Gaben, die ihm das Leben in den Schoß gelegt hatte.

Es konnte dann geschehen, dass er, gleich einem Bildhauer, in seiner Vorstellung aus sprödem Stein lustvoll neue Gestalten schuf, oder sich wie ein fantastischer Tänzer auf einer Bühne in eleganten Sprüngen zu Melodien bewegte. Gelegentlich erfreute ihn auch sein innerer Maler, der neue Formen und Perspektiven ins Bild setzte, oder der Poet und Philosoph in ihm, denen es gelang, Lebensgeheimnisse in Worten zu berühren. Fast mühelos entstanden aus dieser inneren und äußeren Erlebniswelt des Künstlers Werke, die zuvor noch nie existierten. Wie schmal wirkten dagegen die einst von eigener Hand gefertigte Figur „ich saß auf einem Steine“, der von einem Freund geschaffene „kniende Beter“, oder manche Arbeiten derer, die sich abmühten „Kunst zu machen“

Jetzt war er sich sicher, dass auch in ihm ein innerer Künstler danach drängte, am Kunstschaffen der Menschen aller Zeiten teilzunehmen, um aus dem Himmel der Ideen neue Gestalten und Formen entstehen zu lassen. Nun wusste er, dass auch in seinem Werk Wahrheit und Sinn inne wohnten. Er flog als ein „Staunender“, gedankenschnell von Ort zu Ort und barg, Hand in Hand mit allen Künstlern, was Unholde oder die Zeit zerschlagen hatten. Wie viele Künstler vor oder mit ihm, war er mit Herz und Sinn zum Trost in unruhigen Tagen bereit.

Zu seinem fantastischen Reichtum gehörte auch die Musik. Nicht enden wollende Melodien und Rhythmen lebten in der Seele unseres Künstlers, und bereicherten immer wieder aufs Neue seinen Alltag. Gluck, Vivaldi, Bach, Beethoven, Mozart, Schubert, Schumann und andere Musiker, residierten mit Tönen, Akkorden und Kompositionen in seiner Seele. Er stand mit seinen Freunden auf Du und Du und durch sie angeregt, geschahen in seiner Fantasie wunderliche Dinge, wie gerade jetzt:

An seinem inneren, wohl klingenden Flügel sitzend, greift unser Künstler voll in die Tasten, als sei er selbst zum Piano und Pianisten geworden. Kräftige, vielstimmige Akkorde quellen aus seiner Seele, und in facettenreichen Variationen umspielt das jubelnde Instrument sein Thema, um sich dann in perlendem Spiel aufzulösen. Der innere Dirigent gibt soeben mit einem kaum erkennbaren Handzeichen den Bässen den Einsatz. In getragenen, auf- und abschwellenden Triolen übernehmen sie die Melodie. Nun setzen die Cellos mit ihren schmelzend weichen, gefühlvollen Tönen und Rhythmen ein. Nach einer kleinen Geste des Dirigenten, ertönen im mehrstimmigen Satz die Violinen mit ihren Variationen. Die erste Geige tritt hervor, und schraubt sich im weiten Volumen ihrer Solostimme in die Höhe. Wie schön ist es, diese innere  Geige zu sein und so fehlerfrei strahlen zu dürfen. In weiten, abschwellenden Bögen, verklingt die Melodie, bis das Orchester fast verstummt. Nun setzt behutsam einfühlend, das Piano zu einer sich in Akkorden mächtig steigernden Variation über das Thema ein, um danach leise ausklingend dem Piccolo, den Flöten und Oboen, Raum zu geben. In einem stetigen Crescendo, kommen Klarinetten und Fagotte hinzu. Nun stimmen mit sonorem Klang die Hörner ein, und vereinigen sich nach und nach mit den Trompeten, Posaunen und der Tuba zu einem mächtigen Tutti, das zusammen mit einem mehrstimmigen Chor im „Ehre sei Gott in der Höhe“ wie in einer mächtigen Symphonie, in einem Trommel- und Paukenwirbel mit ausklingendem Becken endet.

Wahrlich, dieses innere Orchester begleitet in manchen Stunden des Jahresreigens die Fantasien unseres Künstlers. So lassen sich im Frühjahr die ersten Schneeglöckchen und Winterlinge vernehmen, die mit den Vogelstimmen und sprudelnden Quellen, dem Rauschen des Waldes, den Winden und dem Wellenschlag des Meeres das Lied vom Werden und Sterben der Natur singen. Und der innere Dirigent, Sie liebe Leser, und alle Hörer dieser Sphärenmusik, dürfen einmal aufatmen und sich mit all den Lebekünstlern freuen, die Jahr um Jahre, Ton um Ton und Bild um Bild aus dem Himmel der Ideen sammeln, um ihnen dann zu gegebener Zeit eine neue Gestalt zu verleihen.

Welche guten Geister führen aber letztlich die innere Hand, die Gefühle und Fantasien eines Künstlers so, dass daraus der Gedanke entsteht, beispielsweise ein neues Bild zu malen. Welche Barrieren muss er zuvor überwinden, um etwas Neues zu erschaffen? Immer wieder muss unser Künstler in Mußestunden zum inneren Musiker, Dirigenten und Orchester zurückkehren, um sich in einem kreativen Prozess zu seinem Vorhaben zu ermutigen. Nach langer Zeit war es dann endlich so weit: Er hatte sich an Motiven satt gesehen und mit Melodien und Lust so erfüllt, um nun ans Werk zu gehen.

Als ob er es geahnt hätte, findet er in seinen Ablagen eine schon fertig gerahmte Leinwand, stellte sie auf die Staffelei, und sucht die nötigen Farben, seinen Malermantel, Palette und Pinsel zusammen. Obwohl der Frühling in diesem Jahr auf sich warten lässt, und die Sonnentage zu zählen sind, reicht das Licht für ihn aus, denn er hat bei seinem Vorhaben von vornherein geplant, ein Bild in satten und prallen Farben einer abendlichen Herbststimmung auszuführen. Vielmals hatte er zuvor den Blick über die Bauernhäuser von Schiffrain gleiten lassen. Sie waren ihm zu Fleisch und Blut geworden. Oft dachte er auch über das Schicksal, Tun und Treiben der Menschen einige Meter unter seinem Hause nach. Was hatte diese Bauern an diesen Ort geführt, und was veranlasste ihre Vorfahren, hier Fuß zu fassen und die Heutigen, den Platz nicht zu verlassen, um ins Zentrum des Ortes zu ziehen, sondern am äußersten Rand einer Siedlung auf dem Berge zu bleiben. Denn nur einmal im Jahr, zur „Sichelhenketse“, kamen Leute vom Tal zu ihnen hinauf, um mit den wenigen Bauern für eine gute Ernte zu danken. Aber ansonsten…..? Ein Glück für sie, dass es über ihnen noch einen Freund, den Künstler gab, der die Jahreszeiten mit ihnen teilte.

Er sitzt nun endlich vor seiner Staffelei, peilte noch einmal sein Objekt, die Häuser an, und reißt mit wenigen Strichen die Perspektive seines Motivs auf die Leinwand. Schon lange hatte er seine Bauernhäuser so gründlich beobachtet, dass er genau wusste wozu es ihn drängte, denn er wollte der sesshaften Anwohner wegen, von allem Unnötigen absehen. Das Bild das er malen wollte, war eigentlich schon in seiner Seele vorhanden. Er sah es mit inneren Augen. Nun galt es nur noch dieses Inbild mit dem äußeren Motiv abzugleichen. Wie von Zauberhand übernahm dabei der innere Künstler die Führung: Die Farben mischten sich zu ersten Flächen und Konturen. Er wollte unbedingt in den Farben Grün, Rot, Braun und Blau arbeiten, um die Erdverbundenheit der Bauern, die in ihren Häusern, Schutz und Geborgenheit fanden, im Bild zu betonen. Nur durch eine leicht angedeutete Abendstimmung, sollte Ruhe und Besinnlichkeit in die Szene kommen.

Unser Künstler hatte sich auch für die Fertigung des Bildes Zeit gelassen. Es war ihm ein Bedürfnis, Stück um Stück die inneren Bilder und Fantasien bei der Gestaltung mitwirken zu lassen. Strich um Strich, Farbe um Farbe, Form um Form gestaltete sich, das seinen Vorstellungen entsprechende Bild. Stark drängend, fanden die Farben hin zu dem je eigenen Strich und Ausdruck. Hart war das Ringen des Künstlers, um die einfache Form und herausfordernd das aufeinander prallen der farblichen Kontraste, bei den sich stoßenden Gegensätzen. Wie ein sorgsamer Bildhauer modellierte unser Künstler seine Objekte so, dass eine zentrale Mitte erkennbar wurde. Es sind wenige, dicht aneinander gedrängte Häuser mit ihren roten Dächern, die sich in Schiffrains Boden festkrallen. Eine große Überwindung dürfte es den Künstler gekostet haben, das gelungene Bild Freunden anzuvertrauen. Aber vielleicht hat er sich damit getröstet, dass wir sein Bild schätzten und es auch anderen Menschen zeigen könnten. Oft haben wir mit ihm ja schon über Kunst und die Arbeit von Künstlern gesprochen, und manche Ausstellung zusammen besucht.

Seit Jahren hängt das Bild an einem für uns immer wieder ins Auge fallenden Platz. Möglicherweise geht es uns bei der Betrachtung des Gemäldes ähnlich, wie dem Künstler bei der Wahl seines Motivs. Immer wieder in anderen Perspektiven, anderen Stimmungen, bei anderer Gelegenheit, haben wir uns mit diesem Bild beschäftigt. Das Erstaunliche ist dabei, dass es uns jedes Mal etwas Neues von sich und dem Menschen erzählt, dem wir es verdanken. Erst in diesen Tagen führte mich eine Erkrankung dazu, das Gemälde wieder einmal intensiv zu betrachten. Voraus gegangen war der Besuch einer Ausstellung, die der Dynamik und Bewegung von Objekten im Raum galt. Kein Wunder daher, dass wir das Bild unseres Freundes wieder neu sehen, und uns nun bei ihm mit dieser Erzählung für seine Anregungen bedanken können.

Gerade während ich mich jetzt ein wenig zurücklehne und all das bedenke, was ich Ihnen, liebe Leser, erzählte, tritt die Gestalt des Künstlers in aller Deutlichkeit so aus dem Bild hervor, dass ich nicht umhin kann, Ihnen „Martin“ vorzustellen und unseren Freund zu begrüßen: Von kräftiger Statur, mit gesunder Gesichtsfarbe, fröhlich-schalkhaftem Lächeln, und einer Nickelbrille vor seinen neugierig wachen Augen, tritt er uns entgegen. Martin besitzt genug Fantasie und Humor, um der überraschenden literarischen Begegnung mit uns Stand zu halten. Wir hatten ihn schon lang nicht mehr gesehen. Entsprechend herzlich gestaltete sich die Umarmung. Ich sage: „Lieber Martin, Du kommst uns gerade wie gerufen. Ich habe Dir schon verschiedene Male davon erzählt, dass Du uns mit Deinem Bild von Schiffrain viel Freude bereitet hast. Wahrlich eine Freude, die anhält und immer wieder erneuert wird. Hast Du im Augenblick Zeit und Lust mit uns einen kleinen Spaziergang zu machen? Ich wollte unter anderem mit Dir über diese Geschichte sprechen, zu der mich Dein Bild anregte. Aber ich bin mir nicht so ganz sicher, ob ich Deine Motive dieses Bild zu malen und die Bedeutung des Kunstwerkes für Dich richtig verstanden habe?“

Martin hackt sich bei mir ein -er weiß, dass ich nicht gut zu Fuß bin-.  Er scheint nicht allzu überrascht, uns plötzlich zu begegnen und sagt mit einem breiten Lachen, „lass uns einige Schritte gehen!“ Wir gehen eine Weile schweigend miteinander, dann gibt Martin zur Antwort: „ Ich bin selbstverständlich überrascht, was Dir zu meiner Motivation und zum Malen des Bildes eingefallen ist. Ehrlich gesagt, halb so viel, als Du mir zugedacht hast. Im Grunde aber fühle ich mich von Dir recht gut verstanden. Wir reden ja nicht zum ersten Mal über Kunst und Künstler. In einem muss ich Dir Recht geben: In unserer heutigen Zeit, die sich so aufgeregt gibt, dass uns manchmal das Leben Leid zu werden droht, ist es schon gut zu hören, wie reich wir „Habenichtse“ eigentlich im Grunde sind. Ich muss Dir aber zugestehen, dass Deine Einsichten, genau so wenig wie meine Bilder, über Nacht entstanden sein dürften. Es ist aber gut für uns Menschen, wenn es uns gelingt, ab und zu die Nase zu heben und gelegentlich die Erdenschwere mit Hilfe der Kunst und Fantasie etwas zu relativieren. Hättet ihr nun Lust, es für den Rest unseres Spazierganges einfach dabei zu belassen, dass wir uns, hoffentlich auch Deine Leser, verstanden haben, und nun in diesem Einverständnis mit einander weiter wandern?“ „Ich gebe Dir mein Wort darauf, sage ich, und wir geleiten Dich nach unserem Spaziergang bis zum nächsten Mal gern wieder an Deinen Platz im Bild zurück.“

Der Roboter

John, ein Elitesoldat, hatte eine sehr lange und harte Ausbildung hinter sich. Er gehörte zu einer global agierenden Einheit, die sehr gefährliche Einsätze ausführte. Als Einzelkämpfer oder in Gruppen, standen diese Männer, mit modernsten Waffen ausgerüstet, Tag und Nacht bereit, Leib und Leben zu wagen, um die Ihnen befohlenen Aufgaben zu erfüllen. John war stolz, zu dieser Elite zu gehören.
Bei einem Nachteinsatz wurde er schwer verwundet, und befand sich seit Monaten an einem geheim gehaltenen Ort in einem klinischen Zentrum zur Behandlung. Dort versorgten speziell ausgebildete Ärzte und Therapeuten mit neuesten, aus der Roboterforschung bekannten medizinischen Geräten, die Verletzten.
Da bei John Arme, Beine und der Oberkörper betroffen waren, erhielt er modernste Prothesen. Ein über Monate andauernder, belastender Heilungsprozess, war nötig, um sich an diese Hilfen zu gewöhnen. Trotz der auftretenden Schmerzen und Verstimmungen, blieb aber Johns ausgeprägter Lebenswille ungebrochen. Wie hätte er auch ohne diese Prothesen und die Hilfe anderer Menschen überleben sollen? Immer wieder sammelte er daher seine Kräfte, wie einst bei der Ausbildung, um den Heilungsprozess zu unterstützen.
Soeben betritt Schwester Hilde, wie so oft gut gelaunt, Johns Zimmer; ordnet die Blumen in der Vase, lüftet den Raum, misst Blutdruck und Temperatur des Patienten, und erkundigt sich freundlich nach seinem Befinden. Wenn sie in seiner Nähe ist, fühlt er sich in guten Händen. Ja, er schätzt die junge, hübsche Schwester, deren Gegenwart trübe Gedanken verscheucht. Im Gespräch mit ihr, vermag er sogar zu scherzen, als sei er seiner Sorgen enthoben. So schwärmt er heute davon, dass er ein guter Tänzer sei, und sich schon darauf freue, wenn die Heilung weiter fortschreite, die Schwester bald zu einem Tänzchen auffordern zu können. Schwester Hilde lächelt John vielsagend zu und entgegnet leicht errötend: „Vielen Dank für ihr Angebot. Es wird aber sicher noch eine Weile dauern, bis sie wieder tanzen können.“ Sie bewundert diesen Mann, der sich von seinem Missgeschick nicht erdrücken lässt, und findet ihn sympathisch. John, der dies bemerkt, entgegnet: „Wenn ich sie so vor mir sehe, fällt es mir schwer, die Klinik bald zu verlassen, denn sie tragen sehr zu meinem Wohlbefinden bei.“ Die Schwester antwortet lachend: „Herr John, ich bin nur ein Teil des therapeutischen Teams“. „Unter den Menschen, die sich hier um mich kümmern, sind sie, Schwester Hilde, für mich aber schon ein besonderer Teil des Teams, entgegnet John.“ Mit der Frage „soll das etwa ein Kompliment für mich sein“, verlässt die Schwester, ohne die Antwort abzuwarten, rasch den Raum. Ja, das stimmt, denkt John schmunzelnd, als sie das Zimmer verlässt; mit ihr zu tanzen, das könnte schön sein.
Heute ist große Visite: Der Chefarzt und seine Mitarbeiter betreten das Zimmer. Er reicht John freundlich die Hand und sagt: „Die bisherige medizinische Behandlung und die Physiotherapie zeigen bei Ihnen eine erfreuliche Wirkung. Wenn Sie in den nächsten Wochen wie bisher den Heilungsprozess unterstützen, können wir bei Ihnen schon bald mit einem gezielten Belastungstraining beginnen, bemerkt der Chefarzt unter beifälligem Kopfnicken der Oberärzte.“ „Auf die Gelegenheit der meine Kraft wieder erproben zu können, freue ich mich. Mit den Prothesen komme ich mir aber zurzeit noch wie ein wandelnder Roboter vor, bemerkt John lachend.“ „Es scheint, als hätten Sie Wind bekommen von den Vorbereitungen, die zurzeit in unserer Klinik im Gange sind, entgegnet der Chefarzt, und fährt fort: In einigen Wochen findet wieder unser jährliches großes Turnier statt. Genesene Patienten zeigen dann mit sportlichen und gymnastischen Übungen, ihre wieder erworbene Beweglichkeit. Ein von uns ausgewählter Patient tritt dabei, gegen einen Roboter an, um seine Kraft und Geschicklichkeit zu demonstrieren. Wenn Sie sich weiter Mühe geben, sind Sie dabei!“ John richtet sich ein wenig im Bett auf und entgegnet ermutigt: „ Auf mich können Sie sich verlassen!“
Die Wochen aufregender Vorbereitungen auf das Turnier, sind wie im Fluge vergangen. Heute findet es auf dem festlich geschmückten Sportplatz des Klinikgeländes statt. Einige geladene Gäste, Ärzte und Therapeuten, sitzen an diesem schönen Sommertag auf einer besonderen Ehrentribüne und die Patienten stehen erwartungsvoll rund um den Turnierplatz. Militärmusiker in schicken Uniformen, zogen soeben mit klingendem Spiel ein, stellen sich auf und unterhalten die Besucher mit Marschmusik. Einige Patienten in Sportkleidung sind eifrig dabei, sich mit Lockerungsübungen auf ihren Auftritt vorzubereiten. Nach einem letzten, schneidigen Marsch der Kapelle, begibt sich der Chefarzt ans Mikrophon, und eröffnet unter kräftigem Beifall aller Anwesenden, das diesjährige Turnier.
Nach den sportlichen und gymnastischen Übungen der einzelnen Gruppen, wird als Höhepunkt der Veranstaltung, der Kampf mit einem Roboter angesagt: John hatte Wort gehalten, und sein Leistungs- und Reaktionsvermögen so gebessert, dass ihn die Klinikleitung zum Kampf mit dem Roboter auswählte. Nun wärmt er sich vor seinem Kampf noch an verschiedenen Geräten im Fitnesscenter auf. Als er danach in Sportkleidung den Turnierplatz betritt, empfängt ihn unter lebhaftem Beifall der Gäste ein kräftiger Tusch des Orchesters. Trotz seiner Anspannung, entgeht John aber nicht, dass Schwester Hilde nach vorn drängt, ihm zuwinkt und aufgeregt applaudiert.
Der Chefarzt tritt noch einmal ans Mikrophon und wünschte John, der sichtlich bemüht ist, seine Angst zu kontrollieren, Mut und Glück zum Kampf mit dem Roboter. Da geht ein Raunen durch die Reihen der Gäste und John bemerkt, wie ihm die Knie zittern, als sein massiger Gegner leicht wankend auf den Turnierplatz rollt und sich ihm gegenüber aufstellt. In diesem Augenblick kommt sich John, wie David vor Goliath vor. Der Kolos ihm gegenüber, hatte kaum Ähnlichkeit mit einem Menschen. Erschreckend plump wirkte sein in der Sonne glänzender Metallkörper. Mit seelenlosen Augen, weit geöffnetem Maul und ausgebreiteten Fangarmen blickte ihn der Roboter an. Was konnte John gegen diesen Moloch unternehmen? Als erfahrener Elitesoldat konnte er sofort erkennen, dass er dem Riesen unterlegen war. Wenn er diesen Fangarmen zu nahe kam, hatte er mit Sicherheit keine Chance. Da ertönt auch schon das Kommando des Chefarztes aus dem Lautsprecher: „fertig, los!“
Langsam wankte der massige Kolos, sein Maul abwechselnd öffnend und schließend, mit seinen Greifarmen weit ausholend, auf John zu. Doch einige Male konnte er den wütend nach ihm greifenden Armen in letzter Sekunde entkommen, mit raschen Bewegungen ausweichend hinter den Roboter gelangen, und dessen elektronische Steuerung kappen. Wie vom Blitz getroffen fielen dessen Fangarme herunter und der Roboter blieb starr und bewegungslos vor John stehen. Ein Riesenbeifall und ein kräftiger Tusch der Militärmusik belohnt dieses Husarenstück. Jetzt erst begriff auch John, dass er soeben eine große Gefahr überstanden hatte und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
Der Chefarzt gratulierte John, erklärte ihn feierlich zum Sieger, und Schwester Hilde überreicht ihm freudestrahlend einen Blumenstrauß. Mit erhobenen Händen, überglücklich den Blumenstrauß schwenkend, dankte John allen unter lang anhaltendem Beifall. Hatte er doch soeben nicht nur einen an roher Kraft überlegenen Gegner ausgeschaltet, sondern auch erfahren, dass er sich auf sein Selbstvertrauen und die Hilfen anderer verlassen konnte.
Man hörte davon, dass sich John einige Monate später, mit Schwester Hilde verlobte, und Beide nach weiteren zwei Jahren heirateten. Unter Gottes gnädiger Obhut lebte das Paar noch viele Jahre glücklich und zufrieden zusammen. Der Kindersegen blieb nicht aus. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute und tanzen sogar ab und zu miteinander.

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