Verstehen und Vertrauen

Ich bin einer Erkenntnis auf der Spur und lade Sie ein, mir bei einer weiteren Klärung zu helfen, denn ich vermute, dass es sich hierbei um eine Erfahrung handelt, die wir Menschen miteinander teilen. Zwei Zugänge hierzu kann ich berichten:  Ein Gesprächspartner im Internet kritisierte eine Einlassung von mir, dass ich der Kirche Vertrauen schenke mit dem Einwand, man könne nur Gott absolut vertrauen. Ich entgegnete, dass wir mit jedem Vertrauen das wir einander schenken, implizit auch auf Gott zur Rechtfertigung des Vertrauens setzen. Ich erinnere des Weiteren einen intensiven Traum von heute Nacht. In diesem Traum befinde ich mich im Gespräch mit einem Therapeuten. Es geht hierbei um sehr berührende Fragen des
unbedingten Verstehens und Wunsches verstanden zu werden. Vielleicht gelingt es mir, Aspekte dieser beiden Erfahrungen zu zeigen, um mit Ihnen über das Verstehen und Vertrauen zu reden:

Ich gehe von dem Wunsch und Glauben aus, dass Gott unser Schöpfer es sich in SEINER Vollkommenheit vorbehalten hat, allein zu wissen und zu verstehen wer wir sind, und dass nur ER unseren Wunsch zu verstehen und verstanden zu werden angemessen erfüllen kann. In den menschlichen Beziehungen ist diesem Wunsch aber eine Grenze gesetzt. Der Wunsch, verstanden und anerkannt zu werden, ist zwar lebenslang leitend, und drängt auch in unseren Beziehungen nach Erfüllung. Dies führt aber in der Regel zu einer den Partner überfordernden Erwartung, zu schmerzlichen Missverständnissen, und Enttäuschungen. Genau darüber unterhielt ich mich mit meinem Traumtherapeuten.

Das fundamentale Bedürfnis, zu verstehen und verstanden zu werden stößt in menschlichen Beziehungen genauso wie das Bedürfnis, unbegrenzt vertrauen zu können, an seine Grenzen. Nach meinen Erfahrungen kann ich mich bis in meine früheste Kindheit erinnern und diese Erlebnisse in ihrer Bedeutung auch später im beschränkten Umfange korrigieren. Ich weiß auch mit Gewissheit zu sagen, dass es mich und andere Menschen gibt, aber im umfassenden und wünschenswerten Sinne ist es mir nicht möglich zu wissen, und zu sagen wer ich, noch wer die anderen Menschen wirklich sind.

Im Gespräch mit dem Traumtherapeuten untersuchten wir die Probleme, die sich beim gegenseitigen Wunsch zu verstehen, und den Erfahrungen des Missverstehens ergeben. Wir erkannten in der Möglichkeit einander bei Missverständnissen die Absicht zu bekunden,  sich grundsätzlich gegenseitig verstehen zu wollen, eine emotional entlastende Funktion. Der Versuch im weiteren Verlauf des Gesprächs eine wünschenswerte Erkenntnis gegenseitigen Verstehens zu erreichen erwies sich aber als sehr schwierig. Es war kaum Einigkeit darüber zu erzielen, was gegenseitig Anlass der Missverständnisse war. Dann ergab sich die Frage, ob der Traumtherapeut in der Lage und bereit sei, verstehen zu wollen und zu können. Wir untersuchten in der Folge die beidseitigen Ängste einander missverstehen zu können, den geeigneten Zeitpunkt für die Offenheit zu einem ehrlichen Gedankenaustausch zu finden, und die Voraussetzungen zu bestimmen, die gegeben sein sollten, um sich auf einen Prozess der Klärung mit unsicherem Ausgang einzulassen. Die Differenz zwischen unserem gegenseitigen Bedürfnis zu verstehen und verstanden zu werden, und den Fähigkeiten, dies in der Form eines Gesprächs zu erreichen, wurde immer größer.

Es entstand aufgrund dieser schmerzlichen Erkenntnis ein erheblicher  Zweifel, ob es überhaupt möglich sein könnte, mit Hilfe einer noch so verständnisvollen Gesprächsführung das Problem zu lösen. Und damit die neue Frage, ob nicht in dem unbedingten Verlangen zu verstehen und verstanden zu werden, ein Wunsch fassbar würde, der letztlich von keinem Menschen sondern nur von Gott einzulösen sei. An dieser Stelle reiche ich zur Verifikation meines Beitrages das vorgestellte Ergebnis an Sie weiter mit der Frage, ob Sie ähnliche Erfahrungen kennen.

Dies würde bedeuten, dass wir es vermeiden müssten im Verlangen zu verstehen und verstanden zu werden, die Gesprächspartner zu überfordern,  und unerfüllbare eigene Erwartungen an sie zu richten. In dem unbedingten Anspruch zu verstehen und verstanden zu werden könnte aber die Hoffnung zutage treten, dass im Glauben an Gott der Wunsch nach einem erfüllten Verstehen und letztem Grund unseres Vertrauens gerechtfertigt ist. Glauben Verstehen und Vertrauen müssten sich so gesehen nicht gegenseitig ausschließen, sondern könnten im Gegenteil in ihrer erkenntnistheoretischen und umfassenden lebensnotwendigen Beziehung der Menschen zueinander erkannt werden. Die hier nicht weiter ausgeführten Fragen des Zusammenhangs von Glauben und Wissen bei der Theoriebildung verdienen aber Beachtung.

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Franz Schwald

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