St. Pirmin

Das Spätberufenen-Seminar St. Pirmin in Sasbach, hatte im April 2009 zum 50-jährigen Bestehen eingeladen. Aus diesem Anlass feierten die ehemaligen Abiturienten, Lehrer und Schüler, mit dem Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, einen Dank-Gottesdienst. In erfreulich großer Zahl kamen die Geladenen. Damals bestand noch die Hoffnung, dass St. Pirmin auch in Zukunft eine prägende, katholische Bildungseinrichtung bliebe. Prof. Dr. Münk wies in einem profunden Festvortrag nach, wie dringlich wissenschaftliche Beiträge zur aktuellen Werte- und Ethikdiskussion in unserer Gesellschaft aus christlicher Sicht seien. Als Spätberufener erarbeitete er sich in Sasbach einst den Zugang zu seiner universitären Laufbahn.

Vor nun bald fünfzig Jahren verabschiedete sich unser Kurs mit dem Reifezeugnis in Händen, von St. Pirmin. Unvergesslich blieb aber die Zeit, die wir auf dem Weg zum Abitur, im Seminar St.Pirmin erlebten. Es entstanden in dieser Zeit Freundschaften, die sich auch in den Jahren danach bewährten, und uns mit allen, die mit dazu beitrugen dieses Ziel zu erreichen, verbanden. Eine Inschrift über dem Eingang zur Heimschule Lender, die auch jeder Pirminer kennt, bringt das Wesentliche auf den Punkt. Sie lautet in goldenen Lettern:

»INITIUM SAPIENTIAE TIMOR DOMINI«.

Lange bevor das Spätberufenen-Seminar gebaut wurde, grüßte dieser prägnante Text den Betrachter. Bei jedem Aus- und Eingang, so wie auch anlässlich des 50. Jubiläums, ging der Blick nach oben zu den Worten, die wie ein Wegweiser, der Heimschule Lender und dem Spätberufenen-Seminar St.Pirmin die Richtung vorgaben.   Man möge es dem Referenten nachsehen, wenn er bei dem großen zeitlichen Abstand zur Schulzeit mit einem freundlichen Blick auf unser ehemaliges „zu Hause“ schaute, und daher wenig Anlass zur Kritik empfand.

Mit dem Satz: „Sasbach, ein kleiner Ort in der Rheinebene“, lernten wir im Deutsch-Unterricht die Bedeutung einer Apposition kennen, die näher bestimmte, wo Sasbach lag; eben nicht auf der Höhe, wie „Sasbachwalden“, sondern zu Füßen der Berge in der Nähe von Achern in Mittelbaden. Der Ort mit katholischer Kirche war landwirtschaftlich geprägt und konnte mit einigen Gasthäusern aufwarten, deren reichliches Angebot an Speisen und Weinen die Pirminer und Besucher zu schätzen wussten. In der Ortsmitte, etwas abseits der belebten Straße, unweit des Friedhofes, lag der langgestreckte, rechteckige Bau des Seminars.

Über die einladend breite Treppe gelangte man durch die meist offene Pforte zu den zweckmäßig eingerichteten Zimmern der Seminaristen. Im Eingangsbereich befand sich ein Mosaik, das den Patron des Hauses „St. Pirmin“ darstellte, der zu seiner Zeit segensreich im Süden Deutschlands wirkte, und einige Klöster gründete. Im Untergeschoß lud eine kleine Kapelle zu Gebet und Meditation ein. In Silber getrieben, zeigte dort Johannes der Täufer auf dem Tabernakel mit ausgestrecktem Arm, auf den, der nach ihm kommen sollte. In einigem Abstand davon, befand sich unser Freizeitraum, in dem wir auch mit Seminaristen anderer Kurse ins Gespräch kamen. Fuhr man mit dem Auto in einer kleinen Schleife vor, dann befand man sich direkt vor dem Wohnhaus des Rektors mit dessen Diensträumen.

Die lange Zeit der Vorbereitung auf den Eintritt in das Seminar, verbunden mit der bangen Frage, ob ich die Aufnahmeprüfung bestand, und die Zustimmung des Erzbischöflichen-Ordinariats in Freiburg erhielt, war zu Ende. Es fiel mir ein Stein vom Herzen, als ich die Postkarte mit dem Bild des Gebäudes und der Nachricht von Rektor Oberle in Händen hielt, mich am 2. Mai 1962 in Sasbach einzufinden.

Wir „Neuen“ begannen unseren gemeinsamen Weg, wie später nach jeder Rückkehr aus den Ferien, mit einer -Statio- zusammen mit Rektor Oberle vor dem Pirmin-Mosaik; danach begrüßten einander. Die zunächst überraschende Tatsache, dass ich mit zweiunddreißig Jahren, beim Eintritt in die Untertertia, bedeutend älter war, als die anderen Seminaristen, spielte im Alltag bei ähnlichen Aufgaben und Problemen, bald keine Rolle mehr. Ich richtete mich in dem mir zugewiesenen Zimmer in der Nähe des Eingangs ein, und fand einen gut einsehbaren Platz für das Geschenk meiner ehemaligen Kollegen einer Bauunternehmung: Eine als Kreuzigungsgruppe aus Bronze gestaltete Wandtafel.

Anderntags nahmen wir zum ersten Mal am Unterricht teil. Alles war bestens vorbereitet. Dies galt übrigens für die ganze Schulzeit. Eine präzise Planung, die es ermöglichte, nach den Ferien störungsfrei mit dem Unterricht zu beginnen, gehörte zum Stil dieser Schule. Ob unsere Lehrer, nach längerem Urlaub, tatsächlich so ausgeruht und frisch waren, wie sie uns erschienen, blieb deren Geheimnis. Der erste Schultag war von der bangen Frage begleitet, ob wir bei den Lehrern, die wir noch nicht kannten, mit Unterrichtsbedingungen rechnen durften, die unserem Alter entsprachen. Aus verschiedenen Berufen und Aufgabenbereichen, schlüpften wir ja übergangslos wieder in die Rolle von Schülern, die sich auf Klassenarbeiten vorbereiteten, und unsicher waren, ob das Leistungsvermögen ausreichte, um dem Unterricht zu folgen. Ich beruhigte mich aber wieder, als ich nach Wochen mit einem ersten, ordentlichen Zeugnis, in die Sommer-Ferien entlassen wurde.

Mit Rektor Oberle hatte ich während der Jahre in St. Pirmin oft Gespräche zu führen. Meine damalige Aufgabe als Klassen- und Haussprecher, gab dazu Anlass. Unsere persönliche Beziehung war von Respekt und Wohlwollen getragen, das auch seiner Schwester, die ihm den Haushalt führte, galt. Rektor Oberle war uns in seiner stets unaufdringlichen Präsenz, ein priesterliches Vorbild. Wir schulden ihm dafür Dank, dass er uns, wie ein guter Kamerad, auf Schritt und Tritt zur Seite ging. Im anregenden Religionsunterricht, lernten wir ihn näher kennen. Er hatte für unsere Probleme und schulischen Sorgen stets ein offenes Ohr, und ließ selbst dann, wenn ihm Grenzen gesetzt waren, Verständnis und Anteilnahme für uns spüren. Rektor Oberle bestätigte im schulischen Alltag, dass man mit ihm für den Dienst in St. Pirmin eine gute Wahl getroffen hatte:

Als Erster spazierte er morgens um unser Haus. Wir konnten sicher sein, dass sein Brevier Gebet auch unsere Anliegen einschloss. Wenn ich spät abends, müde und ausgelaugt, in der Hauskapelle vor dem Allerheiligsten kniete, um dem Herrn Freude und Not eines Tages anzuvertrauen, kam Rektor Oberle, still und leise, wie es seine Art war, und kniete sich als Letzter hinter mich. In diesen stillen Stunden habe ich unseren Rektor lieben und schätzen gelernt, und mich später oft an unser gemeinsames Beten erinnert. Nie ergab sich aber die Notwendigkeit oder Gelegenheit, ihm zu sagen, wie viel er mir als Freund und Priester bedeutete. Konnte ich doch, auch ohne seine Präsenz, so wie jetzt, oft ein tröstendes Wohlwollen spüren, als bete er, wie früher, still und leise hinter mir.

Ich schaute aus dem Fenster und sah ihn kommen: Mit raschen,federnden Schritten, strebte ein schlanker, sportlich wirkender Mann, in aufrechtem Gang der Wohnung von Rektor Oberle zu, der mit einladendem Lächeln, den Gast erwartend, bereits an der geöffneten Wohnungstüre stand. Der Besucher, mit auffallend kurzem Haarschnitt und akkurat gezogenem Scheitel, trug eine einfache Aktentasche bei sich. Man hätte ihn für einen Offizier in ziviler Kleidung halten können, der zum Rapport strebte. Die Begrüßung der Beiden war kurz und herzlich. Ihre Gesten vermittelten den Eindruck, als ob sie sich gut kannten, und in ihren Angelegenheiten an einem Strang zogen. Die nachfolgenden Begegnungen und Erfahrungen mit Dr. Guldenfels, unserem schulischen Leiter, bestätigten diesen ersten Eindruck:

Es sprach sich unter den Seminaristen herum, dass er fähig und bereit war, uns schulisch so zu fördern und zu fordern, dass wir Lust bekamen, mit einander um die Plätze rangelnd, unsere Fähigkeiten zu erproben und einzusetzen. Dr. Guldenfels blieb sich und seinem hohen Anspruch, uns Spätberufene mit bestem Rüstzeug zu einem erfolgreichen Studium auszustatten, treu. Am guten Ruf des Seminars und an den ausgezeichneten Ergebnissen der Abiturienten St. Pirmins, hatte unser schulischer Leiter, das kompetente Lehrerkollegium und der Leiter des Seminars Rektor Oberle, erheblichen Anteil.

Dr. Guldenfels übernahm zu all seinen vielfältigen Aufgaben als Schulleiter, während vieler Jahre die Redaktion des „Sasbacher“. In unserer Schulzeit und in den Jahren danach, half uns dieses jährlich erscheinende Buch, das Geschehen in der Heimschule Lender und in St. Pirmin zu verfolgen. Die vielen, von ihm selbst geschriebenen Artikel, gaben Einblick, wie sehr er seine Kollegen schätzte, die konzeptionelle Entwicklung der Schule förderte, seine vielfältigen Interessen einbrachte, und auf eine repräsentative Darstellung gesellschaftlicher Ereignisse im Schuljahr Wert legte.

In allen, meist kurzen Gesprächen, die wir mit einander führten, erwies sich Dr. Guldenfels als engagierter, wertebewusster, katholischer Christ, der seinen Aufgaben verpflichtet, wenig Neigung verspürte, über sich selbst zu sprechen. Umso mehr verstand er es, in seinen Beiträgen und Nachrufen, die Fähigkeiten und Verdienste der Menschen zu würdigen, die sich im Geiste des Gründers der Heimschule „Xaver Lender´s“, in der Förderung der Schüler ausgezeichnet hatten. In der Festschrift: „25 Jahre Seminar St. Pirmin (1959-1984)“, empfahl er den Seminaristen, alle körperlichen und seelischen Kräfte zu wecken, und sich mutig den Aufgaben des Tages zu stellen. Die Worte des Heiligen Thomas von Aquin in der Sequenz des Fronleichnamsfestes:

Quantum potes, tantum aude!

sollten Devise für uns sein. Eine Geisteshaltung, die nicht nur uns Spätberufene beflügeln konnte.

Eine Begegnung mit Dr. Guldenfels, sprengte den üblichen Rahmen: Es war unter uns Seminaristen bekannt, dass er großen Wert darauf legte, alle zum Abitur gemeldeten Schüler, mit möglichst optimalen Ergebnissen zu diesem Ziel zu führen. Wir besprachen uns daher im Kurs und waren unsicher, ob einer unserer Freunde dazu zählen würde. Auf unsere dringende Bitte hin, war der Schulleiter zu einem Gespräch mit uns bereit. Wir verwiesen in einem „herben Dialog unter Männern“ nachdrücklich auf die Stärken unseres Freundes, und den unverzichtbaren Wunsch des Kurses, unseren Klassenkameraden zum Abitur zuzulassen. Er wurde zugelassen, und schaffte die Reifeprüfung, wie wir es erwartet hatten.

Mit der Entscheidung, das Abitur nachzuholen, hatte sich unser Leben nicht total verändert. Es dauerte jedoch eine Weile, bis uns die Aufgaben eines Seminaristen in Schule und Alltag vertraut waren. Durch Gespräche in den Ferien konnten wir erfahren, dass auch die Menschen im heimatlichen Umfeld an unserem Vorhaben regen Anteil nahmen und -wie wir- Zeit brauchten, unsere Absicht, Priester zu werden, zu verstehen. Es war aber ermutigend, zu erleben, dass fromme Christen hinter uns standen, die mit und für uns beteten und Hoffnungen auf uns setzten: Manchmal kam die eine oder andere Frau etwas verlegen auf mich zu, und übergab mir einen Umschlag mit Geld. Andere Personen äußerten Respekt vor unserer Entscheidung und interessierten sich für die Schule und das vor uns liegende Studium. Ich war als ehemaliger Stadtrat ja gewöhnt, mit vielen Menschen im Gespräch zu sein, sodass ich es verstehen konnte, öfters angesprochen, und zu meinem Vorhaben befragt zu werden.

Wie früher, als ich noch in Rheinfelden wohnte, suchte ich in den Ferien die Nähe zum Stadtpfarrer und erzählte ihm von unseren Erlebnissen in Sasbach. Gelegentlich lud er mich zu einem Imbiss zu sich ein. Auf diese Weise lernte ich ihn in seiner liebenswürdigen, besonnenen, manchmal auch robusten Art zu dienen, zu führen und zu handeln, näher kennen:

Eines Tages suchte ein Einbrecher nach Geld im Pfarrhaus. Er hatte Pech! Unser Pfarrer, ein ehemaliger Gefängnisseelsorger, kannte sich mit Ganoven aus. Er erwischte den stämmigen Kerl in seinem Dienstzimmer, hob mit einer Hand einen Stuhl in die Höhe und donnerte mit kräftiger Stimme auf den wie Espenlaub zitternden Einbrecher los: „Wenn Du nicht…!“ Der Rest war einfach: Die Polizei brauchte den reuigen Sünder nur noch abzuholen.  Pfarrer Hermann war zu seiner Zeit in unserer aufstrebenden Industrie-Stadt Rheinfelden(Baden) als Seelsorger der richtige Mann am rechten Platz. Die Menschen, die ihn kannten, wussten, dass er seine ganze Kraft und seinen Ideenreichtum, der St. Josefs Pfarrei widmete. Für mich war er als Priester ein Freund und überzeugendes Vorbild. Er verdient es, noch an anderer Stelle erwähnt zu werden.

Ich saß nach den Ferien wieder im Zug Richtung Achern, mit einem großen Koffer, den meine Mutter, wie immer, fürsorglich mit Wäsche und Kleidung für die nächsten Wochen gefüllt hatte. Die Gedanken flogen den Ereignissen erwartungsvoll voraus: Ob ich die Vokabeln genug wiederholt hatte? Dies würde sich ja in den nächsten Latein-Stunden heraus stellen. Wie mochte es meinen Klassenkameraden in den Ferien ergangen sein? Was würde im Unterricht auf uns zukommen? Ein mulmiges Gefühl legte sich bei den letzten Überlegungen kurzfristig wie ein Schatten auf die Magengegend. Dann aber obsiegte die Vorfreude, alle Freunde wieder zu sehen, und näher kennen zu lernen.

Ich leistete mir den Luxus, mit dem schweren Koffer in einem Taxi vom Bahnhof Achern nach Sasbach zum Seminar zu fahren. Unser Rektor stand bereits unter der Türe seiner Dienstwohnung. Ein Lächeln auf seinem Gesicht, ließ erahnen, dass er uns erwartete. Der Hirte konnte sich aber entspannen, denn alle Schafe kamen wohl behalten zurück. Es herrschte wieder ein reges Treiben im Seminar. Wir räumten unsere Koffer aus, richteten uns in der vertrauten Umgebung wieder ein, und begrüßten uns gegenseitig. Es gab viel zu erzählen.

Wir wunderten uns nur das erste Mal, dass am Tag nach den Ferien, der volle Unterricht wieder störungsfrei und ohne Unterbrechung begann. Von der arbeitsintensiven Planung und Vorbereitung, die wir der Schulleitung zu verdanken hatten, bekamen wir nichts mit. Unsere Lehrer wirkten jedenfalls erstaunlich frisch. So war es möglich, unseren in den Ferien weniger angestrengt arbeitenden Gehirnen zügig nach zu helfen, um uns in kürzester Zeit wieder an konzentriertes Denken und Arbeiten zu gewöhnen.

Unser Lehrerkollegium bestand, ohne Ausnahme, aus sehr fähigen Pädagogen, die es gut verstanden, mit älteren Schülern zu arbeiten, und uns zu fördern. Galt es doch, uns in nur fünfeinhalb Jahren auf die Reifeprüfung vorzubereiten. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit, sei Ihnen, liebe Leser, nun mit einigen markanten Szenen, Einblick in unseren Schulalltag und das Leben in St. Pirmin gewährt:

Es sollte aber vorab darauf hingewiesen werden, dass an unserer Schule vor allem auf die geisteswissenschaftlichen Fächer wie Latein, Griechisch, Deutsch, Geschichte und Religion, Wert gelegt wurde. Dies bedeutete jedoch keineswegs, dass naturwissenschaftlicher Unterricht wie Mathematik, Physik, Chemie und Biologie, zu kurz gekommen wären. Selbst das Fach Bildende Kunst war mit „Toni März“, einem regionalen Künstler, hervorragend besetzt:

Unser temperamentvoller Kunstlehrer war mittelgroß. Eine Baskenmütze, sein Erkennungszeichen, die er beständig über seinem schlohweißen Haar trug, unterschied ihn auch äußerlich von seinen Kollegen. Toni März wirkte mit seinen lebendigen Augen, dem ausdrucksstarken, von einem weißen Bart umrahmten Gesicht, den lebhaften Bewegungen seiner Arme, filigranen Händen und Fingern, mit denen er seine Worte unterstrich, selbst wie ein ansprechendes Kunstwerk. Wenn er ihn interessierende Fragen beantwortete, lebte er förmlich auf, war mit Leib und Seele bei der Sache, und ließ sein umfangreiches Wissen über gesellschaftliche, politische, religiöse und künstlerische Zusammenhänge aufblitzen. Er war in seinen verbalen Erklärungen genau so kreativ und anregend, wie in seinen Bildern. Manchmal ergaben sich im Kunstunterricht so anregende Gespräche, dass wir, um nichts zu versäumen, freiwillig auf die uns zustehende Pause verzichteten. Toni März verstand es auf vielfältige Weise, unsere eigenen Interessen an Kunst zu wecken und zu fördern.

Dr. Zimmermann, einen pensionierten Lehrer der Heimschule Lender, lernte ich erst in Sasbach näher kennen. Einer seiner Neffen, der mir aus der Zeit in Rheinfelden bekannt war, machte mich auf ihn aufmerksam, sodass ich ihn in seiner Wohnung gelegentlich besuchte. Er war damals hoch betagt, von eher gebrechlicher Gestalt, und trug einen etwas schütteren, weißen Vollbart, der mich an einen greisen Chinesen erinnerte. Trotz diverser körperlicher Beschwerden, besaß er eine bemerkenswerte, geistige Frische. Wenn ich ihn besuchte, lag er meistens auf einem Sofa, umgeben von Büchern seiner reichhaltigen Bibliothek und war damit beschäftigt, als Lektor der Schule, Texte zu bearbeiten. Im anregenden Gespräch mit mir, war er oft so engagiert, dass ich den Eindruck gewann, sein ganzer Körper vibriere mit, und verstärke Worte und Sätze. Er entließ mich nie, ohne mich reichlich mit Nüssen zu versorgen, die er als „Gehirnnahrung“ empfahl.

Über seinen Neffen hatte ich erfahren, dass er im ersten Weltkrieg als Meldegänger eingesetzt war und sich zeitlebens gern bewegte. Wenn er in der Nähe der Schule auf seiner „Rennstrecke“ Richtung Turenne – Denkmal in kleinsten Schritten unterwegs war, seine Taschenuhr in Händen, um die Zeit zu nehmen, war er nicht ansprechbar. Wer es dennoch versuchte, bekam zu hören: „Keine Zeit, ich bin beim Sport!“ Dieser geistig rege und interessierte alte Mann, hat mich sehr beeindruckt. Kein Wunder, dass sein Neffe, ein Vegetarier, in der Spitzengruppe der über 80-Jährigen ebenfalls noch erfolgreich an Marathonläufen teilnahm.

Ein bedeutender Förderer der Heimschule und des Seminars war unser Mathematik-Lehrer Otto Zug: Ein eher kleiner, beleibter, geistig vitaler Schwabe, der als Junggeselle alle seine Fähigkeiten und Beziehungen in den Dienst der Schule stellte. Er besaß unter anderem reichhaltige, kunstvolle Sammlungen an Tischdekorationen, die er bei gesellschaftlichen Anlässen der Schule und des Seminars gerne zur Verfügung stellte. Er konnte knitz lächeln, wenn man ihn belobigend, auf seine teuren, kunstvollen Gegenstände ansprach. Otto Zug kannte sich in der Gemeinde Sasbach sowie in den im Gemeinderat vorherrschenden politischen Tendenzen gut aus, und nutzte seine ökonomischen Kenntnisse, bei Verhandlungen im Interesse der Schule mit schwäbischem Geschick, und der ihm eigenen Beharrlichkeit.

Als erfahrener Mathematik-Lehrer verfügte er über besondere pädagogische Fähigkeiten, abstrakte Zusammenhänge so bildhaft und aktivierend zu behandeln, dass seine Schüler solche Szenen ein Leben lang nicht mehr vergessen konnten: Er kam eines Tages in den Unterricht und rief Jochen zu unserer Überraschung nach vorne. Jochen war gewiss kein reines Lämmchen. Wir fanden aber trotz unseres angestrengten Bemühens durch Handzeichen nicht heraus, was er verbrochen haben konnte. Unser Lehrer schien die Erregung im Klassenzimmer zu bemerken und mit einem zufriedenen Lächeln zu genießen. Dann rief er Josef nach vorne, und stellte beide neben einander. Ohne Zweifel, Jochen war ein ganzes Stück kleiner als Josef. Darauf verwiesen auch die Gesten von Herrn Zug. Pause…, was nun? Und dann, eine fragende Handbewegung unseres Lehrers mit seinem berühmten „T´ja?“ Worauf wollte er hinaus? Herr Zug holte hinter seinem Pult einen roten Zylinder hervor, setzt ihn Jochen auf den Kopf und erklärte uns, als stünden wir vor einer großen Entdeckung: „ Jochen, plus Zylinder, ist jetzt gleich groß, wie Josef, ohne Zylinder“. Auch bei mathematisch weniger begabten Schülern, machte es fast hörbar „klick“, denn unser Lehrer hatte uns für alle Zeiten klar gemacht, was eine Gleichung sei.

Wir waren uns sicher, dass unser realitätsbezogener, praktisch aus gerichteter Mathematik-Lehrer ein frommer Mann sei. Es gelang ihm, uns auch immer wieder davon zu überzeugen. Wo möglich, versuchte er Brücken zwischen mathematischen und religiösen Fragen zu bauen: Wir waren beim Thema „Parallelen“: Er verwies auf eine Zeichnung, die Parallelen an der Tafel darstellte. Dann drehte er sich um, ließ eine Pause entstehen und wirkte, wie jemand, der dabei ist, eine bedeutende Entdeckung zu machen. „Das, erklärte er, und verwies auf die Zeichnung an der Tafel, sind Parallelen“. Er drehte sich langsam zu uns um und deutete mit Handbewegungen und seinem bekannten „T´ja“ an, dass da noch etwas war. Nach einer Pause folgte dann die Frage: „Und wo schneiden sich die Parallelen?“, um dann verschmitzt lächelnd hinzu zu fügen: „Etwa beim lieben Gott?“ Wir versuchten zu verstehen. Einen mathematischen Gottesbeweis hatte unser Lehrer nicht erbracht, und wollte das auch nicht. Ihm ging es um mehr. Er bezeugte uns mit dieser Geste, seinen Glauben an die Existenz Gottes. Wir wurden nachdenklich, denn wir waren ja unterwegs, um einmal selbst, als glaubwürdige Zeugen, Menschen zu Gott zu führen. Bis dahin lag aber noch ein weiter Weg vor uns und es bedurfte tatkräftiger Hilfe mancher Menschen, und deren Glaubenszeugnis, um uns auf unserem Wege beizustehen.

Wir Seminaristen lernten uns gegenseitig in Schule und Alltag näher kennen. Jeder von uns im Kurs, hatte seine besonderen Stärken und Schwächen. Da wir mehrere Jahre zusammen wohnten und lernten, wuchsen wir, wie selbstverständlich, zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammen. Dies wurde auch von anderen Personen bemerkt: Manche Beobachter sprachen über uns von einem „Wunderkurs?“-

Als Ältester entwickelte ich freundschaftlich-fürsorgliche Gefühle zu meinen Klassenkameraden. Manche nannten mich gelegentlich „Papa“ Ich musste diese „liebevolle Anrede“ nicht zurückweisen; saßen wir doch alle, ohne Ausnahme, im gleichen Boot, von ähnlichen Sorgen und Fragen umgetrieben. Jeder durfte und konnte seine speziellen Talente einbringen. Wir brauchten diese guten Gaben Gottes in allen Formen:

Oft hat uns Gerhard sonntags mit Musik geweckt, in seine Verehrung Mozarts einbezogen, und auf den anschließenden Gottesdienst in der Heimkirche eingestimmt. Er verfügte auch über ein unerschöpfliches Repertoire an Witzen, die er zu jeder passenden Gelegenheit, perfekt erzählen konnte. Wenn ihm ein geneigtes Publikum zuhörte, lief er zur Hochform auf. Wer diese Fähigkeit Gerhards schätzte, konnte leicht erkennen, dass er seine Witze liebte. Er steuerte die Pointe geschickt an, genoss den Beifall, setzte dabei ein Pokergesicht auf und prüfte mit einem verschmitzten Lächeln, ob die Zuhörer noch einige Witze hören wollten.

Wo und wie manche Freunde unseres Kurses an Wochenenden ihre freie Zeit zur Erkundung der Umgebung nutzten, auch wann und wie sie zu später Stunde wieder unauffällig ins Seminar zurückkehrten, blieb mir größtenteils verborgen. Ich hatte aber auch Lust, die freie Zeit nicht im Hause abzusitzen, und sah mich Im Interesse des Kurses nach geeigneter Unterhaltung für uns um:

In einer Zeitungsanzeige machte der Besitzer eines nahegelegenen Gestüts darauf aufmerksam, dass es zu günstigen Konditionen möglich wäre, bei ihm zu reiten. Jochen erklärte sich bereit, mit mir das Angebot zu prüfen. Wir rechneten fest damit, einen größeren Teil unseres Kurses für diese Idee gewinnen zu können, falls wir einen passablen Preis für das Reit-Vergnügen aushandeln konnten. Wir waren guter Dinge und marschierten los. Nach einiger Zeit fanden wir die Ortschaft – nicht sehr groß – jedoch das Gestüt konnten wir nicht entdecken. Schon wollten wir enttäuscht umkehren, da bemerkten wir ein Bauernhaus, an das sich ein merkwürdiger Zaun aus Schilfrohr anschloss. Hinter dem Zaun befand sich eine freie Fläche, auf der tatsächlich ein Pferd und ein Maulesel standen.

Es kam ein Mann auf uns zu, der sich als Besitzer des in der Tat sehr kleinen Gestütes vorstellte. Blitzschnell erfassten wir die Lage: Dieses Angebot war nicht geeignet, um unserem Kurs Reiterfreuden zu ermöglichen. Wir disponierten um, und erklärten, dass wir reiten wollten. Damit hatte der Besitzer offensichtlich gerechnet. Er war sehr bemüht, unsere Fragen zu beantworten, als befürchte er, die „seltenen Interessenten“ könnten sich unzufrieden wieder abwenden. Wir hatten aber keine Lust, nach dem längeren Fußmarsch, einfach aufzugeben. Eher lockte uns die Chance, unter den gegebenen Umständen einen günstigen Preis für die Reitstunde aushandeln zu können. Wir einigten uns, wie erwartet. Dann musterte uns der »Reitlehrer?“ und erklärte: „Sie, er deutete mit der Hand auf mich, reiten auf dem Pferd, und Sie, damit meinte er Jochen, als Leichtgewicht, auf dem Maulesel!“

Irgendwie kamen wir in die Sättel und wurden einige Runden an der Longe im Kreis geführt. Der Besitzer beobachtete uns und stellte fest, dass ich reiten könne. Ich war überrascht, denn ich hatte nicht die geringste Ahnung, wie ich ein Pferd „lenken“ sollte. Ich entgegnete: „Reiten könne ich nicht, ich hätte aber schon einige Western-Filme gesehen, und sei als Schlagzeuger mit einem sicheren Gefühl für den Rhythmus ausgestattet. Das war es dann schon.

Danach ritten wir zum ersten Male aus, und es fühlte sich gut an, hoch oben zu Pferde zu sitzen. Vor mir ritt oder trippelte Jochen mit dem Maulesel. Es war ein Bild für die Götter. In meiner Fantasie gab ich Jochen eine Lanze und ein Schild in die Hände, und fertig war „Don Quijote“. Diese Vorstellung drängte sich mir so sehr auf, dass ich das Lachen nicht mehr unterdrücken konnte. Die Schadenfreude dauerte allerdings nicht lange: Mein Pferd setzte aus mir unbekannten Gründen zum Galopp an, und blieb plötzlich, indem es die Vorderbeine schräg anstemmte, aus voller Bewegung, wie angewurzelt stehen. Ich hatte keine Schwierigkeiten aus dem Sattel zu kommen, denn mit einem Salto über den Kopf des Pferdes, landete ich in einer lehmigen Pfütze. Ich drehte mich verblüfft um, und gewann den sicheren Eindruck, als ob das Pferd mich an- oder gar auslachte. Größeren Schaden hatte ich nicht genommen, doch allen Anlass, mich mit dem beschmutzten und feuchten Hinterteil nach Hause zu begeben. Zeit, mich umzuziehen, hatte ich nicht. So zog ich, feucht und verdreckt, zusammen mit Jochen in den Speisesaal ein. Wie ein Lauffeuer ging die Nachricht von meiner missglückten Reitstunde von Tisch zu Tisch und sorgte für entsprechenden Spott und Gelächter.

Jochen war auch ein begabter Situationskomiker. Er brauchte dazu nur einige Gläser Bier, ein interessiertes Publikum, das ihn anfeuerte, und einen ebenso fantasiebegabten Mitspieler. Wenn er hierzu mit Günter eine spontane Nummer zum Besten gab, konnte man sich nicht mehr halten. Jochen verstand es, mit seinem ansteckenden Humor, uns oft die Alltagssorgen von der Stirn zu wischen, wie eine Mutter ihren Kindern die Schmerzen, mit dem „Heile-Segen“.

Ich habe selbst nur noch vage Erinnerungen an eine ausgiebige und reichlich feuchte Sitzung im „Rebstock“, und an das mitternächtliche Bad im Dorfbrunnen, um die erhitzten Gemüter der Beteiligten abzukühlen. Wir kamen aber auf dem Weg nach Hause einfach nicht an diesem, aus vollen Rohren Wasser speienden Brunnen vorbei. Irgendeiner von uns prüfte die Wassertemperatur, und schwupps, war er drin. Dieses Ereignis löste in uns ein unerklärliches Verlangen aus, ihm nacheinander wie die Lemminge zu folgen. Die „Badeanstalt“ war gerade groß genug, um uns allen Platz zu bieten, lediglich die Schwimmversuche scheiterten kläglich an den Wasserrohren im Brunnen. Nach dem Motto: „einmal über und dann wieder unter Wasser, wie ein Seehund“ überwanden wir aber die Barrieren. Nach der Abkühlung verstanden wir besser, was sich da eben abgespielt haben musste. Nass, fröstelnd, und mit grün eingefärbten Kleidern, standen wir wie begossene Pudel da. Wer so aussah, musste wohl dabei gewesen sein.

Irgendwann stellten wir fest, dass es in unserem Kurs musikalische Begabungen gab. Manfred spielte Akkordeon, Jürgen Trompete, Jochen Gitarre, Bernhard Piano, und ich ergatterte mir ein Schlagzeug. Wir probten mit Begeisterung. Ein Glück, dass ich früher in mehreren Bands gespielt hatte und wusste, wie sich Musik anhören sollte. Es war bald klar, dass der Anspruch gesenkt werden musste. Schließlich drängte es uns, aufzutreten, denn wir hatten ein ausreichendes Repertoire erarbeitet. Wir hatten zwar keinen Gesangssolisten, dafür aber Jürgen. Wenn er sein »Il Silenzio« mit der Trompete schmetterte, konnten wir des Beifalls gewiss sein. Am „Ave-Maria“ im Chor hatten wir lange gearbeitet, bis uns dieser Titel gefiel. Mit dem Schlager „Die besseren älteren Herrn, gehen mal gern auf ne Angeltour….“, fanden wir stets ein begeistertes Publikum. Unser Auftritt bei einer Tanzveranstaltung in Achern, zu der wir die „Spätberufenen“ mit Zustimmung des Rektors geladen waren, geriet zu einem vollen Erfolg.

Mit Beginn der Obertertia nahmen die schulischen Anforderungen zu. Nur wenige Klassenkameraden mussten aber die Schule verlassen. Ich hatte zeitweise auch große Mühe mit »Griechisch«, der zweiten Fremdsprache, und nahm, etwas beschämt, das Angebot zur Nachhilfe an, um über diese Hürde zu kommen. In dieser Zeit stand ich, ohne mein Wissen, unter strengster Beobachtung unseres Kurses. Erst viel später erzählten mir meine „Freunde“, dass ich zur Nachhilfe immer auffallend ordentlich gekleidet aus dem Hause ging. Sie vermuteten, dies könne damit zusammen hängen, dass eine Griechisch-Lehrerin, die wir alle sehr schätzten, diese Aufgabe übernahm. Bei dieser Gelegenheit gestanden sie mir auch, dass sie sich untereinander verständigt hätten, mich zu loben, wenn ich Ihnen gelegentlich stolz meine neuesten Bilder zur künstlerischen Begutachtung zeigte.

Dr. Effinger verstand es, in personifizierter Gelassenheit, uns in Deutsch und Geschichte effizient auf das Abitur vorzubereiten, für den Reichtum der Literatur zu begeistern und uns kritisch in geschichtliche Zusammenhänge einzuführen. In der Art, wie er Themenschwerpunkte auswählte und im Dialog mit uns hierzu Position bezog, war zu erkennen, wie sehr ihm daran gelegen war, uns das christlich-humanistische Bildungsideal zu vermitteln. Obwohl er viele Jahre mit der Oberstufe arbeitete, blieb sein Unterricht erstaunlich lebendig. Man merkte ihm an, dass er von Dingen sprach, die ihm selbst viel bedeuteten. Wenn er, mit dem Oberkörper entspannt zurück gelehnt, hinter seinem Pult die langen Beine nach vorne schob, und den Oberlippenbart kraulte, hatte man das Bild eines Menschen vor Augen, der auch in schwierigen Lebenssituationen in der Lage schien, Ruhe zu bewahren. Sein schlankes, von Falten gegerbtes Gesicht, der stets wache Blick, die naturgewellten, noch dunklen Haare, passten zu dem großen, schlanken, nicht unbedingt sportlich, eher schlaksig wirkenden Mann. Sein Rat wurde auch im Kollegenkreis sehr geschätzt.

Als Klassen- und Haussprecher war ich oft gefordert, bei verschiedenen Anlässen einige Sätze zu sagen. Gelegentlich belustigten sich meine Freunde auch, wenn sie mich mit vereinten Kräften lauthals aufforderten: „Franz, sag was!“ Ich habe diesen leichten Spott, ohne Schaden zu nehmen, überstanden. Ein Ereignis blieb mir aber besonders in Erinnerung:

Der hochwürdigste Herr Erzbischof von Freiburg mit seinem Gefolge, war zu einer Besichtigung des Schulneubaues angesagt: Dies war ein besonderer Festtag für die Heimschule und unser Seminar. In Erwartung des hohen Gastes, erregten die Vorbereitungen für seinen Empfang  bereits Tage zuvor die Gemüter der Schulleitung, des Lehrerkollegiums, und leicht abgeschwächt, auch der Schüler. Man spürte Anspannung in allen Bereichen der Schule, galt es doch den Tag so zu gestalten, dass die geladenen Gäste mit einem guten Eindruck und der Gewissheit nach Hause fahren konnten, dass sich Investitionen in Sasbach lohnten.

Mir oblag es, der hohen Geistlichkeit als Schülervertreter für die wohlwollende Unterstützung in jeder Form zu danken. Ich musste davon ausgehen, dass zum offiziellen Empfang außer den Gästen aus Freiburg, alles was Rang und Namen hatte, in der Heimschule Lender und St. Pirmin, der Öffentlichkeit, Politik und bei der Presse etc., einen exzellenten Rahmen bilden würden, vor dem ich zu sprechen hatte. Bei den Vorüberlegungen hierzu, war mir nicht ganz wohl zumute. Es half aber nichts; ich musste mir einige Sätze einfallen lassen und hoffte sehr, dieser Aufgabe gewachsen zu sein.

Einigermaßen vorbereitet, saß ich als Redner in der ersten Reihe der Aula und bekam in meiner Aufregung nicht mehr mit, was sich an Prominenz in den vielen Reihen hinter mir eingefunden hatte. Die Spannung steigerte sich, denn die Besichtung des Neubaues nahm mehr Zeit in Anspruch, als vorgesehen war. Das Herz schlug mir bis zum Halse; dennoch versuchte ich, gelassen zu wirken und harrte der Dinge, die auf mich zukommen würden. Nach beunruhigend langem Warten, betrat der Erzbischof mit seiner Begleitung den Raum. Es dauerte zum Glück nicht mehr lange, bis zu meinem Auftritt:

Als ich schließlich dem Erzbischof gegenüber stand, schien er mir klein und schmächtig, gar nicht groß und erhaben. Seine Hände, in denen er ein Programm hielt, zitterten mächtig. In diesem Augenblick überfiel mich ein großes Mitleid mit dem Hirten der Diözese. Sein Zittern berührte mich. Ich hatte so etwas nicht erwartet. Die Spannung wich wie ein Wunder momentan von mir. Meine Worte kamen beim Erzbischof an, und er bedankte sich. Eine Last fiel von den Schultern, als Beifall einsetzte, der mir zeigte, dass ich im Sinne der Anwesenden gesprochen hatte.

Das Ziel unseres Aufenthaltes in Sasbach, die Reifeprüfung, rückte immer näher. Wir waren in der Oberprima in allen Fächern angestrengt dabei, uns auf das Examen vorzubereiten. Gleichzeitig wussten wir, dass es galt, in absehbarer Zeit Abschied von unserem zu Hause in St. Pirmin und der uns lieb gewordenen Region um Sasbach zu nehmen. In Gruppen wanderten wir in der karg bemessenen Freizeit nach Sasbach-Ried und hinauf auf die Höhe nach Sasbachwalden, um dort bei einem Imbiss und dem vorzüglichen Wein, Abstand von den Prüfungsvorbereitungen zu gewinnen und mit frohen Liedern nach Hause zu wandern. Mehr, als je zuvor, bestürmten wir unsere treuen Schutzengel, den Herrn und die Gottesmutter in unseren Gebeten, Gottesdiensten und Wahlfahrten, uns auf unserem Weg zur Seite zu stehen. Wir wussten, unser guter Wille und die Vorbereitungen konnten nur zum Ziel führen, wenn Gottes Segen uns hielt und trug. Es lagen aber noch anstrengende Monate vor uns. Jeder kannte seine Schwächen, an denen er noch zu arbeiten hatte. So weit es an uns lag, halfen wir uns auch gegenseitig.

Ich hatte den Eindruck, als ob mich Herr Serrer, unser Chemielehrer, der nicht viel älter war als ich, im Unterschied zu meinen anderen Kameraden, seltener abhörte. Er musste mich aber benoten und ich rechnete fest damit, dass er mich nicht verschonen würde, und mein Wissen in Chemie prüfen werde. Die kritische Selbsteinschätzung erlaubte mir, keine großen Hoffnungen auf Erfolg in diesem Fach. In meiner Not, bat ich meinen Freund Manfred, der in Chemie sehr erfahren war, mir Nachhilfe zu geben. Die Zeit drängte, denn anderntags rechnete ich mit der mündlichen Prüfung.

Manfred sagte zu, und wir trafen uns zu diesem Vorhaben für einige Stunden in Gottes freier Natur, am Vortag der erwarteten Prüfung. Wir beide kannten uns gut, sodass ich es ohne Scheu wagen konnte, meinem Freund reinen Wein einzuschenken. Ich hatte tatsächlich Chemie stiefmütterlich behandelt, um Zeit für die Kernfächer zu gewinnen. Manfred begann mich schonend abzufragen, bemerkte aber bald, dass meine Kenntnisse äußerst dürftig waren. Er kommentierte: „mit Schwächen habe er gerechnet, aber keineswegs mit einem derartigen Minimum an Fachwissen“. Dennoch ging Manfred mutig daran, mich in Chemie zu präparieren. Dies gelang ihm auf erstaunlich gute Weise. Ich entwickelte nach dieser Prozedur die etwas überhebliche Vorstellung, in diesen wenigen Stunden wirklich etwas von Chemie verstanden zu haben. Darüber wunderten wir uns beide sehr. An meinen Fähigkeiten zu lernen, konnte es folglich nicht gelegen haben, sondern eher an der geringen Beschäftigung mit dem Thema.

Wie befürchtet und erwartet, rief mich Herr Serrer am nächsten Tag in Chemie auf. Es tröstete mich zu sehen, dass es ihm sichtlich schwer fiel, mich zu examinieren. Die Prüfungsvorbereitung durch meinen Freund zeigte aber erstaunliche Wirkung. Weniger hilfreich schienen mir die Signale meiner Klassenkameraden, die ich nicht zu deuten vermochte. Mir erscheint es auch heute noch wie ein kleines Wunder, auf welch mysteriöse Weise ich zu einem guten Examen in Chemie gekommen bin.

Herr Blechinger, ein großgewachsener, sportlich wirkender Lehrer, hatte die Aufgabe übernommen, uns in Mathematik auf das Abitur vorzubereiten. Im Hinblick auf die Kurzschuljahre gab es eine Sonderregelung. Wir hatten mit seiner Hilfe fünfundzwanzig mathematische Beweise zu erarbeiten, aus denen wir Abiturienten einige Aufgaben gestellt bekamen. Es war eine Menge zu tun, aber immerhin konnte man sich auf eine begrenzte Fragestellung vorbereiten. Auch weniger befähigte Mathematiker durften daher hoffen, an dieser Hürde nicht zu scheitern.

Die letzte Phase der Vorbereitung auf die Reifeprüfung war nicht nur von einer zunehmenden Anspannung, sondern auch von der Erfahrung wohlwollender Begleitung geprägt. Die verschworene Gemeinschaft bewährte sich nicht nur in unserem Kurs. Die jüngeren Seminaristen, unser Schulleiter, der Rektor, die Lehrer, der Präfekt, Spiritual und die Schwestern waren im Geiste St. Pirmins am Gelingen unseres Vorhabens interessiert und trugen ihren je spezifischen Teil dazu bei, uns in den schwierigen letzten Wochen vor dem Abitur und während der Prüfungen zu unterstützen.

Es lässt sich kaum beschreiben, welche Gefühle uns bewegten, als wir 1967, nach fünfeinhalb Jahren, in einem feierlichen Festakt die Reifeprüfungszeugnisse in Händen zu hielten. Noch einmal tauchte das Wort vom »Wunderkurs« auf, als die vielen Preise aufgerufen wurden, die wir gesammelt hatten. Mein Beitrag hierzu war der »Scheffel-Preis« des Volksbundes für Dichtung. Als Freund der deutschen Sprache und Liebhaber der Literatur, berührte es mich besonders, gerade diesen Preis zu erhalten.

Wir hatten alle mit vielen Fragen unseren Weg 1962 in Sasbach begonnen und nun, 1967, das Abitur, die Voraussetzung zum Studium, bestanden. Wieder ergaben sich andere Fragen und Hoffnungen: Würde es gelingen, auch das Studium der Philosophie und Theologie erfolgreich zu beenden, um unserem Ziel, Priester zu werden, ein weiteres Stück näher zu kommen?

Den Text von Friedrich Schiller auf einer schön gestalteten Karte:

» Wisset, ein erhabener Sinn,

legt das Große in das Leben

und er sucht es nicht darin. «

haben sechzehn glückliche Abiturenten mit ihrem Namen unterschrieben, um die »frohe Botschaft« vom bestandenen Abitur weiter zu tragen.

In Sasbach wurde aber auch Freundschaften geschlossen, Werte vermittelt und unser Glaube gefestigt. Ich bin sicher, dass uns für alles tiefe Dankbarkeit erfüllt, gegenüber den Menschen, die an diesem Erfolg beteiligt waren. Und es scheint mir, als ob meine Freunde ihrem alten Klassensprecher, wie früher, zurufen würden: „ Franz, sag was!“, besonders wegen der betrüblichen Tatsache, dass unser Spätberufenen-Seminar St. Pirmin leider nicht mehr existiert.

Ihr sollt das heute das „Wichtigste“ von mir hören. Dazu brauche ich aber Euch, liebe Pirminer und Schüler der Heimschule Lender, ebenso auch Sie, liebe Freunde und Leser: Jesus Christus, der Herr, hat uns einmal angesprochen, und uns in der alle Zeiten überdauernden Kirche zusammen geführt. Unser Herr war und bleibt der unbestrittene Mittelpunkt jeder christlichen Gemeinschaft. Wisst Ihr noch, wie wir einst zusammen vor dem ausgesetzten „Allerheiligsten“ in der Heimkirche beteten?

Wer sollte uns daran hindern, die in Sasbach begründete Gemeinschaft zu leben, und zusammen mit Rektor Oberle und Dr. Guldenfels, die uns voran gegangen sind, und mit allen Gläubigen Gott zu loben, zu preisen und um Schutz und Beistand zu bitten? Hört Ihr mich jetzt auch singen? Ich stimme das „Tantum ergo…“ an, und Rektor Oberle wendet sich uns zu, zeigt uns die „Monstranz mit dem Herrn in „Brotsgestalt“ und erteilt uns den Segen vom Himmel her.

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