Baukaufmann und Stadtrat

Mit der Währungsreform in den frühen fünfziger Jahren, erwachte die bis dahin darbende Wirtschaft zu neuem Leben. Industrie, Handel und Gewerbe profitierten von einem kräftigen, stetigen Aufschwung. Wie durch Zauberhand füllten sich über Nacht die Auslagen der Geschäfte mit einem reichhaltigen Warenangebot. Die Konsumfreude hielt sich aber zunächst noch in Grenzen, denn am Stichtag standen jeder Person nur zwanzig Deutsche Mark zur Verfügung. Wir gewöhnten uns mit der Zeit an die neue Währung und hofften, dass sie stabil bleiben würde. Zum Glück spielte ich damals als Schlagzeuger in einigen Bands. Dadurch besserte sich der Gehalt auf und ich konnte mir ab und zu persönliche Wünsche erfüllen.

Am Tag der Währungsreform, 1948, fand in Rheinfelden das erste Rundstreckenrennen nach dem Krieg statt. Als begeisterter Radsportler meldete ich mich hierzu. Das erforderliche Rennrad, das den Krieg in einem Keller bei Bekannten überlebte, lieh ich mir Wochen zuvor zum Training aus. Unsere Mutter stellte meinetwegen den Speiseplan um. Ich bekam ab und zu ein Ei oder ein größeres Stück Fleisch zusätzlich, um zu Kräften zu kommen. Wir sind am Start: Der Starter, steht mit seiner Flagge bereit. Seine Warnung, den »Fahrerpulk« in den Kurven aufzulösen, um andere Rennfahrer nicht zu gefährden, höre ich wie von weit. Er senkt die Fahne zusammen mit dem Startkommando und los geht die wilde Jagd. Wir kommen »im Pulk« nur mit Mühe um die erste steile Rechtskurve. An der Strecke verteilt, treiben uns die Freunde lautstark an. Ich kann mich mit aller Kraft im vorderen Drittel des Fahrerfeldes halten. Wir Jugendfahrer glänzen mit hervorragenden Rundenzeiten, in denen wir, die nach uns startenden, erfahrenen Amateure, deutlich hinter uns lassen. Die Zuschauer jubeln und klatschen begeistert.In der dritten Runde zog mich aber in einer Rechtskurve das Hinterrad des Fahrers vor mir, unerwartet wie ein Magnet an. Danach ging alles sehr schnell: Ich fuhr auf, flog in einem Salto aus dem Sattel und landete herb auf der Straße. Die Schürfwunden begannen erheblich zu schmerzen und das verbogene Rennrad schaute mich mitleidserregend an. Kleinlaut nahm ich es über die Schulter, ging Richtung Ziel, und meldete mich bei der Rennleitung ab. Ohne umfassende Reparatur, war dieses geschundene und verbogene Sportgerät jedoch nicht mehr zu gebrauchen. Zum Abschluss des ersten Kriteriums nach dem Krieg, fand die Siegerehrung im großen Saal des Oberrheinischen Hofes statt. Unsere Band wurde zur anschließenden Tanzveranstaltung engagiert. Auf die zu erwartende Gage von zwanzig Deutschen Mark, als Schlagzeuger unserer Band, hatte ich mich sehr gefreut. Daraus wurde nichts. Nun schmerzten die Schürfwunden umso mehr, denn ich wusste, dass ich mein erstes, nach der Währungsreform selbst verdientes Geld, zur Reparatur des geliehenen Rennrades ausgeben musste. Radrennfahrer wollte ich von da an nicht mehr werden. Ich blieb meinem weniger schmerzhaften Beruf als Baukaufmann treu, und rechnete fest mit steigenden Einnahmen durch die Nebenbeschäftigung als Musiker.

Bei der langjährigen, vielseitigen Tätigkeit als Baukaufmann, lernte ich nach und nach die straffe Organisation innerbetrieblicher Arbeitsabläufe und viele tüchtige Mitarbeiter kennen, die ein Unter nehmen benötigt, um erfolgreich zu sein. Zunächst arbeitete ich längere Zeit in der Lohnbuchhaltung. Der sympathische Kollege, ein korrekter Buchhalter und treu sorgender Familienvater, kam nach dem Krieg und der Gefangenschaft wieder zu uns. Er fuhr morgens sechzig Kilometer mit der Eisenbahn zur Arbeit und abends die gleiche Strecke nach Hause. Über die Fastnachtszeit kam er manchmal etwas blass zum Dienst, denn er nahm, »pflichtbewusst«, an allen Veranstaltungen eines der Tradition verpflichteten Fastnachtsvereins teil.

Wenn ich als junger Kaufmann freitags alle Baustellen besuchte, um die Lohntüten auszuhändigen, empfingen mich die Mitarbeiter vom Polier bis zum Hilfsarbeiter, mit freundlichen Gesichtern. Gleichzeitig war es dadurch möglich, immer wieder den überraschenden Fortschritt der Bauarbeiten zu beobachten, mich von der Leistungsbereitschaft unserer Mitarbeiter zu überzeugen und deren Eigenheiten kennen zu lernen. Ein tüchtiger Maurermeister und Polier, mit gewaltiger Leibesfülle, litt als Bayerunter anhaltendem Durst. Er benutzte anstelle eines Stuhles, in seiner Baubude, einen mit Brettern abgedeckten Bierkasten. Die Flaschen waren abends leer. In der Bahnhofwirtschaft stand außerdem ein Krug Bier für ihn bereit, den er vor Einfahrt des Zuges leerte, sich dann den Schaum von seinem kräftigen Schnurrbart strich, um sich bis zur Abfahrt des Zuges einen zweiten vollen Krug »hinter die Binde« zu gießen.

Unser Chef, ein hochgewachsener, promovierter Jurist, der in die Firma eingeheiratet hatte, ein ausgezeichneter Stilist, bat mich öfters zum Diktat, wenn es galt, bei wichtigen Schreiben auf Ausdruck und Form zu achten. Ich betrachtete diese Aufgabe, die Verschwiegenheit erforderte, als Auszeichnung, denn es war mir gestattet, auf seltene Fehler hinzuweisen, oder Vorschläge zur Verbesserung der Texte einzubringen. Unser Chef war in seinen Kreisen in der Stadt auch als Ratgeber gefragt, wenn bei irgendwelchen Anlässen die Etikette gewahrt werden musste. Ich teilte mit ihm die Liebe zur deutschen Sprache. Seine uns allen bekannten Schwächen, nahmen dem ehemaligen Offizier etwas von seiner Strenge; machten ihn um Nuancen menschlicher, sympathischer. Gelegentlich konnte ich nicht nachvollziehen, was ihn veranlasste, sich bei einigen Personen als abwesend erklären zu lassen. Er achtete sehr auf Sparsamkeit in kleinen Dingen, verwaltete persönlich Bleistifte und Farbstifte und legte großen Wert auf korrekten sprachlichen Ausdruck. Nicht ohne Hintergedanken bat ich ihn eines Tages, mir einen neuen Rotstift zu geben und sagte, indem ich ihm zwischen Daumen und Zeigefinger, ein kaum erkennbares Stückchen Rotstift zeigte: » Mit diesem Rest kann ich bald nicht mehr schreiben«. Worauf er mir antwortete: »Dann schreiben Sie damit, bis sie nicht mehr schreiben können«. In mir verdichtete sich im Laufe der Zeit der Eindruck, dass er mit der Aufgabe als Chef einer expandierenden Bauunternehmung
nicht sehr glücklich war. Er konnte sich aber in technischen Angelegenheiten auf den Rat seines Neffen, eines erfahrenen Bauingenieurs verlassen.

In unserer Firma gab es eine ungeschriebene Hierarchie: Unsere Diplomingenieure ließen bei passender Gelegenheit immer wieder durchblicken, dass sie in ihrem Selbstverständnis durch ihre Ausbildung über den Bauingenieuren rangierten, denn schwierige technische Aufgaben oder komplexere statische Berechnungen mussten sie übernehmen. Obwohl ich ihr arrogantes Verhalten gelegentlich ablehnte, konnte ich erkennen, welche große Bedeutung einer akademischen Ausbildung im Beruf zukommt. Einer unserer besten Diplomingenieure, war öfters bei unserer Sekretärin und Telefonistin, einer hübschen Lehrerstochter, in deren Büro anzutreffen. Nachdem sie beide, für uns überraschend heirateten, war klar, dass der Anlass dieser Besuche nicht nur rein geschäftlicher Natur war. Mit den drei gleichaltrigen Technikern, die kleinere Baustellen betreuten, verstand ich mich auch in privaten Belangen sehr gut. Wir halfen uns gegenseitig, verständnisvoll, in schwierigen Situationen: Josef, ein vielseitig begabter, kluger und zuverlässiger Kollege, trieb ausgiebig Sport in allen Variationen. Er löste nicht nur schwierige bautechnische Probleme. Genau so geschickt zerlegte er Autos und Motorräder, spielte ausgezeichnet Orgel und Flöte und war auch an Philosophie sehr interessiert. Es fehlte ihm nur eine Frau. Mich wunderte seine Erfolglosigkeit in dieser Hinsicht nicht. Hatte ich doch gelegentlich erlebt, wie er sich in Gesprächen mit unserer Sekretärin amüsierte, wenn er philosophisch abgehoben, scherzte, sie ihn aber nicht verstand und wütend reagierte. Sein out-fit ließ zu wünschen übrig: Er trug die ausgedienten, aus der Mode gekommenen Kleider und Schuhe seines Onkels, eines Gymnasiallehrers. Es schmerzte mich immer, wenn er sich aus meiner Sicht »unter Wert verkaufte« oder wenn andere Personen seine Begabungen nicht zu würdigen verstanden. Eines Tages war sie aber da, die Dame, die zu ihm passte. Eine hübsche Apothekerin, die in der Nähe arbeitete, führte täglich ihren Dackel spazieren und das Wichtige: Sie war Vegetarierin, wie er, und ausreichend gut katholisch. Josef ließ diese Gelegenheit nicht aus.Wir sahen ihn schon einige Tage später, den Dackel führend, auf einem Spaziergang mit der Apothekerin. Nach vielen Ehejahren haben die beiden sechs Buben und Mädchen auf dem Weg zu deren
akademischen Weihen begleitet.

Die Baubranche reagiert bekanntlich wie ein Seismograph auf Veränderungen der Marktsituation. So führte die anhaltend stabile Auftragslage auch in der Bauunternehmung, in der ich seit Jahren arbeitete, zur permanenten Einstellung von Fach- und Hilfsarbeitern. Löhne und Gehälter lagen aber noch in einem sehr niedrigen Bereich. Ich wurde als junger Baukaufmann für die Angestellten in den Gesamtbetriebsrat gewählt. Das uns eingeräumte Mitspracherecht und die Interessen der Firmenleitung handelten wir übereinstimmend so aus, dass Arbeitsplätze erhalten blieben und die Entwicklung des Unternehmens gewährleistet blieb. Es waren aber nach dem Krieg erhebliche Investitionen erforderlich, um unseren Maschinenpark zu modernisieren. Wir waren stolz auf jeden neuen Lastwagen, Bagger, Betonmischer oder Baukran, der alte Geräte ersetzen konnte und die Arbeitsbedingungen verbesserte. Nach Jahren wechselte ich von der Lohnbuchhaltung in den technischen Stab. In direkter Zusammenarbeit mit dem Leitungsteam unserer Firma, gewann ich hierdurch Einblick in die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die Leistungsfähigkeit unserer Firma, und den Leistungsstand, der mit uns konkurrierenden örtlichen
und überregionalen Bauunternehmungen. Mit der Leitung des Einkaufs oblag mir nicht nur die Aufgabe, mit unseren Lieferanten die jeweils günstigsten Preise auszuhandeln, sondern auch die punktgenaue Anlieferung der Baumaterialien oder Ersatzteile für unsere Maschinen sicher zu stellen. Von der Kalkulation, über die Durchführung der Baumassnahmen, die Nachkalkulation, bis zur Abrechnung und dem Abräumen der Baustellen, war ich in die betrieblichen Abläufe fest eingebunden. Es hat mich tief beeindruckt, mit welch hohem Einsatz alle Mitarbeiter in der Verwaltung, auf den Baustellen, im Kieswerk, der Schlosserei, Schreinerei und dem Bauhof, ihre Aufgaben erfüllten. Damals erwies es sich in unserer Stadt als besonders schwierig, die vielen, zugeteilten Flüchtlinge aufzunehmen. Sie benötigten vor allem Wohnungen. Um diese enorme Aufgabe bewältigen zu können, wurde eine städtische Wohnungsbaugesellschaft gegründet. Diese übernahm die Planung und technische Begleitung der erforderlichen Neubauten. Mit ihrer Unterstützung entstanden in relativ kurzer Zeit, viele Mehrfamilienhäuser mit Schule und Sportanlagen in neuen Baugebieten. Der zunehmende private Wohnungsbau und umfangreiche Bauaufträge der Industrie, trugen zum damaligen Wirtschaftswachstum erheblich bei. Ich begriff immer mehr, in welchem Ausmaß, die Stadt als Auftraggeber, und die politischen Gruppierungen im Stadtrat, an der Vergabe der Aufträge beteiligt waren. Mein Gesprächspartner, mit dem ich über aktuelle politische Fragen diskutierte, war unser leitender Bauingenieur und Architekt. Wir saßen uns bei der Arbeit gegenüber. Er war seit Jahren im Stadtrat und Bauausschuss tätig. Mir imponierte seine christliche Einstellung und aufrechte Haltung in schwierigen Lebenssituationen, besonders gegen Ende seiner beruflichen Tätigkeit. Als er einmal erkennen ließ, wie sehr er sich mehr Ausgeglichenheit und Altersweisheit wünschte, um ungerechten Angriffen ruhiger begegnen zu können, sagte ich ihm: » Wenn Sie nicht mehr energisch Ihre Meinung äußerten, um Aufgaben mit zu gestalten, und sich gegen Unrecht zur Wehr zu setzten, würden Eigenschaften fehlen, die ich an Ihnen besonders schätze«. Er schmunzelte, versuchte sich mit Daumen und Zeigefinger vergeblich ein Barthaar auszuzupfen und wandte sich bei ratternder Rechenmaschine, leicht nach vorn gebeugt, wieder dem Angebot zu, an dem er arbeitete. Gelegentlich schien es mir, als würde ihn die Arbeit erfreuen. Er summte dann leise vor sich hin, bis er den richtigen Ton fand, um aus tiefster Seele zu seufzen: »Ach Luise, kein Mädchen ist wie diese…« Ab und zu verstieg er sich in einen etwas skurrilen Humor, der ohne Kenntnisse der technischen Anspielungen, schwer verständlich war:

Unsere Senior-Chefin, die auch im hohen Alter noch täglich in der Hauptbuchhaltung arbeitete, war ihm zugetan und sprach ihn – eine Ausnahme – mit Vornamen an. Sie betrat eines Tages erwartungsfroh unser großes Büro und sagte, um sich die letzte Sicherheit zu holen: »Artur, Euer Büro mit den vielen großen Fenstern sieht so nüchtern aus. Ich habe entschieden, auf den äußeren Fensterbänken Blumenkästen mit roten Geranien aufzustellen«. Artur, ohne sich stören zu lassen, äußerte: » Die Blumenkästen kommen sicher wieder weg«! Mit allem hatte die Chefin gerechnet, aber nicht mit einem Widerspruch. Ihre Miene verdüsterte sich, als sie energisch entgegnete: »Die Blumenkästen werden aufgestellt«! Artur blickte kurz auf, als müsse er die aktuelle seelische Verfassung seiner verehrten Seniorchefin prüfen, und entgegnete trocken: » Die Blumenkästen kommen bestimmt wieder weg«! Das war entschieden zu viel für eine ältere Dame, die Widerspruch nicht schätzte. Sie drehte mit hochrotem Kopf ab, wandte sich zur Tür und brummte vor sich hin: »Die Kästen werden aufgestellt«! Und so geschah es. Was mochte Artur veranlasst haben, der von ihm sehr verehrten Seniorchefin zu widersprechen? Ich betrat anderntags in Erwartung der weiteren Entwicklung, neugierig unser Büro. Alle Fenster waren, wie angekündigt, mit Blumenkästen versehen, in denen zugegebenermaßen wunderschöne rote Geranien prangten. Herr Fleck betrat nach mir den Raum: Er zeigte sich nicht sonderlich überrascht und setzte sich ohne Kommentar an seinen Platz, um weiter am Angebot zu arbeiten. Da er es vorzog, sich nicht über unseren »Blumenschmuck« zu äußern, hielt ich es nicht für angebracht, ihn darauf anzusprechen. Alle Besucher, die anschließend unser Büro betraten, äußerten sich meist zustimmend zu unseren Geranien.

Es vergingen einige Tage in gewohnter Weise. Aber an einem schwülen Nachmittag zog ein schweres Gewitter auf. Blitze und kräftiger Donner leiteten das Naturschauspiel ein, dann öffnete der Himmel seine Schleusen – und wie! Der böige Wind peitschte Regenmassen gegen unsere Fensterscheiben. Es wollte kein Ende nehmen. Der schräg einfallende Regen klatschte hörbar auf unsere Blumenkästen. Die Geranien senkten ihre Köpfe; einige legten sich ganz flach. Im Ausfallwinkel spritzte gleichzeitig eine schmutzige Brühe gegen unsere Fensterscheiben. Ein Bild zum Weinen. Mir war nun klar, weshalb Herr Fleck ruhig feststellen konnte, dass die Blumenkästen wieder weggeräumt würden. Dies geschah still und heimlich. Wir unterdrückten unsere Schadenfreude und verloren kein Wort darüber. Die Seniorchefin tat mir leid, die uns so fest entschlossen, mit Blumen erfreuen wollte. Ob sie den skurrilen Humor von Artur verstand, oder sich in dieser Sache mit ihm aussprach, ist mir nicht bekannt. Sicher hat sie bemerkt, dass sie, zu Unrecht enttäuscht, annahm, ihre Wünsche würden absichtlich nicht beachtet.

Im Vorfeld der 1952 anstehenden Stadtratswahl, konnte es nicht aus bleiben, dass ich oft mit unserem leitenden Ingenieur, über dieses kommende Ereignis sprach. Ich gab zu bedenken, es könne auch im Interesse des Bürgermeisters liegen, den umfangreichen Wohnungsbau in unserer Stadt zu fördern, um bei einer Zunahme der Einwohnerzahl als Oberbürgermeister mit höheren Bezügen rechnen zu können. Unter dieser politischen Konstellation, hatte ich berechtigte Sorge, dass alteingesessene Rheinfelder, besonders meine gleichaltrigen Schulkameraden, die im heiratsfähigen Alter dringend Wohnungen benötigten, wie bisher warten müssten. Ich hatte zeitlich freie Valenzen und fasste den Entschluss, mich in unserer Stadt politisch zu betätigen: In der örtlichen Presse, die unsere Anliegen unterstützte, gab ich ein Inserat auf, in dem die Wohnung suchenden Rheinfelder Bürger zur Diskussion in ein Lokal eingeladen wurden. Mit einigen Klassenkameraden, die sich bei ihrer Wohnungssuche benachteiligt fühlten, hatte ich mich zuvor auf diese Vorgehensweise geeinigt. Zu unserer großen Überraschung, folgten sehr viele Interessenten unserer Einladung in den »Wasserturm«. Der Saal war bis auf den letzten Platz besetzt. Es herrschte eine erwartungsvolle Unruhe. Nach der Begrüßung hielt ich eine Ansprache und erläuterte die Lage: Vor der anstehenden Stadtratswahl gelte es, sich Gehör zu verschaffen. Die Zeit sei gekommen, auch an die ortsansässigen Rheinfelder zu denken, die im heiratsfähigen Alter, dringend Wohnungen brauchten. Ich schlug vor, dem Bürgermeister schriftlich unsere Wünsche vor zu tragen. Zu diesem Vorgehen gab es nach längerer Diskussion der Teilnehmer eine eindeutige Zustimmung. Um unserer Absicht Nachdruck zu verleihen, gründeten wir die Wählervereinigung »Gemeinschaft Rheinfelder Bürger«. Wir ließen eine Liste herumgehen, in die sich alle Interessenten eintragen konnten. Aus der Versammlung wurden einige Teilnehmer gewählt, die den engeren Vorstand bildeten. Wir erhielten von den Anwesenden den Auftrag, umgehend eine Petition an den Bürgermeister zu schreiben. Ich war überrascht, dass unser Vorhaben eine so breite Unterstützung fand.

Der Vorstand unserer Wählervereinigung fand sich wenige Tage danach zur ersten Sitzung in einem Cafe ein. Wir verteilten die Aufgaben: Es wurden außer mir als 1.Vorsitzenden, ein 2. Vorsitzender als Stellvertreter, ein Schriftführer und ein Kassenwart gewählt. Unter meiner Regie verfassten wir die Petition an den Bürgermeister. Wir gingen davon aus, eine befriedigende Antwort erwarten zu können. Es dauerte aber sehr lange, bis wir die Stellungnahme der Verwaltung erhielten. Die Antwort erwies sich als so nichtssagend, dass wir den Eindruck gewannen, nicht Ernst genommen zu werden. In einer Versammlung informierten wir unsere Mitglieder. Nach eingehender Diskussion entschieden wir, um auf die Dringlichkeit des Wohnungsbedarfs hinzuweisen, uns an der bevorstehenden Stadtratswahl als Wählervereinigung »Gemeinschaft Rheinfelder Bürger« zu beteiligen und mich als Spitzenkandidat aufzustellen. Ich war sehr überrascht, welche Eigendynamik unser Vorhaben in der kurzen Zeit bis zu dieser Entscheidung entwickelte. Anstelle der Klagen über die Notlage, spiegelten die Gesichter der Anwesenden, und deren Diskussionsbeiträge, Hoffnung und Bereitschaft, sich am Wahlkampf nach Kräften zu beteiligen. Auf diese mutigen und entschlossenen Helfer, konnten wir uns verlassen. Es stiegen in mir zwar noch einige berechtigte Bedenken auf: Ein politisches Amt hatte ich zuvor noch nicht begleitet. Diese Überlegungen behielt ich aber für mich. Es blieb ja noch genügend Zeit, mich nach und nach auf diese neue Aufgabe einzustellen und mich mit den Freunden zu beraten.

Wir hatten bei unseren Beratungen einen großen Vorteil: Es war uns bekannt, dass der Bürgermeister über Mittelsmänner erfuhr, welche Stellungnahmen bei den Aussprachen der verschiedenen Parteien erfolgten, sodass er sich auf jede Sitzung gut vorbereiten konnte. Dies galt nicht für uns. Wir behandelten, alle unsere Beratungen als streng vertraulich, um uns ein Überraschungsmoment zu bewahren. Dies erwies sich auch bei der Planung und Organisation unseres Wahlkampfes als günstig. Niemand erfuhr von den von uns geplanten Aktionen. Einige Tage nach der konstituierenden Versammlung unserer Wählervereinigung, besuchte mich ein langjähriges Mitglied einer anderen Partei, um mir zu versichern, er sei von uns getäuscht worden. Er habe selbstverständlich nicht die Absicht, Mitglied unserer Gemeinschaft Rheinfelder Bürger zu werden. Die bei der Gründungsversammlung vorgelegte Beitrittserklärung zu unserer Wählervereinigung, habe er für eine Anwesenheitsliste gehalten und irrtümlich unterschrieben. Er verlange, seinen Namen wieder zu streichen. Ich versicherte, dass ich sein Anliegen verstehe, aber nicht damit rechnen konnte, dass er an unserer Versammlung teilnehmen würde. Es sei mir persönlich auch nicht als Mitglied einer anderen Partei bekannt gewesen. Er habe aber nun einmal unterschrieben, obwohl es mir schwer verständlich sei, warum er nicht vorher gelesen habe, was er unterschrieb. Ich wäre aber gehalten, diese Angelegenheit im Vorstand unserer Wählervereinigung zu besprechen und könne nicht eigenmächtig handeln. Wir ließen uns bei der nachfolgenden Diskussion im Vorstand, diesen Sachverhalt auf der Zunge zergehen, denn dass uns ein alt gedienter Parteiprofi auf den Leim gehen könnte, hatten wir politischen Neulinge nicht erwartet. Er meldete sich kein zweites Mal.

Nun nahmen die Ereignisse ihren Lauf: Wir trafen uns wöchentlich zu Vorstandssitzungen, in denen wir die Strategie zur Stadtratswahl beschlossen. Ich hatte persönlich sehr enge Kontakte zur örtlichen Presse und einer Druckerei. Der Inhaber eines Verlages und der lokalen Zeitung, erwies sich als interessiert, und war sofort bereit, uns tatkräftig bei der Kampagne zu unterstützen. Der Besitzer einer Druckerei, stand ebenfalls hinter unserem Vorhaben. Wir hatten dadurch alle Möglichkeiten, die Öffentlichkeit kostengünstig auf die politischen Ziele unserer Wählervereinigung hinzuweisen. Je näher der Termin zur Stadtratswahl heranrückte, umso intensiver nutzten wir das Forum der »örtlichen Presse« und die Möglichkeit, Flugblätter zu verteilen und Plakate zu kleben. Unsere Mitglieder beteiligten sich engagiert an dieser Kampagne. Es dürfte keinen Bürger gegeben haben, der unsere grünen Plakate und Flugblätter nicht kannte. Am Tag vor der Wahl verteilten wir zusätzlich grüne Luftballons mit unserem Aufdruck. Obwohl wir nicht gespart hatten, war unser Vorrat rasch verbraucht. Die Ballons wurden uns aus den Händen gerissen und von den Kindern werbewirksam durch die Straßen getragen. Wir waren sicher, die Rheinfelder Bevölkerung ausreichend über unsere politischen Ziele informiert zu haben. Der engagierte Wahlkampf machte uns allen Spaß und führte dazu, dass sich Vorstand und Mitglieder der Wählervereinigung besser kennen lernten und sich mit unseren Zielen identifizierten. Gelegentlich erreichten uns Hinweise, darauf zu achten, dass sich keine links gerichteten Personen in unsere Wählervereinigung einschlichen. Wir erklärten diesen Gesprächspartnern, es handle sich um eine Kommunalwahl mit klar lokalen Zielen und wir wären schon in der Lage, zu entscheiden, wem wir vertrauen könnten. Wir hätten übrigens eher Anlass, uns über den engagierten Einsatz aller unserer Mitglieder der Wählervereinigung in der zurück liegenden Zeit zu freuen.

Der Termin zur Stadtratswahl stand kurz bevor und damit nahte die Entscheidung darüber, ob wir die Wähler mit unseren Zielen, Argumenten und Kandidaten überzeugen konnten. Je näher dieser Tag kam, desto mehr nahm auch unsere Anspannung zu. Hatte sich doch im Laufe des Wahlkampfes unsere Motivation geändert: Anfänglich wollten wir mit einem hohen Stimmenanteil der Stadtverwaltung und dem Bürgermeister zeigen, wie viele Wähler mit der bisherigen Wohnungsvergabe unzufrieden waren. Als wir im Wahlkampf erhebliche Zustimmung beobachteten, rechneten wir uns aber eine realistische Chance aus, unsere Interessen durch ein Mandat im Stadtrat und den verschiedenen Ausschüssen wirkungsvollere vertreten zu können. Da ich als Spitzenkandidat für unsere Wählervereinigung nominiert war, begleiteten mich Hoffen und Bangen. Einige Schweizer-Stumpen habe ich am Wahltag geraucht, ohne dass die Spannung merklich nachließ. Die Wahl endete mit einer »kleinen Sensation«: Wir erreichten auf Anhieb die erforderlichen Stimmen und ich wurde in den Stadtrat gewählt. Das überraschende Wahlergebnisses war an diesem Tag bei vielen Bürgern unserer Stadt das »Hauptgesprächsthema«. Den hohen Stimmenanteil und meine Wahl hatten uns viele Bürger nicht zugetraut. Was mich aber in den nächsten Jahren in diesem Amt erwarten sollte, war zu dieser Zeit nicht einzuschätzen. Erst die vielen Glückwünsche aus unseren Reihen und weit darüber hinaus, ließen mich erahnen, welche Bedeutung diese Wahl in der Öffentlichkeit hatte.

Es dauerte nicht lange, bis mir die Tagesordnung zur ersten Stadtratssitzung nach der Wahl zugestellt wurde. Die Mitglieder des Vorstandes trafen sich zur Besprechung dieser Vorlage: Wir bestimmten, wer außer mir, einen Platz in den verschiedenen Ausschüssen bekommen sollte. Trotz vieler guter Ratschläge der Parteifreunde, wie ich mich in der ersten Sitzung des Stadtrates, nach der Wahl, verhalten sollte, begleitete mich eine deutlich spürbare Unruhe auf dem Weg zum Rathaus. Es war uns allen klar, dass mich dort keine Blumen erwarteten. Hatten wir doch im Wahlkampf unsere Zähne gezeigt und mit recht deutlichen Argumenten Kritik geübt und unsere Ziele vorgestellt. Ich rechnete mit einer herben Reaktion verschiedener Stadträte. Mir war bewusst, wie wenig Mittel mir zur Verfügung standen, um mich gegen solche Angriffe wirkungsvoll zu wehren. In dieser Lage griff ich zu einer List: Ich legte zwei Steno-blöcke und mehrere Bleistifte vor mir auf den Tisch, um den Anschein zu erwecken, als ob ich alles stenographisch festhalten wollte, was die einzelnen Redner gegen uns vorbrachten. Die Taktik wirkte: Während der mit harten Vorwürfen gegen unseren Wahlkampf gespickten Rede, musste sich der Vorsitzende einer anderen Fraktion krampfhaft an seinem Rednerpult festhalten, denn ich schaute ihn gelegentlich ruhig an und stenographierte, so schnell ich konnte. Seiner Stimme merkte man daher eine deutliche Erregung an. Ich hatte den Eindruck, dass er sich ohne Manuskript, in freier Rede, mit seiner scharfen Kritik sehr schwer getan hätte. Einige andere Stadträte hielten sich darauf hin mit ihren Äußerungen merklich zurück. Das war überstanden! Über die weiteren Punkte der Tagesordnung, wurde ohne Diskussion entschieden.

Die Wählervereinigung Rheinfelder Bürger war eine politische Größe geworden, deren Beiträge in den öffentlichen und nichtöffentlichen Sitzungen des Stadtrates und in den Ausschüssen Ernst genommen wurden. Gab es doch immer wieder Situationen, in denen unsere Stimme zu Entscheidungen gebraucht wurde. Da wir nach wie vor Wert darauf legten, dass unsere Überlegungen zu den Tagesordnungen vertraulich behandelt wurden, konnte man im Plenum nie wissen, wie wir uns verhalten würden.Ich lernte sehr rasch zu erkennen, welche taktischen Maßnahmen um Sachentscheidungen im Plenum durchzubringen. Es war für mich gelegentlich erschütternd, zu sehen, wie unterschiedlich sich die Stadträte in öffentlichen und nicht öffentlichen Sitzungen verhielten. Ihre Stellungnahmen zu verschiedenen Themen in der Öffentlichkeit und vor der Presse, wichen gelegentlich sehr von ihren Entscheidungen im Gremium ab. Manchmal schien es mir, als seien einige Räte bei komplexeren Vorlagen auch überfordert: Wenn es darum ging, den umfangreichen Haushaltsplan zu diskutieren und zu verabschieden, waren kaum fundierte Beiträge oder Kritik zu vernehmen. Ging es aber um die Anschaffung recht unbedeutender Geräte oder Maschinen, war mit einem erheblichen zeitlichen Aufwand zur Diskussion zu rechnen.

Um den Stadtrat mit den Problemen eines Krankenhausneubaus vertraut zu machen, besichtigten wir in Bayern verschiedene Einrichtungen. Der dortige Gemeinderat hielt es für angebracht, uns eine Übernachtung anzubieten und uns mit einem Trachtenabend zu erfreuen. Nachdem ich meine Unterkunft gefunden und mich etwas erfrischt hatte, kam ich mit einiger Verspätung wieder an den Ort zurück, an dem die Veranstaltung stattfand. Es machte keine allzu großen Schwierigkeiten, das Lokal zu finden. Blasmusik wies mir, je näher ich kam, desto sicherer den Weg. Als ich die äußere Türe öffnete, blieb mir die Luft weg und die Ohren dröhnten. Da kam mi mit verzweifelter Miene ein Kollege entgegen. Aus seinen Ohren hingen Reste von Serviettenpapier, die er sich hinein gestopft hatte. Sein Kommentar: »Sie haben uns ehrenhalber zwei Meter vor die Blasmusik gesetzt, ich halte es nicht mehr aus«! Das musste ich mir nicht antun.

Wir hatten den Segelfliegern eine großzügige Spende zu ihrem Fest zur Verfügung gestellt. Sie luden dankbar einen Stadtrat zu einem Rundflug über Rheinfelden ein. Es gab einer längeren Diskussion im Gremium, mit dem Ziel, den Segelfliegern keine Absage zu erteilen. Man konnte aber erkennen, dass es an Freiwilligen mangelte, die bereit waren, ein Segelflugzeug zu besteigen. Nach einiger Zeit kam es zum Beschluss, mir als dem Jüngsten, diesen Flug zu überlassen, um die Ehre des Stadtrates zu retten. Ich nahm das Angebot an, ohne weitere Einzelheiten über den geplanten Flug zu kennen. Spannend war es schon. Erst kurz vor dem Start, informierte man mich darüber, dass das Segelflugzeug durch einen Windenstart in die Höhe gezogen werde. Ich setzte mich, in der Hoffnung auf einen guten Ausgang des Unternehmens, in das Segelflugzeug. Die Kabine wurde geschlossen, die Winde zog an, die Maschine hob ab und wurde mit zunehmender Geschwindigkeit, in kürzester Zeit, steil nach oben katapultiert. Bei schönstem Sonnenschein flogen wir eine große Runde über die Stadt. Es war nichts zu hören als der Fahrtwind. Ab und zu bemerkte ich, wie Aufwinde die Maschine anhoben. Viel zu früh setzte der Pilot wieder zur Landung an. Wir erreichten genau den Ort, an dem wir vor einigen Minuten gestartet waren.

Wir Mitglieder der Wählervereinigung mussten im Laufe der Zeit erkennen, dass es im Stadtrat und den Ausschüssen nicht so leicht war, die Verwaltung dafür zu gewinnen, Rheinfelder Bürger, mehr als bisher, bei der Vergabe städtischer Wohnungen zu berücksichtigen. Unsere ständigen, kritischen Hinweise, führten aber dazu, dass gelegentlich auch jungen ortsansässigen Familien Wohnungen zugeteilt wurden. Es bestand aber öfters eine deutliche Diskrepanz, zwischen den Erwartungen unserer Wählervereinigung und den Vorstellungen anderer Parteien mit den entsprechenden Ergebnissen bei den Abstimmungen im Stadtrat. Als die Verpflichtungen aus diesem Amt zunahmen und die Möglichkeiten, auf Entscheidungen Einfluss zu nehmen, sich sehr in Grenzen hielten, stellte sich mir immer mehr die Frage, ob ich mit der Wahl zum Stadtrat auf dem richtigen Weg war. Es belastete mich gelegentlich sehr, von mir erkanntes Unrecht zwar aufdecken, aber nicht wirkungsvoll bekämpfen zu können. Meine Parteifreunde und ein mir gut bekannter Priester, ermutigten mich in diesen schwierigen Situationen.

Wie in einem Spiegel reflektiert die Arbeit im Stadtrat und in den Ausschüssen, das Zusammenspiel und die Gegensätze der Interessen politischer Gruppen, Vereine, Kirchen und der Wirtschaft in einem Gemeinwesen. Das notwendige Verständnis sozialer Zusammenhänge und das Wertebewusstsein, sah ich im Schwinden, egoistisches und rücksichtsloses Durchsetzen der jeweiligen Ziele im Wachsen. Ich
überlegte mir immer mehr, welche Grundeinstellungen, Normen, und Werte unverzichtbar sind, um ein geordnetes, sinnerfülltes Leben in Gemeinschaft mit anderen Personen zu gewährleisten. Ich besann mich zunehmend auf meine christlich- und humanistischen Wurzeln. Die Stadtratstätigkeit und mein Beruf ließen mir immer weniger Raum, persönlichen Interessen und Hobbys nachzugehen. Ich wurde ja nicht nur von meinen Parteifreunden angesprochen, sondern auch von anderen Bürgern, deren Interessen ich wahrnehmen sollte. Von den vielen Verpflichtungen im Beruf und Amt in Anspruch genommen, regte sich in mir immer mehr die Frage, ob ich mich zum Politiker eigne, der zwangsläufig, zum Ziel führende Strategien entwickeln muss, und Helfer benötigt, die zu ersetzen sind, wenn sich Konstellationen ändern, und der sich Mehrheiten beschaffen muss, um in den nächsten Wahlen zu bestehen. Es vergingen einige Jahre, bis ich erkannte, dass ich schon lange in eine andere Richtung strebte.

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