Ein treuer Freund

Ein Ehepaar hatte sich mit einem Freund vereinbart. Er sagte zu seiner Frau: »Auf ihn können wir uns verlassen, Josef wird sicher pünktlich sein«. Sie zweifelte und meinte: » Er hat doch eine weite Reise vor sich. Bei dem lebhaften Verkehr auf den Straßen, muss man immer mit Staus rechnen«. Er blickte auf seine Uhr und sagte: „ Es sind noch zehn Minuten, bis zum vereinbarten Termin.“

In vielen Jahren gemeinsamer Tätigkeit in einer Firma, hatte er seinen Freund als einen tüchtigen, verlässlichen Menschen kennen und schätzen gelernt. Josef war ein bescheidener, lebensfroher und intelligenter Mensch, der sich nicht nur in seinem Beruf, sondern auch in vielen Belangen des täglichen Lebens zurecht fand: Er verstand es, sein Motorrad in Teile zu zerlegen und wieder zusammen zu bauen, ohne dass etwas übrig blieb. Sportlich vielseitig interessiert, gehörte er in seiner Altersgruppe als Marathonläufer, und in anderen Sportarten zu den Besten. Josef erledigte alle ihm übertragenen Aufgaben sehr gewissenhaft, liebte die klassische Musik, und interessierte sich für philosophische und ethische Themen. Er stand zu seiner christlich geprägten Weltanschauung, und ertrug mit Würde seine skurril anmutenden Sonderheiten:

Josef war ein überzeugter Vegetarier und trug aus Gründen der Pietät, auch aus der Mode gekommene Schuhe und Kleidungsstücke seines Onkels, der als Pädagoge an einem Gymnasium tätig war. Mit Frauen tat er sich schwer: Eines Tages kam es zwischen ihm und einer attraktiven Sekretärin zu einer lebhaften Auseinandersetzung. Josef versuchte sich ihr auf philosophischem Wege zu nähern, und brachte dadurch die Sekretärin, die nichts von Philosophie verstand, zur Weißglut. In Ihrem Zorn nahm sie ein viereckiges, an den Kanten metallverstärktes Lineal zur Hand, und schlug damit so hart auf den »Philosophen« ein, dass es in Stücke zerbrach. Josef wehrte sich nicht sonderlich, und schützte seinen Kopf nur notdürftig mit den Armen. Er verzichtete aber notgedrungen auf den von der Sekretärin nicht erwünschten philosophischen Dialog, und flüchtete im Rückwärtsgang aus deren Büro. Wie Josef dennoch eine lebenstüchtige, charmante Vegetarierin fand, und mit ihr zusammen in langjähriger Ehe einer Schar Kinder die Wege in deren Leben ebnete, grenzte an ein Wunder. An diesem Eheglück waren Josefs Kollegen nicht zufällig beteiligt, denn sie informierten ihn darüber, dass in der Nähe eine hübsche Apothekerin arbeite. Dies hatte zur Folge, dass er noch am selben Tage deren Dackel Gassi führte. Für alles, was sich daraus ergab, trugen aber Josef und seine attraktive Vegetarierin gern die volle Verantwortung

Viele Jahre hatte der Mann seinen Freund nicht mehr gesehen. Nun ergab sich aber ein Anlass, ihn zu einem Besuch einzuladen, denn. das Ehepaar trug sich mit dem Gedanken, ein älteres Haus zu kaufen. Das Objekt sollte von einem Fachmann besichtigt, auf versteckte Mängel untersucht, und die Kosten für deren Beseitigung eingeschätzt werden, Der Ehemann erinnerte sich an seinen Freund, der als erfahrener Bauingenieur zu dieser Aufgabe geeignet schien, besprach sich mit seiner Frau, und bat ihn um die Begutachtung des Hauses. Josef sagte zu; und wenn er einmal zusagte, galt sein Wort. Da fuhr auch schon, fünf Minuten vor der vereinbarten Zeit, ein Auto vor, und er stieg aus. Obwohl Josef wie früher schlank und athletisch geblieben war, hatten die Jahre doch Spuren in seinem Äußern hinterlassen. Die Freunde begrüßten sich freundlich. Der Ehemann stellte ihm seine Frau vor und sagte: »Josef, treibst Du immer noch so viel Sport wie früher? « Er antwortete: »Eigentlich nicht. Ich habe in den letzten Jahren nur noch an Marathonläufen in meiner Altersgruppe teilgenommen, um mich fit zu halten.

Sie besichtigten zusammen das Haus, und hatten es Josef zu verdanken, sich nicht auf den Kauf, bei einem erheblichen finanziellen Aufwand wegen des notwendigen Umbaus, eingelassen zu haben. Der Freund nahm gern die Einladung zu einem Gespräch in der Wohnung des Ehepaares an. Josef lehnte aber mit einer freundlichen Geste die angebotene schwäbische Spezialität „Käsespätzle mit Salat“ ab, und bat an dessen Stelle nur um trockenes Brot. Genüsslich kauend versicherte er den Gastgebern, wie gut es ihm schmecke. Ja, Josef war in mancher Hinsicht ein „Sonderling“, aber ein äußerst liebenswerter, und ein treuer Freund.,

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